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14.11.2017 - KUNST- UND LITERATURGESCHICHTE

"Der Jugend erste Bluete"

Das Motiv der Entjungferung in Kunst und Literatur

von Josef Tutsch

 
 

Jean-Baptiste Greuze: Mädchen, das
seinen toten Vogel beweint, 1765
(National Galleries of Scotland, Edin-
burgh) - Bild: Wikipedia

Ein blondes Mädchen, vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, beugt sich weinend über sein totes Vögelchen. Mit Myrtenzweigen geschmückt, liegt der kleine Liebling wie aufgebahrt auf der Oberseite eines hölzernen Käfigs. „Welch reizende Elegie“, begeisterte sich der Schriftsteller Denis de Diderot 1765 in seiner Kritik dieses Gemäldes von Jean-Baptiste Greuze, das gerade im Pariser „Salon“ ausgestellt war. „Bald ertappt man [der Betrachter] sich dabei, wie man mit dieser Kleinen plaudert und sie tröstet.“ Man dürfe allerdings nicht glauben, schrieb Diderot einige Sätze später, „dieses kleine Mädchen beweine nur seinen Kanarienvogel“. Doch mit keinem Wort sagte der Kritiker, worum es seiner Meinung nach wirklich ging, er begnügte sich mit Andeutungen. „Nun ja, ich verstehe“, sagte er in einem fiktiven Dialog mit dem Mädchen, „er liebte Sie, er schwor es Ihnen […] Er litt so sehr. Wie kann man denn leiden sehen, was man liebt?“

Kurzum: Wenn man Diderots Interpretation folgen will, hatte der Maler Greuze in seinem Bild, das heute eines der berühmtesten Stücke in den National Galleries of Scotland in Edinburgh ist, die Trauer eines jungen Mädchens nach seiner Verführung und Entjungferung dargestellt, schreibt die Hamburger Kunsthistorikerin Julia Kloss-Weber in ihrem Beitrag zum Sammelband über die Mediengeschichte der Entjungferung, den die Kölner Theaterwissenschaftlerin Renate Möhrmann jetzt herausgebracht hat.

Was in der Gesellschaft jener Zeit daraus folgen konnte, brauchte Diderot nicht auszuführen, seine Leser wussten es nur zu genau. Die schlimmste mögliche Entwicklung stellte Goethe wenige Jahre später in seiner „Gretchentragödie“ dar. Margarethe ist in „Faust I“ ebenso unschuldig gezeichnet wie jenes junge Mädchen auf dem Bild von Greuze. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts, vermerkt Möhrmann, erfuhr dieses Motiv des verführten Mädchens eine „Umcodierung“. Jahrtausende lang hatten die Künstler es eher komisch behandelt; noch für Mozarts „Don Giovanni“, 1787, war die Liebe mitsamt der ersehnten Entjungferung der Geliebten eine Unterart der Kunst des Jagens und Sammelns. „Wofür er immer glühte, ist der Jugend erste Blüte“, singt der Diener Leporello von seinem Herrn. Die Kehrseite freilich war der moralische Zeigefinger, den Eltern und Erzieher erhoben, sowohl gegenüber den Verführern wie gegenüber den Verführten.

Doch bereits in den Romanen von Samuel Richardson in den 1740er Jahren hatte sich eine Änderung des Bildes angebahnt: „Das tugendhafte Mädchen“, schreibt Möhrmann. „wurde nun als heroisches Idealbild imaginiert, zur christlichen Märtyrerin stilisiert, die den neuen bürgerlichen Moralanspruch aufs Edelste verkörpern sollte.“ Gotthold Ephraim Lessings „Miss Sara Sampson“, 1755, demontierte endgültig die hergebrachte „Gleichsetzung von Tugend und Jungfräulichkeit. Goethe ging mit seiner Margarethe noch einen Schritt weiter. „Ich habe schon so viel für dich getan, dass mir zu tun fast nichts mehr übrig bleibt“, sagt sie zu Faust. Am Ende wird dieses „fast nichts“, die körperliche Hingabe, allerdings zu einer veritablen Opferung. Nach dem Kindsmord endet Gretchen auf dem Schafott.

Mehr als ein Viertel der Beiträge in diesem Sammelband befasst sich mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert. Ein Zufall? Unter der Devise „Aufklärung“ gerieten die alten Autoritäten ins Wanken. Die Berliner Germanistin Inge Stephan zeigt in ihrem Beitrag, dass diese Entwicklung auch ihre sehr brutale Seite haben konnte. „Es gibt keinen anderen Gott als das Plaisir“, sagt eine Figur im Roman „Die 120 Tage von Sodom“ vom Marquis des Sade. „Mit welchem Recht wollen Sie mir Gewalt antun?“ fragt die Heldin Justine ihren Peiniger. „Mit diesem da“, antwortet der und zieht sein Geschlechtsteil hervor. „Ich erigiere und will ficken.“

Peter von Cornelius: Faust bietet Gretchen
den Arm, 1811
Bild Goethezeitportal/Wikipedia


Bei anderen Romanciers der Epoche ging es nicht derart brutal zu, doch ein Moment von Gewalt ist schwer zu übersehen. Die Metaphorik in John Clelands „Fanny Hill“ legt dem Leser den Eindruck nahe, er befinde sich im Krieg. Immer und immer wieder wird der Penis als eine „Maschine“ beschrieben, die in den Leib der Frau gebohrt wird. „Clelands Text ist deflorationssüchtig“, schreibt die Kölner Germanistin Claudia Liebrand. „Seine männlichen Protagonisten sind von der Vorstellung besessen, der Erste zu sein, der sich in den Körper einer Frau einschreibt, sie in Besitz nimmt, sie beinahe ermordet.“ Auch in dem Roman „Der gelüftete Vorhang“ des Comte de Mirabeau ist von „Pfeil“ oder „Lanze“ die Rede, wenn das männliche Geschlechtsteil bezeichnet wird. Bereits der Untertitel „Lauras Erziehung“ stellt klar: Hier liegt ein Machtverhältnis zugrunde.

„Lust und Macht übergreifen einander, verfolgen und treiben sich an“, analysierte der Ideenhistoriker Michel Foucault vor einem Vierteljahrhundert in seinem Werk „Sexualität und Wahrheit“. Welche Brisanz in diesem Zusammenhang liegen kann, zeigt die Kölner Medienwissenschaftlerin Lisa Gotto am amerikanischen Film „The Birth of Nation“, 1915, der oft als rassistisch kritisiert wurde: Ein weißes Mädchen wird als hilfloses Objekt des zudringlichen Blicks präsentiert, als potentieller Vergewaltiger erscheint wie selbstverständlich ein schwarzer Mann.

Die Angst des Mädchens, hier noch gesteigert durch die „rassische“ Differenz ist ein Jahrtausende altes Motiv. Die Basler Altertumswissenschaftler Rebecca Lämmle und Cédric Schneidegger-Lämmle zitieren ein Gedicht des Römers Catull aus dem 1. Jahrhundert v. Chr.: „Wenn sie nach der Befleckung ihres Leibes die keusche Blüte verloren hat, bleibt sie nicht willkommen den Knaben, nicht teuer den Mädchen.“ Kaum weniger alt ist aber die Behauptung, die gewaltsame Entjungferung sei genau das, was die Mädchen sich wünschen. Aus der „Liebeskunst“ des Ovid, um das Jahr 1 v. Chr.: „Jede, der durch plötzlichen Liebesraub Gewalt angetan wurde, freut sich, und Unverschämtheit ist hier so viel wie ein Geschenk.“

Um eine Art „Prozess der Zivilisation“ geht es in der „Hochzeit des Figaro“. Zu Anfang wird vorausgesetzt, ein Feudalherr habe das Recht, mit jeder Jungfrau auf seinen Ländereien noch vor ihrem Ehemann zu schlafen. Der Graf in Beaumarchais‘ Drama und Mozarts Oper ist freilich zu aufgeklärt, sich dieses Recht mit Gewalt zu nehmen. Er setzt – am Ende vergeblich – auf seinen Charme. Und auf Geld. À propos Oper: Mit bemerkenswerter Konstanz wiederholt sich seit vier Jahrhunderten bei den Opernkritikern die Metapher, der Hörer und Zuschauer sei „überwältigt“, ihr Ohr und ihr ganzer Körper würden von den Musikern sozusagen „in Besitz genommen“. Eine „aurale Defloration“, schreibt die Wiener Medienwissenschaftlerin Anke Charton: „Das Publikum wird über das Sehen und Hören hinaus in all seinen Sinnen herausgefordert, entgrenzt und erfährt den Stimmklang fast leiblich.“

Möhrmann macht auf ein merkwürdiges Paradox in der abendländischen Mediengeschichte aufmerksam: Immer wenn es um Liebe zwischen jungen Leuten geht, ist die Entjungferung der Mädchen ein beherrschendes Thema. Ausdrücklich angesprochen wurde es nur selten, vor allem in der „libertinistischen“ Literatur des späten 18. Jahrhunderts und dann wieder in unserer Gegenwart. Für die englische Literatur des 19. Jahrhunderts spricht die Münchner Anglistin Ina Schabert spricht geradezu von einem „Loch“ in den Texten, von einer „elliptischen Rhetorik der Defloration“.

Jean-Honoré Fragonard: Der Riegel
(Ausschnitt), um 1776 (Musée du
Louvre, Paris) - Bild: Wikipedia


Die moderne Pornographie, stellt der Erfurter Literaturwissenschaftler Dietmar Schmidt fest, „hat ein perverses Verhältnis zur Jungfräulichkeit: Mit Vorliebe überführen pornographische Darstellungen den Zustand der Unschuld in einen geschlechtlichen Akt.“ Auf die Frage, was sich in Literatur, Kunst und Film durch die Einführung der „Antibabypille“ seit den 1960er Jahren geändert hat, geht der Sammelband allerdings eher beiläufig ein. Möhrmann zitiert Doris Dörries Erzählung „Bin ich schön?“ von 1995. Mit ökonomischem Kalkül fordert das 15-jährige Mädchen 85 Dollar, für eine teure Sonnenbrille.

Wie sehen das Ganze eigentlich andere Kulturen? Schließlich gehört die Vorstellung von den 72 jungfräulichen Huris, die im Paradies auf jeden gläubigen Moslem warten würden, zum populären Bestand unseres „Wissens“ über den Islam, spätestens seit diese Phantasie in den Notizen von Selbstmordattentätern auftauchte. Der Sammelband beschränkt sich auf die Entwicklung in Europa, ein einziger Artikel befasst sich mit dem zeitgenössischen Irak. „Im Gegensatz zum libertinen Westen, wo Sexualität im Laufe des 20. Jahrhunderts von der Ehe entkoppelt wurde“, schreibt die Göttinger Arabistin Irene Schneider, „besteht man im Nahen Osten auf der Bindung der Sexualität an die Ehe.“ „Dies ist kein Festhalten an konservativen Traditionen und Hierarchien, wie oft vermutet, sondern eine bewusste Abkehr von modernen westlichen Lebensformen, die man in Bezug auf die eigene Kultur als fremd erachtet.“ Andererseits ist klar, dass solche Anläufe, „eine eigene moderne Identität“ für die „eigene Kultur“ zu entwickeln, auf Kosten jener Individuen gehen, die sich darin nicht fügen wollen.

Nicht in einem eigenen Artikel, dafür in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder geht der Sammelband auf das religiöse Gegenbild ein, das im christlichen Abendland jenem „Glühen“ nach „der Jugend erster Blüte“ entgegengestellt wurde. Um 1776 malte Jean-Honoré Fragonard sein Bild „Der Riegel“, das heute im Pariser Louvre hängt. Ein halb schon entkleideter Mann hält eine junge Frau an der Hüfte gepackt, während er mit der anderen Hand den Türriegel zuschiebt. Der Beginn einer Entjungferung – und zugleich einer Vergewaltigung? Die Zeitgenossen, berichtet Kloss-Weber, waren wohl weniger von dem Sujet selbst schockiert als von dem Umstand, dass Fragonard das Gemälde als Pendant zu einem anderen konzipiert hatte. Darauf ist die „Anbetung der Hirten“ dargestellt, mit anderen Worten: die Feier der jungfräulichen Gottesmutter Maria.


Neu auf dem Büchermarkt:

„Da ist denn auch das Blümchen weg“. Die Entjungferung – Fiktionen der Defloration, herausgegeben von Renate Möhrmann, unter wissenschaftlicher Mitarbeit von Anja Herrmann, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2017, 625 S. mit 48 Abb., ISBN 978-3-520-47101-7, 27,90 €


Mehr im Internet:

Entjungferung - Wikipedia 
scienzz artikel Kunst und Leben
 
scienzz artikel Literatur und Geschlecht 

 

 

 

 

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