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03.11.2017 - MALEREI

Kreativitaet als Aneignung und Verwandlung

In Wien ist Peter Paul Rubens' Umgang mit seinen Vorbildern zu studieren

von Josef Tutsch

 
 

Peter Paul Rubens: Kentaur von
Cupido gezähmt, 1600/1608,
WRM & Fondation Courbaud,
Köln - Bild: Rhein. Bildarchiv

Wenn man die großen Meisterwerke der Kunst doch gleich nebeneinander betrachten könnte, in einem einzigen Museumssaal … Welche Verwandtschaften über die Jahrhunderte hinweg da zu entdecken wären! Zum Beispiel ein Gemälde von Peter Paul Rubens‘ über die Ankunft der französischen Königin Maria de‘ Medici in Marseille aus den 1620er Jahren, heute im Pariser Louvre zu sehen: Die liebenswürdigen Najaden unten im Bild ähneln, bei aller Unterschiedlichkeit des Motivs, verdächtig einem mehr als anderthalb Jahrtausende älteren Werk, der Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen – der Darstellung des trojanischen Priester Laokoon und seiner beiden Söhnen, die von den Schlangen bedroht und getötet werden.

So unwahrscheinlich uns eine Beziehung beider Werke zunächst einmal vorkommen will - Rubens wird sich tatsächlich bei dem Laokoon-Meister bedient haben. Als er 1601 Rom besuchte, waren antike Statuen seine bevorzugten Studienobjekte. Immer wieder fertigte er Skizzen an, aus den verschiedensten Perspektiven. Und Jahrzehnte lang dienten ihm seine Eindrücke als Anregungen bei seinen eigenen Bildern. Im Wiener Kunsthistorischen Museum ist jetzt nachzuvollziehen, wie Rubens mit seinen Vorbildern umging, wie er sie in seinem eigenen Werk sozusagen „verwandelte“. Ab Februar 2018 ist die Ausstellung dann im Frankfurter Städel zu sehen.

48 Rubens-Gemälde sind Statuen aus der Antike oder Gemälden von Renaissance- und Frühbarockmalern gegenübergestellt, die als Inspirationsquelle dienten. Den Grundstock der Ausstellung bildet die reiche Rubens-Sammlung in Wien, dazu kommen Leihgaben etwa aus Madrid, St. Petersburg und Washington. „Kraft der Verwandlung“ haben die Organisatoren der Ausstellung ihr Projekt überschrieben. In souveräner Freiheit übertrug Rubens Motive aus der antiken Mythologie, wie er sie auf seiner Italienreise an den antiken Vorbildern gesehen hatte, in seine Gemälde zur Zeitgeschichte oder verwandte Vorbilder aus dem „heidnischen“ Altertum für Darstellungen der christlichen Heilsgeschichte und Heiligenlegende.

So diente die Laokoon-Gruppe nicht nur im Bilderzyklus für Königin Maria als Vorbild. In einem Madrider Gemälde von der „Blendung Simsons“ nimmt der Protagonist die Haltung des trojanischen Priesters ein, und das Bild mit den „Wundern des hl. Ignatius“ in Wien zeigt einen Besessenen nach demselben Modell. Es ist kein Einzelfall in Rubens‘ Werk. Die Zeichnungen belegen, dass er in Rom die Statue des „Herkules Farnese“ studierte und analysierte. Einige Jahre nach der Rückkehr taucht ein starker Mann, der diesem Herkules sehr ähnlich sieht, in einer Ölskizze auf, nun unter der Bezeichnung eines „heiligen Christophorus“ – jenes Riesen, der das Christuskind durch einen Fluss getragen hatte und am Ende meinte, er habe die ganze Welt getragen.

Peter Paul Rubens: Ecce homo, um
1612, Ermitage, St. Petersburg
Bild: State Hermitage Museum


Es handelt sich um eine Vorarbeit für einen Altar in Antwerpen. Auf der Skizze, die heute in der Alten Pinakothek in München hängt, ist der ruhig dastehende Held in einen leicht gebückten, mühsam dahinschreitenden Heiligen verwandelt. Sicherlich hatte der Maler bei der Arbeit auch lebende Modelle vor sich, um die Haltung der Statuen abwandeln zu können. Aber man darf unterstellen, dass Rubens‘ Figuren ihre verblüffende Plastizität nicht zuletzt dem Studium der Antike verdanken. Eine Vorbildhaftigkeit, die bis in die die Gestaltung der unbelebten Gegenstände hineinreicht. Der Stab, auf den sich Christophorus stützt, ähnelt sehr der Keule des Herkules.

Am Fall Herkules-Christophorus lässt sich aber auch zeigen, dass es für Rubens mit einer einzigen „Verwandlung“ oft nicht getan war. Eine Zeichnung, die heute im Frankfurter Städel aufbewahrt wird, zeigt den Heiligen, wie er aus dem Wasser steigt und den Stab als Steighilfe benutzt. Und Rubens begnügte sich auch nicht mit Anregungen aus der Antike. Die Wiener Kunsthistorikerin Gerlinde Gruber vermutet, dass Rubens sich bei dieser Christophorus-Zeichnung an einem Bild des Renaissancemalers Giovanni Antonio Pordenone orientierte. Neben den antiken Statuen bildeten Gemälde aus dem 16. Jahrhundert einen zweiten Schatzkasten von Vorbildern. So übertrug Rubens eine Figurengruppe aus Tintorettos Bild „Die Werkstatt des Vulkan“ in jenes Gemälde mit den „Wundern des hl. Franz Xaver“.

Zu den Antiken konnte Rubens auf seine Skizzenbücher zurückgreifen. Von den Gemälden kaufte Rubens gezeichnete Kopien. Er legte sich, wie der Kunsthistoriker Nils Büttner es in seinem Katalogbeitrag ausdrückt, „einen Fundus von Figuren an, in denen menschliche Emotionen vorbildlich zum Ausdruck gebracht waren“. Und solche Figuren konnten in vielerlei Zusammenhängen gebraucht werden. Aus Washington ist eine Zeichnung mit der Göttin Venus zu sehen, die um ihren Geliebten Adonis trauert. Ganz ähnlich die Haltung der Figuren auf einem Wiener Ölbild mit der „Beweinung Christi“. Oder ein ganz verblüffendes Beispiel, das beinahe schon blasphemisch wirkt: Noch vor seiner Italienreise fertigte der junge Rubens eine Zeichnung von einem Kentauren an, wie er von Cupido gezähmt wird. Zehn Jahre später verwendete er das leidende Gesicht des Tiermenschen wieder, diesmal als Antlitz Christi auf einem „Ecce-homo“-Bild.

Ohne einen solchen Fundus wäre die staunenswerte Schnelligkeit, mit der Rubens produzierte, auch kaum möglich gewesen, selbst wenn man berücksichtigt, dass Rubens eine große Werkstatt mit vielen Mitarbeitern betrieb. Was der Betrachter zunächst gar nicht sieht: Als Vorarbeit zu seinen Bildern setzte sich Rubens intensiv auch mit der Theorie menschlicher Proportionen auseinander. Aus dem Berliner Kupferstichkabinett ist ein Skizzenblatt mit Figurenstudien nach Holbein, Dürer und Raffael in die Ausstellung gekommen. Auf der Rückseite sind lateinische Notizen zu Dürers Proportionslehre zu lesen, illustriert mit einer Skizze nach einem Wandgemälde Raffaels im Vatikan.

Peter Paul Rubens: Parisurteil, 1638,
Prado - Bild: Museo Nacional de Prado


Dass Rubens nicht nur seine Vorbilder frei „verwandelte“, sondern auch im eigenen Schaffensprozess seine Ideen weiterentwickelte, zeigt ein Blick auf die Rückseite vieler Bilder. Oft ist die Malfläche durch „Anstücken“ von Holz vergrößert, etwa bei dem Bild „Gewitterlandschaft mit Philemon und Baucis“. Ursprünglich handelte es sich um ein reines Landschaftsbild; erst spät entschloss sich Rubens, auf der rechten Seite die antike Geschichte von dem freundlichen alten Ehepaar hinzuzufügen. Erst diese Genreszene gab ihm die Möglichkeit, in dem mehr als zwei Meter breiten Bild seinen Hang zur Monumentalität auszuleben.

„Ich gestehe, dass ich mich instinktiv besser für sehr große Werke als für kleine Kuriositäten eigne“, schrieb Rubens selbst einmal. Worauf es ihm bei seinen „Verwandlungen“ ankam, zeigt eine seiner Zeichnungen von der Laokoon-Gruppe: Der Kopf des Priesters ist in dramatisierender Ansicht von unten wiedergegeben. Eine, wenn man so will, theatralische Sicht der Welt und des Menschen, die doch niemals oberflächlich wirkt – das macht, ähnlich wie bei Rubens‘ Zeitgenossen, dem Bildhauer Gianlorenzo Bernini, bis heute die Faszination dieses Malers aus.

„Wir können in dieser Ausstellung dem Meister praktisch über die Schulter schauen“, sagte die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums Wien, Sabine Haug, zur Eröffnung. Und dabei zeigt sich, anders als die bis heute gern gepflegte Vorstellung vom „Originalgenie“ nahelegt: Künstlertum ist – oder war es jedenfalls im 17. Jahrhundert - vor allem die verwandelnde Aneignung von Vorbildern. Aneta Georgievska-Shine zitiert im Katalog Rubens‘ Zeitgenossen Franciscus Junius. Der schrieb 1637 in einem kunstphilosophischen Traktat, durch „Verdauung“ könnten vielfältiger Quellen zu einem organischen Teil des schöpferischen Selbst werden. „Mit anderen Worten: Das ‚Neue‘ wird aus der ständigen Überprüfung und Zusammenstellung des ‚Alten‘ geboren.“ Junius berief sich auf den antiken Philosophen Seneca: Die „Kreativität“ der Bienen bestehe im Sammeln und Verdauen des Nektars aus verschiedenen Blüten.

Ausstellung:
Rubens – Kraft der Verwandlung, im Kunsthistorischen Museum Wien bis zum 21. Januar 2018, danach vom 8. Februar bis zum 21. Mai 2018 im Städel Museum Frankfurt am Main


Neu auf dem Büchermarkt:
Rubens – Kraft der Verwandlung, herausgegeben von Gerlinde Gruber, Sabine Haag, Stefan Weppelmann und Jochen Sander, Hirmer Verlag, München 2017, ISBN 978-3-7774-2862-8, 312 S.mit 304 farb. Abb., 49,90 € [D], 49,90 € [A], 60,90 CHF

Mehr im Internet:
Ausstellung Rubens – Kraft der Verwandlung
Peter Paul Rubens - Wikipedia
scienzz artikel Barockkunst 

 

 

 

 

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