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27.11.2017 - ENGLISCHE LITERATUR

Die Welt zu aergern - und zu unterhalten

Vor 350 Jahren wurde Jonathan Swift geboren, der Autor von "Gullivers Reisen"

von Josef Tutsch

 
 

Jonathan Swift (um 1710)
Bild: Wikipedia

Abenteuerlicher hat wahrscheinlich selten ein Manuskript seinen Verleger erreicht. An einem Augustabend des Jahres 1726 fuhr eine Droschke in London am Haus von Benjamin Motte vorbei. Eine Hand reckte sich aus dem Fenster und warf ein Paket vor die Haustür. Dann verschwand die Droschke wieder im Dunkel. Zwei Monate später kam eines der meistgelesenen Bücher der Weltliteratur auf den Markt, betitelt „Reisen in verschiedene ferne Länder der Erde“. Als Verfasser war „Lemuel Gulliver“ angegeben, „erst Wundarzt, später Kapitän mehrerer Schiffe“.

Der Schriftsteller Jonathan Swift hatte guten Grund für solche Verschleierungen. Vieles in dem Buch kam einer Majestätsbeleidigung gefährlich nahe. Am Hofe von Lilliput, berichtet Gulliver, sei es Brauch, dass die Minister darum wetteifern, ihre Geschicklichkeit im Tanz auf dem Seil vorführen zu dürfen. Einer mit Namen Flimnap hätte sich dabei „unfehlbar das Genick gebrochen, wenn die Wucht seines Stoßes nicht durch ein Kissen des Kaisers, das zufällig auf dem Boden lag, gemildert worden wäre“. Die Kommentatoren von „Gullivers Reisen“ sind sich einig: Das „Kissen“ war die Gräfin Melusina von der Schulenburg, eine der Maitressen König Georgs I. Durch ihre Gunst kam der gestürzte Minister Robert Walpole nach vier Jahren erneut ans Ruder.

Sich über die Streitigkeiten der verschiedenen Kirchen lustig zu machen, war damals schon wesentlich ungefährlicher. Eine Passage aus Gullivers Reise nach Lilliput wurde zur Lieblingsstelle aller Skeptiker und ist es bis heute geblieben: „Allerseits wird eingeräumt, dass die ursprüngliche Art, Eier aufzuschlagen, bevor man sie isst, darin bestand, das am stumpfen Ende zu tun. Es trug sich aber zu, dass der Großvater Seiner gegenwärtig regierenden Majestät, als er als Knabe ein Ei essen wollte und es nach dem alten Brauch aufschlug, sich in den Finger schnitt. Darauf erließ der Kaiser, sein Vater, eine Verordnung, die all seinen Untertanen bei schweren Strafen befahl, die Eier am spitzen Ende aufzuschlagen.“ „Man schätzt, dass im Laufe der Zeit elftausend Personen lieber den Tod erlitten haben, als dass sie sich damit abfanden.“

Solche Spöttereien waren eine Lieblingsbeschäftigung von Jonathan Swift, der seinen Lebensunterhalt von 1713 an als Dekan der anglikanischen Kirche in St. Patrick in Dublin verdiente. Am 30. November 1667, vor 350 Jahren, war er dort geboren worden. Zum Kleriker ordiniert, arbeitete er in England zeitweise als Sekretär des Politikers und Essayisten Sir William Temple. Doch die Hoffnung, durch die Patronage seines Gönners eine auskömmliche Stellung in England zu erhalten, zerschlug sich, als Temple 1699 verstarb. 

Swift engagierte sich publizistisch, zunächst für die Partei der „Whigs“, dann ab 1710 für die der „Tories“. Der Übertritt hing nicht nur mit Swifts Karriereabsichten zusammen, deren Förderung er nun eher von den Tories erwartete. Vielmehr stand er auch hinter deren Politik, die 1713 zum Friedensschluss mit Frankreich führte. Doch nachdem Königin Anne im folgenden Jahr verstarb, brachte ihr Nachfolger Georg I. erneut die Whigs an die Macht. Swifts Ambitionen waren aussichtslos geworden. Er zog sich nach Irland auf seine Dekansstelle zurück.Und entdeckte in seinem Heimatland das Thema, das seine Schriftstellerei in den folgenden Jahren beherrschte: die Ausbeutung Irlands durch den mächtigeren Nachbarn – angeprangert von einem Autor, der als Engländer und Anglikaner doch selbst zur herrschenden Minderheit gehörte. Den Höhepunkt brachte 1729 der „Bescheidene Vorschlag, wie man verhüten kann, dass die Kinder armer Leute ihren Eltern oder ihrem Lande zur Last fallen, und wie sie der Allgemeinheit nutzbar gemacht werden können“. Es war eine der makabersten Satiren, die jemals geschrieben wurden: Statt die erwachsenen Iren hungern und verhungern zu lassen, „empfahl“ Swift das Schlachten der Kinder. „Ich gebe zu, dass diese Speise etwas teurer wird, und eben deshalb ist sie für Grundbesitzer besonders geeignet; denn da sie bereits die meisten Eltern verschlungen haben, steht ihnen gewiss auch das erste Anrecht auf die Kinder zu.“  

Gulliver in Brobdingnag, von Richard Red-
grave, 1836 (Victoria and Albert Museum,
London) - Bild: Wikipedia


Realitätsnäher war das Pamphlet „Aufgedeckte Fälschung“, das er 1724 unter der Maske eines Dubliner Tuchhändlers mit dem Namen „M. B. Drapier“ herausbrachte. Es ging darum, dass ein englischer Eisenhändler von der Krone das Privileg erhalten hatte, Irland mit neuen Kupfermünzen zu überschwemmen. Swift protestierte gegen die drohende Inflation – und hatte Erfolg: Die Krone zog die Lizenz zurück. Ein Fall, dass die Intervention eines einzelnen, der nicht einmal ein politisches Amt hatte, unmittelbare politische Wirkung zeitigte. Der Erzbischof der anglikanischen Kirche von Irland, Hugh Boulter, verdächtigte Swift, den Aufruhr der Iren anstacheln zu wollen. Swift soll darauf im Hochgefühl seines Talents zur Polemik geantwortet haben: „Ich bräuchte bloß den Finger zu heben, und Sie würden in Stücke gerissen.“ 

Doch dergleichen war nicht seine Absicht. anders als die englische Politik gegenüber Irland fand die mittlere Haltung seiner Kirche gegenüber dem Katholizismus einerseits, den „Dissenters“ andererseits durchaus Swifts Beifall. Anfang des 17. Jahrhunderts hatte sich der Grundsatz der „Occasional Conformity“ eingebürgert: Wer ein staatliches Amt anstrebte, musste „gelegentlich“, notfalls nur ein einziges Mal, das Abendmahl nach dem Ritus der anglikanischen Staatskirche nehmen. Wir würden heute sagen: Mit Religionsfreiheit hat das nichts zu tun. Swift hingegen sah wie viele seiner Zeitgenossen darin eine pragmatische Regelung, die den konfessionellen Bürgerkrieg verhinderte. 

Die dogmatischen Differenzen, auf die seine Theologenkollegen so viel Wert legten, interessierten ihn dagegen gar nicht. Das zeigte er bereits in den 1690er Jahren in einer seiner frühesten Erzählungen, dem „Tonnenmärchen“. Ähnlich wie später in Lessings Ringparabel geht es um drei Brüder, bei Swift tragen sie die sprechenden Namen „Petrus“ (für das Papsttum), „Martin“ (Martin Luther) und „Hans“ (Jean Calvin). Von ihrem Vater haben sie jeweils einen schlichten Rock geerbt, doch zwei von ihnen, Petrus und Hans, verzieren und verfälschen ihn mit den lächerlichsten Neuerungen, während der dritte, Martin, für all das schlicht zu phlegmatisch ist. 

Swift hat – vermutlich aus Vorsicht gegenüber der Zensur - darauf verzichtet, einen vierten Bruder einzuführen, der seine eigene, die anglikanische Kirche symbolisieren würde. Zum Kämpfer und Märtyrer fühlte sich Swift eben nicht geschaffen, „bloß“ zum Satiriker. „Das Hauptziel, das ich mir bei all meinen Arbeiten stecke“, schrieb er zwar einmal an seinen Freund Alexander Pope, „ist eher, die die Welt zu ärgern als zu unterhalten.“ Doch das bedächtige „Aber“ folgte sogleich hinterher: „Könnte ich diese Absicht erreichen, ohne der eigenen Person oder meinem Schicksal zu schaden, wäre ich der unermüdlichste Autor.“

Gulliver in Lilliput, Illustration
von Louis Rhead, 1913
Bild: Wikipedia


Bloß wäre? Er war in der Tat unermüdlich, allerdings zwischen Spottlust und Vorsicht immer hin und her gerissen. Sein Bild bei der Nachwelt wird arg verzerrt durch die zahllosen Überarbeitungen, die sein populärstes Werk, „Gullivers Reisen“, erleiden musste. Von den Derbheiten, die das 19. Jahrhunderten für unschicklich hielt, einmal abgesehen – vor allem Swifts abgründiges Welt- und Menschenbild, sein drastischer Widerspruch gegen den Fortschrittsoptimismus, wie ihn sieben Jahre vor dem „Gulliver“ der „Robinson Crusoe“ seines Schriftstellerkollegen Daniel Defoe zum Ausdruck gebracht hatte, schien anstößig. 

Dabei wird man den Schriftsteller Jonathan Swift nicht mit jenem Lemuel Gulliver, den das Titelblatt nennt, verwechseln dürfen. Der Leser sollte diesem Erzähler nichts unbesehen glauben. Bereits der Name „klingt an „gullible“ an, „leichtgläubig“. Aber er ist eben nicht nur ein Naivling, sondern zugleich von Beruf Wundarzt. Das deutet an, dass er die „Krankheiten“ Europas wie die jener „fernen Länder“ zu diagnostizieren weiß. Und im Laufe seiner vier Reisen macht der Held eine Entwicklung durch: Die Kenntnis der „fernen Länder“ raubt ihm viele Illusionen, die er anfangs von der Menschheit im Allgemeinen und England im Besonderen hegt.

Lebensklug ist Gulliver nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt allerdings nicht geworden. Auch das Bild des alten Gulliver, der auf seine Reisen zurückblickt, ist eine satirische Zeichnung, die eines Misanthropen, der unfähig geworden ist, mit seinen Mitmenschen zusammenzuleben: „Da mir der Geruch eines Yahoos [eines Menschen] noch immer sehr widerwärtig ist, verstopfe ich mir die Nase stets gehörig mit Raute, Lavendel oder Tabakblättern.“ Kein Wunder, dass viele „Gulliver“-Ausgaben „ad usum delphini“ ihren kindlichen und jugendlichen Lesern so etwas nicht zumuten wollten.


Mehr im Internet:
Jonathan Swift - Wikipedia 
scienzz artikel Englische Literatur 

 

 

 

 

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