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30.10.2017 - THEOLOGIE

Vom Gnadenschatz der Heiligen zum modernen Pluralismus

500 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag

von Josef Tutsch

 
 

Martin Luther, 1529, aus der
Werkstatt Lucas Cranachs
d. Ä. - Bild: Wikipedia

Rom-Besucher werden sich erinnern: Nordöstlich des Kolosseums, auf dem „Colle Oppio“ (einem der römischen Hügel, die nicht zu den klassischen „Sieben“ gezählt werden), ist die „Domus Aurea“  zu sehen, der Palast des Kaisers Nero. In seinen Gärten ließ der Herrscher die Christen, denen er den Brand Roms anlastete, als lebende Fackeln leuchten.

Die jüngere Vergangenheit findet sich im Oppius-Park durch ein Straßenschild repräsentiert. An seinem östlichen Rand entdecken die Touristen eine „Piazza Martin Lutero“. 2015, im Vorfeld des anstehenden Jubiläums von Luthers Thesenanschlag in Wittenberg, würdigte Roms Bürgermeister Ignazio Marino mit dieser Benennung den Reformator. Die evangelisch-lutherische Gemeinde der Stadt hätte einen anderen Ort bevorzugt, etwa eine Straße nahe der Piazza del Popolo im Norden der Altstadt, dort wo Martin Luther der Überlieferung zufolge 1510 oder 1511 im Augustinerkloster Quartier nahm.

Von Luthers Pilgerreise nach Rom ist wenig bekannt; aber man darf vermuten, dass sie in der Entwicklung des späteren Reformators eine entscheidende Weiche stellte. Zweifellos besuchte er als frommer Katholik die sieben sogenannten „Pilgerkirchen“, in denen ein besonderer Ablass zu erwerben war, also ein Nachlass auf seine Sündenstrafen. Dagegen haben ihn offenbar weder die Kunstblüte der Renaissance – wenige Jahre zuvor hatte Papst Julius II. den Grundstein für den Neubau der Peterskirche gelegt - noch die Begeisterung für Ausgrabungen aus der Antike im Geringsten interessiert. Wahrscheinlich war der Mönch aus der sächsischen Provinz vom Leben in Rom unter den Renaissancepäpsten ganz einfach entsetzt – und eben auch von der andersartigen, in seinen Augen oberflächlichen Religiosität, die dort praktiziert wurde.

„Zu Rom lief ich durch alle Kirchen, glaubte alles, was daselbst erlogen und erstunken ist“, erzählte Luther später. In seinen Erinnerungen ging die Spottlust mit ihm durch: „Es tat mir damals fast leid, dass mein Vater und meine Mutter noch lebten, denn ich hätte sie gerne mit meinen Messen und anderen trefflichen Werken und Gebeten aus dem Fegfeuer erlöst.“ Denn auch die Sündenstrafen Verstorbener im Jenseits konnten nach damaliger kirchlicher Praxis gegen Gebete und finanzielle Leistungen ihrer Angehörigen verrechnet werden – so etwas wie ein Wertpapierhandel. „Aber es war ein zu großes Gedränge, und ich konnte nicht hinzukommen; da aß ich einen gesalzenen Hering dafür.“

Historisch wird es wohl so gewesen sein, dass Luthers Entsetzen über Rom nach seiner Rückkehr zunächst einige Jahre „schlummerte“. Doch als 1517 in Sachsen der Domikanermönch Johannes Tetzel mit Ablassbriefen Geld für den weiteren Bau der Peterskirche sammelte, kam es zum Durchbruch. Den Ablass selbst stellte Luther in seinen 95 Thesen, die er vor Allerheiligen des Jahres 1517 verschickte, noch gar nicht in Frage. Im Zentrum stand zunächst die Aussage, der Papst dürfe den reuigen Sündern nur jene Strafen erlassen, die er selbst ihnen auferlegt habe. Und darunter fielen die Strafen, denen die Verstorbenen im Fegefeuer ausgesetzt waren, jedenfalls nicht.

Wittenberger Schlosskirche,
nach einem Holzschnitt von
Lucas Cranach d. Äl, 1509
Bild: Wikipedia


Ob der berühmte Thesenanschlag an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg wirklich stattgefunden hat, ist allerdings umstritten. In der Kirche wurde die Reliquiensammlung von Kurfürst Friedrich dem Weisen aufbewahrt. Gerade in den Tagen vor Allerheiligen und Allerseelen werden große Pilgermassen von nah und fern gekommen sein, um in der Nähe der Heiligen beten zu können, für sich selbst und für ihre verstorbenen Angehörigen. Die Tür war in erster Linie eben ein Durchgang; man hat sich vorzustellen, dass auch Alte und Kranke auf einer Bahre durchgetragen wurden. Ist es denkbar, dass dort jemand stehen bleiben konnte, um 95 Thesen in lateinischer Sprache zu studieren?

Luther ging es um Theologie. Dass der Ablass auch eine handfest ökonomische Seite hatte, spielte für ihn selbst zunächst keine Rolle. Für seine Anhänger dagegen umso mehr. 1516, ein Jahr vor dem Thesenanschlag, hatte der päpstliche Diplomat Girolamo Aleandro in einem Brief an Papst Leo X. hellsichtig davor gewarnt, in Deutschland stehe ein Sturm von beispielloser Heftigkeit bevor. Die Deutschen seien überzeugt, von der Kurie ausgeplündert und als gutmütige Goldesel verspottet zu werden.

Und dieser Sturm traf ein. Deutschland sei gerade dabei, sich in die Barbarei zurück zu katapultieren, schrieb Aleandro 1521 vom Wormser Reichstag nach Rom. Dabei war die Assoziation „Barbarei“, wenn man auf das Selbstverständnis der intellektuellen Eliten in Deutschland damals schaut, von dem Beobachter aus Rom nicht einmal böswillig erfunden. Im 15. Jahrhundert war die „Germania“ des Tacitus wiederentdeckt worden. Darin hatte der römische Geschichtsschreiber, der seinen Landsleuten einen kritischen Spiegel vorhalten wollte, den rauhen, unzivilisierten Germanen in ihren Wäldern eine hohe Sittlichkeit attestiert. Tacitus‘ Leser am Ausgang des Mittelalters nahmen seine Lobrede auf die Germanen wörtlich und ohne jede Ironie. Die „Germania“ wurde zur „Bibel“ des entstehenden deutschen Nationalbewusstseins.

Im Denken der Zeitgenossen verband sich die – wirkliche oder bloß vermeintliche – Ausbeutung durch die römischen Päpste mit der Unterdrückung der alten Germanen durch die Römer. Als im Oktober 1817, im Vorfeld des Reformationsjubiläums, die Studenten der evangelischen deutschen Universitäten in Eisenach zum „Wartburgfest“ zusammenkamen, also an jenem Ort, wo Luther nach der Ächtung auf dem Wormser Reichstag Zuflucht gefunden hatte, wurde diese Mischung wieder aktuell. Wenige Jahre zuvor war Napoleons Herrschaft über Europa gestürzt worden, der Name „Luther“ wurde nun gegen Frankreich in Stellung gebracht.  Und dann nochmals im Ersten Weltkrieg: Nur zu gern berief sich das wilhelminische Kaiserreich bei seinem Kampf gegen die westlichen Demokratien auf Luther. Und dann erst recht im Dritten Reich: Dass eine bruchlose Linie von Luther über Friedrich den Großen und Bismarck zu Adolf Hitler führen würde, wurde zum Dogma nationalsozialistischer Geschichtsbetrachtung.

Dabei kamen Luthers Ausfälle gegen das Judentum kamen nationalsozialistischen Rassetheoretikern sehr zu Pass. Offenbar hatte er zunächst gehofft, die Juden würden sich seinem neuen, „reformierten“ Christentum anschließen – und wandte sich, nachdem diese Hoffnung enttäuscht worden war, umso schärfer gegen sie. Darin liegt für uns heute sicherlich der problematischste Aspekt seines Werkes: Völlig unbedenklich setzte Luther seine Argumentationskunst und seine Sprachgewalt auch für „Hasspredigten“ ein.

Die "Thesentür" an der Schloss-
kirche heute - Bild: Josef Tutsch


Anders als die antijüdischen Ausfälle lassen sich seine Polemiken gegen die katholische Kirche heutzutage gelassen betrachten, der „Grobianismus“ gehörte ja auch zu den Gewohnheiten der Zeit. Man würde die Geistesgeschichte der Neuzeit jedoch arg verfälschen, wollte man unterschlagen, dass die theologischen Differenzen im Kern geblieben sind. „Kraft der Gemeinschaft der Heiligen können die Gläubigen, die noch auf Erden pilgern, den Seelen im Fegefeuer helfen, indem sie Fürbitten und besonders das eucharistische Opfer, aber auch Almosen, Ablässe und Bußwerke für sie darbringen“, heißt es im offiziellen „Katechismus der Katholischen Kirche“ von 2005. Oder im geltenden Gesetzbuch der Kirche, dem „Codex Iuris Canonici“, Can. 992: „Ablass ist der Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet.“

Da gerät man freilich ins Grübeln, ob diese Lehre vom Gnadenschatz der Heiligen, den die Kirche verwaltet, selbst frommen Katholiken überhaupt noch gegenwärtig sein mag. Vor einem halben Jahrtausend war sie ein großes Thema; „lauter Teufelsgespinst“, erregte sich Luther sowohl über das Fegefeuer als über den Gnadenschatz. Wir sollten nicht der Versuchung erliegen, solche Unterschiede, sowenig sie heute vielleicht noch Beachtung finden, kleinzureden. Die Reformation brachte tatsächlich einen welthistorischen Sprung: Konsequenz von Luthers Theologie war, dass der sündige, aber gläubige Mensch ohne Mittlerschaft von Papst und Kirche allein vor seinem – hoffentlich – gnädigen Gott stand. Und da ist, bei aller Skepsis, die wir aus gutem Grund gegen die Konstruktion großer Entwicklungslinien in der Geschichte üben, der Gedanke schwer abzuweisen: Luthers Thesenanschlag gehört in die Vorgeschichte unseres modernen Individualismus und Pluralismus.


Mehr im Internet:
95 Thesen - Wikipedia 
scienzz artikel Reformation

 

 

 

 

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