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25.07.2017 - REISEN

Musik, Gedraenge und Geschrei

Mit Goethe und Fontane, Heine und Thomas Mann durch Italien

von Josef Tutsch

 
 

Arena in Verona - Bild: Tutsch

Wenn Sie einmal in Venedig waren, dann kennen Sie natürlich auch das Viertel an der Rialtobrücke. Vielleicht haben Sie ja im Ristorante „Al Buso“ gespeist, am östlichen Brückenaufgang, in Richtung des Fondaco dei Tedeschi, an einem der Tische, die beinahe schon im Wasser stehen. In dem Trubel, der das Viertel durchzieht, ist Ihnen womöglich entgangen, dass hier eines der berühmtesten Gedichte deutscher Sprache entstand, Friedrich Nietzsches „Gondellied“: „An der Brücke stand jüngst ich in brauner Nacht. Fernher kam Gesang: goldener Tropfen quoll‘s über die zitternde Fläche weg ...“ Der Philosoph hatte sich im Frühjahr 1885, er vollendete gerade sein Buch „Also sprach Zarathustra“, für einige Wochen ein Zimmer im Zwischengeschoss über dem Ristorante gemietet.

In den gängigen Reiseführern ist über all den Kirchen und Palästen und Museen für dergleichen Hinweise oft wenig Platz. Dabei sind es doch gerade solche Erinnerungssplitter, die im Bewusstsein des Reisenden Atmosphäre stiften – und zwar schon lange, bevor er dann wirklich an den Ort kommt. Der Stuttgarter Physiker Werner Huber hat jetzt ein unterhaltsames Reisebuch über Italien herausgebracht, halb Bericht von einer eigenen Tour vom Brenner bis nach Sizilien, halb Zitatenlese aus der Weltliteratur, natürlich in ganz und gar subjektiver Auswahl, von Goethe bis Fontane, von Heine bis Thomas Mann.

Von Seite zu Seite, von Absatz zu Absatz kann sich der Leser in die Perspektive der großen Dichter und Denker bei deren Italienreisen hineinversetzen. Und immer wieder wird deutlich, wie unterschiedlich die Weisen der Wahrnehmung doch waren. Als Goethe 1786 vor die Arena von Verona trat („das erste bedeutende Monument der alten Zeit, das ich sehe, und so gut erhalten!“), blendete er die blutigen Massenvergnügungen, denen der Bau einst gedient hatte, völlig aus. Ein Johann Gottfried Seume dagegen dichtete 1802 mit unüberhörbarem Abscheu vom „Römerpöbel“, der „im Chor dem Blutspektakel Beifall kreischte“. Was das Italien der Gegenwart anging - es war Goethe, wie soll man sagen, zu lebendig. Das Volk „hat kein dringenderes Bedürfnis, als das so schnell wie möglich los zu werden, was es so häufig als möglich zu sich genommen hat“, schrieb er später in seiner Italienischen Reise und bemühte sich um Nachsicht: „Sie sind immer draußen und in ihrer Sorglosigkeit denken sie an nichts.“

Viele der „Großen“ absolvierten die „klassischen“ Stätten ebenso pflichtbewusst wie unsereins auch. Selbst dann, wenn sie davon ausgingen, dass das „Klassische“ im einen oder anderen Fall bloße Legende war. Heinrich Heine über die Romeo-und-Julia-Plätze in Verona: „Ein Dichter besucht gern solche Orte, wenn er auch selbst lächelt über die Leichtgläubigkeit seines Herzens.“ Unannehmlichkeiten musste man eben in Kauf nehmen. 1845 stand Charles Dickens vor dem „Balkon der Julia“ „knöcheltief im Schmutz“. Und sinnierte, was wäre, wenn: „Ein grimmiger Hund lauerte boshaft unter dem Torweg und hätte, wenn er damals am Leben gewesen wäre, Romeo im Augenblicke am Bein erwischt, sobald er es über die Mauer gebracht hätte.“

Sarkasmus gehörte zu einer Grand Tour durch Italien eben dazu. Oft war er die Kehrseite einer großen Ehrfurcht. „Ich steig ans Land, nicht ohne Furcht und Zagen, da glänzt der Markusplatz im Licht der Sonne: Soll ich ihn wirklich zu betreten wagen?“ August von Platen im ersten seiner siebzehn Venedig-Sonette. Andererseits, wenn Sie im Dogenpalast von Venedig mit den riesigen Tintoretto-Wand- und Deckenbildern nichts anfangen können – auch kein Grund, sich zu genieren, Theodor Fontane empfand es ähnlich: „Alles tief langweilig.“ Vor der Seufzerbrücke erging sich Mark Twain in Phantasien von den vielen Unschuldigen, die in den Kerker hinabsteigen mussten, ohne Hoffnung, die Sonne jemals wiederzusehen. Streng historisch, vermerkt Huber, ist es aber sehr die Frage, ob es in der Republik Venedig in diesen Jahrhunderten der Folter und der Scheiterhaufen schauerlicher zuging als im restlichen Europa, eher im Gegenteil.

Rialtobrücke in Venedig - Bild: Josef Tutsch


Im einen oder anderen Fall muss man nach den „klassischen“ Stätten lange suchen, heute wie damals. Am einstigen Ospedale Sant‘Anna in Ferrara wollte Goethe unbedingt die „Cella“ sehen, in welcher der große Dichter Torquato Tasso seine letzten Lebensjahre dahindämmerte.  Am Ende, erzählt Goethe, habe man ihm irgendetwas gezeigt, „um des Trinkgelds willen“. Nicht immer sind die Prioritäten der großen Dichter und Denker so ganz nachvollziehbar. „Ich eilte so schnell heraus als hinein“, vermerkte Goethe über – Florenz. Und Mark Twain erregte sich in den Uffizien über „das gemeinste, nichtswürdigste, obszönste Bild“. Es handelte sich um – Tizians „Venus von Urbino“.

In vielen Fällen wird solche Distanz zur italienischen Kunst begreiflich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die berühmten Italienreisenden damals in ihrer großen Mehrzahl Protestanten waren, nicht unbedingt streng gläubig, aber doch in strenger Sitte erzogen. Italien galt als Sündenpfuhl. In dieser Einschätzung werden sich die englischen Touristen, die 1900 in Rom aus gehöriger Entfernung die Zeremonien zum Ostersonntag beobachteten, bestätigt gesehen haben. Ganz vorn unter den Pilgern, die den päpstlichen Segen empfingen, kniete ein Landsmann, der wegen „Sittenverderbnis der abscheulichsten Art“ zwei Jahre Gefängnis mit Zwangsarbeit hatte abbüßen müssen, Oscar Wilde.

Und natürlich galt Italien als Heimat des Aberglaubens. „Jetzt türmet sich am alten Vatikane des Aberglaubens Burg empor“, schrieb Seume in Rom; er meinte die Peterskirche. Seume sah in der katholischen Kirche die bruchlose Fortsetzung der römischen Cäsaren, „von außen Raub und Sklaverei von innen“. Goethe zog es vor, all das, was ihm an der katholischen Kirche gegen den Strich ging, zu ignorieren; er suchte den direkten Kontakt zur Antike. Beim Durchwandern des Forum Romanum: „Alles ist nur Trümmer, und doch, wer diese Trümmer nicht gesehen hat, kann sich von Größe keinen Begriff machen.“

Ein Großteil des Materials, das Huber darbietet, ist, wenn man so will, intim, ein Blick durch das Schlüsselloch. Generationen von Goethe-Forschern haben viel Scharfsinn aufgeboten, um zu entschlüsseln, was der Dichter genau meinte, wenn er später sagte, er sei nach seiner Abreise von Rom „eigentlich nie wieder froh geworden“. Unter den Zeitgenossen gab er wenigstens seinem Herzog in Sachsen-Weimar einen Einblick: „Mit dem schönen Geschlecht kann man sich, hier wie überall, nicht ohne Zeitverlust einlassen.“ Huber meint sogar, den Ort ausfindig gemacht zu haben, an dem Goethe sich mit der vielumrätselten Römerin „Faustine“ traf: ein Gartenhäuschen an der Via Flaminia, der nördlichen Ausfallstraße.

Details, die der Autor im Fall Thomas Mann dem Leser nicht bieten kann. Die Wohnung, die er 1895 gemeinsam mit dem Bruder Heinrich in der Via Torre Argentina bezog, fiel später Ausgrabungen zum Opfer. Kurz zuvor hatte Thomas seine Homosexualität entdeckt; doch er verbrachte seine Zeit in Rom anscheinend weder mit erotischen Abenteuern noch mit den Kunstwerken der Stadt, sondern schrieb fleißig an den „Buddenbrooks“. Bei einem anderen Dichter fragt man sich eher, wo er die Zeit für seine vielen Gedichte überhaupt hergenommen haben soll. Rainer Maria Rilke, berichtet Huber, durchwanderte tagsüber in Begleitung von Baroninnen und Baronessen die Hügel der Insel Capri und der Halbinsel Sorrent; abends las er den Damen vor.

Peterskirche in Rom - Bild: Josef Tutsch


Manchmal aber waren die großen Schriftsteller auch bereit, sich der Realität des italienischen Lebens zu stellen. In den Gassen Neapels würden sich „jeder erdenkliche Staub von jedem erdenklichen Abfall und von allen möglichen Speiseresten alle erdenklichen Gerüche verbreiten“, vermerkte etwas widerwillig Guy de Maupassant. Bei Thomas Mann scheint ein wenig Faszination durch, als er an einem Herbstabend 1896 einen „caffè“ an der neu errichteten Flanierpassage Galleria Umberto nahm: „Was für ein Leben! Musik, Gedränge, Geschrei … Ein paar zerlumpte Jungen versammeln sich um meinen Tisch und flehen beinahe fußfällig um meinen Zucker. Und als sie ihn bekommen, welch ein Glück!“

Im Fall August von Platen wird die Faszination ein Stück handfester, sinnlicher gewesen sein. „Ich befand mich immer im der lustigen Gesellschaft der hiesigen Jugend, und machte ein paar anmutige Bekanntschaften“, schrieb er in seinem Tagebuch. Und in einem Gedicht: „Mit dem Liebchen ruh ich einsam zwischen lauter Paradiesen.“ „Süditalien war bekannt als homoerotisches Paradies“, erläutert Huber. „Vor den Augen der feinsten Damen aus den Salons von Paris oder London springen Scharen nackter Menschen in paradiesischer Unschuld in die Wellen“, schrieb der Kulturhistoriker Ferdinand Gregorovius.

Nur dass es wahrscheinlich sehr selten etwas umsonst gab. Ja, auch die Prostitution, homo- wie heterosexuell, war eine Seite des Landes, „wo die Zitronen blühn“. Nietzsche, der sich gegen alle sinnlichen Versuchungen sperrte, musste das auch in Venedig feststellen. Ein paar Tage, nachdem er am Canal Grande eingezogen war, sprach er aufgeregt bei seinem Freund Heinrich Köselitz vor; „Ich glaube, ich wohne bei einer Hure! Sie empfängt Offiziersbesuche. Teufel auch, zur Feier von Zarathustras Fertigwerden bei einer putana veneziana zu wohnen, das ist toll!“ Heutige Besucher des Ristorante, wenn sie sich ein wenig im venezianischen Dialekt auskennen, werden sich nicht weiter wundern, welche Dienstleistungen früher in diesem Haus angeboten wurden: „Al Buso“ bedeutet schlicht und unmissverständlich „im Loch“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Werner Huber: Bella Italia. Auf Grand Tour mit großen Italienreisenden, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2017, 278 S. mit 22 Abb., ISBN 978-3-520-66401-3, 14,90 €


Mehr im Internet:
Grand Tour - Wikipedia
Werner Huber: Bella Italia
scienzz artikel Reisen

 

 

 

 

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