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09.08.2017 - KULTURGESCHICHTE

Vom militaerischen Training zum Event

1000 Jahre Ritterspiele

von Josef Tutsch

 
 

Turnierrüstung der Dresdner
Rüstkammer
Bild: Josias/Wikipedia

Als sich die westeuropäischen Ritter im Jahr 1096 zum Ersten Kreuzzug sammelten, da führten viele von ihnen außer ihren Waffen und ihrer Entschlossenheit, das Heilige Land von den Ungläubigen zu „befreien“, noch etwas anderes im „Gepäck“ mit. Einige Jahrzehnte zuvor war im nördlichen frankreich die Gewohnheit aufgekommen, dass ganze Rittergruppen in voller Rüstung und mit eingelegter Lanze zu Pferde gegeneinander antraten, um Kampf und Krieg einzuüben. Das Training in der Gruppe war erforderlich, weil die Ritter ja nicht nur Schild und Lanze beherrschen mussten, sondern auch ihre Pferde, und zwar in gleichem Tempo: Waren einzelne Tiere zu schnell, löste sich der geschlossene Block auf, der Angriff verlor an Wirkung.

Die Kreuzfahrer aus anderen Ländern werden fasziniert gewesen sein von dem, was ihnen die Kampfgefährten aus Nordfrankreich da boten, sowohl von dem Schauspiel selbst als auch von der Effizienz dieser Kampftechnik. Binnen weniger Jahre verbreitete sich das „Turnier“ von Nordfrankreich aus über das ganze westliche Europa. Bald bildete sich eine „elitäre“ Nebenform heraus, der Kampf einzelner großer Helden, der dem eigentlichen Turnier zunächst voranging, es dann oft aber auch verdrängte.

Die Faszination hat sich gehalten. Kein Mittelalter-Film heute, der ohne Turnierszene auskäme. Matthias Pfaffenbichler und Stefan Krause von der Jagd- und Rüstkammer des Kunsthistorischen Museums Wien haben jetzt einen umfangreichen, prachtvoll illustrierten Sammelband zum Thema „1000 Jahre Ritterspiele“ herausgebracht. Ethisch, berichtet Pfaffenbichler, war das Turnier niemals unumstritten. Gerade in den Anfangszeiten kamen immer wieder Teilnehmer ums Leben; aus der Sicht der Kirche musste dieser tödliche Leichtsinn als eine Art von Selbstmord gewertet werden. So erließ bereits 1130 das Konzil von Clermont ein Verbot. Immer wieder versuchten auch einzelne Fürsten, Turniere zu untersagen, weil sie befürchteten, durch zu große Verluste bei den „Übungen“ könnten die Kapazitäten für den Ernstfall geschwächt werden.

Viel Wirkung hatten solche Verbote nicht. Sehr bald wurden Turniere zum beliebtesten Zeitvertreib der High society im christlichen Abendland. Dass es sich als Brauch herausbildete, dem Gewinner bei einem Turnierspiel Waffen und Pferd des Besiegten zu überlassen, war dabei nicht einmal entscheidend. Vor allem, schreibt Pfaffenbichler, konnten sich weniger begüterte Ritter durch besondere Geschicklichkeit und Tapferkeit bei einflussreichen Patronen empfehlen. Und natürlich hoffte man den vornehmen Damen auf den Zuschauerrängen zu imponieren, womöglich mit der Aussicht, durch eine Heirat sozial aufzusteigen.

Ein Sport auf dem schmalen Grat zwischen Krieg und Spiel. Mit der Zeit entstand ein präzises Regelwerk, Herolde wachten über seine Einhaltung. Bereits die Zulassung zum Wettkampf wurde streng reguliert: Vier adlige Großeltern wurden gefordert, ein Vater oder Großvater musste bereits an einem Turnier teilgenommen haben. Der sportliche Aspekt rückte gegenüber dem militärischen immer mehr in den Vordergrund, der Zweikampf mit Lanze und Schwert, der für den Zuschauer mehr „hergab“, verdrängte immer mehr das Massenturnier. Um die Risiken zu minimieren, wurde auch die Waffentechnik dem unkriegerischen Zweck angepasst. In der sogenannten „Hennegauischen Chronik“ findet sich der zunächst etwas rätselhafte Satz, 1184 sei bei einem Hoftag Kaiser Friedrichs I. in Mainz ein Reiterspiel „ohne Waffen“, jedoch mit Schilden und Spießen abgehalten wurden. Gemeint war, so interpretiert Dirk H. Breiding vom Philadelphia Museum of Art: ohne scharfe, also kriegstaugliche Waffen. Wahrscheinlich hatte man die Stahlspitzen entfernt.

Aus dem Codex Manesse (Univer-
tätsbibliothek Heidelberg)
Bild: Wikipedia


Zwei Generationen später gibt es die ersten Belege, dass Waffen speziell für den Turniergebrauch angefertigt wurden; da hatte sich also ein eigener Produktionszweig herausgebildet. 1278 ist in einem englischen Dokument von 1278 davon die Rede, dass Harnischelemente mit Silber oder Gold überzogen wurden. Offenbar stand, zwei Jahrhunderte nach „Erfindung“ des Turniers, die glänzende Zurschaustellung des Ritterstandes im Vordergrund; das Training für den Krieg spielte nur noch eine Nebenrolle. Das Turnier wurde zur Manifestation einer idealen „ritterlichen“ Welt. Das galt selbst nach Erfindung der Feuerwaffen weiter, als der Ritterstand seine soziale Funktion bereits verloren hatte. Im späten 15. Jahrhundert entstand eine eigene Literaturgattung, das „Turnierbuch“: Adlige wie Vertreter des aufstrebenden Bürgertums konnten sich, mit der gehörigen Nostalgie, in die Schilderung früherer Turniere versenken. „Nur wer von Kurzweil lesen will und lustbarlichen Dingen, der nehm‘ für sich die Ritterspiel‘“, heißt es in einem Turnierbuch, das im frühen 16. Jahrhundert am Hof von Kaiser Maximilian I. entstand.

In Maximilians Biographie zeigt sich geradezu kurios, welche Bedeutung damals diesen militärisch längst überholten Ritterspielen zugemessen wurde. Der Kaiser war beständig knapp bei Kasse – und richtete mit derselben Beständigkeit verschwenderische Turniere aus. „Das Fest war eben nicht nur ein aristokratischer Zeitvertreib, sondern hatte eine staatstragende und herrschaftslegitimierende Funktion“, schreibt Pfaffenbichler. Manchmal allerdings ging es auch um ernsthafte Gegnerschaften. Beim Reichstag 1495 in Worms kämpfte Maximilian vor aller Augen gegen einen burgundischen Ritter, der sich im Streit zwischen den Häusern Habsburg und Valois um die burgundische Erbschaft auf die französische Seite gestellt hatte. Der Ausgang wurde von den Zeitgenossen als Sieg der habsburgischen Sache gewertet.

Doch in erster Linie ging es nun um Repräsentation. Prunkvolle Harnischgarnituren wurden zu einem prestigeträchtigen Geschenk zwischen Fürsten und Königen. Aus dem Jahr 1546 ist eine Rechnung erhalten. Danach erhielt die beiden Handwerker, die für einen jungen habsburgischen Erzherzog einen Harnisch fertigten, 1.258 Gulden, das zwölffache Jahresgehalt eines hohen Hofbeamten. Weitere 265 Gulden gingen an den Vergolder. Erst 1559 kam es allerdings in Paris auf der Place des Vosges zum berühmtesten aller Turnierunfälle. Angeblich 70.000 Menschen bewunderten das Reiterspiel mit „Rossballett“, bei dem König Heinrich II. von Frankreich höchstpersönlich zu einem Schaukampf antrat. Wahrscheinlich wollte der König seine überragende ritterliche „Tugend“ demonstrieren, indem er ohne Visier ritt. Unglücklicherweise stach ihm sein Gegner Gabriel de Lorges, Comte de Montmorency, ins Auge.

Zehn Tage später erlag der Monarch seiner Verletzung. Er hatte den Grafen zwar noch von aller Schuld freisprechen können. Doch die Königinwitwe Catherine de Médicis verfolgte Montmorency mit unversöhnlichem Hass und ließ ihn 1574 enthaupten. Dabei wird eine Rolle gespielt haben, dass der Graf Vertreter der protestantischen Opposition war. Catherine mag die Gefahr gespürt haben, dass der Unfall zum Tyrannenmord uminterpretiert würde. In der Phantasie der Zeitgenossen werden solche tödlichen Gefahren allgegenwärtig gewesen sein. Statt gegen einen menschlichen Gegner zu kämpfen, schreibt die Kunsthistorikerin Marie-Louise von Plessen, nahm die Aristokratie des 16. Jahrhunderts gern auch einen menschenähnlich gestalteten Holzpfeiler. Ziel war es, ihn ins „Gesicht“ zu treffen.

Am französischen Hof wurde der Kampf mit der Lanze nach dem Tod des Königs jedoch verboten. Als viel weniger gefährliche Form wurde das „Ringreiten“ populär, das Aufspießen von Ringen im Galopp. In den sogenannten „Rossballetten“ der Barockzeit trat der Kampf Mann gegen Mann vollends in den Hintergrund. In ihrer Gewandtheit zu Pferde, erläutert Plessen, konnten die Fürsten metaphorisch ihre Regierungskunst demonstrieren. Kämpfe mit Lanzen oder Pistolen waren nur noch als Anspielungen, sozusagen als Zitate, gegenwärtig. Die Tradition, berichtet der Kurator der ehemals kaiserlichen „Wagenburg“ in Wien, Max Döberl, setzte sich bis weit in 19 Jahrhundert fort. Unter Kaiser Franz Joseph wurden in Wien und in Budapest einige Male solche „Turniere“ aufgeführt. Als Akteure traten oft auch die Erzherzöge des kaiserlichen Hauses auf.

Ohne sportlichen oder gar militärischen Ehrgeiz, wie sich versteht. Beliebtes Sujet waren die Kämpfe zwischen Kreuzrittern und Sarazenen im Mittelalter sowie die siegreichen Feldzüge Österreichs gegen die Osmanen um 1700. Oder, weniger kriegerisch, das Hofleben unter Kaiser Maximilian I., dem „letzten Ritter“. 1880 wurde in Wien eine „Höfische Jagd“ nach Art der Renaissancezeit inszeniert, ohne reale Bären und Wildschweine, aber natürlich mit den wohldressierten Pferden der Spanischen Hofreitschule. Junge Leute aus den Häusern der Hocharistokratie führten zum Beispiel das „Kopfstechen“ vor: Tierkopfattrappen wurden in vollem Galopp mit einer Lanze heruntergestoßen. Der Erlös ging an Personen, die durch Überschwemmungen und Missernten hilfsbedürftig geworden waren.

Briefmarke zur Landshuter Hochzeit (Design
von Knoblauch) - Bild: NobbiP/Wikipedia


Formen eines Nachlebens der mittelalterlichen Ritterspiele, die von der Forschung bislang ein wenig vernachlässigt wurden. Nicolas P. Baptiste, der Kurator der Rüstkammer auf Schloss Morges im Waadtland, weist darauf hin, dass zum Beispiel in Belgien um 1900 die Turnierbräuche in großem Maßstab wiederbelebt wurden – das Königreich, das ja erst 1830 neu entstanden war, suchte nach seinen historischen Wurzeln. In diesem Kontext ist zweifellos auch die Entstehung der „Landshuter Hochzeit“ im Jahr 1903 zu sehen. Heute bildet diese Veranstaltung, in der die Hochzeit Herzog Georgs des Reichen von Bayern mit der polnischen Königstochter Hedwig 1475 möglichst getreu nachgespielt wird, das vermutlich größte historische Fest der Welt.

Seit 1975, berichtet Ignaz Weinmayr, einer der „Aktiven“ der Landshuter Hochzeit, laufen Bemühungen, auch die Turnierkämpfe bei diesem Fest getreu nachzustellen. Als Problem, berichtet Weinmayr, hat sich - ähnlich wie bei der Entstehung des Turniers vor beinahe 1.000 Jahren – die Aufgabe herausgestellt, die Pferde entsprechend zu lenken. Beim ersten Versuch „galoppierte einer der Reiter ungewollt direkt auf die Tribüne zu und jagte den ehemaligen Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß in die Flucht“. Das andere Problem besteht in der Aufgabe, bei aller historischen Präzision doch jede Gefahr für Pferd und Reiter zu vermeiden. Versuche mit Dummys, vermerkt Ernst Pöschl als Vorsitzender des Landshuter Vereins „Die Förderer“, haben gezeigt, dass das größte Risiko im Sehschlitz der Rüstung liegt. Da sind also moderne Techniken der Sicherheitsverglasung gefragt.

Welches Maß an historischer Treue bei solchen „Events“ überhaupt nötig und sinnvoll ist, lässt sich freilich fragen. Tobias Capwell, Kurator bei der Wallace Collection in London, ist in seiner Risikofreudigkeit, wie er in diesem Sammelband schreibt, recht weit gegangen. Bei einem Turnierkampf in St. Wendel im Saarland bohrte sich ihm die Lanzenspitze seines Gegner in die Daumenwurzel der rechten Hand. Er selbst merkte zunächst gar nicht, dass er verletzt war, der Kampf ging also weiter. Doch „den Kampfrichtern fiel auf, dass bei allen auf meinen Unfall folgenden Durchgängen die Griffe meiner Lanzen immer blutiger wurden“. Ein Gutes hatte der Unfall aber doch: Schlagartig wurde ihm bewusst, wozu die merkwürdigen runden Brechscheiben auf dem Schaft der Lanzen, wie sie sich bei echt mittelalterlichen Waffen finden, eigentlich gut waren. Da man ihre Funktion, die Hand vor der Lanze des Gegners abzuschirmen, nicht erkannt hatte, waren sie bei modernen Nachfertigungen oft weggelassen worden.


Neu auf dem Büchermarkt:

Turnier. 1000 Jahre Ritterspiele, herausgegeben von Stefan Krause und Matthias Pfaffenbichler (Kunsthistorisches Museum Wien, Neue Burg), Hirmer Verlag, München 2017, 384 S. mit 420 Abb., ISBN 978-3-7774-2879-6, 49,90 € [D], 51,30 € [A], 60,90 CHF



Mehr im Internet:

Turnier - Wikipedia
Turnier. 1000 Jahre Ritterspiele
scienzz artikel Hohes Mittelalter


 

 

 

 

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