Berlin, den 17.12.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

29.08.2017 - FRANZOESISCHE LITERATUR

Der Dichter, der den Grossstadtschmutz in poetisches Gold verwandelte

Vor 150 Jahren starb Charles Baudelaire

von Josef Tutsch

 
 

Charles Baudelaire, Portrait
von Nadar - Bild: Wikipedia

„Du hast mir deinen Schmutz gegeben, und ich habe daraus Gold gemacht.“ Es war die Stadt Paris, die Charles Baudelaire 1861 in einem Epilog zur zweiten Auflage seiner Gedichtsammlung „Die Blumen des Bösen“ anredete. Die Richter, die aus der ersten Auflage 1857 sechs Gedichte auf den Index setzten, wollten nur den „Schmutz“ sehen. Nicht etwa, dass sie am Schmutz selbst Anstoß genommen hätten, am sozialen Elend in der Großstadt – sie störten sich vielmehr daran, dass er Eingang in die Poesie gefunden hatte. Am liebsten hätten sie vielleicht das ganze Buch verboten. Doch es war kein Paragraph zu finden, der das gerechtfertigt hatte. So nahmen sie einige Gedichte heraus, die „durch einen krassen und das Schamgefühl verletzenden Realismus notwendig zur Aufreizung der Sinne führen“ müssten. Baudelaire wurde wegen „Verhöhnung der öffentlichen Moral und der guten Sitten“ zu einer Geldstrafe verurteilt.

Baudelaires spätere Bewunderer haben oft nur das „Gold“ gewürdigt. Vor allem durch die Übertragungen von Stefan George wurde der Dichter, der vor 150 Jahren, am 31. August 1867, im Alter von nur 46 Jahren in Paris starb, auch in Deutschland zum Inbegriff einer „reinen, mit keinem falschen Ton vermischten“, sich autonom und absolut setzenden Poesie. In der Tat, seine Dichtung verweigert sich jedem Versuch, sie für irgendeine politische oder moralische Tendenz in Dienst zu nehmen. Sie bezog die hässliche Realität mit ein, verbot sich jedoch allzu viel Konkretion: „Die Lyra flieht gern alle die Details, an denen sich der Roman weidet.“ Baudelaire wollte, wie er einmal schrieb, „die Bestrebungen und die Schwermut der modernen Jugend darstellen“, also den Geist und Ungeist seiner Gesellschaft, die „Moral“ seines Zeitalters, zu reiner Dichtung werden lassen.

Großstadtschmutz und poetisches Gold: Es ist dieses Doppelgesicht, das die moderne Literatur seit dem Erscheinen von Baudelaires „Fleurs du mal“ prägt. Seine Dichtung, hat der Romanist Manfred Starke resümiert, verfolge „ein einziges Ziel: die ‚modernité‘, den Geist der Moderne, zu beschwören“. In einem Maß wie kaum ein Schriftstellerkollege neben und nach ihm hasste er die Gesellschaft seiner Zeit, die Bourgeoisie mit ihrer hastigen Geschäftigkeit, ihrem platten Materialismus, ihrer naiven Fortschrittsgläubigkeit. Das ließ ihn gelegentlich auch mit sozialistischen Ideen sympathisieren. Immer wieder sprach er den alten Traum von der Aufgabe des Dichters an, in einer verständnislosen Umwelt die Ideale hochzuhalten. Doch immer wieder säte er beim Leser zugleich seine Zweifel. Denn er hatte eine sehr realistische Sicht von der ökonomischen Rolle des Literaten. Aus einem Gedicht, das an ein Straßenmädchen gerichtet ist: „Dass sie Schuhe hätte, hat sie ihre Seele verkauft. Doch Gott käme ein Lachen an, wollte ich bei dieser Verworfenen den Tartüff spielen und mich hochmütig gebärden, ich, der ich meinen Geist verkaufe und ein Autor sein will.“

Das Selbstbild eines närrischen Dichters, der in seinen Versen gelegentlich das Ideal eines überlegenen Geistesaristokraten pflegte – oder umgekehrt der würdige Seher, der inkognito schon mal gern in das Großstadtgetriebe eintauchte, um „ein ausschweifendes Leben führen zu können“, „wie jeder einfache Sterbliche“. Experimente mit Haschisch eingeschlossen, wie das Büchlein „Die künstlichen Paradiese“ vermuten lässt, das er 1860 herausbrachte. Hier kam Baudelaire jedoch zu einem negativen Fazit. Zwar zeige sich selbst in solchen Versuchen, paradiesische Zustände künstlich aufzuschließen, der „Hang des Menschen zum Unendlichen“, doch es bleibe eine Selbsttäuschung, am Ende stehe die Ernüchterung. Die Versuchungen des Geschlechts dagegen durchlebte Baudelaire mit aller Intensität. Die Sexualität, schreibt der Literaturwissenschaftler Erich Auerbach, „war für ihn eine Hölle, eine würdelose Hölle der Lust“. Liebe war für ihn „Qual, im besten Fall eine Betäubung“, freilich auch die „Quelle der Inspiration, die eigentliche Quelle der mystischen Anschauung des Überwirklichen, aber darum nicht weniger eine erniedrigende Qual“.

Charles Baudelaire, Portrait von Gustave
Courbet (Musée Fabre, Montpesllier)
Bild: Wikipedia


Heute ist schwer nachzuvollziehen, welcher Schock darin für Baudelaires frühe Leser gelegen haben muss. Heinrich Heines Gedichte vom Schmerz der Liebe lesen sich daneben wie reine Spielerei. Traditionell, stellt Auerbach fest, war die Erotik ein Gegenstand des „leichten Stils“; das Abgründige daran hatte in der älteren Dichtung so gut wie keinen Platz. Bei Baudelaire wurde es beherrschend, umso mehr, da er sich jener anderen Macht, die das Leben der allermeisten Menschen gebieterisch bestimmt, zeitlebens entzog. Zeitlebens begab er sich niemals in die Tretmühle einer geregelten Arbeit. Nicht etwa im Arbeiter oder im Revolutionär, sondern im Dandy sah er den eigentlichen Helden des modernen Lebens, den einsamen Diener der Schönheit in einer hässlich gewordenen Welt. An der einen oder anderen Stelle in Baudelaires Werk zeigt sich, bei aller Abneigung gegen die Bourgeoisie, eine nahezu zynische Skepsis gegen Revolution und Revoluzzertum. „Die Kanone dröhnt, die Körperteile fliegen … Stöhnen der Opfer und Geheul der Opferer ist zu hören … Das ist die Menschheit, die das Glück sucht.“

Die Welt sei das, was nicht sein sollte, hat der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer gesagt. Für Baudelaire war  die Moderne das, was erst recht nicht sein sollte: „Jeden Tag steigen wir eine Stufe tiefer in die Hölle hinab.“ Doch diese „Hölle“, also die moderne Welt, ökonomisch ausgedrückt: der Kapitalismus faszinierte ihn auch. Für ihn, so Starke, bedeutete Kapitalismus „universellen Fortschritt und universellen Ruin zugleich, verschwenderischen Reichtum und Verfall in einem“. In einem Gedicht an die Stadt Paris sprach er von „deiner Neigung zum Grenzenlosen, die sich überall kundtut, selbst im Bösen“. Oder gerade im Bösen. Die romantischen „Satanisten“ hatten, als Baudelaires „Blumen des Bösen“ 1857 in erster Auflage erschienen, bereits seit Jahrzehnten mit dem Gedanken an eine ethisch negative Gegenmacht gespielt – sei es, um ihre Sehnsucht nach Emanzipation des „Fleisches“ auszudrücken, sei es bloß, um spielerisch zu provozieren, „pour épater le bourgeois“. Baudelaire meinte es ernsthafter, er widersprach der optimistischen Einschätzung, das Böse und der Teufel seien doch bloße Metaphern. „Zu allen Zeiten bin ich von der Unfähigkeit besessen gewesen, mir über gewisse plötzliche Handlungen oder Gedanken des Menschen ohne die Hypothese der Einmischung einer bösen, ihm äußerlichen Macht klarzuwerden“, schrieb er einmal an Flaubert.

Abgefallener Katholik oder frommer Atheist, ein Sozialist mit gelegentlichen Abirrungen zur Gegenrevolution oder ein Konservativer, der sich gern als Bürgerschreck gerierte? Baudelaire selbst hätte zu solchen Systematisierungsversuchen nur mit den Achseln gezuckt: „Ich verzichte nicht auf das Vergnügen, meine Ansicht zu wechseln oder mir zu widersprechen.“ Sein Thema war die Verzweiflung, die quälende Melancholie und Langeweile, der lähmende Glaube, verdammt zu sein. Er selbst sprach mit einem englischen Wort, das ursprünglich die Milz bezeichnete, den vermeintlichen Sitz der Hypochondrie, von „Spleen“, in jenem Sinn, wie ihn 1923 der Kulturkritiker Walter Benjamin in seinem Buch „Pariser Bilder“ definierte: „Der Spleen ist das Gefühl, das der Katastrophe in Permanenz entspricht.“

„Satan, hab Mitleid mit meinem lang erduldeten Elend!“, flehte Baudelaire in einem Gedicht. Und er nannte die „Blumen des Bösen“ ein „entsetzliches Buch“: „Ich habe mein ganzes Denken, mein Herz, meine Religion und meinen Hass einfließen lassen.“ Doch es wäre kaum aussichtsreich, aus seinen Versen so etwas wie eine Philosophie oder Theologie herausziehen zu wollen. Die einzige feste Größe für ihn war der „Spleen“, der „Trübsinn“, wie Stefan George das Wort wiedergegeben hat, das Miteinander von Verdammungswürdigkeit der Gegenwart und Nichtswürdigkeit der eigenen Existenz. In Dantes „Göttlicher Komödie“ durchschreitet der Dichter das Höllentor in der festen Hoffnung, die Aufschrift „Lasst alle Hoffnung fahren“ möge für seine Seele am Ende doch nicht zutreffen. Eine solche Hoffnung fehlt bei Baudelaire. An diese Stelle ist das hochmütige Selbstbewusstsein des Dichters getreten, der bei aller Nichtswürdigkeit der eigenen Person doch den Anspruch erhebt, den „Schmutz“ seines Gegenstandes in das „Gold“ reiner Poesie verwandeln zu können – nicht anders als der Schöpfergott der Bibel, der den Staub durch den Hauch seines Atems belebt.

Baudelaires Grabmal auf dem Cime-
tière de Montparnasse, Paris
Bild: Stanzilla/Wikipedia


In den Literaturgeschichten liest sich das Ergebnis recht nüchtern, ohne das Pathos, das dem Dichter zu eigen war: Mit den „Fleurs du mal“ wurde die Großstadt poesiefähig und poesiewürdig. Das wird die Zeitgenossen umso mehr befremdet haben, als Baudelaire seine Großstadtlyrik so „klassisch“ wie nur denkbar darbot: gereimte Alexandrinerverse, oft in Sonettform. In der strengen Form sah Baudelaire den Halt, der es ihm erlaubte, den ungewohnten Gegenstand zu behandeln. Nach dem Erscheinen der „Blumen“ wagte er es dennoch, sein Thema, die Großstadtwelt in ihrer banalen Hässlichkeit und zugleich bizarren Schönheit, in Prosa zu besingen. Offenbar war er mit seinen Versen, die einer ganzen Epoche den Ton vorgaben, nicht zufrieden, meinte, die moderne Welterfahrung sei mit Reimklang und in Strophenform doch nicht angemessen wiederzugeben. Die epischen Elemente in diesen Prosastücken, hat der Literaturwissenschaftler Hugo Friedrich beobachtet, erlaubten ihm eine stärkere „Entpersönlichung“, Objektivierung.

Die „poèmes en prose“ unter dem Titel „Spleen de Paris“ oder „Pariser Spleen“ begründeten eine neue literarische Gattung, wie die „Fleurs du mal“ inhaltlich die Tür zu einer neuen Welt aufgestoßen hatten. Leser haben wohl eher die Kehrseite gespürt, nämlich wie entschieden und wie schmerzlich die alte Welt für unwiederbringlich verloren erklärt wurde. Baudelaires Großstadtlyrik bedeutete eben auch eine Absage an die hergebrachte Naturlyrik. Nicht dass ihm das romantische Verlangen nach Sinn- und Einheits- und Harmonieerfahrung fremd gewesen wäre. Aber er glaubte nicht daran und war ehrlich genug, sich seinen Unglauben einzugestehen. Gedichte über eine „heile“ Natur wären da ganz einfach unredlich gewesen. In einem seiner „Pariser Bilder“ ließ Baudelaire einen Schwan auftreten, der über das „trockne, rauhe Pflaster“ watschelt, „lächerlich und doch erhaben wie Verbannte, ganz besessen von ruheloser Sehnsucht“. Sehnsucht nach dem, „was für immer, immer schwand“.


Mehr im Internet:

Charles Baudelaire - Wikipedia
scienzz artikel Französische Literatur

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet