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06.11.2017 - ZEITGESCHICHTE

100 Jahre Mythos Oktoberrevolution

Ein Sturm, der nicht stattfand - und dennoch die Weltgeschichte veraenderte

von Josef Tutsch

 
 

Panzerkreuzer Aurora heute
Bild: Wilson44691/Wikipedia

Auf einen Kanonenschuss des Panzerkreuzers "Aurora" hin stürmten frühmorgens am 7. November 1917 (es war der 25. Oktober des gregorianischen Kalenders) opferbereite Rotgardisten den ehemaligen Zarenpalast in Petrograd, in dem inzwischen die provisorische Regierung Russlands ihren Sitz hatte. Nach verlustreichen Kämpfen konnten sie das "Winterpalais" erobern.

So hat sich die "Oktoberrevolution" in das kollektive Gedächtnis von Millionen und Abermillionen Menschen eingeprägt. Den Kanonenschuss gab es tatsächlich. Was allerdings den "Sturm" betrifft … Selbst die Sieger taten sich später schwer damit, das Geschehen heroisch zu verklären. Josef Stalin sprach in einem Buchvorwort etwas vage von der "verhältnismäßigen Leichtigkeit", mit der es der "proletarischen Revolution" in Russland gelungen sei, "die Ketten des Imperialismus zu sprengen und so die Macht der Bourgeoisie zu stürzen". Leo Trotzki, der eigentliche Organisator des Umsturzes, war in seiner "Geschichte der russischen Revolution" ein wenig offener: Es "fehlen große Massenhandlungen, dramatische Zusammenstöße mit den Truppen, es fehlt alles, was mit einer Revolution gemeinhin verbunden wird".

War dieser Aufstand überhaupt eine "Revolution"? Trotzki bejahte die Frage: "In Wirklichkeit hatte dieser von allen Aufständen in der Geschichte am stärksten den Gedanken einer Massenbewegung. Die kleine Gruppe von Aktivisten hätten eben anstelle der Massen gehandelt. "Die Arbeiter brauchten nicht auf die Straße zu gehen […] Diese unsichtbaren Massen gingen mehr denn je im Gleichschritt mit den Ereignissen."

Was geschah wirklich an diesem 7. November? "Wirklich" im Sinne einer empirisch festzustellenden Geschichte der Daten und Fakten, ohne Mythen, Legenden, "Fake news"? Eine Arbeiterklasse, die als revolutionäres Subjekt hätte auftreten können, gab es in Russland allenfalls in Ansätzen. Was es wirklich gab, das war eine kleine Kaderpartei, die sich ihrer eigenen Theorie zufolge auf eine lange, lange Wartezeit in einer bürgerlichen Republik hätte einrichten müssen, wahrscheinlich über die Lebenszeit jedes einzelnen dieser Revolutionäre hinaus.

Selten in der Geschichte wurde ein Projekt mit einem derart immensen Theorieaufwand diskutiert wie diese dem Anspruch nach sozialistische Revolution. Und vielleicht noch seltener wurden von den Akteuren im entscheidenden Augenblick alle theoretischen Bedenken rigoros beiseitegeschoben. Selbst in Lenins und Trotzkis eigener Partei scheint es nur eine kleine Minderheit gewesen zu sein, die in diesen ersten Novembertagen ein "window of opportunity" sehen wollte. War es nicht besser, auf den Allrussischen Sowjetkongress zu warten, der am 8. November zusammentreten sollte? Jetzt vorzupreschen, musste ja auch die Parole "Alle Macht den Sowjets!" desavouieren

"Der Bolschewik", Gemälde von Boris
Kustodiew, 1920 (Tretyakow Gallery,
Moskau) - Bild: Wikipedia


Aber Lenin drängte zum Handeln. Gemeinsam mit Trotzki brachte er es zuwege, dass sich am 10. Oktober und erneut am 16. eine Mehrheit des Zentralkomitees für eine gewaltsame Machtübernahme entschied, und zwar noch vor dem Zusammentritt des Kongresses. Der sollte die Revolution bloß im Nachhinein legitimieren. Auf gar keinen Fall "dürfen wir uns von der Stimmung der Massen leiten lassen, erklärte Lenin verachtungsvoll, sie ist wankelmütig und nicht genau zu berechnen". Die Massen wollten "nicht Worte, sondern Taten sehen".

In zäher Kleinarbeit hatte Trotzki es in den Wochen zuvor geschafft, das "Militärische Revolutionskommando", mit dem die Hauptstadt gegen eine drohende Konterrevolution von Anhängern des gestürzten Zarenregimes gesichert werden sollte, unter seine Kontrolle zu bringen. Mit einer kleinen Zahl von Bewaffneten, der Historiker Gerd Koenen schätzt die Zahl auf allerhöchstens 6.000, wurden am 6. November einige "Nervenzentren" der Stadt, also Bahnhöfe, Brücken, Elektrizitätswerke und Telegraphenämter besetzt. Trotzki, schreibt Koenen in seinem neuen Buch über "Ursprünge und Geschichte des Kommunismus", "betrieb eine schleichende Übernahme der Stadt, ohne dass irgendjemand so richtig begriff, was da vor sich ging."

Das ist so unwahrscheinlich nicht, wie es klingen mag. Seit im Februar die Jahrhunderte alte Zarenherrschaft gestürzt worden war, lebte Sankt Petersburg in ungeklärten Machtverhältnissen. Die provisorische Regierung und die Arbeiter- und Soldatenräte, die "Sowjets", agierten neben- und gegeneinander. Über die Zukunft sollte eine "Verfassungsgebende Versammlung" entscheiden. Darauf setzten die "Sozialrevolutionäre" unter Ministerpräsident Alexander Kerenski große Hoffnungen: Russland sollte in eine bürgerliche Republik nach französischem Vorbild transformiert werden.

Eine solche Entwicklung hielt auch Lenin für wahrscheinlich. Die Mehrheit der Konstituante würde "offenkundig nicht auf unserer Seite sein", sagte er gegenüber Vertrauten. Umso mehr gab es Grund, frühzeitig loszuschlagen. Lenin ließ in der Petrograder Öffentlichkeit das Gerücht streuen, Kerenski wolle die Stadt den Deutschen ausliefern. Kerenski, der den Krieg gegen das Deutsche Reich an der Seite von Frankreich und Großbritannien fortsetzte. "Um Petrograd zu retten, muss Kerenski gestürzt werden." Dass Lenin selbst - wovon die breite Öffentlichkeit damals nichts ahnen konnte - im April mit Unterstützung der deutschen Obersten Heeresleitung aus dem Schweizer Exil nach Russland zurückgekehrt, spielte keine Rolle.

Am Abend des 6. November hatte außerhalb des engsten Führungszirkels um Lenin und Trotzki wahrscheinlich noch niemand mitbekommen, dass der Machtwechsel halb und halb bereits vollzogen war. In der folgenden Nacht allerdings gingen in der Kommandantur, die gegenüber dem Winterpalais ihren Sitz hatte, beunruhigende Meldungen ein, Befehle würden nicht mehr ausgeführt. Da hatte jemand in einem "lautlosen Aufstand", wie Koenen es ausdrückt, die Macht übernommen. Ministerpräsident Kerenski begriff als einer der ersten, "was die Stunde geschlagen hatte". Irgendwie schaffte er es, an den Wachposten der neuen Machthaber vorbei aus der Hauptstadt zu fliehen.

Der Eingang zum Winterpalais stand offen, als eine Schar Bewaffneter aufzog, unter ihnen der amerikanische Journalist John Reed, der mit den Bolschewiki sympathisierte. Später lieferte er mit seinem Buch "Zehn Tage, die die Welt erschütterten" die klassische Schilderung des Geschehens, halb Augenzeugenbericht, halb verklärender Roman. Lenin schrieb ein Vorwort, doch unter Stalin fiel das Buch in der Sowjetunion der Zensur zum Opfer. Unvermeidlich spielte Trotzki darin eine Hauptrolle, den Stalin inzwischen in Acht und Bann getan hatte.

Sowjetische Briefmarke von 1987, nach
einem Bild von Wladimir Serow, 1962.
Serow hatte in dieser zweiten Fassung
eine zentrale Figur der ersten Version
eliminiert: Stalin  - Bild: Wikipedia

Die Wachen des Winterpalasts legten ohne Widerstand die Waffen nieder und wurden dann nach Hause entlassen. Ebenso die Regierungsmitglieder, nachdem sie ihr zukünftiges Wohlverhalten zugesichert hatten. Ob es überhaupt ernsthaften Widerstand gab, ist zweifelhaft. Die Soldatinnen aus einem Frauenbataillon wurden beschuldigt, auf die Angreifer geschossen zu haben; jedenfalls wurde einige in eine Armeebaracke verbracht und misshandelt. Die Zahl der Opfer wird in den verschiedenen Quellen auf etwa acht oder zehn Tote beziffert, alle auf Seiten der Verteidiger. Jedenfalls haben die neuen Herren niemals versucht, aus dem "Sturm" auf das Winterpalais einen Märtyrerkult zu entwickeln.

Als wenige Stunden später der Stadtsowjet zusammentrat, verkündete Trotzki, die Regierung sei gestürzt und das "Revolutionäre Militärkomitee" habe nun die Macht übernommen. Am Abend erschienen die Delegierten aus dem ganzen Land zum Allrussischen Sowjetkongress. Sie brauchten sie nur noch zur Kenntnis zu nehmen, dass die "Revolution" vollzogen war. Die Gegner des Umsturzes resignierten, indem sie nach und nach aus dem Kongress auszogen. "Eure Rolle ist ausgespielt", rief Trotzki einem ehemaligen Kampfgefährten, Julius Martow, triumphierend zu: "Schert euch dahin, wohin ihr von nun an gehört: auf den Kehrichthaufen der Geschichte!" Am Abend des 8. November trat Lenin, der sich bislang zurückgehalten hatte, vor die verbliebenen Delegierten und sagte: "Wir beginnen jetzt mit dem Aufbau der sozialistischen Ordnung."

Im Rückblick betrachtet, waren es weniger die "zehn Tage" als dieser folgende Aufbau, der "die Welt erschütterte". Mit einer Brutalität, wie sie bis dahin in der Geschichte beispiellos war, wurde Russland in ein Laboratorium des großen Experiments umgestaltet, das die Verwirklichung der "klassenlosen Gesellschaft" bringen sollte. Ein Jahrhundert zuvor hatte Hegel in seiner Geschichtsphilosophie von dem "herrlichen Sonnenaufgang" der Französischen Revolution gesprochen: "dass der Mensch sich auf den Kopf, d.i. auf den Gedanken stellt und die Welt nach diesem erbaut". Lenin ließ keinen Zweifel daran, dass seine eigene Revolution dieses Vorbild weit übertreffen sollte: "Die Guillotine schüchterte nur ein, brach nur den aktiven Widerstand. Uns genügt das nicht."


Neu auf dem Büchermarkt:
Eine ausführliche Schilderung des Vorgangs "Oktoberrevolution" sowie des politischen und ideologischen Umfelds bringt die Neuerscheinung: Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, Verlag C. H. Beck, München 2017, 1133 S. mit 42 Abb., ISBN 978-3-406-71426-9, 38,00 €


Mehr im Internet:
Oktoberrevolution - Wikipedia 
scienzz artikel Osteuropa

 

 

 

 

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