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01.10.2017 - KULTURGESCHICHTE

"Konsumgesellschaft ohne ideelle Ansprueche"

Die "Vielen" und die "Wenigen" in der deutschen Kultur- und Literaturgeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Flugschrift aus dem Bauernkrieg,
1525 - Bild: Wikipedia

Gelegentlich bricht Zorn durch. Es habe ehedem, schreibt der Literaturwissenschaftler Jost Hermand in seinem neuen Buch, Zeitalter gegeben, in denen die Künstler und Wissenschaftler in ihren Werken Möglichkeiten eines Lebens jenseits der aktuell gegebenen Zustände aufzeigten. An die Gegenwart appelliert Hermand, dieses „soziokulturelle Erbe zu erhalten und vor allem zu interpretieren“.

Offenbar ist Hermand mit der Gegenwart sehr unzufrieden, sowohl was das Kulturleben selbst als auch was die wissenschaftliche Analyse angeht. In den 1970er oder 1980er Jahren waren Hermands „Epochen der deutschen Kultur von 1870 bis zur Gegenwart“ beim geisteswissenschaftlichen Nachwuchs ein Kultbuch. Wie kein anderer Forscher seiner Generation stand Hermand für die Öffnung der Germanistik zu den Sozialwissenschaften. Zeitweise ging er in die DDR, vermied es freilich, sich vom Regime ideologisch vereinnahmen zu lassen, und entschied sich 1958 für eine Professur an der University of Wisconsin.

Aus der Feder des 87-Jährigen ist jetzt eine große Sozialgeschichte der deutschen Literatur und Kultur, ein Überblick über 1.200 Jahre hinweg. „Trägerschichten deutscher Kultur von den Anfängen bis zur Gegenwart“ lautet der Untertitel. Hinter dieser Formulierung steht wohl eine tiefe Sehnsucht des Forschers, also die Hoffnung, irgendwann könnte es eine Kultur geben, zu der alle im Volk gleichen Zugang haben. Halb und halb widerwillig räumt Hermand ein, die deutsche „Mittelstandsgesellschaft“ von heute sei solcher Egalisierung bereits einigermaßen nahegekommen: „Hat nicht der Tourismus zu den wohlkonservierten Kulturstätten der Vergangenheit ständig zugenommen, wo immer breitere Bevölkerungsschichten die altehrwürdigen Bischofsdome und überreich dekorierten Fürstenschlösser bewundern können? Ziehen nicht bestimmte Festwochen oder Open-air-Festivals noch immer zehntausende von Menschen an?“

Hermand wehrt bildungsbürgerlichen Hochmut ab: „Es wäre hochmütig, wenn nicht gar zynisch, all das von vornherein als ‚niedrig‘ abzuqualifizieren.“ Sein „Aber“ fällt jedoch umso schärfer aus: Einerseits hätten an dieser angeblich „nivellierten“ Mittelstandsgesellschaft womöglich gar nicht alle Anteil, wegen der bleibenden ökonomischen Ungleichheiten; andererseits handele es sich am Ende doch um „eine Konsumgesellschaft ohne ideelle Ansprüche“. Es gebe kaum noch eine Chance, konstatiert Hermand, „der lediglich profitorientierten Innovationsbetriebsamkeit innerhalb der sogenannten ‚freien Marktwirtschaft‘ irgendwelche über die progressionslose Jetztzeit hinausweisenden Leitbilder entgegenzusetzen“.

Da stellt sich natürlich die Frage, ob diese beiden Kritikpunkte einander nicht konterkarieren. Hermand hat den Versuch analysiert, in der DDR eine „klassenlose Hochkultur durchzusetzen – und kann sich der realistischen Einsicht nicht verschließen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung da nicht mitzog. Sie wollte „im Radio keine anspruchsvolle ‚Klassik‘ hören“, „nicht ständig mit Werken bombardiert werden, in denen ihnen die ‚Heldentaten‘ früherer Kommunisten angepriesen wurden“. Dass die SED zeitweise sogar versuchte, die „zerstreuende Unterhaltungskultur in Form eingängiger Schlager oder witziger Filmkomödien“ auszuschalten, trug zur Entfremdung zwischen Volk und Regime bei.

Tagung des Kulturbundes der späteren DDR,
1946, Photographie von Abraham Pisarek
Bild: Deutsche Fotothek/Wikipediia


„Die Wenigen und die Vielen“ hat Hermand sein Buch überschrieben. Hermand schätzt, dass vor tausend Jahren Adel und Klerus allenfalls fünf Prozent der Bevölkerung ausmachten; der große Rest, der nicht zu diesen „Wenigen“ gehörte, konnte kaum lesen und schreiben, hatte also auch keine Gelegenheit, seine Kultur der Nachwelt zu überliefern. Als sich im frühen 16. Jahrhundert Martin Luthers Reformation ausbreitete, war dagegen selbst in der Landbevölkerung die Beherrschung der Schrift so weit fortgeschritten, dass seine Ideen aufgenommen werden konnten – sicherlich nur bei einer kleinen Minderheit, aber immerhin.

Die Sympathien des Autors führen gelegentlich allerdings zu Formulierungen, die man fragwürdig finden darf. „Die Wiedertäufer zerschlugen in ihrem gerechtfertigten Zorn alles, was sie als symbolische Ausprägungen der Obrigkeit empfanden.“ Dass die Feststellung eines „gerechtfertigten Zorns“ etwas mit historischer Wissenschaft zu tun hätte, wird Hermand selbst im Ernst wohl nicht behaupten. Mit der Pracht der Barockkirchen sollten „die Unaufgeklärten unter den Gläubigen von der geradezu erdrückenden Machtfülle des herrschenden Absolutismus überzeugt“ werden. Nun ja, ob die üppige Dekoration vieler Dorfkirchen in Oberbayern nun gerade durch ein solches politisches Kalkül zu erklären ist … Wie auch sonst mancher Satz etwas salopp dahin geschrieben erscheint. Bei Goethe vermerkt Hermand mit missbilligendem Unterton, dass er auf die Französische Revolution nicht bloß „ablehnend“ reagierte, sondern seinen Herzog 1792 „sogar“ mit ins Feld begleitete. Die Teilnahme des Dichters an dieser „Kampagne“ war jedoch keine politische Demonstration. Vielmehr hatte Herzog Carl August seinen Minister gebeten, ihn zu begleiten.

Dass sich beim Durchgang durch ein Jahrtausend deutscher Kulturgeschichte keine eindeutige Entwicklung zeigt, ist natürlich nicht Hermand anzulasten. Ein ganz wesentliches Element der gesellschaftlichen Egalisierung brachte ausgerechnet die Heeresreform in Preußen Anfang des 19. Jahrhunderts. Und ohne dass es dafür demoskopische Daten gäbe, wird man unterstellen dürfen, dass die hasserfüllte, nicht bloß antinapoleonische, sondern antifranzösische Stimmung, wie sie sich in den Pamphleten eines Fichte oder Arndt zu den „Befreiungskriegen“ zeigt, tatsächlich ein Stück deutscher Populärkultur in dieser Zeit war. Die Kultur der „Vielen“ muss, unter wertendem Gesichtspunkt betrachtet, nicht immer und überall erfreulich gewesen sein. Lässt sich seriös abschätzen, inwieweit der „ungezügelte Nationalismus“ des wilhelminischen Reiches in weiten Bevölkerungsschichten Widerhall fand? Sicherlich, es gab Widerspruch, vor allem seitens der Sozialdemokratie. Doch 1914 schloss die Mehrheit der SPD mit allergrößter Selbstverständlichkeit ihren „Burgfrieden“ mit der Hohenzollernmonarchie.

Heute werden jene künstlerischen Strömungen der frühen Moderne hoch geschätzt, die sich gegen den, so Hermand, „aufgedonnerten Historismus der staatlich geförderten Kunstbemühungen stellten“. Aber womöglich waren sie damals weniger populär, viel elitärer als jener vielgeschmähte Historismus. Der Autor hebt jene Künstler und Architekten hervor, die sich, im heutigen Sinn „modern“, unter dem Schlagwort „Kampf dem Ornament“ sammelten – Beispiel: der „Deutsche Werkbund“. Doch wiederum folgt ein „Aber“: Diese „sachliche“ Gestaltungsweise vertrug sich bestens mit den Profitinteressen der Produzenten. Hermand über die bis heute gern verklärte Kultur der „Goldenen 20er“: Die „kapitalistische Freizeitindustrie“ dieser Epoche sei „von einem gewaltigen Zuwachs an anspruchsvoller Gebrauchsmusik in Form von Tanzmelodien, Schlagern, eingängigen Operetten, Revuen sowie Film- und Jazzkompositionen“ geprägt gewesen, „deren beschwingte Rhythmen und nachsingbare Melodien lediglich der Ablenkung und Zerstreuung dienten“.

Da gerät der Leser freilich ins Sinnieren: Was an „nachsingbaren Melodien“ so verwerflich sein mag? Manche Vertreter der künstlerischen Avantgarde damals haben es in der Tat so gesehen; aber gerade damit wurde die Avantgarde auch niemals populär. Hermand lässt die Frage beiseite, inwieweit die „NS-Traumfabrikanten“ womöglich Erfolg hatten, wenn sie die „breiten Massen“ „mit Marschliedern, Operettenmelodien, knalligen Plakaten, eingängigen Volksweisen sowie ins Völkische tendierenden Filmen umbuhlten“ - alles ausgeschlossen, wie sich versteht, was als „jüdisch“ verdächtigt werden konnte. Den entscheidenden Wendepunkt hin zu unserer Gegenwartskultur setzt Hermand in der Mitte der 1950er Jahre an. Bis dahin hätte es „ein konkurrierendes Nebeneinander höherer und niederer Kulturkonzepte gegeben“; dann seien „die technisch immer perfekter werdenden Massenmedien so stark in den Vordergrund getreten, dass es zu einer unaufhaltsamen Auszehrung des älteren bildungsbürgerlichen Anspruchs kam“. Binnen weniger Jahre wurde die vormalige Populärkultur Allgemeingut. Hermand schätzt, dass nicht mehr als zwei Prozent der Bevölkerung heute für die sogenannte Hochkultur noch viel Interesse haben.

Ex-Kanzler Ludwig Erhard
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia


An heutigen Klassikeraufführungen, etwa in der Oper, beklagt der Autor, der „aufklärerische, wenn nicht gar rebellische Charakter dieser Werke“ würde oft zurückgedrängt, statt dessen „unnötige Sexualisierungen“, „Übersteigerungen ins Gewaltbetonte“. Als abschreckendes Beispiel wird eine Inszenierung von Mozarts „Zauberflöte“ genannt, von Hans Neuenfels, 2007 an der Komischen Oper Berlin. Die Flöte, die Prinz Tamino von den Damen der Königin der Nacht erhält, ist penisförmig gestaltet, schließlich lautet der Text dazu: „Hiermit kannst du allmächtig handeln, der Menschen Lebenskraft verwandeln.“

Lassen wir die Frage beiseite, ob Mozart und sein Textdichter Schikaneder von diesem Regieeinfall vielleicht angetan gewesen wären. Hermands Klage zeigt jedenfalls: Der Traum, über Kunst und Kultur die Gesellschaft zu verändern, ist auch heute nicht tot. Sicherlich liegt die Versuchung nahe, es als platte Verharmlosung der Diktatur abzutun, wenn Hermand den Kulturfunktionären der DDR attestiert, sie hätten von einer „hohen Kultur“ geträumt, „die allen Menschen das Gefühl geben sollte, Mitglieder einer ins Bessere, Würdevollere strebenden Nation zu sein“. Aber vielleicht hat der Verfasser sich da von verflossenen Jugendträumen auch ganz einfach dahintreiben lassen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Jost Hermand: Die wenigen und die vielen. Trägerschichten deutscher Kultur von der Antike bis zur Gegenwart, Böhlau Verlag, Köln – Weimar – Wien 2017, ISBN 978-3-412-50751-0, 346 S., 28 s/w- und 24 farb. Abb.,  34.99 € [D], € 36.00 € [A]



Mehr im Internet:

Deutsche Geschichte - Wikipedia
Jost Hermand: Die wenigen und die vielen
scienzz artikel Kulturgeschichte Mitteleuropas

 

 

 

 

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