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30.07.2017 - WISSENSCHAFTSTHEORIE

Paradigmenwechsel in den Geisteswissenschaften

Inter-, multi-, universaldisziplinar - die Konjunktur des Kulturbegriffs seit den 1980er Jahren

von Josef Tutsch

 
 

Niklas Luhmann: Kritiker des
Cultural turn - Bild: Sonntag
(eigenes Werk)/Wikipedia

Ob der Soziologe Niklas Luhmann geahnt hat, dass er später ausgerechnet mit diesem Satz so oft zitiert werden würde? „Kultur“ sei „einer der schlimmsten Begriffe, die jemals gebildet“ wurden, schrieb er 1997 in seinem Buch „Die Kunst der Gesellschaft“. Und lastete es vor allem diesem Begriff an, dass frühere Soziologenkollegen die „Ausdifferenzierung“ der Sozialsysteme nur unzureichend in den Blick genommen hätten. Die heterogensten Phänomene hätten umstandslos unter „Kultur“ subsumiert werden können, mit „verheerenden“ Folgen“.

Mit seiner zornig dahingeworfenen Bemerkung traf Luhmann mitten in einen wissenschaftshistorischen „Paradigmenwechsel“. Seit den späten 1980er, frühen 1990er Jahren ist der „cultural turn“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften allgegenwärtig. Sicherstes Zeichen für die Entstehung eines neuen Lehr- und Forschungsfeldes: Zwischen 1990 und 2010, berichtet der Kulturwissenschaftler Serjoscha P. Ostermeyer von der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg, erschienen nicht weniger als siebzig „Einführungen in die Kulturwissenschaft“.

Oder auch „in die Kulturwissenschaften“, die Buchtitel schwanken zwischen Singular und Plural. Das lässt ahnen, dass die vielbeschworene Krise der Geisteswissenschaften durch das Paradigma „Kultur“ vielleicht doch nicht so endgültig gelöst war, wie manche um 1990 gehofft hatten. „Der Kampf um die Kulturwissenschaft“ hat Ostermeyer seine Studie zur „Konstitution“ des neuen Lehr- und Forschungsfeldes überschrieben. Nur ein Beispiel für die harten Bandagen, mit denen da gekämpft wurde: Wehler, polemisierte die Historikerin Ute Daniel gegen ihren Kollegen Hans-Ulrich Wehler, einen der prominentesten Vertreter der „Historischen Sozialwissenschaft“, „hat das Spiel ‚Haut den Lukas‘, dess Spielregel lautet ‚Prügle andere Ansätze aus dem Feld, indem ihnen die Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird!‘ zu einem festen Bestandteil der Grundlagendebatten gemacht.“

Ein „Deutungskampf“, der auf zwei Ebenen stattfand. Es ging um Wissenschaftstheorie, also um die Suche nach Wahrheit. Aber da es nun einmal Menschen waren, die suchten, ging es auch um Interessen, um die Etablierung von Disziplinen und Institutionen, um akademische Karrieren. Ostermeyer hat darauf verzichtet, den Gegenstand „Kultur“ zu definieren. Die unklare Abgrenzung zu „Gesellschaft“, schreibt der Autor, stellte kein großes Problem dar, solange die Wissenschaftler zwar für die außereuropäische Welt von „Kultur“ sprachen, für Europa und Nordamerika dagegen von „Gesellschaft“. Oder, wenn es um zum Beispiel um Literatur oder Philosophie ging, mehr oder weniger emphatisch von „Geist“. Die aktuelle Konjunktur des Paradigmas „Kultur“ hängt sicherlich auch mit dem Versuch zusammen, diese eurozentrische Perspektive zu überwinden. Und zweitens mit dem Bestreben, den Blick über die „bildungsbürgerliche“ Hochkultur hinaus zu erweitern – also im Fall der Anglistik: nicht nur Shakespeare, sondern auch die Beatles. 

Auch wenn die Buchtitel oft den Singular „Kulturwissenschaft“ verwenden, kann von einer neuen, eigenständigen Disziplin als Ergebnis des cultural turn nur in Ausnahmefällen die Rede sein. Am ehesten, Ostermeyer geht auf diesen Fall nicht ein, wohl an den russischen Hochschulen, wo nach der Wende das Fach „Kulturologija“ eingeführt wurde. Hier ist der außerwissenschaftliche Anstoß unübersehbar: Marxismus-Leninismus-Lehrer, die sonst beschäftigungslos geworden wären, sollten sich nun mit der russischen Identität befassen. Gerade dieses Beispiel zeigt aber auch gleich, dass der Singular bloß exemplarisch gemeint sein kann: In der historischen Wirklichkeit gibt es „Kultur“ ebenso wie etwa Sprache nur im Plural.

Nestor der Kulturwissenchaften:
Peter Burke
Bild: Seighean/Wikipedia


Von den siebzig besprochenen Einführungsbänden in deutscher Sprache, schreibt Ostermeyer, setzen lediglich zwei voraus, Kulturwissenschaft könne „ohne Mitarbeit einer anderen Disziplin grundständige Forschung durchführen“. Wenn in der Regel kein neues Fach herausgekommen ist, dann vielleicht doch ein „Großbereich“ von Disziplinen? Auch hier lässt Ostermeyer als Resümee seines Durchgangs durch die Einführungsliteratur Skepsis durchscheinen: Sowohl gegenüber den Geistes- als auch gegenüber den Sozialwissenschaften würde ein solcher Bereich „keinen hinreichenden Kontrast“ gewinnen.

Ein wenig anders sieht es allerdings im Bereich der „angewandten“ Wissenschaft aus. An den Fachhochschulen finden Ausbildungsgänge wie Kulturmanagement viel Zulauf. Zum Beispiel die Museen haben Bedarf an flexiblen, spezialisierungsfähigen Generalisten. Generalisten, aber spezialisierungsfähig … Ein solches Ausbildungskonzept kommt den Wünschen des Arbeitsmarktes zweifellos entgegen. Andererseits hat im „cultural turn“ wohl auch ein langanhaltendes Unbehagen unter den Wissenschaftlern selbst an der Spezialisierung, am „Fachidiotentum“, seinen Durchbruch gefunden. In der Literatur häufen sich Vokabeln wie „inter-“, „trans-“, „meta-“, „super-“, „pluri-“ und sogar – eigentlich ein Widerspruch in sich - „universaldisziplinär“. Kritisch kam die Rede vom „Universaldilettanten“ auf.

Kein Wunder, dass ein Großteil dieser Einführungen sich danach klassifizieren ließe, unter welche etablierte „Leitwissenschaft“ das neue Lehr- und Forschungsfeld jeweils gestellt werden soll, um dem Dilettantismus entgegenzuwirken. Zum Beispiel unter die Philologie – womit natürlich die Frage aufgeworfen wäre, ob es sich bei den Kulturwissenschaften nicht eben doch „bloß“ um kulturwissenschaftlich erweiterte Geisteswissenschaften handelt. Oder der Ethnologie – für Völker am Amazonas oder in Zentralafrika oder auf Südseeinseln haben europäische Wissenschaftler immer schon das Konzept verfolgt, deren Kultur als Einheit zu betrachten, von der Ernährung über die Waffentechnik bis hin zu Dichtung und Religion.

Gerade wenn es um außereuropäische Kulturen geht, macht sich aber auch die zusätzliche Komplikation bemerkbar, dass das deutsche Wort „Kulturwissenschaften“ und der englische Begriff „cultural studies“ entgegen allem Anschein nicht genau dasselbe meinen. Bei vielen Vertretern der angelsächsischen cultural studies ist die deutsche, von der Philologie geprägte wissenschaftliche Tradition als rein „ästhetisch“, als blind gegenüber ökonomischen und sozialen Zusammenhängen, womöglich in einem sehr naiven Sinn als „kolonialistisch“ verrufen. Im Verzicht von Geisteswissenschaftlern darauf, die „gesellschaftliche Ebene“ einzubeziehen, bemerkt Ostermeyer, verbirgt sich oft eine „unterschwellige“ Normativität, nämlich im Sinn eines bürgerlichen Kulturbegriffs.

Die spiegelbildliche Vorhaltung könnte man freilich auch jenen machen, die es als selbstverständliche Pflicht der Wissenschaft unterstellen, gegen die Vorherrschaft der „oldest dead white european males“ in Bildung und Kultur vorzugehen. Ostermeyer geht auf die politischen Impulse, die in solchen Debatten zum Ausdruck kommen, nur recht sparsam ein. Doch es wird kein Zufall sein, dass Samuel Huntingtons vieldiskutiertes Buch vom „clash of cultures“ 1996 mitten in diesem Aufschwung der„Kulturwissenschaften“ erschien. Bereits in diesem Schlagwort wurde deutlich, dass die bislang als „weicher“ Faktor erachtete Kultur auch politisch Aufmerksamkeit verdiente.

Theoretiker der Geisteswissen-
schaften: Wilhelm Dilthey
Bild: Wikipedia

Huntingtons wissenschaftlicher Ansatz blieb umstritten; aber der 11. September 2001 machte der Weltöffentlichkeit schlagartig bewusst, dass zu „Kultur“ auch die dunklen Seiten des Menschseins gehören. Ob wenigstens die großen Hoffnungen auf Erkenntnisfortschritte, die manche Wissenschaftler vor einem Vierteljahrhundert in den „cultural turn“ setzten, berechtigt waren? 1993 sprach der Amerikanist Klaus Hansen noch geradezu euphorisch von einer „kopernikanischen Wende“ und von einem „revolutionären neuen Menschenbild“. Ostermeyers Fazit ein Vierteljahrhundert später fällt im Vergleich damit ein wenig ernüchternd aus. Statt einer Umstrukturierung des wissenschaftlichen Spektrums hat der cultural turn wohl eher "einen Modus der interdisziplinären Zusammenarbeit" hervorgebracht, ein neu formuliertes Forschungsinteresse.

Einen Modus, der aber sehr erfolgreich sein kann, oft entwickelt er, so Ostermeyer, "eine außergewöhnliche Reichweite". Blickt man auf den Büchermarkt der letzten Jahrzehnte, wird man sagen müssen, dass die wissenschaftstheoretischen Ungewissheiten die wissenschaftliche Arbeit selbst offenbar nicht sonderlich behindert haben. Da ist das Desinteresse der traditionellen Geisteswissenschaften an der sogenannten „Populär-“ oder „Alltagskultur“ ebenso beiseite geräumt wie die Zurückhaltung vieler Sozialwissenschaftler gegenüber allem, was sich nicht exakt  zählen und messen lässt. Die früher so selbstverständliche Konzentration der Historiker auf eine Geschichte der Schlachten und Friedensschlüsse sowieso. Es gibt heute, wie der Nestor der Kulturhistorie, Peter Burke, einmal formulierte, "Kulturgeschichten der Langlebigkeit, des Stacheldrahts und der Masturbation“. Wollte man dem kulturwissenschaftlichen Ansatz sonst kein Verdienst zugestehen – jedenfalls hat er doch Fragestellungen, die früher unter dem Begriff „Sitten-“ oder bestenfalls „Alltagsgeschichte“ subsumiert wurden, aus der Ecke herausgeholt.


Neu auf dem Büchermarkt:

Serjoscha P. Ostermeyer: Der Kampf um die Kulturwissenschaft. Konstitution eines Lehr- und Forschungsfeldes 1990 – 2010, Kulturverlag Kadmos, Berlin 2016, 389 S., ISBN 978-3-86599-292-5, 27,85 €



Mehr im Intenret:

cultural turn - Wikipedia
Serjoscha P. Ostermeyer: Der Kampf um die Kulturwissenschaft

scienzz artikel Wissenschaft heute

 

 

 

 

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