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24.09.2017 - ANTHROPOLOGIE

Die Aussenwelt beruehren und be-greifen

Der Tastsinn in Alltag, Wissenschaft und Kunnst

von Josef Tutsch

 
 

Pontifikalhandschuh des
Salzburger Erzbischofs
Wolf Dietrich v.n Raitenau
1588 (Salzburgmuseum)
Bild: WolfD59/Wikipedia

In Platons Höhlengleichnis sind die Menschen in ihrer höhlenartigen Behausung an Schenkeln und Nacken derart starr gefesselt, dass sie ihren Blick auf nichts anderes richten können als auf die Wand vor ihnen. Sie sehen nur die Schatten, die von einer Lichtquelle hinter ihnen auf die Wand geworfen werden, und unvermeidlich meinen sie, die Schatten seien das Einzige, was existiert. Durch das Denken freilich, mit seinem inneren Auge, meinte Platon, könnte der eine oder andere diese Täuschung vielleicht hinter sich lassen und zur Erkenntnis der wahren Verhältnisse vordringen.

Platons Kritik der sinnlichen Wahrnehmung hat das abendländische Denken über zweieinhalb Jahrtausende hinweg geprägt. Und soweit die Leistung unserer Sinnesorgane überhaupt gewürdigt wurde, gab es eine recht eindeutige Rangordnung: Gesichts- und Hörsinn galten als die beiden höchsten. Daneben fielen das Riechen und das Schmecken deutlich ab, sie wurden gern als „tierisch“ verrufen. Und was den Tastsinn betrifft: Der direkte „Zugriff“ auf die Außenwelt suggeriert besondere Verlässlichkeit; da scheint eine Sinnestäuschung eher auszuschließen, als wenn wir etwas bloß zu sehen oder zu hören meinen. Aber vielleicht ist er ja auch geeignet, unsere Distanz gegenüber den Dingen zu gefährden, die Souveränität unseres Ichs in Frage zu stellen?

Forscher der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, kurz „Kunstuniversität Linz“, haben jetzt einen Sammelband mit Beiträgen zum Thema „Tuchfühlung“ herausgebracht. Der Untertitel „Eine Wissensgeschichte des Tastsinns“ könnte den Leser allerdings in die Irre führen. Ein Großteil der Artikel befasst sich gar nicht mit der Geschichte, sondern mit Gegenwartskunst. „Ich meine, man könnte eine Geschichte der Theorie der Medien und der Künste im 20. Jahrhundert vom Tasten, Greifen, Angreifen, Berühren und Projizieren her schreiben“, skizziert die Herausgeberin des Bandes, Karin Harrasser, in der Einleitung das Konzept der Forschergruppe. Und soweit historische Fragen behandelt werden, bietet der Band weniger den Versuch einer Entwicklungsgeschichte als Stichproben, die in ihrer Reihung den Eindruck der Zufälligkeit vermitteln.

So berichten der Psychosomatiker Martin Dornberg und der Medienkünstler Daniel Fetzner von künstlerischen Projekten zum Thema „Taktilität“. Dass einige dieser Projekte unter dem Titel „Müll“ stehen, mag den Leser zunächst überraschen, führt dann jedoch zur Einsicht in ein entscheidendes Charakteristikum unserer Gegenwart. Der industrielle Fortschritt ermöglicht es dem Menschen heute mehr als in jeder Epoche zuvor, die Welt nicht nur mit Auge und Ohr aufzunehmen, sondern mit seinen technisch erweiterten Händen in sie einzugreifen, sie zu verändern. Wenn man so will, ziehen Dornberg und Fetzner das Fazit, kann man das Feuer der Müllverbrennung als konsequentes Ergebnis dieser „absoluten Haptik oder Taktilität“ sehen: Alles ist „angeeignet, ausgelöscht, annihiliert“. Kurzum: Das paradoxe Ergebnis unseres allzu handfesten Umgangs mit den Gegenständen kann sein, dass nichts mehr bleibt, was sich anfassen ließe.

Aber natürlich sind solche künstlerischen Visionen vom Aufgehen der Welt in der Müllverbrennung nicht die ganze Wahrheit über den Tastsinn. Die Potsdamer Medienwissenschaftlerin Marie-Luise Angerer verweist auf den französischen Schriftsteller Denis Diderot, der 1769 den gängigen „Platonismus“ des abendländischen Denkens sozusagen von der anderen Seite her problematisierte. Diderot stellte die provozierende Frage, ob es überhaupt nötig sei, bei unseren Empfindungen ein empfindendes Ich vorauszusetzen. Er verglich den Menschen mit einem Klavier: „Unsere Sinne sind soundso viele Tasten, die von der uns umgebenden Natur angeschlagen werden und sich oft auch von selbst anschlagen.“ „Es findet ein Eindruck statt, der seine Ursache innerhalb und außerhalb des Instruments hat, und es folgt eine Empfindung, die von diesem Eindruck herrührt.“

Jan Sanraedam: Platons Höhle, 1604
(British Museum, London) - Bild: Wikipedia


Nun, darauf hat Immanuel Kant eine Generation später eine klare Antwort gegeben: „Das ‚Ich denke‘ muß alle meine Vorstellungen begleiten können‘“, sonst würde die Vorstellung „entweder unmöglich oder wenigstens für mich nichts sein“. Anders gesagt: Haben Ausdrücke wie „Empfindungen“ oder „Vorstellungen“ überhaupt Sinn, wenn man nicht ein Ich voraussetzt, dass etwas empfindet und sich etwas vorstellt? Doch da hat die Biologie spätestens seit Charles Darwin eine zusätzliche Komplikation gebracht. Wie immer man den menschlichen Verstand einschätzen mag – unsere Sinneswahrnehmung jedenfalls teilen wir mit den anderen Tieren. Müssen wir so etwas wie ein „Ich“ nicht auch bei Tieren annehmen? Der „menschliche Exzeptionalismus“ sei heute „undenkbar“ geworden, stellt die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Donna J. Haraway in ihrem Beitrag im Linzer Sammelband fest.

Oder ist die ganze Rede von einem „Ich“ - ein Gedanke, den Friedrich Nietzsche erwogen hat – womöglich ein Irrtum, der unserem Denken durch die Sprache nahegelegt wird, sozusagen eine Vortäuschung der Grammatik? Vielleicht auch durch eine Eigenart der menschlichen Anatomie. Der Trierer Philosoph Detlef Thiel führt seinen Kollegen Ernst Marcus an, der Anfang des 20. Jahrhunderts, vielleicht im Anschluss an Georg Wilhelm Friedrich Hegel, überlegte, ob es nicht die Konstruktion unserer Hand war, die die Sonderstellung des Menschen im Kosmos begründet hat: Mit Daumen und Zeigefinger können wir die Dinge greifen und „be-greifen“.

Weniger die Beiträge selbst als einige Sätze im Klappentext von dem Wiener Kulturwissenschaftler Helmut Lethen deuten an, dass hinter dem Sammelband eine noch viel ehrgeizigere Intention steht. „Jahrzehntelang wurde die Wirklichkeit in den Kulturwissenschaften nur im Hintergrund wahrgenommen. Die Konstruktionstechniken der Medien standen im Vordergrund.“ Wie es eben der kanadische Philosoph Marshal McLuhan vor mehr als einem halben Jahrhundert ausdrückte: „Das Medium ist die Botschaft.“ Der Satz ist zu einem Mantra unserer modernen Kultur geworden, abgewandelt auch als „Der Weg ist das Ziel“.

Man kann durchaus fragen, ob bei dieser kritischen und selbstkritischen Reflexion die Gegenstandswelt selbst, von der wir doch annehmen, dass sie uns durch die Medien „vermittelt“ wird, nicht zu kurz gekommen ist. Dass die Linzer Forscher nun nicht umgekehrt die Frage der Vermittlung ignorieren wollen, machen die Beiträge klar. Die Kölner Medienwissenschaftlerin Jana Herwig befasst sich mit einem scheinbar banalen Alltagsgegenstand, dem Handschuh. Oder vielmehr: mit dem Gebrauch von Handschuhen. Sie dienen zunächst einmal dazu, unsere Finger zu schützen, zum Beispiel vor der Kälte, können beim Hantieren mit Gegenständen aber durchaus hinderlich sein. Das „Tuch“ bildet eine Barriere beim Versuch, „in Tuchfühlung“ zu kommen. Warum, fragt Herwig, gehörten früher, also vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, Handschuhe zum Ornat bei Bischöfen und Päpsten?

In einem Handbuch zur Symbolik der liturgischen Gewänder von 1907 hat die Forscherin die Antwort gefunden, die Hände, mit denen der heilige Dienst verrichtet wurde, müssten angemessen „bekleidet“ und „geziert“ sein. Aber ausgerechnet bei der sakramentalen Handlung selbst sollte zur menschlichen Hand also kein „geziertes“ „Medium“ hinzutreten. Ein Dekret der päpstlichen Ritenkongregation von 1855 bezeichnete es als unstatthaft, bei der Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi die Handschuhe zu gebrauchen. Ein Widerspruch? Welche Vorstellungen früher einmal dahinter gestanden haben, muss Herwig offenlassen. Inzwischen sind die bischöflichen Handschuhe weitgehend außer Gebrauch gekommen – außer bei manchen streng traditionalistischen Richtungen in der katholischen Kirche. Die Reformbewegung der 1960er Jahre war von einem weitgehenden Desinteresse für solche Symbole gekennzeichnet, die weder von ihren Trägern noch vom Kirchenvolk mehr so recht verstanden wurden.

Diego Velázquez: Die Spinnerinnen, um
1664 (Prado, Madrid) - Bild: Wikipedia


Die Autoren gehen nicht darauf ein, dass es neben Platons Höhlengleichnis noch einen zweiten Urtext gibt, der die abendländische Reflexion zum Thema der sinnlichen Wahrnehmung und speziell des Berührens geprägt hat und in eine ähnliche Richtung wirkte. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, sagt der auferstandene Christus zu seinen Jüngern. Das ist als Belehrung des „ungläubigen“ Thomas gedacht, der doch mehr auf seine unmittelbaren Sinneseindrücke setzen will. „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe, glaube ich nicht.“ Thomas lässt in diesem Dialog keinen Zweifel, für ihn ist der Tastsinn noch verlässlicher als das Gesicht: „Wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“

Ob Diego Velázquez auch diese Bibelstelle im Sinn hatte, als er um 1664 ein Bild mit fünf Frauen malte, die mit dem Spinnen von Garn beschäftigt sind? Vordergründig ist eine Fabel des römischen Dichters Ovid dargestellt: ein Wettstreit zwischen der Göttin Pallas Athene und der Sterblichen Arachne, die in ihrer technisch makellosen Webkunst die Amoralität der Götter zum Gegenstand macht und dafür dann grausam bestraft wird. Doch darüber hinaus, analysiert Harrasser, hat Velázquez in das Bild eine zweitausendjährige Diskussion über unsere Sinnesorgane eingearbeitet. Aristoteles hatte den Tastsinn als „Allgemeinsinn“ aufgefasst, als einen Sinn, der sozusagen in allen anderen Sinnen enthalten sei. In einer Hinsicht jedoch stellte der antike Philosoph, vielleicht sogar leicht irritiert, eine Besonderheit fest: Auge und Ohr sind durch Licht und Luft von ihren Gegenständen getrennt. Die Haut jedoch hat unmittelbaren Kontakt.

Und damit ist sie, schreibt Harrasser, unser Organ für den Schmerz, schreibt Harrasser. Doch mehr als Auge und Ohr auch für die Lust – der Tastsinn ist, wenn man so will, der „sinnlichste“ unserer Sinne, mit der Komplikation freilich, dass die Lust von Haut und Fleisch durch eine Phantasie bewirkt sein kann, die wiederum durch das Auge in Gang gesetzt wird. Die Berliner Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch verweist auf den pornographischen Film. Aber zweifellos haben sich auch frühere Generationen über die Verflechtung der Sinnesorgane schon ihre Gedanken gemacht. Im Pariser Musée de Cluny sind sechs große Teppichen aus dem späten 15. Jahrhundert zu sehen, „Die Dame und das Einhorn“. Fünf davon zeigen Gesichts-, Hör-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn, bei dem sechsten handelt es sich, wie viele Interpreten heute meinen, um eine Allegorie der Geschlechtslust. Wenn man unterstellt, dass die sechs Teppiche zusammengehören, ist die Folge eine Art Bildessay über die Sinnlichkeit des Menschen. Niemand kann sagen, welche „Philosophie“ der Künstler dabei womöglich im Sinn hatte.


Neu auf dem Büchermarkt:

Auf Tuchfühlung. Eine Wissensgeschichte des Tastsinns, herausgegeben von Karin Harrasser, Campus Verlag, Frankfurt – New York 2017, 283 S., 24,95 €



Mehr im Internet:

Tastsinn - Wikipedia
Auf Tuchfühlung. Eine Wissensgeschichte des Tastsinns
scienzz artikel Anthropologie

 

 

 

 

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