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17.09.2017 - KALENDER

Neujahr, bevor der Herbst beginnt

Allerlei Jahresanfaenge - eine Tour d'horizon durch die Kalendersysteme

von Josef Tutsch

 
 

Schofarblasen zum jüdischen Neujahr
Bild: Lilach Daniel/Wikipedia

Am 21. September ist Neujahr. Wenn Sie das nicht glauben wollen: Es hat schon seine Richtigkeit. Die Juden beginnen am 21. September 2017 das Jahr 5778 nach Erschaffung der Welt, die Muslime am selben Tag das Jahr 1439 nach der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina.

Das Datum resultiert aus dem Zusammenspiel der verschiedenen Kalendersysteme. Denn die Kalender dieser beiden Weltreligionen folgen anderen Regeln als der Gregorianische Kalender, wie wir ihn im Westen gewohnt sind. Der Islam rechnet mit einem Jahr von zwölf Monaten, die in ihrer Länge jeweils etwa dem Mondzyklus entsprechen. Die Summe ist jedoch gegenüber dem Sonnenjahr um ca. elf Tage zu kurz, der Neujahrstermin wandert also durch das gregorianische Jahr. Das Judentum legt ebenfalls ein Mondjahr zugrunde. Aber etwa alle drei Jahre wird ein dreizehnter Monat eingeschaltet, damit die Übereinstimmung mit dem Wechsel der Jahreszeiten erhalten bleibt. Neujahr liegt damit immer im September oder Oktober.

Solarkalender, Lunarkalender, Lunisolarkalender, wie die Experten sagen. Dass die Frage, welches System gilt, auch ganz praktisch von Bedeutung sein kann, zeigt das Beispiel Japan. Am 1. Januar 1873 ging das Reich der aufgehenden Sonne von seinem traditionellen Lunisolarkalender zum gregorianischen System über. Das war als Modernisierungsmaßnahme gedacht, hatte aber noch einen Nebeneffekt. Eigentlich wäre in diesem Jahr ein Schaltmonat fällig gewesen. Durch die Umstellung ersparte es sich die kaiserliche Regierung, ihren Beamten ein dreizehntes Monatsgehalt zahlen zu müssen.

In den frühen Ackerbauerkulturen wird es eine Hauptaufgabe der intellektuellen Eliten gewesen sein, die Rhythmen von Mond und Sonne miteinander in Übereinstimmung zu bringen. Die Jäger und Sammler in den vielen Jahrtausenden zuvor hatten sich noch weitgehend nach dem Mondzyklus gerichtet, der ja auch viel einfacher zu messen war als jener der Sonne. Der Einbruch des Winters musste als eine Naturkatastrophe hingenommen werden. Nachdem die Landwirtschaft erfunden war, wurde es lebens- und überlebenswichtig, den Ablauf der Jahreszeiten zu beobachten. Der richtige Zeitpunkt für die Aussaat durfte auf keinen Fall verpasst werden, wenn die Gemeinschaft nicht Hunger leiden sollte.

Doch daneben hielten sich die uralten religiösen Riten, die dem Zyklus des Mondes folgten. Wahrscheinlich war eine Folge von zwölf Monaten, denen alle paar Jahre ein dreizehnter angefügt wurde, im vorgeschichtlichen Europa und Vorderasien der gängige Kalendertyp. Die Himmelsscheibe von Nebra lässt darauf schließen, dass man sich in Mitteleuropa um 2.000 v. Chr. nach dem Aufgang der Plejaden am Horizont richtete. Natürlich hing die Möglichkeit, die Sterne zu beobachten, auch vom Wetter ab, das brachte eine zusätzliche Ungewissheit. Bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. jedoch fanden babylonische Astronomen für die Schaltmonate eine Formel, die den Kalender vom Wetter unabhängig machte und dem tatsächlichen Rhythmus der Jahreszeiten recht nahe kam: zwölf Jahre zu zwölf Monaten plus sieben Jahre zu 13 Monaten.

Passionsspiele zum shiitischen Naujahr,
von Fausto Zonaro, 1909
Bild: Wikipedia


Die alte Gewohnheit, den Kalender nach empirischen Daten zu bestimmen, Jahr für Jahr von neuem, hat sich jedoch lange gehalten, wenn nicht für ganze Monate, dann doch für einzelne Tage. In Jerusalem zur Zeit Jesu war es üblich, sich in der Nacht nach dem letzten Neumond im Winter auf der Stadtmauer zu versammeln. Konnten glaubwürdige Zeugen das erste „Neulicht“ wirklich wahrnehmen, galt der folgende Tag als der erste des Monats Nisan. Boten wurden in alle Welt geschickt, um den genauen Termin des Passachfestes zwei Wochen danach bekannt zu machen. Dass der alte jüdische Kalender nicht nur von den Sternen, sondern auch vom Wetter abhing, verwehrt es den Historikern bis heute, Todestag und Todesjahr Jesu nach den Angaben in den Evangelien präzise zu bestimmen. Der Theorie nach gilt die Regel, dass der Kalender nach der Aussage glaubwürdiger Zeugen zu berechnen ist, im Islam bis heute. Aber es ist klar, dass Astronomen vorausberechnen, wann das Neulicht ansteht.

Von welchem Tag an jeweils ein neues Jahr zu zählen ist, bleibt natürlich in jedem Kalendersystem willkürlich. Weit verbreitet sind Termine zu Beginn des Frühjahrs oder kurz zuvor, also im Blick auf die kommende Aussaat. Zum Beispiel im chinesischen Lunisolarkalender fällt Neujahr zwischen den 21. Januar und den 21. Februar. 2017 begann das „Jahr des Feuer-Hahns“ am 28. Januar. Im Altertum eröffnete auch das jüdische Jahr mit dem Monat Nisan, März/April. Dass im 4. Jahrhundert auf den heute üblichen Neujahrstermin mit dem Monat Tischri, September/Oktober umgestellt wurde, könnte mit dem Christentum zusammenhängen, das inzwischen zur Herrschaft gelangt war: Es sollte vermieden werden, dass das jüdische Neujahrsfest in die christliche Fastenzeit vor Ostern fiel.

Der Mönch Dionysius Exiguus hatte, als er im 5. Jahrhundert den christlichen Kalender neu ordnete, ebenfalls einen Frühjahrstermin für den Jahresanfang im Sinn: das Fest Mariä Empfängnis am 25. März, neun Monate vor Weihnachten. Das war theologisch konsequent gedacht: Mit der Inkarnation des Gottessohnes begann die Welt sozusagen von neuem, und tatsächlich wurde diese Regelung oft praktiziert, aber in Konkurrenz zu Weihnachten, dem Fest der Geburt, und Ostern, dem Fest der Auferstehung des Erlösers.

Langfristig durchgesetzt haben sich all diese Anfangstermine, die von der christlichen Heilsgeschichte her gedacht waren, nicht. 1753 gab England als eines der letzten europäischen Länder den 25. März auf und wechselte zum 1. Januar. Seitdem ist dieser Termin in Europa nur noch selten in Frage gestellt worden. So datierte die Französische Revolution ihr „Jahr I der Freiheit“ vom Tag nach dem Sturm auf die Bastille an, dem 15. Juli. Ähnlich träumte Benito Mussolini zeitweise davon, mit dem „Marsch auf Rom“ am 28. Oktober 1922 eine neue Zeitrechnung beginnen zu lassen. Von 1582 an gab es allerdings einige Verwirrung, weil Papst Gregor XIII. seine Kalenderreform mit den protestantischen Staaten nicht abgesprochen hatte. Für mehr als ein Jahrhundert „hinkte“ der protestantische Kalender dem katholischen zehn Tage hinterher. Zum Beispiel in der konfessionell gemischten Stadt Regensburg ergab sich dadurch die Situation, dass die katholischen Klöster im Stadtgebiet bereits das neue Jahr zählten, während die protestantischen Bürger der Stadt das Weihnachtsfest noch vor sich hatten.

Neujahrsdekoration in Chinatown, London
Bild: Oliver Spalt/Wikipedia


Die orthodoxen Länder im Osten Europas haben sich dem gregorianischen Kalender sogar erst im 20. Jahrhundert angeschlossen. Teile der griechisch-orthodoxen Kirchen halten für den liturgischen Gebrauch bis heute am alten, julianischen Kalender fest, Neujahr liegt dann am 14. Januar „gregorianischen Stils“. Vor allem im Wirtschaftsleben hat sich der Gregorianische Kalender aber weltweit durchgesetzt – mit der Folge, dass viele Menschen, die von anderen religiösen oder kulturellen Traditionen geprägt sind, sozusagen in zwei Welten leben.

So etwas wie Silvesternacht zum Neuen Jahr mit viel Feuerwerk, wie wir das sowohl im Westen als auch in China kennen, ist übrigens weder unter Juden noch unter Muslimen üblich geworden. Im Judentum gelten die ersten zehn Tage des Jahres als die „Zehn ehrfurchtsvollen Tage“, als eine Zeit der Reue und der Umkehr. Am Ende steht das Versöhnungsfest Jom Kippur, ein strenger Ruhe- und Fastentag. Im shiitischen Islam und bei den Aleviten hat diese Zeit sogar eine ähnliche Stellung wie die Passionswoche im Christentum: Man gedenkt des Prophetenenkels Husain, der 680 in den innerislamischen Machtkämpfen ums Leben kam und als Märtyrer verehrt wird. Im Iran finden theatralische Aufführungen statt, vergleichbar den christlichen Passionsspielen zu Karfreitag, wie man sie etwa aus dem Alpenraum kennt.

Ganz fremd waren solche ernsten Töne aber auch dem westlichen Neujahrstag früher nicht. „Am achten Tag nach der Geburt bringt der göttliche Heiland das erste Opfer seines unschuldigen Fleisches in der Beschneidung dar“, ist im „Schott“ zu lesen, dem „Messbuch der heiligen Kirche“, Ausgabe von 1935. Dadurch dass seit dem 4. Jahrhundert das Weihnachtsfest am 25. Dezember gefeiert wurde, fiel der Beginn des bürgerlichen römischen Jahres mit dem Tag zusammen, an dem Jesus nach jüdischem Ritus beschnitten worden war. Diesen Brauch hatte das Christentum bereits in den ersten Jahrzehnten nach Jesu Tod abgelegt. Das blutige Zeichen der Aufnahme des Jesuskindes in die Religion seiner Väter wurde zum ersten Kapitel der Leidensgeschichte umgedeutet.

Doch die Tradition eines weltlich begründeten Neujahrstermins, wie sie vom Römischen Reich herrührte, erwies sich am Ende als stärker. Irgendwie selbstverständlich ist der 1. Januar dabei keineswegs. Im alten Rom war zunächst der 1. März üblich gewesen. Doch das erwies sich als unpraktisch: Zu dieser Zeit befanden sich die Spitzenpolitiker auf Feldzügen fernab von Rom und konnten nicht gleichzeitig für Ämter kandidieren. So wurde der Termin für den Wechsel der Amtszeiten 153 v. Chr. auf den 1. Januar vorgezogen. Die alte Regelung lebt bis heute in einigen Monatsnamen fort: „September“ bedeutet nicht etwa „der neunte“, sondern „der siebte Monat“, usw. bis zum Dezember, dem „zehnten“.


Mehr im Internet:

Meujahr - Wikipedia
scienzz artikel Kalender

 

 

 

 

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