Berlin, den 17.12.2017 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

17.11.2017 - KARTOGRAPHIE

Atlantis und das Paradies, die Insel des hl. Brendan und das Reich des Priesterkoenigs

Irrtuemer und Luegen auf Landkarten

von Josef Tutsch

 
 

"Terra australis" auf der Welt-
karte von Jacque de Vaux 1583
Bild: Wikipedia

Vielleicht war es ja wirklich die CIA. Im späten 20. Jahrhundert stritten sich Mexiko und die USA um die Ölförderrechte im Golf von Mexiko. Da war jede kleine Insel, wie winzig auch immer, geeignet, einen Anspruch auf Hoheit über die umliegende Wasserfläche zu begründen. So verzeichnete der offizielle Atlas der Mexikanischen Republik von 1921 etwa 200 Kilometer nordwestlich der Halbinsel Yucatán eine unbewohnte Insel mit Namen „Bermeja“ oder „Vermeja“. Im Jahr 1997 schickte die mexikanische Regierung ein Schiff aus, um die genaue Lage dieser Insel festzustellen. Gefunden wurde – nichts, außer eben Wasser. 2000 musste Mexiko einen Teilungsvertrag mit den Vereinigten Staaten unterschreiben, in dem die Insel nicht berücksichtigt war. Aber man gab die Hoffnung noch nicht auf. 2009 suchten Forscher der Universität Mexiko erneut mit Schiff und Flugzeug den Golf ab. Die Insel blieb verschwunden.

Hat es sie überhaupt gegeben? Voriges Jahr brachte der englische Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching ein Buch über „Irrtümer und Lügen auf Landkarten“ heraus. Der Band ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen. Der Titel „Atlas der erfundenen Orte“ klingt allerdings etwas missverständlich. Es geht nicht um literarische Erfindungen wie jene Insel „Utopia“, mit welcher der Schriftsteller Thomas More vor über fünfhundert Jahren die Gattung der Utopie begründete. Thema sind Orte, die es in der Realität zwar niemals gegeben hat, an deren Existenz jedoch geglaubt wurde, so fest, dass viele Kartographen seit dem späten Mittelalter sie besten Glaubens in ihre Karten aufnahmen.

Der englische Originaltitel spricht von „Phantomen“. Und die sind gar nicht so selten, wie man glauben möchte. Als die britische Royal Navy, berichtet Brooke-Hitching, 1875 eine große Bereinigung ihrer Seekarten vornahm, mussten nicht weniger als 123 Inseln gestrichen werden. Die Motivationen, aus denen heraus solche Phantome entstanden, reichen vom wissenschaftlichen Irrtum bis zum gemeinen Betrug, von ungezügelter Phantasie bis zum religiösen Glauben. In einigen Fällen gab es die heutigen Phantome früher sogar wirklich. Brooke-Hitching nennt als Beispiel die Gunnbjörn-Schären zwischen Grönland und Island. Im 14. Jahrhundert beherbergten sie mehrere Bauernhöfe, versanken nach einem Vulkanausbruch 1456 jedoch im Meer.

Der ehrwürdigste Fall ist sicherlich das „irdische Paradies“. Nicht nur viele Theologen, auch viele Kartographen gingen bis ins 18. Jahrhundert  fest davon aus, die Geschichte von Adam und Eva müsse sich an einem geographisch lokalisierbaren Ort zugetragen haben. Brooke-Hitching zeigt mehrere Karten, auf denen in Mesopotamien oder Arabien oder Armenien der „Garten Eden“ eingetragen ist. Eigentlich müsste man dorthin reisen können, doch wahrscheinlich, so die herrschende Lehre, war der Garten in der Sintflut zerstört worden.

Zerstört ebenso wie die große Insel Atlantis, von der Platon im 4. Jahrhundert v. Chr. in seinem Dialog „Timaios“ erzählte. Platons Fabel wird bis heute gern für bare Münze genommen. 1665 veröffentlichte der Jesuitenpater Athanasius Kircher den Versuch einer historischen Karte: Mitten im Atlantik war eine Landmasse „Atlantis“ eingezeichnet. Es blieb nicht der einzige Versuch. 1922 legte ein gewisser Karl Georg Zschaetzsch eine Skizze vor, in der er Platons Angaben in die Tiefenkarte des Atlantischen Ozeans in der Azorenregion eingetragen hatte.

Lagekarte des "irdischen Paradieses", von
Pieter Mortier, 1700 - Bild: Wikipedia


Mit viel Phantasie wurde im hohen Mittelalter aus der Bibel die Vermutung abgeleitet, irgendwo in Asien, also im Rücken der islamischen Mächte, müsse es ein mächtiges christliches Reich geben. War es nicht plausibel anzunehmen, dass die Heiligen Drei Könige Nachkommen hatten? Nachdem im Fernen Osten von einem „Priesterkönig Johannes“ keine Spur zu finden war, wandten sich die Mutmaßungen Afrika zu. 1550 vermerkte der deutsche Kartograph Sebastian Münster den Sitz dieses Johannes ganz selbstverständlich in seiner Afrikakarte. Durch die Nachrichten vom christlichen Äthiopien konnte er sich bestätigt sehen: Wenigstens ein bisschen Entsprechung in der Realität hatte die Legende eben doch.

Blickt man auf Weltkarten aus dem 16. Jahrhundert, sieht man einen riesigen Kontinent im Süden der Erdkugel. Man gab ihm den Namen „Terra australis“, vorsichtshalber oft ergänzt durch den Zusatz „incognita“, „unbekannt“. Die Überlegung dahinter war ganz einfach: Die Landmassen im Norden mussten auf der Südhalbkugel ihr Gegengewicht haben. Im Laufe der Entdeckungsreisen wurde der unentdeckte Südkontinent allerdings immer kleiner. Am Ende blieben nur Australien, das immerhin den Namen übernehmen konnte, und die Antarktis übrig. Ähnlich gehen auch die frühesten Karten der Arktis auf theoretische Überlegungen zurück. Man glaubte, am Nordpol müsse es einen riesigen „Magnetberg“ geben, der die Kompassnadeln nach Norden ziehe. Tatsächlich wurde der niemals gesehene Berg auf den Karten eingetragen, zum Beispiel vom berühmten Kartographen Gerhard Mercator, 1569. 

Was mag es mit der „Insel des hl. Brendan“ auf sich haben, die irische Mönche angeblich im 6. Jahrhundert entdeckten? Vielleicht ist sie bloß eine Legende, aber vom 13. bis zum 17. Jahrhundert tauchte sie mit großer Hartnäckigkeit auf den Seekarten auf, irgendwo zwischen den Kanaren und Neufundland. Auf einer Karte von 1707 hat Brooke-Hitching den etwas skeptischen Vermerk gefunden: „An dieser Stelle haben manche andere die berühmte Insel des hl. Brendan verortet.“

Der Phantomort, der am meisten Blut, Schweiß und Tränen gefordert hat, ist vermutlich aber doch „El Dorado“, das sagenhafte Goldland, das die Konquistadoren im nördlichen Südamerika vermuteten. Die Überzeugung von seiner Existenz war so fest begründet, dass es auf Karten verzeichnet wurde, im heutigen Kolumbien oder Venezuela oder Guayana. Gefunden wurde es niemals. Im Laufe des 17. Jahrhunderts verschwand der Name langsam von den Landkarten. Inzwischen ist er wieder da: Im 19. Jahrhundert wurde ein Ort in Venezuela „El Dorado“ benannt, weil dort tatsächlich Gold zu finden war.

Karte von Atlantis, von Athanasius Kichner,
1665 - Bild: Wikipedia


Dagegen glaubte jener Sir Gregor MacGregor, der 1821 in London unter dem Phantasietitel eines „Kaziken von Poyais“ auftrat, ganz und gar nicht an die reale Existenz seines Landes. Aber er legte eine präzise aussehende Karte von „Mosquitia and the Territory of Poyais“ vor. Für eine bescheidene Summe bot er Interessenten Grundstücke fruchtbaren Landes dort an. Und jenen, die nicht in der Landwirtschaft arbeiten wollte, lukrative Ämter in der Hauptstadt. Als die zweihundertsiebzig Siedler, die MacGregor anwerben konnte, die Neue Welt erreichen, fanden sie allerdings weder eine Stadt noch Ackerland vor, nur dichten Urwald und malariaverseuchte Sümpfe.

Solch betrügerische Absicht wird man Thomas J. Maslen nicht nachsagen können, der 1830 eine Karte von Australien erstellte. Die Küsten waren realitätsgetreu wiedergegeben, doch im Innern des fünften Kontinents fand sich ein ausgedehntes Gewässersystem, das Maslen freilich niemals gesehen hatte. Ergebnis eines Wunschdenkens, stellt Brooke-Hitching fest: Maslen konnte sich einen Kontinent ohne große Flüsse und Seen eben nicht vorstellen.

Und die Insel Bermeja im Golf von Mexiko? Hartnäckig hält sich das Gerücht, die CIA hätte sie mit Bomben zerstören lassen, um den USA ein größeres Fördergebiet zu sichern. Als wahrscheinlicher gilt heute, dass es diese Insel niemals gegeben hat, jedenfalls nicht an dieser Stelle. Den spanischen Seefahrern des 16. Jahrhunderts, auf die sich spätere Karten stützten, könnte bei den Koordinaten ein Versehen unterlaufen sein. Oder die Daten wurden bewusst falsch veröffentlicht. Schließlich wollte man möglichen Konkurrenten nicht auf die Sprünge helfen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Edward Brooke-Hitching: Atlas der erfundenen Orte. Die größten Irrtümer und Lügen auf Landkarten, aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff, dtv, München 2017, 256 S., durchgehend vierfarbig, ISBN 978-3-423-28141-6, 38,00 € [D], 30,90 € [A], 39,90 CHF


Mehr im Internet:
Kartographie - Wikipedia 
scienzz artikel Fiktionen in der Geschichte

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet