Berlin, den 17.12.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

19.09.2017 - MITTELALTER

Der Koenig, der seine eigene Legende inszenierte

Das Historische Museum der Pfalz zeigt eine Ausstellung ueber Richard Loewenherz

von Josef Tutsch

 
 

Richard Löwenherz, Liegefigur vom
Grab in Fontevraud, um 1200
Bild: akg-images/Erich Lessing

Für einige Monate verwandeln sich die Ausstellungsräume des Historischen Museums der Pfalz sozusagen in den Vorplatz von Westminster. Aus dem Besitz von Her Majesty Queen Elizabeth II ist die verkleinerte Nachbildung des Bronzedenkmals für König Richard Löwenherz, das seit 1860 vor den Houses of Parliament steht, nach Speyer gekommen, in die Landesausstellung Rheinland-Pfalz über König Richard Löwenherz. Mit hoch erhobenem Schwert reitet Richard – im Original ist er einschließlich Pferd und Podest neun Meter hoch – dem Feind entgegen.

Richard Löwenherz – „bis in die heutige Zeit dominiert im öffentlichen Bewusstsein das legendenhaft verklärte Bild vom idealen Ritter und tatkräftigen König“, konstatiert die Historikerin Sabine Kaufmann. Ein Bild, das in eigentümlichem Kontrast zur Bewertung bei vielen Geschichtswissenschaftlern steht. „Ein schlechter König“, urteilte zum Beispiel Steven Runciman, der Historiker der Kreuzzüge, setzte allerdings auch gleich hinzu: „ein edelmütiger und großartiger Krieger“.

Im kollektiven Gedächtnis hat der „großartige Krieger“ den „schlechten König“ weitgehend überdeckt. Kaufmann ist sogar zu dem Eindruck gelangt, dass Richard selbst bereits in jungen Jahren, als er unter seinem Vater, König Heinrich II. von England, noch Herzog von Aquitanien war, „nach Kräften an seiner eigenen Glorifizierung und Idealisierung als idealer Ritter“ arbeitete. Er umgab sich mit zahlreichen Troubadouren, die seine überragenden ritterlichen Tugenden zu preisen hatten. Die Rechnung ging auf. Vielleicht schon bald nach Richards frühem Tod 1199, erklärt Kaufmann, entstand die Legende, während seiner Gefangenschaft in Deutschland habe der König mit einem Löwen kämpfen müssen. Er habe ihm mit bloßen Händen das Herz aus der Brust gerissen und es dann „ohne Brot“, nur mit Salz bestreut, verzehrt.

Aber die Entstehung des „Mythos Richard Löwenherz“ ist nur einer der Aspekte, die in der Ausstellung zu ihrem Recht kommen. Im Mittelpunkt stehen der „historische“ Richard – soweit man ihn überhaupt zu fassen bekommt – und seine Zeit. Fast 200 Statuen und Handschriften, Waffen ebenso wie gottesdienstliche Gegenstände. An einer Stelle könnte dem Besucher leicht makaber werden. Auf einem schlichten Bleikästchen, das aus der Schatzkammer der Kathedrale Notre Dame in Rouen gekommen ist, liest man die Inschrift „Hier liegt das Herz von Richard, König von England“. Im Frühjahr 1199 war der König bei der Belagerung der aquitanischen Burg Chalus zu Tode gekommen. Doch das Kästchen ist leer, „das zu Staub zerfallene Herz ist nicht Teil der Ausstellung“, versichert eine Anmerkung.

Sicherlich wollte der König mit seinem Herzen noch im Tod den Herrschaftsanspruch seines Hauses im nördlichen und westlichen Frankreich kundtun. Der Leichnam wurde in der Abtei Fontevraud im Anjou beigesetzt. Die überlebensgroßen Liegefiguren Richards und seiner Eltern, obgleich „bloß“ Gipsabgüsse, gehören zweifellos zu den beeindruckendsten Werken in der Speyerer Ausstellung – sichtbare Zeugen des sogenannten „Angevinischen Reiches“, das die englischen Könige aus der Dynastie der Plantagenets damals beherrschten, von der schottischen Grenze bis zu den Pyrenäen. „Aus nationalstaatlicher Sicht war dieses Reich von vornherein zum Scheitern verurteilt“, stellt der Hamburger Historiker Jürgen Sarnovsky fest. Aber „sowohl König Heinrich II. wie auch seine Söhne Richard Löwenherz und später Johann Ohneland betrieben erheblichen Aufwand, um diese Besitzungen für ihre Erben zu bewahren“. Jenseits der großen Politik muss in diesem Reich auch die Kultur geblüht haben: Kostbare Emailarbeiten aus Limoges belegen in der Ausstellung den hohen Stand des Kunstgewerbes.

Miniatur mit Szenen aus Richards Leben,
um 1290 (The British Library, London)
Bild: The British Library Board


Nur einen kleinen Teil seiner zehn Regierungsjahre verbrachte Richard in England, ansonsten war er auf Feldzügen unterwegs. Manche Chronisten damals, berichtet der englische Historiker John Gillingham, murrten über die hohen Steuern, die er seinen Untertanen abverlangte. Aber – und das kennzeichnet frappant den Unterschied zwischen moderner und mittelalterlicher Sichtweise – niemand bezweifelte, dass dieses viele Geld für gute Zwecke ausgegeben wurde: für die Rückgewinnung von Gebieten in Frankreich, die einmal Richards Vorfahren gehört hatten, und vor allem für den Kreuzzug, die „Befreiung“ Jerusalems von den „Ungläubigen“. In Speyer ist ein vergoldetes Reliquiar aus Limoges zu sehen. Es wurde für einen Holzsplitter angefertigt, von dem man glaubte, er stamme vom Kreuze Christi. Der religiöse Gegensatz rechtfertigte selbst Verstöße gegen den ritterlichen Ehrenkodex, den von Runciman beschworenen Edelmut. So ließ Richard nach der Eroberung der Festung Akkon 1191 die muslimische Besatzung kurzerhand hinrichten.

Als spätere Historiker, meint Gillingham, die Kreuzzüge für „unsinniges Blutvergießen und sinnlose Geldverschwendung“ erklärten, „wurde Richard zu dem König, der England vernachlässigt hatte“. In der schönen Literatur und im Kino ist dieses abfällige Urteil nicht einmal durchgedrungen. Vor allem durch die zahllosen Bearbeitungen der Geschichte vom „edlen Räuber“ Robin Hood hat sich das Bild eingeprägt, dass der weise Herrscher und große Held Richard auf dem Kreuzzug für seine Ideale kämpfte - während sein unfähiger und hinterhältiger Bruder Johann das Land veruntreute.

Ganz gerecht, meint Sebastian Zanke vom Historischen Museum der Pfalz, können solche Schwarz-Weiß-Gemälde schon deshalb nicht sein, weil sich gerade im 12. Jahrhundert in der Staatsverwaltung ein Versachlichungs- und Verschriftlichungsschub ergeben hatte. Bereits Richard Vater Heinrich hatte ein eigenes „Schatzamt“ geschaffen, mit ausdifferenzierter Buchhaltung. Um 1200, bilanziert der Kulturwissenschaftler Grischa Vercamer, war England das vermutlich modernste Lands Europas. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet diese effektive Finanzverwaltung ermöglichte es Herzog Leopold V. von Österreich und dem Römisch-Deutschen Kaiser Heinrich VI., für Richards Freilassung 1193 die immense Summe von 100.000 Mark Silber zu erpressen. Im Jahr zuvor war der König auf der Rückkehr vom Kreuzzug bei Wien festgesetzt worden. Nach den ethischen Maßstäben der Zeit ein ungeheuerlicher Vorgang: Teilnehmer am Kreuzzug waren durch päpstliches Privileg ausdrücklich geschützt.

Dahinter standen allerlei persönliche und politische Querelen zwischen den Regierenden Europas. So verübelte der Kaiser Richard seine Verbindung zu Heinrich dem Löwen, der in Deutschland die Fürstenopposition anführte – jenem Heinrich, von dem über 24 Generationen hinweg auch die amtierende Königin von Großbritannien und Nordirland abstammt. Aber in der Hauptsache, meint Vercamer, ging es Heinrich und Leopold wohl doch um das Geld, das sie sich von dem Menschenraub erhofften. Aus der Gefangenschaft heraus konnte Richard übrigens weiterregieren. Urkunden in der Ausstellung belegen seine ungehinderte Verbindung mit der königlichen Kanzlei in London.

Was für den lebenden Richard eine große Schmach war, machte ihn postum erst recht zur Legende: Er wurde „der berühmteste Gefangene des gesamten Mittelalters“, sagte der Kurator Alexander Schubert zur Eröffnung der Schau. Mehr als ein Jahr lang wurde der König festgehalten, unter anderem auf Burg Dürnstein in Niederösterreich und auf Burg Trifels bei Landau in der Pfalz. Zeitweise saß er auch in Speyer – dass die Ausstellung gerade dort stattfindet, hat also einen biographischen Anknüpfungspunkt. Offenbar hatte er auch Muße, zu dichten und zu musizieren. In einem Lied, das zugleich so etwas wie ein „offener Brief“ war, bat er seine Vasallen, das Lösegeld aufzubringen. Und zugleich wandte er sich scharf gegen den französischen König Philipp II. Augustus, der die Gunst der Stunde nutzte, um sich einiger Grenzgebiete zu bemächtigen.

Bromnzedenkmal von Carlo Maroc-
chetti, Westminster, London 1860
Bild: Dennis Gilbert


Ganz nebenbei setzte, so der Heidelberger Literaturhistoriker Jörg Peltzer, Richards Gefangenschaft einen ungeheuer folgenreichen „Kulturtransfer“ in Gang.  Um 1200, kurz nach Richards Tod, schrieb der Dichter Ulrich von Zatzikoven seinen Versroman „Lanzelet“. Diese Geschichte, vermerkte Ulrich, verdanke er einem gewissen „Huc de Morville“, der nach Richards Freilassung an den Hof Heinrichs VI. gekommen sei, um für das Lösegeld zu bürgen. Er habe dieses „welsche Buch“ mit sich geführt - die Liebesgeschichte von Königin Guinevere, der Ehefrau von König Artus, und ihrem Ritter Lancelot, eines der beliebtesten literarischen Sujets aller Zeiten, bis ins Kino von heute.

Ob Ulrichs Leser am kaiserlichen Hof die politischen Implikationen der Geschichte zu würdigen wussten? Vieles deute darauf hin, schreibt Schubert, „dass Richard sich ganz bewusst als Nachfolger des mythologisch überlieferten Königs Artus inszenierte“. In der Ausstellung ist eine zeitgenössische Handschrift von Geoffroy of Monmouth „Historia regum Britanniae“ zu sehen, die den legendären Herrscher in den 1130er Jahren erstmals als frühen Höhepunkt der englischen Geschichte dargestellt hatte. Kurz nach seiner Krönung 1189 ließ Richard im altehrwürdigen Kloster Glastonbury Ausgrabungen durchführen. Und siehe da, das Grab seines sagenhaften Vorgängers wurde „gefunden“. Richard und seine Nachfolger entfalteten darum einen weltlichen Reliquienkult. Richards Zeitgenosse Roger of Hoveden behauptete sogar allen Ernstes, der König habe Excalibur, Artus‘ unbesiegbar machendes Schwert, geführt. Der Verdacht ist schwer von der Hand zu weisen, dass Richard dieses Gerücht als geschickter Propagandist in eigener Sache selbst in die Welt gesetzt haben wird.


Austellung:

Richard Löwenherz. König – Ritter – Gefangener,
bis 15. April 2018 im Historischen Museum der Pfalz, Speyer



Neu auf dem Büchermarkt:

Richard Löwenherz. König – Ritter – Gefangener, herausgegeben von Alexander Schubert für die Stiftung Historisches Museum der Pfalz, Speyer, Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2017, 416 S. mit 387 farb. u. 7 s/w. Ill., ISBN 978-3-7954-3165-5, 34,95 €



Mehr im Internet:

Richard Löwenherz - Wikipedia
Ausstellung Richard Löwenherz. König – Ritter – Gefangener
scienzz artikel Hohes Mittelalter

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet