Berlin, den 17.12.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

27.09.2017 - ARCHAEOLOGIE

Bronzeplastiken, Goldschmuck und Waffen

Etruskische Kunst im Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen

von Josef Tutsch

 
 

Kandelaberaufsatz, Bronze,
um 370/360 v. Chr. (Slg.
Ebnöther) - Bild: Ivan Ivic

Dass Kunstsammler einer Fälschung aufsitzen, kommt wohl gar nicht so selten vor. Wenn der Schwindel aufgeflogen ist, verschwinden die „falschen Fünfziger“ in der Regel im Depot, schließlich geniert man sich doch ein bisschen. Der Etruskologe Werner Rutishauser, der lange Jahre die Sammlung des 2008 verstorbenen Schweizer Industriellen Marcel Ebnöther mit Kunst aus dem antiken Italien betreut hat, verfährt umgekehrt. Selbstbewusst präsentiert er in der Ausstellung, die jetzt im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen zu sehen ist, auch drei unechte Stücke.

Drei Fälschungen oder moderne Nachbildungen neben mehr als 200 Stücken, die wirklich oder sehr wahrscheinlich von den alten Etruskern stammen – das ist eigentlich kein Prozentsatz, dessen sich der Sammler Ebnöther hätte schämen müssen. Und schließlich gehören moderne Fälschungen ja mit zur Kulturgeschichte. Auch sonst sei die wissenschaftliche Erkenntnis fortgeschritten, stellt Rutishauser im Ausstellungskatalog fest. Etwa 100 weitere Objekte der Sammlung werden heute nicht mehr der etruskischen, sondern der nah verwandten umbrischen Kultur zugeordnet. 1991 schenkte Ebnöther den gesamten Bestand der Stadt Schaffhausen, er bildet heute den Stolz des Museums zu Allerheiligen. Für die aktuelle Ausstellung kamen Leihgaben aus schweizerischen, deutschen und dänischen Museen hinzu.

Bronzeplastiken und Goldschmuck, Waffen und Hausrat, Keramiken und Weihgaben – die Ausstellung bietet ein umfassendes Bild der etruskischen Kultur, die bis heute im Ruf des Geheimnisvollen steht – schon deshalb, weil die Sprache nach wie vor nicht voll verständlich ist. Ein Volk im Schatten zunächst der Griechen, die mit ihrer Literatur und Philosophie in der Mittelmeerwelt größere Ausstrahlungskraft zeigten, und dann im Schatten der politisch erfolgreicheren Römer. Im Vergleich mit den großen Museen in Rom und Florenz oder den Totenstädten von Tarquinia und Cerveteri tritt in dieser ehemaligen Privatsammlung die Kleinkunst in den Vordergrund. Oft zeigt sich bei den etruskischen Keramiken, wie bemüht die Künstler ihre Vorbilder aus Korinth oder Athen nachzuahmen versuchten. Aber manches wirkt auch sehr eigenständig, etwa die sogenannten „Bucchero“-Keramiken mit ihrer schwarzen Politur, die vom 7. bis zum 4. Jahrhundert ein Exportschlager in der gesamten Mittelmeerwelt waren.

Oder die bronzenen Kleinplastiken. Eine Kriegerstatuette aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. – also gleichzeitig mit den Werken etwa des Phidias – lässt ahnen, dass die etruskische Kunst die Faszination für den nackten Körper, die in Griechenland so beherrschend war, niemals mitvollzogen hat; der Krieger trägt eine mit bemerkenswerter Präzision ausgearbeitete Rüstung. Wie dürfen wir eigentlich die Portraitköpfe aus Ton deuten, die in so großer Zahl erhalten sind? Wahrscheinlich ganz ähnlich wie die Votivgaben in katholischen Wallfahrtsorten, meint die Archäologin Maria Cristina Biella von der University of Southampton im Katalog. Die Frommen wollten sich der Gottheit empfehlen, ob nun als Bitte um Hilfe oder zum Dank für eine empfangene Wohltat, kann offen bleiben.

Nicht in jedem Fall, notiert Rutishauser, lässt sich die Herkunft der Stücke präzise nachvollziehen, manchmal musste sich Ebnöther auf mündliche Angaben der Kunsthändler verlassen. Das Interesse des Kunstmarktes für alte Kunst hatte (und hat) eben auch die dunkle Kehrseite, dass Raubgräber  ihren Profit machen wollen. Ein Großteil der Exponate stammt aus Gräbern. Auch bei den Etruskern war es eine verbreitete Gewohnheit, dass wohlhabende Leute das eine oder andere geschätzte Stück mit in die Ewigkeit nehmen wollten. Goldschmuck zum Beispiel – die Ausstellung zeigt einige sehr schön gearbeitete Ringe und Fibeln.

Aschenurne, 3. Jh. v. Chr. (Musées d'art et
d'histoire de la Ville de Genève)
Bild: Bettina Jacot Descombe


Auch Waffen und Helme und Zaumzeug – schwer zu sagen, ob die Besitzer glaubten, sie in einem jenseitigen Leben zu benötigen. Angeblich aus einem Grab in Vulci stammt ein Panzer, der auf die erste Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. datiert wird. Brust- und Rückenmuskulatur sind anatomisch exakt nachgebildet, sogar die Brustwarzen. Völlig unklar ist, wie ein Miniaturwagen aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. genutzt wurde. In den Aufsatz ist ein kleiner Kessel eingelassen; man darf eine Verwendung im Gottesdienst vermuten. Ob die Bronzespiegel, für deren Produktion Etrurien im Altertum berühmt war, bloß im privaten Haushalt oder ebenfalls rituell gebraucht wurden? Wissenschaftler und Kunstliebhaber heute sind weniger von den Spiegeln selbst fasziniert als von den Rückseiten. Darauf wurden gern mythologische Szenen eingraviert. Vielleicht dienten sie ja dazu, dass den vornehmen Damen bei der Toilette nicht langweilig wurde.

Ja, und dann sind da noch die zweifelhaften oder auch sicher unechten Stücke. Der Bronzekrieger aus dem 5. Jahrhundert hat einen jüngeren „Bruder“, der Kopf wirkt jugendlicher. Wahrscheinlich aber ist er nicht ein paar Jahrzehnte jünger, sondern fast zweieinhalb Jahrtausende. Das Motiv des etruskischen Kriegers, in voller Rüstung, mit dem Schild in der linken und einem (verlorenen) Speer in der rechten Hand, war im 20. Jahrhundert so beliebt, dass es Fälscher auf den Plan rief. Merkwürdigerweise hat der Hersteller sich in diesem Fall nicht einmal die Mühe gemacht, für die gehörige Patina auf der Oberfläche zu sorgen. Wäre der Krieger echt, müsste jemand großen Aufwand betrieben haben, um ihn zu reinigen und zu glätten.


Ausstellung:

Etrusker. Antike Hochkultur im Schatten Roms. Der etruskische Bestand der Sammlung Ebnöther,
bis 4. Februar 2018 im Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen



Neu auf dem Büchermarkt:

Etrusker. Antike Hochkultur im Schatten Roms. Der etruskische Bestand der Sammlung Ebnöther im Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, herausgegeben von Werner Rutishauser, Philipp von Zabern Verlag, ISBN 978-3-8053-5115-7, 320 S. mit 291 farb. u. 12 s/w-Ill., 59,95 €



Mehr im Internet:

Etrusker - Wikipedia
Ausstellung Etrusker. Antike Hochkultur im Schatten Roms
Katalog Etrusker. Antike Hochkultur im Schatten Roms
scienzz artikel Etruskische und Römische Kunst

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet