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kultur

14.10.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

"Bisschen schneller sein als die Schnecke"

Zum 90. Geburtstag von Guenter Grass

von Josef Tutsch

 
 

Günter Grass (im Gespräch
mit Wolfgang Herles), 2006
Bild: Blaues Sofa/Wikipedia

Für große Teile der Literaturszene damals in Deutschland muss es eine Art von Weltuntergang gewesen sein. „Ich denke, dass ich keine Helden mehr habe“, schrieb der Journalist Franz Josef Wagner am 14. August 2006 in der „Bild“-Zeitung. Ob es Wagner mit seinem Ausrufen einer Heldendämmerung ganz ernst war, ist nicht so wichtig. Er wird gespürt haben, dass er vielen Lesern aus dem Herzen sprach: Ich denke, „dass ich traurig bin, weil es Günter Grass nicht mehr gibt“.

Grass‘ Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ war noch gar nicht auf dem Markt. Doch wenige Tage zuvor war in der „FAZ“ ein Interview von Franz Schirrmacher und Hubert Spiegel mit dem Nobelpreisträger erschienen, überschrieben „Warum ich nach sechzig Jahren mein Schweigen breche“, „Günter Grass spricht zum ersten Mal über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS“. Er habe sich im Zweiten Weltkrieg „zur Wehrmacht gemeldet“, erinnerte sich Grass, „mit fünfzehn wohl, und danach den Vorgang als Tatsache vergessen“. „Und auf einmal, ein Jahr später, lag der Einberufungsbefehl auf dem Tisch. Und dann stellte ich fest, es ist die Waffen-SS.“

Für das Publikum bedeutete das späte Bekenntnis einen Schock. Dass Günter Grass in der Schlussphase des Dritten Reiches als Luftwaffenhelder gedient hatte, war allgemein bekannt. Auch dass er als junger Mann bis zum Schluss an den Endsieg glauben wollte, hatte er längst offenbart. Aber dieses lebende Denkmal der deutschen Literatur, ein wiedererstandener Thomas Mann, wenn man so will, in der Uniform der Waffen-SS? Seit Anfang der 1960er Jahre war der Verfasser von Romanen wie „Die Blechtrommel“, „Hundejahre“ und „Der Butt“ auch durch sein politisches Engagement hervorgetreten, einerseits als Wahlkämpfer für die SPD, andererseits indem er Täter und Mitläufer des Nazi-Regimes anprangerte. Eine moralische Instanz, die allerdings, wie sich nun herausstellte, selbst einen hässlichen Flecken auf ihrer Biographie hatte. „Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe“, sagte Grass in dem Interview mit der „FAZ“. „Das musste raus, endlich.“

Ohne romanhafte Fiktionen, also auf einer Ebene, „wo die Seele keine Faxen macht“, um eine Formulierung aus Thomas Manns Roman „Der Erwählte“ aufzugreifen. Denn poetisch war „es“ längst „raus“, so jedenfalls wird Grass selbst es gesehen haben. „Lockend bleibt die Versuchung, sich in dritter Person zu verkappen“, begann er sein Erinnerungsbuch, in dem die aufsehenerregenden Enthüllung zu lesen war. Dass er „in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte“ zeichnen konnte, wie ihm 1999 das Nobelpreiskomitee nachrühmte, lag nicht zuletzt an seiner Kunst, auch in seinen Mitläufer-Figuren Seiten von sich selbst zu spiegeln.

Dabei ist der Singular „Gesicht“ in diesem Halbsatz nicht einmal so ganz treffend, Grass sah in der Geschichte, die in seiner Sicht vor allem Unheilsgeschichte war, eine unheilige Dreieinigkeit wirksam. Über dem Kampf gegen das hartnäckige Fortleben nationalsozialistischer Traditionen in der Bundesrepublik Deutschland wurde in der Öffentlichkeit viel weniger beachtet, dass sich seine Kritik – zum Ärger vieler Schriftstellerkollegen - ebenso gegen die andere Seite richtete, gegen die „Faschisten im Marxpelz“, wie er einmal sagte. Ein literarischer Kahlschlag, wie er von manchen Kollegen nach 1945 propagiert wurde, war eben nicht die Sache des großen Fabulierers, sein „Kahlschlag“ bezog sich auf die politischen Ideologien. Man könnte meinen, er hätte im katholischen Christentum, dem er durch seine Erziehung doch so eng verbunden war, einen Halt finden können: „Aufgewachsen bin ich zwischen dem Heiligen Geist und Hitlers Bild.“ Aber auch dort witterte er „totalitäre“ Tendenzen, sah in der jüdisch-christlichen Theologie der Geschichte sogar den Ursprung solcher Versuchungen.

Günter Grass mit Willy Brandt, 1972
Bild: monster4711/Wikipedia


Es darf spekuliert werden, was Grass heute zum radikalen Islamismus sagen würde. Jedenfalls bekannte er sich, „angeekelt vom christlich-marxistischen Hoffnungsquark“, zu einem radikalen Verzicht auf jede Art von Metaphysik: „Deshalb verlache ich jede Idee, die mir die letzte Ankunft, die endliche Ruhe des Steins auf dem Gipfel, verspricht.“ Eine Anspielung auf Albert Camus‘ „glücklichen Menschen“ Sisyphos, der weiß, dass er mit seinem Stein niemals den Gipfel erreichen kann – und der ihn dennoch unermüdlich den Berg hinauf wälzt. Als Grass 1972 ein Buch über sein politisches Engagement herausbrachte, fand er ein anderes Bild, das von der Schnecke: "Und was meinste mit Schnecke?""Die Schnecke, das ist der Fortschritt.""Und was issen Fortschritt?""Bisschen schneller sein als die Schnecke …"

Ganz ohne Hoffnung war Grass eben keineswegs. Gleich im nächsten Halbsatz allerdings ermahnte sich der Verfasser, das Schicksal des Sisyphos nicht zu vergessen: „... und nie ankommen, Kinder.“ Die Romane erlaubten es ihm, solche Komplexitäten mir ihrem Einerseits und Andererseits auszuschreiten. Daneben wirken seine Interventionen zur Tagespolitik oft recht einseitig. 1990 sprach er sich gegen die deutsche Wiedervereinigung aus: „Ich fürchte mich nicht nur vor dem aus zwei Staaten zu einem Staat vereinfachten Deutschland, ich lehne den Einheitsstaat ab und wäre erleichtert, wenn er – sei es durch deutsche Einsicht, sei es durch Einspruch der Nachbarn – nicht zustande käme.“ Anfang 2006 nannte er die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung „Jyllands Posten“ „rechtsradikal und fremdenfeindlich“, geißelte die Berufung auf die Meinungsfreiheit als „Heuchelei“. „Woher nimmt der Westen diese Arroganz, vorzugeben, was gemacht werden muß und was nicht?“

Hand auf‘s Herz: Ist es uns möglich, solche kommentarartigen Texte poetisch zu würdigen, ohne Rücksicht auf das, was unvermeidlich kontrovers bleiben muss? Dieselbe Frage stellt sich bei einigen späten Gedichten, mit denen Grass kommentarartig in die Tagespolitik eingreifen wollte. „Was gesagt werden muss“, 2012, befasste sich mit der Lieferung von U-Booten, die mit Atomwaffen ausgerüstet werden konnten, durch Deutschland an den Staat Israel. Der Vorwurf des Antisemitismus erweist sich bei genauer Lektüre als gegenstandslos, Grass traute eben bloß der israelischen Regierung einiges Schlimme zu. Aber es bleibt der unbehagliche Eindruck, dass der Dichter das strategische Kalkül hinter solchen U-Booten (nämlich die Fähigkeit zu einem atomaren Gegenschlag auch dann noch aufrechtzuerhalten, nachdem das eigene Land durch den Gegner längst zerstört ist) nicht im geringsten reflektiert hat. Eine Nachlässigkeit, die das gesamte Konzept der littérature engagée im Ergebnis doch arg entwertet. Oder wenige Wochen später das Gedicht „Europas Schande“, zur Krise der griechischen Staatsfinanzen: „Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, dessen Geist Dich, Europa erdachte.“ Da stellt sich unvermeidlich die Frage, ob die wirtschafts- und finanzpolitischen Probleme der Gegenwart wirklich durch einen Verweis auf die Geistesgeschichte zu lösen sind.

Gegen Grass‘ frühere Gedichte hatte Schriftsteller-Kollege Heiner Müller zwei andere Einwände vorgetragen. Erstens: „Aufgabe der Dichtung bleibt die Verteidigung des Menschen gegen seine Verwurstung und Verdinglichung. Leute wie Grass haben uns, wir haben ihnen nichts zu sagen.“ Und zweitens: „Die Gedichte von Günter Grass sind rhythmisch kraftlos, Assoziationsreihen ohne Struktur.“ Ein Missverstehen, zweifellos. Grass‘ Lyrik besitzt durchaus ihre charakteristische Sprachmelodie. Aber diese Melodie hat eben nichts Lied- oder Arienhaftes an sich, der Kölner Germanist Werner Frizen hat von einem „Parlando“ gesprochen.

Was wird bleiben, außer natürlich der „Danziger Trilogie“, deren erster Band, „Die Blechtrommel“, 1959 Grass mit einem Schlag zu einem der repräsentativen Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur machte? Vielleicht die unterhaltsame Erzählung vom „Treffen in Telgte“ - die deutsche Literaturszene nach dem Zweiten Weltkrieg versetzt in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Und unter den großen Romanen sicherlich „Der Butt“, Grass‘ Panorama von vier Jahrtausenden Menschheitsgeschichte, fokussiert auf die Danziger Bucht – der Nobelpreisträger hat sich zeitlebens als Bürger seiner Heimatstadt Danzig gefühlt, die ihm 1993 wegen seiner Verdienste um die deutsch-polnische Versöhnung auch die Ehrenbürgerwürde verlieh.  In der anderen großen Hansestadt Lübeck, der Geburtsstadt Thomas Manns, vor deren Toren er viele Jahre lebte, spürte er wohl eine Art Wahlverwandtschaft.

"Der Butt", Plastik von Günter
Grass, Sønderborg (Danmark)
Bild: Roland Steinebach/
Wikipedia


Ein großer Märchen- und Mythenroman, die Hauptfiguren entstammen dem Grimmschen Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“. Eine lange, lange Reflexion über die Frage, was „Fortschritt“ ist und was er taugt. „Die Steinzeit ist schön, ums Feuer sitzen: gemütlich. Weil eine Frau das Feuer vom Himmel geholt hat, herrschen die Frauen erträglich.“ Liegt der Sündenfall der Geschichte womöglich darin, dass die Männer irgendwann eine „griffige Utopie“ aufbrachten? Ein Mann hat „seine Axt aus Bronze gemacht“. Jetzt „diskutiert die Horde, ob Bronze Fortschritt ist oder was“.

Vielleicht das Buch, in dem Grass seine komplexe Sicht auf Welt und Geschichte am souveränsten zur Erzählung brachte. Dass es aus dem späten 20. Jahrhundert wenige von Männern geschriebene Bücher geben wird, die das Patriarchat so rückhaltlos zum Problem erklärten wie eben „Der Butt“, bewahrte aber nicht davor, dass die Frauenzeitschrift „Emma“ ihn mit dem Titel „Pascha des Monats“ bedachte. In der Tat, auch die Frauenbewegung entging nicht seiner Kritik: Wenn männliche Machtausübung von Frauen imitiert wird, zeigt eines der Kapitel, läuft die Geschichte so finster weiter wie zuvor. Auch nicht seiner Spottlust. Einer sektiererischen Frauengruppe, die eine „radikale Rückkehr zu neolithischen Zuständen“ auf ihre Fahnen geschrieben hat, gab Grass den hübschen Namen „Roter Pisspott“.


Mehr im Internet:

Günter Grass - Wikipedia
scienzz artikel Klassiker der modernen deutschen Literatur

 

 

 

 

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