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14.08.2017 - RELIGIONSGESCHICHTE

Verheissung und Erfuellung

Die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth ueber die Entstehung des Korans

von Josef Tutsch

 
 

Koranhandschrift von
Hattat Aziz Efendi, vor
1934 - Bild: Wikpedia

„Folget dem Weg Abrahams“, heißt es in der 2. Sure des Korans, „denn er war keiner der Götzendiener.“ Darin lag das zentrale Anliegen Mohammeds: Er wollte die Religion des Patriarchen Abraham, wie er sie sah, getreu wiederherstellen, ähnlich wie neun Jahrhunderte später im Christentum Martin Luther sich zum Vorsatz nahm, die Lehre Jesu Christi von allem, was er als spätere Verfremdung betrachtete, zu „reinigen“.

Dabei stellte die biblische Tradition aber nur einen Faktor des Spannungsfeldes dar, in dem die „koranische Verkündigung“ sich entfaltete. Daneben, betont die Berliner Arabistin und Islamwissenschaftlerin Angelika Neuwirth, wirkten die traditionelle Kultur der arabischen Halbinsel und – im Laufe von Mohammeds Leben immer mehr hervortretend – das Projekt einer eigenen „Gemeindebildung“. In der Nacherzählung der Geschichte von Abrahams Opfer, so Neuwirth, stellte Mohammed das Geschehen nicht nur in einen arabischen, genauer: „mekkanischen“ Kontext, er holte auch sein neues „Gottesvolk“, die frühe islamische Gemeinde, in die biblische Überlieferung hinein.

2015 wurde Neuwirth mit dem „Dr. Leopold Lucas-Preises“ der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, benannt nach dem im Konzentrationslager Theresienstadt umgekommenen Rabbiner Leopold Lucas, ausgezeichnet. Ihre Dankesrede, in der die Preisträgerin ausführlich untersucht, wie Mohammed sich die biblische Tradition aneignete und verwandelte, also auch wie der Koran als Heilige Schrift entstand, ist jetzt mit einiger Verspätung auf dem Büchermarkt erschienen. Orthodox-jüdische wie auch orthodox-christliche Theologen würden vermutlich allerdings sagen: wie Mohammed die biblische Überlieferung verfremdete und verfälschte, islamische Religionsgelehrte ganz im Gegenteil: wie er die Tradition von Verfälschungen befreite.

Aber dergleichen zu entscheiden, kann ja nicht die Aufgabe historischer Wissenschaft sein. Neuwirth verweist auf die „Wissenschaft des Judentums“, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ausbildete: einerseits als Selbstvergewisserung des Judentums mit den Mitteln der philologischen Wissenschaft und dem Ziel der Emanzipation, andererseits, und damit verknüpft, aber auch als „Historisierung“ der Bibel. Das parallele Unterfangen in der christlichen Theologie bezeichnete Albert Schweitzer als große „Wahrhaftigkeitstat des protestantischen Christentums“.

Neuwirth vermerkt, dass gerade Vertreter der Wissenschaft des Judentums sehr früh auch den Koran in ihre historisch-kritische Forschung einbezogen. „Der Koran lag für die Juden nicht ‚im fernen Morgenland‘, sondern in der Mitte ihrer eigenen Herkunftskultur.“ Gegenüber dem christlichen Mittelalter mit seiner radikalen Intoleranz gegenüber dem Judentum konnte das jüdische Leben unter islamischer Vorherrschaft ja auch geradezu als eine „Goldenes Zeitalter“ gelten. In der historisch-philologischen Arbeit des 19. Jahrhunderts wurden Bibel und Koran gleichermaßen „historisiert“, aber, betont Neuwirth: Was bei der Bibel als eine „Herabstufung der Heiligen Schriften auf den Rang von primär historisch relevanten Texten“ erschien, als „Ausblendung ihrer Aura als transzendenter Botschaften“, war beim Koran gerade umgekehrt eine „Aufwertung“. Der Koran war zuvor „als ein destruktiver, schädlicher Text gelesen worden, dessen Anspruch auf transzendente Inspiration ohnehin keine Beachtung erfahren hatte“.

Mohammed vor der Kaaba,
1595 - Bild: Wikipedia


Neuwirth widerspricht der gängigen Auffassung, eine historische Lesart sei der inner-islamischen Forschung gänzlich fremd, und nennt als Beispiel den Algerier Mohammed Arkoun, der lange an der Pariser Sorbonne lehrte. Arkoun unterschied zwischen der Verkündigung Mohammeds und der späteren Interpretation, die bei sehr vielen Muslimen bis heute „kanonische“ Geltung besitzt. Ganz ähnlich hat ja die historisch-philologische Exegese des Neuen Testaments klargestellt, dass die Verkündigung Jesu nicht mit der Theologie des frühen Christentums identisch ist – und erst recht nicht mit der Dogmatik, die auf den Konzilien der Spätantike erarbeitet wurde.

Aber auch die „westliche“, nicht-islamische Koranforschung, kritisiert Neuwirth, verfährt bis heute in gewisser Weise unhistorisch: Die Heilige Schrift wird gern als „statischer Text“ gelesen und nicht als Ergebnis eines „dynamischen Prozesses“. Das ist durchaus begreiflich: Verglichen mit dem christlichen Neuen Testament und erst recht mit der jüdischen Bibel, dem sogenannten Alten Testament, ist der Koran von beeindruckender Geschlossenheit. Von Mohammeds frühesten Offenbarungen um 610 bis zur schriftlichen Niederlegung des Textes unter den ersten Kalifen verging kaum mehr als ein halbes Jahrhundert.

Aber bereits der scheinbar so harmlose Ausdruck „Autor“, meint Neuwirth, sei geeignet, Mohammeds Rolle bei der Entstehung des Korans zu verzeichnen. Der Text sei vielmehr als eine Art „Mitschrift“ im Prozess der „Religionsgenese“ zustande gekommen. An Neuwirths Lehrstuhl an der Freien Universität Berlin wird seit Jahren an einer neuen Übersetzung gearbeitet, in der die Suren nach ihrer Entstehungszeit angeordnet sind. Dadurch kann ihr „Sitz im Leben“ deutlich werden, die Diskussion in der frühislamischen Gemeinde, die sich in den Versen spiegelt, lässt sich wenigstens partiell nachvollziehen.

Auf die Frage, was das zum Beispiel für die berühmten „Satanischen Verse“ bedeuten könnte, die der Überlieferung nach Satan dem Propheten in die Feder diktierte, bevor der Erzengel Gabriel dazu kam, sie richtigzustellen, ist die Forscherin in ihrer Rede nicht eingegangen. Breiten Raum hat  sie dagegen Mohammeds Rezeption der hebräischen Bibel gewidmet: Das arabische Denken wurde sozusagen „biblisiert“, das biblische Denken „arabisiert“. Seine eigene Tätigkeit setzte der Prophet in Analogie zu den Geschichten von Moses und von Abraham. Neuwirth unterstellt sogar, dass Mohammed dabei in den Kategorien von „Verheißung“ und „Erfüllung“ dachte, wie die christlichen Theologen sie für das Verhältnis von Altem und Neuem Testament erarbeitet hatten: In seiner eigenen Gemeindebildung erfüllte sich das, was in den Geschichten von Abraham und von Moses vorgeprägt war.

Mit dieser Denkfigur, stellt Neuwirth fest, erweist sich Mohammed als ein typischer Repräsentant der spätantiken Geisteswelt. Wahrscheinlich war er es, der die biblische Heilsgeschichte mit dem altarabischen Kult zusammenbrachte: In seiner Vorstellung sollte das Heiligtum der Kaaba in Mekka von Abraham begründet worden sein. An diesem Ort lokalisierte er die Erzählung, wie Abraham seinen Sohn auf Gottes Befehl hin opfern wollte und dann von einem Engel daran gehindert wurde.

Mohammeds erste Offenbarung
um 1425, Herat, Afghanistan
(Metropolitan Museum of Art,
New York) - Bild: Wikipedia


Die kultische Tradition der altarabischen Stammesgesellschaft wurde durch einen Bezug auf die jüdische Bibel abgelöst – und damit war eine Lebensmöglichkeit legitimiert, die manche unter Mohammeds Zeitgenossen als ungeheuerlich empfunden haben müssen: „die Lossagung eines Individuums von seiner Familie“, also den historischen Schritt von der an Stammes- oder Volkszugehörigkeit gebundenen Religion zum religiösen Individualismus, zu einer missionierenden Weltreligion. Darin war das Urchristentum bereits vorangegangen: „Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen“, sagt Jesus im Markusevangelium.

Zugleich allerdings erhob Mohammed damit einen Anspruch, der wiederum von Juden und Christen als ungeheuerliche Anmaßung aufgefasst werden musste: Die Mitglieder der „Hörergemeinde“ verstanden sich „als spirituelle Nachfolger der Israeliten“. Und zwar als die getreueren Nachfolger. Gegenüber Juden und Christen erhob Mohammed bald den Vorwurf, sie hätten ihre Offenbarungen verfälscht. Zu diesem Punkt wird man wohl von Neuwirths kommentierter Koranübersetzung, von der bislang nur ein erster Band mit den frühesten Suren vorliegt, näheren Aufschluss erwarten dürfen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Angelika Neuwirth: Wie entsteht eine Schrift in der Forschung und in der Geschichte? Die Hebräische Bibel und der Koran, Übersetzung von Paul Silas Peterson, herausgegeben von Jürgen Kampmann, Mohr Siebeck, Tübingen 2017, ISBN 978-3-16-155242-7, 238 S., 39,00 €



Mehr im Internet:

Koran - Wikipedia
Angelika Neuwirth: Wie entsteht eine Schrift in der Forschung und in der Geschichte?
scienzz artikel Islam

 

 

 

 

 

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