Berlin, den 17.12.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

12.09.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

"Husumerei", die sich zum Grossartigen steigert

Vor 200 Jahren wurde Theodor Storm geboren

von Josef Tutsch

 
 

Theodor Storm (Schleswig-
Holsteinische Landesbiblio-
thek Kiel) - Bild: Wikipedia

„Ein Punkt nur ist es, kaum ein Schmerz“, heißt es in einem der letzten Gedichte von Theodor Storm. „Du sagst dir selber: Es ist nichts! Und dennoch will es dich nicht lassen.“ Sein Arzt hatte dem fast 70-jährigen Dichter sagen müssen, dass er an Magenkrebs litt. Storm verfiel in tiefe Depression, er befürchtete, mit der Novelle, an der er gerade arbeitete, dem „Schimmelreiter“, nicht mehr fertig zu werden. Da taten sich drei Ärzte aus seinem Freundeskreis zusammen und beschlossen, ihm eine neue „Diagnose“ zu stellen: Keine Rede von Krebs, die Magenbeschwerden seien harmlos. Storm ließ sich nur zu gern täuschen. Als er im folgenden Jahr, am 4. Juli 1888, verstarb, hatte er den „Schimmelreiter“ noch vollenden können.

Vor zwei oder drei Generationen war Theodor Storm, der am 14. September seinen 200. Geburtstag feiern könnte, der vielleicht beliebteste unter den großen Klassikern der deutschen Literatur. Vieles von ihm wurde mit weit größerer Bereitwilligkeit gelesen als die Werke „größerer“ Kollegen wie Goethe und Schiller. Heute ist sein Ruhm ein wenig verblasst, und dazu tragen gerade jene sehr missverständlichen Etiketten bei, die seine Popularität mitbegründet hatten: erstens „Heimatdichter“, zweitens „Jugenddichter“. Dass auch Jugendliche  seine Novellen lesen und genießen könnten, erkannten bereits die Herausgeber der Zeitschrift „Deutsche Jugend“, als sie den Dichter 1874 um einen Beitrag baten. Es entstand „Pole Poppenspäler“, die Erzählung von der Faszination, die von der fremden und geheimnisvollen Welt des „fahrenden Volkes“ auf einen biederen Handwerkersohn ausgeht.

Der Konflikt zwischen Künstlertum und bürgerlichem Leben – eines der Leitmotive der deutschen Literatur von Goethe bis zu Thomas Mann. Ganz wohl scheint Storm, der im Zivilleben als Rechtsanwalt und Richter arbeitete, bei dem Gedanken, speziell „für die Jugend“ schreiben zu sollen, nicht gewesen zu sein. Es sei „unkünstlerisch, die Behandlung eines Stoffes so oder anders zu wenden, je nachdem du dir den großen Peter oder den kleinen Hans als Publikum denkst“, vermerkte er kritisch. Auf das Oszillieren zwischen einer stimmungsvoll verzauberten Vergangenheit und dem nüchternen Alltag der Gegenwart hat Storm auch in „Pole Poppenspäler“ nicht verzichtet. Aber die Übereinanderblendung der verschiedenen Perspektiven, die Storms Werke im literaturhistorischen Rückblick zu Musterbeispielen des „poetischen Realismus“ macht, ist hier vielleicht doch weniger komplex ausgefallen als in anderen seiner Erzählungen.

Waren solche Kompromisse überhaupt nötig? Wenn irgendeine deutsche Dichtung aus vormoderner Zeit den gesellschaftlichen Umbruch der 1960er und 1970er Jahre als Schullektüre ohne Schwierigkeiten überstanden hat, dann ist es der „Schimmelreiter“, die Novelle vom Deichgrafen Hauke Haien, die vermutlich von Goethe angeregt wurde. Der alte Faust hat sich zum Ziel gesetzt, dem Meer neues Land abzugewinnen: So „eröffn‘ ich Räume vielen Millionen, nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen“. Gegenüber Goethes Menschheitstragödie verkleinerte die Novelle die Maßstäbe, wählte als „Helden“ eine Figur aus der Sagenwelt von Storms nordfriesischer Heimat.

Erstausgabe des "Schimmel-
reiters", 1888
Bild: H.-P. Haack/Wikipedia


Ein Punkt, den die Nationalsozialisten gern nutzten, um Storm als „Blut-und-Boden-Dichtung“ zu vereinnahmen. Richtig daran ist nur soviel,dass „Heimat“ für den Husumer Storm einen viel größeren Stellenwert hatte als für die meisten anderen „Klassiker“ der deutschen Literatur. Sein Kollege Theodor Fontane, der als Großstädter lebte, sprach leicht ironisch von der „Husumerei“. „Theodor Storm ist ein Spezialist. Aus dem Gesamtgebiet der Poesie hat er kleine Parzellen ausgeschieden, diese, auf gut schleswig-holsteinisch, mit sauberen Heckzäunen umfriedet und das kleine Gebiet wie ein Stück Gartenland bestellt.“ Dennoch: Storms Erzählkunst könne sich „mitunter zum Großartigen steigern“, schrieb Fontane.

Ein „Heimatdichter“? Das Wort war lange unter Verdikt, die berühmt-berüchtigte „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“, die der österreichische Germanist Josef Nadler zwischen 1912 und 1928 herausbrachte, wirkte als abschreckendes Beispiel. Aber seit einigen Jahrzehnten wird unter dem Stichwort „Wiedergewinnung der Provinz“ wieder reflektiert, inwieweit unterschiedliche Natur- und Kultur- und Sprachräume vielleicht auch unterschiedliche Formen von Literatur hervorbringen. Storms Gebiet scheine „allzu begrenzt“, schrieb der naturalistische Erzähler und Dramatiker Hermann Sudermann über die Novelle „Immensee“, „aber auf dem winzigen Raum einer Krähwinkelgemeinde weiß er eine solche Mannigfaltigkeit von Schicksalen und Gestalten vor uns zu entwickeln“, dass wir glauben würden, eine „ganze große Welt in dem verkleinerten Bildchen einer Camera obscura an uns vorübergleiten zu sehen“.

Der Begrenztheit des Handlungsraums entspricht eine Selbstbescheidung in der Form. Niemals hat Storm sich an einem Roman oder an einem Drama versucht. Erst recht nicht an einem großen Epos, wie es um 1900 der Schweizer Carl Spitteler mit seinem „Olympischen Frühling“ noch einmal versuchte. Das „Heldische“ der alten Sagen, hat der Literaturwissenschaftler Fritz Martini festgestellt, sei im „Schimmelreiter“ „in das bürgerliche Arbeits- und Willensethos, in die Moralität des sozialen Dienstes und Opfers umgesetzt“. Doch bei aller Modernisierung bleibt der archaische Umriss der Heldenfigur, die da mit den dämonischen Naturkräften kämpft, unverkennbar.

Inwieweit das bloß an der Perspektive der Erzähler liegt, die das Geschehen in eine zweifelhafte Ferne rückt, lässt die Novelle in einem kunstvollen Mit- und Ineinander von freigeistiger Skepsis und phantastischem Aberglauben offen. Als Thomas Mann 1930 zu einer Theodor-Storm-Ausgabe das Nachwort schrieb und sich die geliebte Lektüre seiner Jugendjahre noch einmal vornahm, meinte er mit leisem Unbehagen, bei dem Dichter eine „unter dem Gesichtspunkt vernünftiger Selbstbeherrschung unzuverlässige Stellung des Dichters zu den spukhaften Elementen der Geschichte“ zu finden, eine „Neigung zum Aberglauben und Gespensterwesen“, einen „sehr starken Zug nordgermanischen Heidentums“.  

Doch Storm hat eben niemals eine philosophische Abhandlung geschrieben, aus der wir lesen könnten, was er außerhalb seiner Dichtungen wirklich glaubte. In einem Brief an den Schweizer Kollegen Gottfried Keller ärgerte sich Storm einmal über den Ägyptologen Georg Ebers, der mit seinen „Professorenromanen“ damals viel gelesen wurde, und sich negativ über die Kunstform der Novelle geäußert hatte. Storm nannte Ebers in seinem Brief abfällig einen „Juden“ - worauf Keller erwiderte, dazu, dass Dummheiten gesagt würden, brauche es keine Juden.

Statue Storms in Heiligenstadt
Bild: Markus Schweiß/
Wikipedia

War Storm ein „Antisemit“? Wahrscheinlicher ist es, dass er die Denk- und Sprachgewohnheiten seiner Zeit – Hand auf‘s Herz, verfahren wir heutzutage soviel anders? - halb und halb ungeprüft übernahm. Und dazu gehörte damals ein etwas naiver Determinismus, der weder zwischen Gruppe und Individuum noch zwischen Biologie und Geschichte so genau unterscheiden wollte. Novellen wie „Carsten Curator“ oder „Hans und Heinz Kirch“ lassen ahnen, wie schmerzlich es ihn traf, dass seine Söhne Schwierigkeiten hatten, im bürgerlichen Leben ihren Platz zu finden. Er führte das Desaster auf Charakterzüge zurück, die er in sich selbst lebendig wusste: eine Neigung zum bürgerlich unzuverlässigen Künstlertum.

Einen Ausgleich zwischen Determinismus und Freiheitswillen glaubte er, in der Philosophie Immanuel Kants gefunden zu haben. In einem seiner berühmtesten Gedichte stellte er eine, wie er es sah, heroische „Gesinnungs-“ und eine lasche „Verantwortungsethik“ einander gegenüber: „Der Eine fragt: was kommt danach? Der Andre fragt nur: ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht." Viele Biographen vermuten, dass hinter solchem Bemühen um Haltung auch eine Neigung stand, mit der Storm einen lebenslangen Kampf führte: Erotisch fühlte er sich zu sehr jungen Mädchen hingezogen, gerade im Übergang zur Pubertät.

Vergeblichkeit, Scheitern, ein sehnsuchtsvoller Rückblick auf das, was vielleicht sogar niemals wirklich war: der Grundton, der Storms Gedichte durchzieht. „Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai! Leben und Liebe – wie flog es vorbei!“ „Ich habe immer, immer dein gedacht. Ich möchte schlafen, aber du muss tanzen.“ Verse, die früheren Generationen allgegenwärtig waren und in ihrer Schwermut unendlich oft imitiert wurden, wie sonst die Gedichte von Goethe oder Heinrich Heine. Bereits Thomas Mann vermerkte, wie „erbarmungswürdig“ sich dieser Ton im Laufe der Generationen abnutzen musste. Vielleicht können wir heute, da so vieles aus Storms Werk inzwischen vergessen ist, ja wieder unbefangen darauf zurückgreifen und nachvollziehen, was Thomas Mann mit dem Satz meinte: „Die Lyrik Storms lehrt, dass Kunst noch in ihrer mildesten, gemüthaft innigsten Form ein Griff an die Kehle ist.“ Zum Beispiel in dem Gedicht „Beginn des Endes“, worin der Dichter über jenen „Punkt“ sinnierte: „So seltsam fremd wird dir die Welt, und leis‘ verläßt dich alles Hoffen, bis du es endlich, endlich weißt, daß dich des Todes Pfeil getroffen."


Mehr im Internet:

Theodor Storm - Wikipedia
scienzz artikel Deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet