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21.07.2017 - GEGENWARTSLITERATUR

Maerchen mit gebrochenen Charakteren

George R. R. Martins Roman "Song of Ice and Fire" und die TV-Serie "Game of Thrones"

von Josef Tutsch

 
 

Replik des "Eisernen Throns"
in "Game of Thrones"
Bild: Klapi/Wikipedia

Kann man heute noch so schreiben, in einer derart traditionellen Erzählweise? Heute noch, fragt der Konstanzer Kulturwissenschaftler Jan Söffner, fast ein Jahrhundert nach James Joyces „Ulysses“ und Thomas Manns „Zauberberg“ und Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“? Ja, offenbar kann man, und das viele tausend Seiten lang; niemand weiß, wieviel der amerikanische Autor George R. R. Martin bei seinem „Song of Ice and Fire“ noch folgen lässt.

Als TV-Serie „Game of Thrones“ ist der Stoff ohnehin allgegenwärtig. Eine „Soap opera“ aus der Fantasy-Welt, mit allerlei Rittern und Zauberern und Untoten. Aber auch der Roman selbst wird gelesen, trotz aller „bildungsbürgerlichen“ Skrupel, die Söffner, halb widerwillig, zu Protokoll gibt. „Es gibt Bücher, die sollten Intellektuelle gar nicht erst anrühren.“ „Entweder man behält eine kritische Distanz bei“ - was sich über Tausende von Seiten hinweg aber kaum durchhalten lässt - „oder oder man lässt sich auf alles ein und leint das eigene Intellektuellendasein draußen vor der Tür an“.

Der Kulturwissenschaftler hat jetzt eine Studie über dieses erfolgreichste Fantasy-Märchen seit J. R. R. Tolkiens „Herrn der Ringe“ vorgelegt. Ein Kompliment wird man Martin in der Tat machen müssen: Der Riesenstoff ist mit verblüffender Souveränität gemeistert. „Erwartetes kann so lange ausbleiben“, staunt Söffner, „bis die meisten Leser es vergessen haben – und just dann ereignet es sich.“ Dem Leser freilich, der meint, er habe im Ernst doch etwas Wichtigeres, Anspruchsvolleres zu tun, wird die Lektüre durch die vielen „Cliffhanger“ nicht gerade erleichtert. Man kann den Text unmöglich „überfliegen“, sozusagen „diagonal“ lesen.

Aber so „unmodern“ ist Martins Romanserie vielleicht ja gar nicht. Söffner zitiert ein Interview, in dem der Autor über das sprach, was er an seinem großen Vorbild Tolkien unbefriedigend fand. König Aragorn habe 600 Jahre lang „weise“ geherrscht, heißt es ganz im Märchenton im „Herrn der Ringe“ gegen Schluss. Martin stellt kritische Fragen: Was heißt „weise“, welche Art der Besteuerung seiner Untertanen zum Beispiel ist damit gemeint? Und was hat Aragorn eigentlich mit den Orks gemacht, die den „Ringkrieg“ überlebten? Ließ er sie vorsichtshalber in einem Genozid beseitigen?

Fragen, wie Martin sie in seinem eigenen „Lied“ nicht unbeantwortet lassen wollte. Und damit geben die „Helden“ leider gar kein so strahlendes Bild ab, wie der Märchenliebhaber es gern hätte. Die Charaktere sind „gebrochen“, „verformt“ - nicht nur durch die Schuld ihrer Mitmenschen, sondern viel grundsätzlicher durch eine Gesellschaft, in der Mord und Folter als „normal“ gelten. Es gibt keine Figuren, die bloß „schwarz“ oder „weiß“ wären. Leser, die ein klares „Gut“ und „Böse“ erwarten, wie es in den alten Märchen doch selbstverständlich ist, werden bei Martin gründlich enttäuscht. Zwar kann der Leser an manchen Stellen zunächst den Eindruck gewinnen, die „anderen“, vor allem die „Wildlinge“ jenseits der „Eismauer“, würden pauschal als böse angesehen. Doch sehr bald kommt er zu der Ahnung, dass es sich gerade umgekehrt verhalten könnte, dass „böse“ vielmehr eine Wahrnehmungsweise für die anderen, die Fremden, ist.

George R. R. Martin - Bild:
David Shankbone/Wikipedia


Und immer wieder ertappt sich der Leser dabei, wie er das grausame Spiel der Figuren, auch ihr Spiel mit der Grausamkeit, nur allzu gern mitspielt. Es ist ein „Endspiel“. „Winter is Coming“ - durch seine hartnäckige Wiederholung gewinnt der banale Satz einen magischen Klang. Langsam, kaum merklich rücken von Norden Schnee und Eis vor. Längst ist aufgefallen, dass Martin auf so gut wie jeder Seite seine Geschichte mit Reminiszenzen an das späte Mittelalter ausstattet. Unser gängiges Geschichtsbild wird dabei sozusagen auf den Kopf gestellt: Die kommende „neue“ Zeit erscheint als Bedrohung, sie könnte noch schlimmer ausfallen als die grausame Gegenwart. Da ist es nur konsequent, dass Martin einen der großen Repräsentanten der Renaissance gern zitiert, aber natürlich niemals mit Namen nennt. Ein „guter“, nämlich erfolgreicher Herrscher, dürfe im moralischen Sinn nicht unbedingt „gut“ sein, hatte Niccolò Macchiavelli gelehrt. Und dass so manche Romanepisode an jenen großen Dichter erinnert, der Macchiavellis Anweisungen zum Umgang mit der Macht dramatisch umsetzte: William Shakespeare.

Martin „verfolgt einen harten, geradezu gnadenlosen Realismus mitten in der Fantasy“, stellt Söffner fest. Das wird noch deutlicher, wenn man sich die historische Situation in jener Zeit vergegenwärtigt, als die Romanserie konzipiert wurde, also Mitte der 1990er Jahre. Optimisten wie der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hatten nach dem Ende des Kalten Krieges das „Ende der Geschichte“ ausgerufen, eine beinahe zwangsläufige Entwicklung hin zum weltweiten Sieg der liberalen Demokratie. Doch ausgerechnet in dieser Situation machte der Zerfall Jugoslawiens deutlich, dass mitten in Europa Kriege wieder möglich waren. Etwa gleichzeitig mit dem ersten Band des „Song of Ice and Fire“, 1996, kündigte Samuel Huntington für die kommenden Generationen den „Clash of Cultures“ an.

Phantasien von einem Spätmittelalter und die Realität der Gegenwart sind im Roman übereinander geblendet. So verbergen sich etwa in den „Drachen“ der Story die modernen Masssenvernichtungswaffen. Vom historischen Mittelalter unterscheidet sich Martins Phantasiewelt vor allem durch den Umstand, dass mehrere Religionen miteinander konkurrieren. In ihnen, erläutert Soeffner, hat der Autor jenes weltanschauliche Problem durchgespielt, das die Zeit um 1500 beherrschte: Wie lässt sich die unberechenbare „Fortuna“ mit der göttlichen Vorsehung in Einklang bringen? Und wie kann der einzelne Mensch den Weltenlauf, der sich in diesem undurchschaubaren Widerspiel ergibt, für seine eigenen Zwecke nutzen?

„Game of thrones“ meint ein Spiel, in dem die Akteure, Macchiavellis „Fürsten“, sozusagen, ihre Mitmenschen als berechenbare Spielsteine einzusetzen versuchen – mit der Unsicherheit, dass diese sich in unberechenbare Mitspieler verwandeln können. Einmal wird die Frage gestellt, wer sich gegenüber einem Söldner am ehesten mit dem Befehl, andere zu töten, durchsetzen könnte: der König, also der Inhaber der weltlichen Macht, der Priester als Vertreter Gottes oder der reiche Mann mit dem „Argument“ des Goldes.

Die Frage bleibt offen. Es gibt in Martins Welt nichts, worauf man sich wirklich verlassen könnte. Oft handeln die „Ritter“ tatsächlich nach einem quasi mittelalterlichen Ehrenkodex. Aber näher betrachtet, ist die „Tugend“, die darin verwirklicht wird, vor allem Rache. In der abendländischen Staatstheorie gilt die Gerechtigkeit seit dem Mittelalter als Bedingung für den Frieden, nach innen wie nach außen. Im „Lied von Eis und Feuer“ ist es vielmehr so, dass das Streben nach Gerechtigkeit die politische Stabilität in Frage stellt, es kann zum Krieg führen. Nicht einmal der Grundsatz, dass Sklaverei das schlimmste aller Schicksale für den Menschen ist, bleibt unbezweifelt. Manche Herren würden ihre Sklaven ähnlich „gut“ behandeln wie ihre Nutztiere, heißt es einmal zynisch – so „glücklich“ wären längst nicht alle „freien“ Bauern.

Kostüme für "Game of Thrones"
Bild: Benjamin Skinstad/Wikipedia


Vielleicht sollte man sich einen Augenblick lang vorstellen, das „Lied von Eis und Feuer“ wäre kein Roman, sondern eine historische Abhandlung. Dann wird deutlich, dass im Hintergrund jenes wissenschaftshistorische Phänomen steht, das man gern als „postmoderne Skepsis“ bezeichnet: Das Interesse für die großen Linien, wie es die Geschichtsphilosophie von Augustinus über Hegel und Marx bis zu Max Weber und Arnold Toynbee beherrscht hat, ist bei Martin lebendig geblieben. Doch die Fragen finden keinerlei Antworten. Alles ist ungewiss, die Zukunft erst recht. Die Menschen in Martins Romanwelt versuchen zu antworten, indem sie auf ein ganz und gar archaisches Ritual zurückgreifen: das Menschenopfer.

Was eigentlich fasziniert an dieser Erzählwelt, dieser wüsten „Sword-and-Sorcery-Geschichte“? Weltanschauliche oder gar ethische Orientierung, wie man sie früher gern von der Literatur erwartete, ist es jedenfalls nicht – allzu oft lenkt der Autor alle Versuche einer allegorischen „Entzifferung“ systematisch auf die verschiedensten Wege und Irrwege. Aber vielleicht kommt es darauf ja auch gar nicht an, wenn wir in eine verzauberte Gegenwelt zu unserem Alltag hineintauchen. Sicherlich hilft Martins beinahe alt-biedermeierliche Erzählart dabei, sich in dieser Welt ohne Gewissheiten „heimisch“ zu fühlen. Söffner berichtet, ein Freund habe ihn zur Lektüre von Martins Roman gedrängt, mit der pathetischen Ankündigung „Es wird dein Leben ändern!“ Wie viel Zeit sich der Forscher für seinen „Ausstieg“ aus dem Alltag genommen hat, verrät er dem Leser allerdings nicht. Sein Resümee offenbart eine Ambivalenz zwischen neiderfüllter Faszination und kritischer Abwehr: „Martin legt es darauf an, erwachsenen Lesern jenes Nachts-nicht-aufhören-Können zurückzugeben, das sie mit ca. dreizehn Jahren hatten.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Jan Söffner: Nachdenken über „Game of Thrones“. George R. R. Martins „A Song of Ice and Fire“, mit einem Nachwort von Klaus Martin Schulte, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2017, 152 S., ISBN 978-3-7705-6209-1, 24,90 €, 31,60 CHF


Mehr im Internet:
Nachdenken über "Game of Thrones"
A Song of Ice and Fire - Wikipedia
Game of Thrones - Wikipedia
scienzz artikel Poesie der Geschichte und Politik
scienzz artikel Anglo-amerikanische Literatur

 

 

 

 

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