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10.11.2017 - IDEENGESCHICHTE

Persil und der Sarotti-Mohr

Genese und Gegenwart des Rassismus in Deutschland

von Josef Tutsch

 
 

Sarotti-Mohr, Imhoff-Stollwerck
Museum, Köln - Bild: Stephan
Windmüller/Wikipedia

Es ist eine der meistillustrierten Szenen der biblischen Geschichte: Jesus betete mit dreien seiner Jünger im Garten Gethsemane. Da „kam Judas, einer der Zwölf, mit einer Schar von Männern […], sie waren von den Hohenpriestern, den Schriftgelehrten und den Ältesten geschickt worden. Der Verräter hatte mit ihnen ein Zeichen vereinbart und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist es.“

Der Künstler des sogenannten Chichester-Psalters aus dem 13. Jahrhundert ließ sich neben den Heiligenscheinen für Jesus und seinen Jünger Petrus einerseits, den kappenförmigen „Judenhüten“ für die Häscher andererseits noch einen weiteren Kunstgriff einfallen, um in das Menschengewirr in seiner Miniatur Ordnung zu bringen: Er gab Jesus und dem Jünger eine helle Hautfarbe, den Häschern eine dunkle.

Sicherlich, meint der Hamburger Soziologe Wulf D. Hund in seinem neuen Buch zur Geschichte des Rassismus, wollte der Maler damit nicht sagen, Jesus und seine Verfolger hätten sich in ihrer Hautfarbe unterschieden, sie hätten - wie das sieben Jahrhunderte später im Nationalsozialismus tatsächlich vertreten wurde - verschiedenen „Rassen“ angehört. Die Farbe bezeichnete vielmehr einen moralischen und religiösen Unterschied. Auch Judas ist hellhäutig dargestellt: „Eigentlich“ gehört er ja zu Jesu Jüngern. Doch er hat rote Haare – die Farbe Rot signalisiert Falschheit und Verrat.

„Wie die Deutschen weiß wurden“, hat Hund sein Buch überschrieben. Es geht um die Genese einer Grundannahme, die in Europa vom 18. Jahrhundert an herrschend wurde: dass „Weiße“ oder Hellhäutige irgendwie bessere oder höhere Menschen sein müssten. Die Symbolik des hohen Mittelalters, in der Schwärze die „Farbe der Sünde“ war, bildete einen Ursprung dieser Entwicklung.

Aber offenbar dachte das Mittelalter selbst gerade nicht rassistisch. In den Legenden traten „schwarze Heilige“ auf. Einer der Heiligen Drei Könige wurde gern als Afrikaner aufgefasst; einer der beliebtesten Heiligen der Zeit, Mauritius, der Schutzpatron der Soldaten, wurde mit dunkler Hautfarbe dargestellt. Umgekehrt konnte das „Rolandslied“, das um 1100 entstand, zwei „Feinde“ des Abendlandes, die „Sarazenen“ oder Muslime aus dem Süden und die „Ungarn“ aus dem Osten, gleichermaßen als „schwarz“ brandmarken, als „Kinder des Teufels“. 

Die naheliegende Frage, wie in Kulturen außerhalb des christlichen Abendlandes vergleichbare negative Bewertungen signalisiert wurden oder bis heute werden, hat Hund ausgeklammert. Die später im Abendland so verbreitete, nahezu automatische Verbindung von Hautfarben mit einer unterstellten Höher- oder Minderwertigkeit von Menschen scheint jedenfalls erst aufgekommen zu sein, als Europa im späten Mittelalter intensiver mit dem Sklavenhandel in Afrika in Kontakt kam – und diesen Handel mit versklavten Menschen, die in ihrer großen Mehrzahl „schwarz“ waren, bald auch selbst nutzte. In Deutschland trat im 15. Jahrhundert zunächst jedoch eine andere fremdartig wirkende, zwar nicht schwarz-, aber doch relativ dunkelhäutige Bevölkerungsgruppe auf: jene, die man später als „Zigeuner“ bezeichnete. Bei ihrer Einschätzung gingen biologische und kulturelle Kriterien bunt durcheinander. Immer wieder wurde der Verdacht geäußert, die „Schwärze im Gesicht“ der Zigeuner wäre womöglich nur Tarnung, nur „Schminke“ von Bösewichtern, die vom „Rauben und Stehlen“ leben wollten.

Antoine Pesne: Karoline, Landgräfin
von Hessen-Darmstadt, um 1705
(Schlossmuseum, Darmstadt)
Bild: Wikipedia


Im Fall der jüdischen Minderheit, die in Europa seit Jahrhunderten ansässig war, hatte die Frage nach äußeren Unterschieden im Vergleich zur religiösen Differenz eine untergeordnete Rolle gespielt. Das Thema „Abstammung“ kam in die antijüdische Polemik hinein, weil diese Minderheit mit einer – für die Umwelt unverständlichen – Beharrlichkeit über die Generationen hinweg an dem Glauben ihrer Väter festhielt. Einen frühen Beleg, dass die herrschenden Eliten ihr Selbstverständnis aus ihrer „Weißheit“ herleiteten, hat Hund in Adelsportraits der Barockzeit gefunden. Als im 17. Jahrhundert über die Kolonialmächte einzelne Afrikaner auch nach Mitteleuropa kamen, wurde es Mode, sich einen „Kammermohren“ zu halten. Im Kontrast ließen sich die vornehmen Damen ihren eigenen hellen Teint mit weißer Schminke gern noch weiter aufzuhellen. Auf gemeinsamen Portraits mit dem schwarzen Diener stach die „Weißheit“ umso mehr hervor. 

Hund berichtet, dass das „niedere Volk“ in der Dichtung der Barockzeit gelegentlich verdächtigt wurde, „nicht richtig weiß“ zu sein, sicherlich auch, weil die Arbeit auf den Feldern dessen Haut etwas dunkler färbte. Den Begriff „Rassismus“ kannte die Zeit noch nicht. Er kam erst um 1900 auf. Doch es bleibt, dass mit der Hautfarbe in einer Weise gespielt wurde, die wir heute als „rassistisch“ verdächtigen müssen. 1662 nutzte der Dichter Sigmund von Birken in einem Hochzeitspoem ausgiebig den Gleichklang von „Weißheit“ mit „Weisheit“.  Der entweder durch Abstammung oder durch Lebensweise begründete Umstand einer relativ hellen Farbe wurde naiv als Signum intellektueller und moralischer Überlegenheit ausgewertet. Das wurde mit dem Aufschwung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert noch viel offenkundiger. Aus der Beschreibung eines Gemäldes von Carl Joseph Begas, um 1841: „Ein kleines blondes Mädchen, welches von der neben ihr auf dem Teppich lagernden Mohrin gewaschen worden, ergreift den Schwamm, um deren braune Hautfarbe zu tilgen.“ 

Der Akzent in Hunds Buch liegt auf dieser komplexen Vorgeschichte des Rassismus. Dessen „große“ Zeit im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wird eher knapp behandelt. Man darf unterstellen, dass dem Autor selbst vor allem das Schlusskapitel zur Gegenwart wichtig war. „Deutschland wäscht sich weiß“, ist es vieldeutig überschrieben. Dabei soll der Leser natürlich an die Mohrenwäsche denken, an den Kontrast der weißen oder hellen Hautfarbe zum Sarotti-Mohr, der seit einem Jahrhundert für Schokoladenprodukte wirbt, aber bis heute auch im Verdacht steht, die Kolonialpolitik zu verniedlichen. In den 1950er Jahren machte die deutsch-französische Sängerin Marie Neja alias Leila Negra, die bereits im Dritten Reich als dunkelhäutige Statistin in UFA-Filmen hatte auftreten dürfen, mit Liedern wie „Zwölf kleine Negerlein, die kauften weiße Seife ein“ Karriere. Aber auch an die Waschmittelwerbung – „so weiß wäscht nur Persil“. Und nicht zuletzt an die redensartlichen „Persilscheine“, mit denen man sich nach 1945 von den „braunen“ Flecken befreien konnte.

Bestehen da, über die Farbmetapher hinaus, innere Zusammenhänge, wie Hund unterstellt? Die Fragestellung hat etwas von einer Kollektiv-Psychoanalyse, und mit der Bereitschaft, sich auf die therapeutische Couch zu legen, ist es so eine Sache, bei Individuen und bei Kollektiven erst recht. Vorausgesetzt, dass man diese Methode akzeptiert, bietet Hund ein beeindruckendes Panorama, wie tief der „Rassismus“, der am Ende auch zu Völkermorden führte, in alltagskulturellen Einstellungen und Gewohnheiten verwurzelt ist. Der Rassismus „durchzieht Land und Stadt“, schreibt Hund, „von Aachen bis Zwickau“. 

Plakat für die Völkerschau 1928
in Stuttgart - Bild: Wikipedia


Mit „Aachen“ sind unter anderem Gesänge von Fußballfans gemeint, mit „Zwickau“ natürlich die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Insofern es sich im einen wie im anderen Fall um „Mechanismen kultureller Identifikation“ handelt, die „das ‚Eigene‘ als gut und wünschenswert erscheinen lassen, indem sie das ‚Fremde‘ definieren, abwehren und herabmindern“, gehört beides wohl auch zusammen. Man sollte sich freilich hüten, die Unterschiede zwischen Slogans und Verbrechen einzuebnen. 

Diese Warnung muss erst recht gelten, wenn es beim „Rassismus“ gar nicht um Hautfarben geht, sondern um kulturelle Phänomene. Tatsächlich, Hund verwendet einige Male den Ausdruck „religiöser Rassismus“. Das wird kein Versehen sein, der Begriff „Rassismus“, der im Deutschen wohl doch irgendwie an Biologie denken lässt, wird unspezifisch auf so etwas wie gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit verallgemeinert. Einige Absätze in Hunds Buch legen den Eindruck nahe, auch die aktuelle Diskussion, wo genau im östlichen Mittelmeer „Europa“ eigentlich aufhört (und die Europäische Union mit der Aufnahme neuer Mitglieder demzufolge vielleicht Schluss machen sollte), müsste etwas mit Rassismus zu tun haben. War es „rassistisch“, wenn etwa der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal meinte, die Türkei habe jene historischen Entwicklungen nicht mitvollzogen, die für das moderne Europa konstitutiv seien, nämlich Renaissance und Aufklärung? Hund meint es aufklärerisch, zweifellos. Aber im Ergebnis führt ein solcher Sprachgebrauch doch eher in jene Nacht, in der alle Kühe schwarz sind.


Neu auf dem Büchermarkt:

Wolf D. Hund: Wie die Deutschen weiß wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2017, 212 S. mit 10 farb. Abb., ISBN 978-3-476-04499-0, 19,99 €

Mehr im Internet:
Rassismus - Wikipedia
scienzz artikel Politische Ideen 

 

 

 

 

 

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