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05.10.2017 - STRAFVOLLZUG

"Gott ist es, der meinen Arm lenkt"

Eine Geschichte der Todesstrafe

von Josef Tutsch

 
 

Delinquent auf dem elektrischen
Stuhl, 1908 - Bild: Wikipedia

Wissen Sie, was in Art. 21 der hessischen Landesverfassung steht? „Ist jemand einer strafbaren Handlung für schuldig befunden […], kann er zum Tode verurteilt werden.“ Angewandt wurde diese Regelung allerdings niemals, seit 1949 ist sie auch kein geltendes Recht mehr. Art. 102 des Grundgesetzes geht vor: „Die Todesstrafe ist abgeschafft.“

In 104 Staaten, berichtet der Darmstädter Journalist Helmut Ortner in seiner „Geschichte der Todesstrafe“, ist das legale Töten, das Töten nach Gerichtsurteil, heute vollständig abgeschafft. In 37 weiteren Staaten wird die Todesstrafe de facto nicht mehr verhängt und erst recht nicht vollstreckt. In Europa ist zur Zeit Weißrussland der einzige Staat, in dem die Todesstrafe praktiziert wird. In der Türkei wurde sie 2002 abgeschafft, inzwischen wird erwogen, sie wieder einzuführen. Präsident Erdogan beruft sich auf den Volkswillen, ob zu Recht oder zu Unrecht, muss offen bleiben.

Will man es optimistisch sehen, möchte man in der Gegenwart einen weltweiten Trend gegen die Todesstrafe beobachten. Ihre Hochburgen hat sie in vielen islamischen Ländern sowie in China. Aber auch in der größten westlichen Demokratie, nämlich in 31 Staaten der USA, ordnen Richter weiterhin die Tötung von Verurteilten an. Dort immerhin nach langen Strafprozessen. Andernorts scheint die Grenze zum staatlich verordneten Mord eher fließend zu sein. Schätzungen besagen, dass in syrischen Militärgefängnissen Jahr für Jahr etwa 1.000 Menschen willkürlich hingerichtet werden. Wenn es zutrifft, dass sich in China ein blühender Handel mit Organen von Hingerichteten in China ausgebildet hat, fordern dort auch ökonomische Interessen eine hohe Zahl von Exekutionen.

Das Wort „Geschichte“ im Untertitel ist vielleicht etwas irreführend. Über weite Strecken lässt der Autor die Analyse zugunsten von Quellentexten zurücktreten. Henker und Zuschauer erzählen. Zum Beispiel von der Steinigung einer Ehebrecherin 1986 im Iran. Ein französischer Journalist berichtete: „Auf ein Zeichen des Bürgermeisters packten die beiden Männer die junge Frau an den Armen, schleppten sie zu der Grube und ließen sie hineinsteigen.“ „Der Bürgermeister nahm einen Stein und reichte ihn dem Vater.“ „Rasend vor Wut schrie er: ‚Ich will ihr den Kopf einschlagen, ich schlage ihr den Kopf ein!‘“ Dann kam der betrogene Ehemann zu seinem „Recht“. „‘Gleich hast du sie, die Hündin‘, brüllten die Männer in der ersten Reihe.“ „Nun nahmen die beiden Söhne des Opfers ihre Steine und warfen beide gleichzeitig.“ Endlich „war Scheich Hassan an der Reihe. Er nahm seinen Koran in die linke Hand und ergriff mit der Rechten einen großen Stein und sagte salbungsvoll: ‚Nicht ich werfe diesen Stein, Gott ist es, der meinen Arm lenkt.‘“

In diesem Fall wird die familiäre Nähe die Aggressivität der Henker begünstigt haben: In der Gruppe entwickelte sich eine kollektive Raserei, die jede Tötungshemmung außer Kraft setzte. Den umgekehrten Weg schlug früher die Militärgerichtsbarkeit ein, wenn sie Erschießungen nicht durch einen einzelnen Henker, sondern durch ein Kollektiv vornehmen ließen. Oft waren einige der Gewehre mit Platzpatronen geladen. Im Nachhinein konnte also jeder glauben, dass er es vielleicht gar nicht war, der getötet hatte. Heute stellt das Erschießen weltweit die verbreitetste Hinrichtungsmethode dar, es ist einfach und kostengünstig.

Hinrichtung von Robert-François Damiens,
1757 -Bild: Wikipedia


Und im Vergleich etwa mit dem Enthaupten auch relativ unblutig. Man kann lange darüber streiten, ob die Menschheit im Laufe der Jahrtausende, in einem „Prozess der Zivilisation“, „humaner“ geworden ist. Sicher scheint, dass das unmittelbare Miterleben von Grausamkeiten in der Gegenwart weniger beliebt ist als noch vor einigen Generationen, Szenen wie jene im Iran sind eine Ausnahme. Offenbar haben die theatralischen Inszenierungen der Grausamkeit – zumindest im westlichen Kulturkreis - viel von ihrer Faszination verloren. Die Hinrichtung von Robert-François Damiens, der 1757 ein Attentat auf König Ludwig XV. verübt hatte, ist wegen ihrer Schauerlichkeit bis heute legendär. Zunächst wurde die Tathand mit brennendem Schwefel verkohlt, dann wurde Damiens überall am Körper mit glühenden Zangen gefoltert. In die Wunden goss man flüssiges Wachs und kochendes Öl, schließlich wurde er durch Anbinden an Pferde gevierteilt.

Es war eine der letzten Hinrichtungen dieser Art in Europa. Der Trend ging, wenn man das so nennen darf, zur „Versachlichung“. Als die französische Nationalversammlung, berichtet Ortner, 1789 über eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte debattierte, ging es auch um einen „humaneren“ Vollzug der Todesstrafe. Im selben Jahr legte der Arzt Joseph-Ignace Guillotin seine Idee für ein Fallbeil, die sogenannte „Guillotine“, vor. Der massenhafte Einsatz der neuen „Köpfmaschine“ in den Schreckensjahren der Revolution war als Fanal gedacht: Dem Ancien régime sollte ein für allemal der Kopf abgeschlagen werden.

„Es begann die industrielle Revolution auf dem Gebiet der Todesstrafe“, hat der deutsche Kriminologe Hans von Hentig dazu festgestellt. Nachdem in den 1870er Jahren in New York die Elektrizität eingeführt worden war und es mehrere tödliche Unfälle gegeben hatte, vermerkten die Zeitungen, der Tod durch Strom sei offenbar ebenso schnell wie ein Gedanke. Der elektrische Stuhl war erfunden, die „New York Times“ schwärmte von einer humanen „Sterbehilfe durch Elektrizität – sicher, sanft und schmerzlos“.

Heute ist in den USA die Giftspritze üblich. Inwieweit solche modernen Methoden für den Hingerichteten irgendwie „schonend“ sind, lässt sich kaum sagen. Jedenfalls fordern sie den Henker weniger als etwa das Enthaupten. „Ich habe kein Problem mit Einschlafen nach einer Hinrichtung“, zitiert Ortner einen Vollzugsleiter in Missouri, der mit der Spritze arbeitete.  Ortner hat festgestellt, dass überdurchschnittlich viele Henker durch Selbstmord endeten. „Vollstrecker zu sein für eine Sache, die sich Gerechtigkeit nennt – vielleicht ist es ein Handwerk, bei dem ein Mensch mehr auf sich nimmt, als er ertragen kann.“

Dass eine der grausamsten Hinrichtungsmethoden, die jemals erdacht wurden, die Kreuzigung, bereits im 4. Jahrhundert n. Chr. außer Gebrauch kam, hatte mit einer Absicht, den Scharfrichter oder gar den Delinquenten zu schonen, allerdings nichts zu tun. Durch den Tod Jesu Christi war das Kreuz zum Zeichen des christlichen Glaubens geworden, Kaiser Konstantin wollte es nicht durch die Hinrichtung gemeiner Verbrecher entweiht sehen. Der Widerstand, den die Versachlichung des Tötens durch die Guillotine um 1800 bei vielen Zeitgenossen fand, meint Ortner, dürfte sich ebenso durch religiöse Bedenken erklären: Das Fallbeil würde mit seiner Schnelligkeit einen „geheiligten Moment“, die „Versöhnung zwischen dem Sterbenden und Gott“, in Nichts auflösen. Wenn schon nicht für ihn selbst, dann doch für die Zuschauer. Im Sinne dieser Versöhnung wird man wohl auch die traditionelle Henkersmahlzeit auffassen dürfen: In der Mahlgemeinschaft mit dem Henker erklärte der Verurteilte sozusagen sein Einverständnis mit der folgenden Hinrichtung.

Aus Cesare Beccarias Schrift
gegen die Todesstrafe, „Von
den Verbrechen und von den
Strafen“ - Bild: Wikipedia


„Glauben Sie, dass es einen Menschen besser macht, wenn man ihn verbrennt?“, fragte Emmanuel Philibert, Herzog von Savoyen, im 16. Jahrhundert den Inquisitor Antonio Michele Ghislieri, der später als Pius V. den Papstthron bestieg. Ghislieri wird geantwortet haben, im Feuertod habe der Ketzer immerhin die Möglichkeit zu bereuen, vielleicht könne er seine Seele vor der ewigen Verdammnis retten. Und zumindest würden die Zuschauer davon abgeschreckt, sich ebenfalls der Ketzerei anzuschließen. „Die Todesstrafe rettet Leben“, behauptete im Jahr 2000 auch US-Präsident George W. Bush. Beweise dafür, dass die Todesstrafe durch Abschreckung Verbrechen verhindert, konnten jedoch niemals erbracht werden. 1764 argumentierte der italienische Rechtsphilosoph Cesare Beccaria, eine lebenslange Freiheitsstrafe sei zur Abschreckung doch viel wirksamer. Außerdem sei es widersinnig, wenn die Gesetze, um die Bürger vom Morden abzuhalten, selbst einen öffentlichen Mord anordnen würden.

Wahrscheinlich ist die erhoffte Abschreckung für den hartnäckigen Glauben an den Sinn des legalen Tötens aber auch gar nicht der entscheidende Punkt. Etwa die Strafandrohungen in der islamischen Scharia weisen auf einen uralten Glauben hin, in der Strafe müsste sich das Verbrechen sozusagen „spiegeln“, um das Gleichgewicht der Welt wiederherzustellen. Der Gedanke von einer derart absoluten Bedeutung der Todesstrafe findet sich noch in der aufgeklärten Philosophie eines Immanuel Kant: „Selbst wenn sich die bürgerliche Gesellschaft mit aller Glieder Einstimmung auflöste, müsste der letzte im Gefängnis befindliche Mörder vorher hingerichtet werden, damit jedem das widerfahre, was seine Taten wert sind, und die Blutschuld nicht auf dem Volk hafte.“

Warum eigentlich wurde jener Art. 21, der die Todesstrafe vorsieht, nicht längst aus der hessischen Landesverfassung gestrichen? Dazu wäre eine Volksabstimmung nötig. Das Risiko, dass extremistische Parteien sich mit einem „Ja“ zur Todesstrafe in der Volksmeinung womöglich durchsetzen, wollen die Parteien im Parlament jedoch keinesfalls eingehen. Ortner verweist auf die Abstimmungen in mehreren US-Staaten in den letzten Jahren: Mehrfach haben sich die Bürger dafür ausgesprochen, die Todesstrafe beizubehalten oder wiedereinzuführen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Helmut Ortner: Wenn der Staat tötet. Eine Geschichte der Todesstrafe, mit einem Nachwort von Prof. Dr. Thomas Fischer, Theiss Verlag, Darmstadt 2017, 236 S. mit 17 Illustrationen, ISBN 978-3-8062-3598-2, 22,95



Mehr im Internet:

Todesstrafe - Wikipedia
Helmut Ortner: Wenn der Staat tötet. Eine Geschichte der Todesstrafe
scienzz artikel Jurisprudenz

 

 

 

 

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