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09.10.2017 - PRAEHISTORISCHE KUNST

Die Erfindung von Kunst und Musik

Vor 40.000 Jahren entstanden auf der Schwaebischen Alb die ersten Menschen- und Tierfiguren

von Josef Tutsch

 
 

Venus vom Hohlefels, im
Urgeschichtlichen Museum,
Blaubeuren
Bild: Ramessos/Wikipedia

Es war vor etwa 40.000 Jahren. Im spanischen Kantabrien und in der französischen Ardèche entstanden die frühesten Höhlenmalereien, etwa gleichzeitig in Südwestdeutschland die ersten plastischen Kunstwerke, kleine geschnitzte Figuren aus Mammutelfenbein.

„Als der Mensch die Kunst erfand“, haben die beiden Archäologen Nicholas J. Conard von der Universität Tübingen und Claus-Joachim Kind vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg ihren neuen Bildband über die Ausgrabungen auf der Schwäbischen Alb überschrieben. Und auch die Musik, wäre zu ergänzen. Einige Musikinstrumente, Flöten aus Vogelknochen oder Elfenbein, die auf der Alb gefunden wurden, sind sogar noch älter, stammen aus der Zeit vor 43.000 Jahren. Und mit unverhohlenem Stolz vermerkt Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seinem Grußwort, dass der deutsche Südwesten bei dieser „Erfindung“ eine prominente Rolle einnahm: „Soweit bekannt, gibt es weltweit keine vergleichbaren Artefakte, die ein so hohes Alter aufweisen.“ „Die Elfenbeinfiguren sind sehr detailreich und mit großem Sinn für Ästhetik gestaltet. Sie geben uns auf beeindruckende Art und Weise Einblick in das spirituelle Leben der Europäer in der Eiszeit.“

Vor wenigen Monaten hat die UNESCO die sechs Höhlen in der Nähe von Ulm und Heidenheim, in denen die Statuetten und Flöten gefunden wurden, in ihre Welterbe-Liste aufgenommen, als eine von nunmehr 42 Stätten in Deutschland. Dabei ist Kretschmanns vorsichtige Formulierung „soweit bekannt“ sehr wohl begründet. Niemand weiß, welche Überraschungen zur menschlichen Frühgeschichte der Boden irgendwo in Europa oder Asien oder Afrika vielleicht noch verborgen hält; erst recht lässt sich nicht sagen, ob wir aus den Funden die richtigen Schlüsse ziehen. Vielleicht kannte ja bereits der Neandertaler so etwas wie „Kunst“? Man hat Farbpigmente auf Muschelschalen gefunden, es könnte sich um Schmuckstücke handeln – von einer Bemalung des menschlichen Körpers zu schweigen.

Die Ausgrabungsfunde auf der Alb wurden jedoch von Angehörigen jener Menschenart hervorgebracht, die wir mit zweifelhaftem Recht „Homo sapiens“ nennen. Oder, mit dem Bemühen um Sachlichkeit, aber etwas umständlich, den „anatomisch modernen Menschen“. Vor etwa 100.000 Jahren hatte er sich von Afrika aus zunächst im Nahen Osten verbreitet, einige zehntausend Jahre später dann das südliche Asien und Europa erreicht. Spätestens vor 43.000 Jahren besiedelte er an der oberen Donau Gebiete, die damals anscheinend menschenleer waren. Es gibt keinerlei Hinweise, berichten Conard und Kind, dass die Neuankömmlinge in dieser Gegend mit dem Neandertaler zusammengetroffen wäre, der die Region lange bewohnt hatte. Die Geschichte der menschlichen Zivilisation begann sozusagen von Neuem.

Dann aber auch gleich mit einem „Sprung“, sowohl quantitativ als auch qualitativ. „Die meisten Schätzungen“, schreiben Conrad und Kind, „gehen davon aus, dass mindestens zehnmal so viele moderne Menschen auf der Schwäbischen Alb lebten wie zuvor Neandertaler.“ Wenig später muss es zu jener „Erfindung“ von Kunst und Musik gekommen sein. In verblüffender Beinahe-Gleichzeitigkeit mit den plastischen Werken in Südwestdeutschland entstanden die Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien, wenige tausend Jahre später auch die Wand- und Felsbilder auf Sulawesi und in Australien. „Aurignacien“ nennen die Prähistoriker diese frühe Kulturstufe des „modernen Menschen“ in Europa, nach einem Fundort im französischen Pyrenäenvorland.

Sirgensteinhöhle, Blaubeuren
Bild: Thilo Park/Wikipedia


Soweit möglich, sind die sechs Albhöhlen in Ostwürttemberg heute besucherfreundlich eingerichtet. Mindestens kann durch ein Gitter im Eingangsbereich ein Großteil der Höhle überblickt werden. In der Höhle „Hohler Fels“ bei Schelklingen, westlich von Ulm, werden die Sommermonate über Führungen angeboten; am „Vogelherd“ bei Bissingen in der Nähe von Heidenheim ist ein ganzer „Archäopark“ eingerichtet, in dem man sich über die Zeit vor 40.000 oder 35.000 Jahren informieren kann. Man kann „vieles selbst ausprobieren“, schreiben Conard und Kind in einem Anhang mit „Tipps für die Besichtigung“. Experimentelle Archäologie also, vor allem für Kinder und Jugendliche. Die Internetseite des Parks wird konkreter: Die Besucher können zum Beispiel lernen, wie in der Steinzeit Feuer zur Zubereitung von Speisen erzeugt wurde. Oder wie sich einfache Flötchen und Pfeifchen herstellen lassen. Oder reißfeste Schnüre aus einem Material, dem man das überhaupt nicht zutrauen würde: Brennnesseln.

Wer sich mehr für einzelne Kunstwerke interessiert, ist mit einem Besuch in den württembergischen Museen wahrscheinlich besser bedient. Ein zentrales Museum zur Vorgeschichte des schwäbischen Raums gibt es nicht, die Funde sind verstreut. So findet sich eines der eindrucksvollsten Fundstücke, der „Löwenmensch“, der in Hohlenstein nordöstlich von Ulm gefunden wurde, heute im Museum Ulm; dort wurde für ihn ein eigener Raum gestaltet. Die Entdeckung dieser Statuette ist eine Abenteuergeschichte für sich. In den 1930er Jahren waren eine Menge Elfenbeinsplitter aufgetaucht, doch erst 1969 erkannte der Tübinger Prähistoriker Joachim Hahn darin eine Figur, ein Mischwesen aus Mensch und Höhlenbär oder Höhlenlöwe. In irgendeinem Büro der Universität Tübingen fand sich ein kleines Tütchen mit Elfenbeinstücken – halb und halb zufällig stellte sich heraus, dass sie ebenfalls dazu gehörten. In den 1960er Jahren wurden vor Ort weitere Bruchstücke gefunden.

Was wir heute sehen, ist ein Puzzle aus fast 300 Teilen, 31 Zentimeter hoch. Ob ein Männlein oder Weiblein dargestellt ist, darüber streiten sich die Gelehrten noch. Doch die Schnauzenpartie ist so fein ausgearbeitet, dass man ein Lächeln zu erkennen meint. Der Experimentalarchäologe Wulf Hein hat aus einem Stück fossilen Mammutelfenbeins eine Nachbildung geschnitzt und dafür nicht weniger als 360 Arbeitsstunden benötigt. Nun wird man annehmen dürfen, dass der steinzeitliche Künstler mehr Übung hatte. Aber mehrere Wochen muss er an der Figur gearbeitet haben und wurde in dieser Zeit von den anderen in der Gruppe mit Nahrung versorgt. Und daraus folgt: In der Gesellschaft von damals gab es, zumindest in Ansätzen, bereits eine Arbeitsteilung.

Tierstatuetten waren offenbar eine Hauptaufgabe der Künstler: Fische, Vögel, kleine und große Säuger, vom Igel bis zum Mammut ... „Die Tiere sind realistisch dargestellt und lassen sich leicht identifizieren“, schreiben Conard und Kind. „Ihre Proportionen stimmen.“  Dabei darf man den Ausdruck „realistisch“ freilich nicht in einem „photorealistischen“ Sinn missverstehen, eine höchst elegante Stilisierung ist unverkennbar. Und zweifellos handelt es sich nicht um „l‘art pour l‘art“: „Die Körper sind oft mit Zeichen verziert, Teil einer Kommunikation, die wir heute nicht mehr verstehen.“ Mag sein, dass die Statuetten genutzt wurden, um das Jagdglück magisch herbeizuzwingen.

Das gilt ganz ähnlich auch für die Frauenstatuetten, eine andere Hauptaufgabe eiszeitlicher Kunst. Die sogenannte „Venus vom Hohle Fels“ hat im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren ihren neuen Platz gefunden. „Sogenannt“, weil sich nicht sagen lässt, inwieweit die Assoziation an die Göttinnen späterer Religionen berechtigt sein könnte. Die kaum sieben Zentimeter große Figurine ist – nun ja, sehr korpulent gebaut, mit Hervorhebung des Geschlechts, Rubens‘ Damen wirken daneben ein bisschen magersüchtig. Sie hat kein Gesicht; offenbar kam es dem Künstler nicht auf Individualität an, man wird eine Verwendung zum Fruchtbarkeitszauber unterstellen dürfen. Dort, wo der Kopf sitzen müsste, ist ein Ring. Wahrscheinlich wurde die Figur an einer Schnur um den Hals getragen, als magisches Amulett.

Löwenmensch von Hohlen-
stein, im Muuseum Ulm
Bild: Dagmar Hollmann/
Wikipedia


Jedenfalls steht die Venus vom Hohle Fels am Anfang einer langen Reihe, die ihre Krönung etwa 17.000 Jahre später in der „Venus von Willendorf“ in der Wachau fand. Bislang nur ein einziger kleiner Fund, ein abgerundetes Stück Kalkstein mit schwarzen, roten und gelben Pigmenten, belegt, dass es im südwestdeutschen Aurignacien auch Malerei gegeben hat. Vielleicht lebten die Bewohner der Schwäbischen Alb stärker als ihre Zeitgenossen in Spanien und Frankreich nomadisch. Da waren Statuetten praktischer als Höhlenmalereien. Was fürs erste völlig unbekannt bleiben muss, ist die Begräbniskultur der Menschen vor 40.000 Jahren auf der Schwäbischen Alb: Anders als sonst im westlichen Eurasien, konstatieren Conard und Kind, wurden die Höhlen nicht für Bestattungen genutzt, von Gräbern unter freiem Himmel haben sich keine Spuren erhalten. Das macht Aussagen über das „spirituelle Leben der Europäer in der Eiszeit“ vorläufig sehr schwierig.

Doch wie gern würden wir mal einem „Konzert“ der Aurignacien-Menschen lauschen … Ein Dutzend Bruchstücke von Blasinstrumenten wurden inzwischen gefunden, angefertigt aus den Flügelknochen von Schwänen und Geiern oder aus Mammutelfenbein. Der Experimentalarchäologe Friedrich Seeberger hat mit Nachbauten die Praxistauglichkeit dieser Instrumente erprobt. Conard und Kind: „Knochenflöten sind sehr haltbar, wie die meisten modernen Flöten, solange man die kondensierte Flüssigkeit ab und zu ausschüttelt. Elfenbein hingegen arbeitet und wird mit fortschreitender Spieldauer immer feuchter.“ Doch dafür ließ sich die Tonhöhe bei Elfenbeinflöten breiter variieren. Sicherlich wurden die Flötenspieler durch Gesang und Klatschen und durch Rhythmusinstrumente begleitet. Für die Herstellung einer einzigen Elfenbeinflöte benötigte Seeberger hundert Arbeitsstunden. Das lässt nur einen Schluss zu: Musik hatte im Leben dieser Steinzeitmenschen einen zentralen Platz.


Neu auf dem Büchermarkt:

Nicholas J. Conard/Claus-Joachim Kind: Als der Mensch die Kunst erfand. Eiszeithöhlen der Schwäbischen Alb, Theiss Verlag, Darmstadt 2017, 192 S. mit 110 Farbabb. und 5 Ktn., ISBN 978-3-8062-3563-0, 39,95 €



Mehr im Internet:

Eiszeithöhlen auf der Schwäbischen Alb - Wikipedia
Nicholas J. Conard/Claus-Joachim Kind: Als der Mensch die Kunst erfand
scienzz artikel Vorgeschichtliche Kunst

 

 

 

 

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