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07.09.2017 - MEDIENGESCHICHTE

Kurz gesagt und lang gedacht?

Kleine Formen, kurze Texte, von den Vorsokratikern bis zum Twittern

von Josef Tutsch

 
 

Heraklit, von Johan Moreelse,
um 1630 (Centraal Museum
Utrecht) - Bild: Wikipedia

Ein Haiku umfasst genau 31 Silben, ein Limerick fünf Zeilen, eine SMS, „Short Message“, höchstens 160 Zeichen, ein Tweet höchstens 140. „Kurzformen“ nennen die Philologen dergleichen. In diesen Fällen ist die Quantität sogar in Zahlen gefasst, ansonsten bleibt der Begriff der Kürze eher fließend. Als „kurz“ empfinden wir Texte, die wir in einem einzigen Durchgang aufnehmen können, sozusagen ohne innerlich zwischendurch Atem holen zu müssen, also zum Beispiel Witze, Anekdoten, Rätsel, Aphorismen.

„Kürze ist modern“, schreiben der Berliner Literaturwissenschaftler Michael Gamper und seine Hannoveraner Kollegin Ruth Mayer in ihrem neu erschienenen Sammelband zur „Mediengeschichte kleiner Formen“, und sicherlich dachten sie dabei nicht nur an die Aphorismen eines Georg Christoph Lichtenberg oder eben an japanische Haikus, sondern auch an die „Tweets“, über die heutzutage manche Spitzenpolitiker mit der Welt kommunizieren.

Oder denken manche sogar mit einer Obergrenze von 140 Zeichen? „Etwas Kurz-Gesagtes kann die Frucht und Ernte von vielem Lang-Gedachten sein“, zitiert die Potsdamer Romanistin Patricia A. Gwozdz in einem weiteren Sammelband zum Thema der literarischen Kürze, den die Augsburger Germanisten Franz Fromholzer, Mathias Mayer und Julian Werlitz herausgebracht haben, einen der großen Aphoristiker, Friedrich Nietzsche. „Kann“, wohlgemerkt, nicht „muss“. Gamper und Mayer verweisen auf ein fast zweitausend Jahre altes Lehrbuch der Redekunst. Im 2. Jahrhundert n. Chr. pries der Rhetoriklehrer Quintilian die Kürze als stilistische Tugend. Er sah aber auch die Gefahr, dass durch zuviel „brevitas“ ein Übermaß an „obscuritas“ entstehen könnte. Quintilian wird jenen Philosophen im Sinn gehabt haben, der in der Antike allgemein als „Der Dunkle“ bekannt war, Heraklit.

„Nanotextualität“ hat die Augsburger Forschergruppe ihren Band betitelt. Ob dieser Ausdruck so ganz glücklich gewählt ist, darf man bezweifeln. Laienhaft lässt sich von der Nanotechnologie sagen, dass ihre Gegenstände unterhalb dessen liegen, was unsere Sinne aufnehmen können – und das gilt für Sätze und Texte, wie kurz und knapp sie immer formuliert sein mögen, nun einmal nicht. Aber manches liegt unterhalb dessen, was das Publikum beifällig aufzunehmen bereit ist. 1912 bot Arnold Schönberg den Wienern in einem Konzert „Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg“. „Man bedenke, welche Enthaltsamkeit dazu gehört, sich so kurz zu fassen“, zitiert die Heidelberger Musikwissenschaftlerin Dorothea Redepenning eine Äußerung des Komponisten von 1924. „Jeder Blick lässt sich zu einem Gedicht, jeder Seufzer zu einem Roman ausdehne. Aber: einen Roman durch eine einzige Geste, ein Glück durch ein einziges Aufatmen auszudrücken …“

Georg-Christoph-Lichtenberg
Denkmal in Göttingen
Bild. SeSchu/Wikipedia

À propos „Ansichtskartentexte“: Als in den 1980er Jahren die SMS entwickelt wurde, orientierten sich die Urheber angeblich an dem Modell Postkarte. Aller Erfahrung nach genügten 160 – oder wie später beim Twittern 140 – Anschläge, um Kurzmitteilungen abzusetzen. An Weltpolitik werden sie weniger gedacht haben. An „hohe“ Literatur auch nicht. Als Thomas Mann 1924 seinen Roman „Der Zauberberg“ veröffentlichte, hob er in dem langen, langen Text einen einzigen Satz durch Kursivdruck hervor: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“

Der Romancier wird es so gesehen haben, dass beides seine Berechtigung hat, der umfängliche Roman und dieser eine kurze Satz – und dass es nicht sinnvoll sein kann, Roman und Aphorismus gegeneinander auszuspielen. Aber der Roman zeigt eben, dass das „kurz Gesagte“ in diesem Fall tatsächlich Frucht eines „lang Gedachten“ ist. Übrigens nicht nur von Thomas Mann selbst. Wie fleißige Philologen aufgedeckt haben, geht der Satz, vermittelt durch Nietzsche, mindestens bis auf den französischen Moralisten Vauvenargues zurück, der im 18. Jahrhundert bemerkte: „Der Gedanke an den Tod führt uns in die Irre, denn er bewirkt, dass wir zu leben vergessen."

Die Tradition der „kleinen“ oder „kurzen Formen“ lässt sich bis auf die Antike zurückführen: die aphorismenartig zugespitzten Sätze des „dunklen“ Philosophen Heraklit, die Tierfabeln eines Äsop, die Weisheitssprüche der Bibel … Einen großen Aufschwung nahm sie, wie Gamper und Mayer feststellen, mit dem Entstehen der Presse in der frühen Neuzeit: „Im Zuge dieser Neuordnung der Kommunikations- und Informationsökonomie gewannen Formate an Gewicht, die auf das Unbekannte und Neue kompakt zu reagieren versprachen.“ Die Geburt der Presse damals, vermerkt der Kölner Historiker Michael Homberg, brachte allerdings auch ein Phänomen mit sich, das uns heute nur allzu sehr vertraut ist: einer „radikalen Indifferenz“ gegenüber der Wahrheit dessen, was da an vermischten Nachrichten geboten wurde. Homberg zitiert den Schriftsteller Kaspar Stieler, 1695: „Zuvörderst muss dasjenige, was in die Zeitungen kommt, neu sein“, denn: „Neue Sachen sind und bleiben angenehm.“

Eine zusätzliche Aufwertung nahm „die Praxis der Verknappung und die Ästhetik der Kürze“ um die Wende zum 20. Jahrhundert. Die Germanistin Agnes Bidmon von der Universität Erlangen hat beobachtet, dass diese Entwicklung zeitlich mit einer Krise des Romans zusammenfiel: Die Werke von Thomas Mann und Robert Musil (oder im Englischen von James Joyce) entstanden gerade in der Auseinandersetzung mit dieser Krise des Erzählens, als ein großes „Dennoch“. „Steht hinter dieser Krise doch nichts weniger als die Frage nach der Möglichkeit und der angemessenen Weise der Darstellung einer Welt, die vom menschlichen Subjekt zunehmend als fragmentiert und von Kontingenz durchzogen erlebt wird“, schreibt Bidmon.

Dem Philosophen Hegel war dieser Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Kürze und der modernen Welt offenbar bereits im frühen 19. Jahrhundert aufgefallen. Der Philosoph Michael Großheim verweist auf den Aufsatz „Wer denkt abstrakt?“, in dem Hegel über die Möglichkeit reflektierte, dass ein Mörder, der zur Richtstätte geführt wird, den einen vielleicht als „kräftiger, schöner, interessanter Mann“ erscheint, den anderen bloß als Mörder und nichts weiter. Lebenspraktisch, meint Großmann, neigen wir dazu, aus der Fülle möglicher Aspekte nur diesen oder jenen herauszugreifen und unsere ganz und gar nicht zwangsläufige Auswahl absolut zu setzen.

Kommunikation heute
Bild: Tomwsulcer/Wikipedia


Komplexitätsüberforderung, wie die Systemtheoretiker sagen. In dem Band von Fromholzer, Mayer und Werlitz finden sich zwei Analysen, wie Schriftsteller des 20. Jahrhunderts mit dieser Situation umgegangen sind. Bertolt Brecht, schreibt Isabella Kuhn von der Universität Freiburg, verarbeitete den berühmten Satz des Heraklit „Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu“ zu seinem „Lied vom Fluss der Dinge“: „Wie oft du auch den Fluß ansiehst, der träge dahinzieht, nie siehst du dasselbe Wasser, nie kehrt es, das hinunterfließt, kein Tropfen von ihm, zu seinem Ursprung zurück.“

Brecht schob eine recht eindeutige Nutzanwendung hinterher: „Beharre nicht auf der Welle, die sich an deinem Fuß bricht, solange er im Wasser steht, werden sich neue Wellen an ihm brechen.“ Die Gegenposition, so Carsten Dutt von der Universität Heidelberg, lieferte Günter Eich. Ihm ging es bei seinem Minimalismus nicht um Gesellschaftsveränderung, sondern um eine neue Sprache, um eine Absage an das, „was man landläufig poetisch nennt“. „Die Kastanien blühen. Ich nehme es zur Kenntnis, äußere mich aber nicht dazu“, schrieb Eich in seinem Gedicht „Vorsicht“.

Eins allerdings verbindet die Gegensätze: Je knapper und sparsamer die Texte ausfallen, desto schwieriger wird für den Leser die Aufgabe der „Entzifferung“ - es gibt keinen Zusammenhang, an dem er sich festhalten könnte. Der Aphorismus wehrt, so der Zürcher Germanist Christian Walt, ein allzu hastiges Lesen, das sich der Anstrengung entziehen will, ab. Oder wie  Fromholzer, Mayer und Werlitz es formulieren: „Als experimentelle Denkform erteilt er der Systematik eine Absage und öffnet sich dadurch erst einem ethischen Horizont.“ Das ist aber vielleicht nur die eine Hälfte der Wahrheit. Ebenso gut kann der Leser durch das scheinbar Zwingende, das in der Kürze liegt, geblendet und verblendet werden.


Neu auf dem Büchermarkt:

Kurz & knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, herausgegeben von Michael Gamper und Ruth Mayer, transcript Verlag, Bielefeld 2017, 395 S., ISBN 978-3-8376-3556-0, 34,99 €

Nanotextualität. Ästhetik und Ethik minimalistischer Formen, herausgegeben von Franz Fromholzer, Matthias Mayer und Julian Werlitz, Fink Verlag, Paderborn 2017, 255 S., 15 Abb., ISBN 978-3-7705-6042-4, 49,90 €, 60,90 CHF



Mehr im Internet:

Kurzformen - Wikipedia
Kurz & knapp. Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Nanotextualität. Ästhetik und Ethik minimalistischer Formen
scienzz artikel Die Welt des Schreibens

 

 

 

 

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