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29.10.2017 - IDEENGESCHICHTE

"Die gemeinsame Wiedergeburt der Herrschaft der Gerechtigkeit"

Eine Universalgeschichte des Kommunismus

von Josef Tutsch

 
 

Kaiser Huangdi - Bild: Wikipedia

Im Chinesischen, berichtet der Historiker Gerd Koenen in seinem neuen Buch über die „Farbe Rot“, wird der Begriff „Kommunismus“ mit einer Umschreibung wiedergegeben, die etwa „die gemeinsame Wiedergeburt der Herrschaft der Gerechtigkeit“ bedeutet.

Sollte diese Umschreibung tatsächlich das treffen, was wir in der Zeitgeschichte „Kommunismus“ nennen, wäre der viel kolportierte Satz, wer als junger Mensch kein Kommunist gewesen sei, könne kein Herz haben, eine pure Banalität. Koenen engagierte sich in den 1970er Jahren im maoistischen KBW, dem „Kommunistischen Bund Westdeutschland“. Im Rückblick, schreibt er im Epilog, komme ihm diese Zeit wie ein „Ritt über den Bodensee“ vor: immer in der Gefahr, aus dem Reich der Utopie in Abgründe zu stürzen.

Koenen hat eine 1.100 Seiten lange „Universalgeschichte des Kommunismus“ vorgelegt, des Träumens der Menschheit von der großen Gerechtigkeit, angefangen bei den Mythen der alten Hochkulturen. Im heutigen China ist man sich dieser Traditionen, die weit über Marx‘ und Engels‘ „Manifest der Kommunistischen Partei“ von 1848 hinaus zurückreichen, sehr wohl bewusst. Die Erzählung vom „Gelben Kaiser“ Huangdi, der sein Volk das Gesetz universaler Harmonie lehrte, schreibt Koenen, gehört zur Geschichtsideologie der Volkrepublik.

Der „Philosophenstaat“, den Platon im 4. Jahrhundert v. Chr. skizzierte, wird bis heute gern angeführt, wenn es um frühe „kommunistische“ Konzeptionen geht, ebenso wie die – sicherlich idealisierende – Schilderung der Apostelgeschichte vom Leben in der christlichen Urgemeinde: „Alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.“ Sobald das Ideal jedoch über den Kreis der „Gläubigen“ hinaus realisiert werden sollte, trat gleich ein Problem auf, das die sogenannte „Reformatio Sigismundi“ von 1439 in Worte fasste: „Man muss das Unkraut aus dem ganzen Garten heraussuchen und es ausjäten.“

Als „kommunistisch“ wurde diese Utopie von allgemeiner Gleichheit und Gerechtigkeit erstmals 1796/97 bezeichnet, in einem Roman des Schriftstellers Restif de la Bretonne. Das Wort setzte sich zunächst nicht durch, 1840 jedoch tauchte es in den „frühsozialistischen“ Diskussionskreisen Frankreichs wieder auf und war dann sehr schnell in aller Munde. Dahinter stand, erläutert Koenen, das Ungenügen an der „bloß“ staatsbürgerlichen Gleichheit: Auch die Eigentumsverteilung sollte in Frage gestellt werden. 1848, als Marx und Engels ihr „Manifest der Kommunistischen Partei“ veröffentlichten, durften sie bereits davon ausgehen, jeder Leser könnte mit dem Wort etwas verbinden. Bereits damals zeichnete sich eine Spaltung ab zwischen „reformerischen“ Strömungen und anderen, die auf Gewalt und Terror setzten. Und bereits damals nutzten Konservative gern das Schreckgespenst einer kommunistischen Diktatur, um Reformen abzuwehren.

Sowjetisches Propagandaplakat, 1933
Bild: Wikipedia


Anderthalb Jahrhunderte (und in Koenens „Geschichte“ mehr als 700 Seiten) später: Auf dem letzten Schriftstellerkongress der DDR Anfang 1990 hielt der West-Berliner Ronald M. Schernikau eine halb ironische, halb auch nostalgische Rede, Überschrift „Ich bin Kommunist“. Schernikau, stellt  Koenen fest, enthüllte ein „Betriebsgeheimnis“ der kommunistischen Bewegung: „Honeckers Versuch, ein guter König zu sein, so klein und mickrig er auch ausfiel, es war der Versuch zum Konsens […] Er [der Konsens] war es, von dem Sie lebten […] Warum haben alle mitgemacht? Weil Sozialismus war.“ In der sowjetischen Zeitschrift „Familie und Schule“ von 1948 hat der Autor eine ähnliche Formulierung gefunden: „Die Herrschaft des Sozialismus hat die Tragödie der Einsamkeit beseitigt, unter der die Menschen in der kapitalistischen Welt leiden.“

Der Traum vom Kommunismus als Versuch, die Probleme einer immer komplexer werdenden Welt zu kompensieren? Tatsächlich, bilanziert Koenen, „war die Errichtung und Sicherung kommunistischer Gesellschaften immer und unweigerlich mit einer drastischen Senkung des längst erreichten Grades an Komplexität und Differenzierung verbunden.“ Der Autor meint nicht nur die DDR oder das sowjetische System, das er bereits in seiner Zeit als Maoist mit viel Abstand betrachtete, seine Aussage ist allgemein: „Die Voraussetzung jeder Planbarkeit menschlicher Bedürfnisse ist ihre Reduktion – und damit zugleich die Beschneidung aller vitalen, unberechenbaren, anarchischen Triebe und Bestrebungen des Menschen.“

Es wäre ungerechtfertigt, betont Koenen, den Kommunismus – wie es im Kalten Krieg ja oft geschah – mit dem Faschismus oder Nationalsozialismus einfach gleichzusetzen: Die Kommunisten traten nicht im Namen einer „Rasse“ an, sondern erklärten sich „so feierlich wie möglich dem ‚Höchsten der Menschheit‘ und einer prinzipiellen Gleichheit aller Völker und Rassen verpflichtet“. Koenen deklariert diese Haltung im folgenden Satz für „verlogen“. Doch daran sind Zweifel angebracht. Es ist damit zu rechnen, dass auch unter den Organisatoren des Archipel Gulag viele ganz ehrlich davon überzeugt waren, mit ihrem Tun dem „Höchsten der Menschheit“ zu dienen. 

Aktuell, also über das Historische hinaus, werden in Koenens Buch vermutlich die Seiten über das China von heute das meiste Interesse erwecken. Seit November 2012 habe sich die Kommunistische Partei Chinas „auf den Pfad einer offensiven Reideologisierung begeben, die den überfälligen und schmerzhaften sozialökonomischen Anpassungen abermals die Aura überlegener Weisheit und wissenschaftlicher Unanfechtbarkeit verleihen soll“. Bloß die „Aura“? Es seien „rituelle Sprechblasen“, schreibt der Autor, die aber dennoch sehr wirksam sind, indem sie „ähnlich wie das alte konfuzianische Prüfungswissen der kaiserlichen Beamten durch stetes Repetieren das Denken prägen“.

Für Angehörige der westlichen Kultur, die daran gewöhnt sind, zwischen Authentizität einerseits, Ideologie andererseits scharfe Trennlinien ziehen zu wollen, schwer nachvollziehbar. Jedenfalls hat das moderne China das Kunststück vollbracht, drei einander widerstreitende Phänomene miteinander zu verbinden: den „paternalistischen Autoritarismus“ seiner Jahrtausende alten Tradition, einen Kapitalismus, wie er in dieser „Entgrenztheit“ kaum irgendwo im Westen bekannt ist, und schließlich den „tendenziell totalitären kommunistischen Despotismus“. Und diese Melange dann unter die Devise von der „gemeinsamen Wiedergeburt der Herrschaft der Gerechtigkeit“ zu stellen.

Che-Guevara-Denkmal in Havanna, Cuba
Bild: Mark Scott Johnson/Wikipedia


Was Koenen in seiner monumentalen Darstellung eher beiläufig streift, sind die „reformistischen“ Bestrebungen in den westlichen Demokratien, vor allem im Rahmen sozialdemokratischer Parteien. Auch hier ist natürlich der Traum von der Gerechtigkeit wirksam, doch das Signum „Kommunismus“ kam außer Gebrauch – vermutlich weil es sehr früh mit radikaleren Strömungen assoziiert wurde, die auf eine Diktatur hinzielten. Bloß in einer Randbemerkung erwähnt Koenen, dass es in der Welt von heute neben den chinesischen Kommunismus noch einen anderen „Antipoden des liberalen Säkularismus westlicher Provenienz“ gibt: den Islamismus. Die Frage, inwieweit es sich auch da um einen Gerechtigkeitsdiskurs handelt, bleibt offen.

Neu auf dem Büchermarkt:
Gerd Koenen: Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, Verlag C. H. Beck, München 2017, 1133 S. mit 42 Abb., ISBN 978-3-406-71426-9, 38,00 €



Mehr im Internet:

Kommunismus - Wikipedia 
scienzz artikel Politische Ideen 

 

 

 

 

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