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kultur

16.12.2017 - DEUTSCHE LITERATUR

"Repraesentativ fuer die deutsche Nachkriegsliteratur"

Vor 100 Jahren wurde Heinrich Boell geboren

von Josef Tutsch

 
 

Heinrich Böll, Photographie von
Harald Hoffmann, 1981
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia

Auch so kann man in die Literaturgeschichte eingehen, wenigstens als Randnotiz. „Ich fordere die ganze Bevölkerung auf“, sagte der spätere Bundespräsident Karl Carstens im Oktober 1974, „sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere dem Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm [!] ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt dargestellt.“

Nun, dass Politiker sich zu Büchern äußern, die sie nicht gelesen haben, ist vielleicht nicht so ungewöhnlich. Offenbar hatte Carstens nicht einmal das Titelblatt von Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zur Kenntnis genommen. Natürlich war ihm der Autor Heinrich Böll ein Begriff – weniger als Erzähler und Romancier, darf man vermuten, denn durch seine politischen Stellungnahmen. Carstens wusste auch, dass Bölls neues Buch sich mit der Entstehung von Gewalt befasste, also dass darin die Ursprünge des Terrorismus nachgezeichnet werden sollten, in kritischer Distanz zu Staat und Presse. Das Bild des politisch engagierten Literaten überdeckte das des Künstlers.

Im Grunde entsprach das sogar dem Selbstverständnis des Schriftstellers. Als Böll, der in diesem Jahr, am 21. Dezember, seinen 100. Geburtstag feiern könnte, 1947 damit begann, Kurzgeschichten zu schreiben, ging es ihm um nichts weniger als um „Kunst“, jedenfalls nicht in einem Sinn von Spiel und Artistik. „Wenn mich einer fragt, was denn die Deutschen heute an Büchern von wirklicher Kraft und Wahrhaftigkeit vorzuweisen hätten, werde ich den Böll nennen“, rühmte ihn 1953 der Kritiker Karl Korn.

Das Wort „Wahrhaftigkeit“ verweist auf Bölls Intention. Er wollte die Wahrheit schreiben – die Wahrheit über den Weltkrieg, in dem er als Soldat gedient hatte, die Wahrheit über den Nationalsozialismus, der dem gläubigen Katholiken weltanschaulich wie moralisch zuwider war. 1968 bekräftigte Carl Zuckmayer dieses Ideal einer kunstlosen Kunst, einer Schriftstellerei fern von dem alten Verdacht, dass die Dichter „zu viel lügen“: „Am meisten bewundere ich die Einfachheit, Klarheit, Genauigkeit seiner Sprache. Er macht keine Sprüche und er versucht niemals zu bluffen.“

Denkmal in Berlin von
Wieland Förster, 1988
Bild: OTFW/Wikipedia


Seinen Durchbruch auf dem Büchermarkt hatte Böll 1950 mit dem Band „Wanderer, kommst du nach Spa …“ geschafft. Die Titelerzählung gilt bis heute als Klassiker der „Trümmer“- oder „Kahlschlagliteratur“. Nachdem der Nationalsozialismus das Reservoir abendländischer Bildung und Kultur seit den alten Griechen für sich nutzen konnte, schien die Frage unausweichlich, ob nicht auch diese Bildung und Kultur selbst desavouiert war. Womöglich sogar die Sprache, das Medium des literarischen Ausdrucks? Wie so viele seiner Generation hatte Böll das Empfinden, sozusagen bei einem Nullpunkt neu anfangen zu müssen.

Der Erfolg von Bölls frühen Erzählungen auf dem Büchermarkt spricht dafür, dass er vielen Jugendlichen und Heranwachsenden in den 50er und 60er Jahren Orientierung gab. Doch wie für so viele andere damals brachte die Adenauerzeit auch für Böll eine große Enttäuschung. Die herrschende Politik setzte weniger auf Schuldbekenntnis und Entsühnung, als auf das Entstehen eines bescheidenen Wohlstands. 1959 – es war das Jahr, in dem auch Günter Grass‘ „Blechtrommel“ und Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ erschienen – brachte Böll den Roman „Billard um halb zehn“ heraus, eine groß angelegte Abrechnung mit der Kontinuität in der deutschen Geschichte, vom Kaiserreich über Hitler bis in die Bundesrepublik.

Wie problematisch Böll selbst sein Verhältnis zur Bundesrepublik betrachtete, wurde der breiten Öffentlichkeit vermutlich nicht einmal bewusst, als er Ende der 60er Jahre mehrfach seine Sympathie mit dem Aufbegehren von Teilen der jungen Generation bekundete. Gemeinsam mit ihnen machte Böll Front gegen die Zeitungen des Springerkonzerns, denen er Stimmungsmache vorwarf. Zum großen Skandal kam es jedoch erst im Januar 1972. Im „Spiegel“ erschien ein Essay mit dem Titel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ Ulrike Meinhof, die Führungsfigur der RAF. Im Kern ging es Böll um die „Bild“-Zeitung, der er vorwarf in ihrer Schlagzeile „Baader-Meinhof-Bande mordet weiter“ die Unschuldsvermutung vernachlässigt zu haben.

Nachdem sich der Verdacht gegen die RAF bestätigt hat, liegt es zweifellos nahe, diesen Gedanken beiseite zu schieben. Doch Böll, der wenige Monate später den Literatur-Nobelpreis erhielt, ging noch einen Schritt weiter: Die Überschrift in „Bild“ sei eine „Aufforderung zur Lynchjustiz“. Das war sie vom Wortlaut her zweifellos nicht, doch der Schriftsteller zeigte eben ein waches Gehör dafür, dass Aussagesätze manchmal nicht nur Aussagesätze sind.

Die Erfahrung, dass Texte anders verstanden werden können, als sie eigentlich gemeint waren, musste Böll freilich auch selbst machen. Die Überschrift im „Spiegel“ legte den Eindruck nahe, der Autor wolle Mordtaten womöglich unbestraft sehen. Das Wort vom „Sympathisanten“ machte die Runde. „Die Wirkung meines Artikels entsprach nicht andeutungsweise dem, was mir vorschwebte“, sagte Böll später. „Ich gebe zu, dass ich das Ausmaß der Demagogie, die ich heraufbeschwören würde, nicht ermessen habe.“

Titelblatt der skandalisierten
Erzählung von 1974
Bild: Wikipedia


Mit der Erzählung von der „Verlorenen Ehre“ wollte er das nachzuholen, was seines Erachtens in dem Essay zu Ulrike Meinhof gefehlt hatte: eine Analyse, „wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“. Doch Bölls Hoffnung, die Diskussion würde nun sachlicher werden, blieb unerfüllt. Das Buch „schildert in der empfehlendsten Weise, wie ein ‚Bild‘-Reporter ermordet wird“, schrieb Enno von Loewenstern in der „Welt“. Große Teile der deutschen Öffentlichkeit waren auch nicht mehr bereit, beim Thema „Böll“ zu differenzieren. Dass der Schriftsteller sich in den Jahren bis zu seinem Tod 1985 für sowjetische Dissidenten wie Alexander Solschenizyn und Lew Kopelew einsetzte, rückte sein Bild immerhin teilweise zurecht.

Was bleibt? Zweifellos der moralische Appell, der Bölls Spätwerk beherrschte: auch bei Gebrauchs- und Verbrauchstexten, die womöglich am nächsten oder übernächsten Tag schon wieder vergessen sind, genau darauf hinzuhören, wie sie verstanden werden könnten. Und natürlich sind viele der frühen Kurzerzählungen unvergessen geblieben. Im einen oder anderen Fall gelang es dem Autor, die gewollte Kargheit seiner Prosa in ein funkelndes Spiel der Ironie zu verwandeln. Etwa in der grotesken Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, 1952. Oder in „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“, 1955. „Böll steht repräsentativ für die deutsche Nachkriegsliteratur“, schrieb 1967, nach der Verleihung des Büchner-Preises, Karl Heinz Bohrer in der „FAZ“. „Er ist ihr Klassiker.“


Mehr im Internet:
Heinrich Böll - Wikipedia 
scienzz artikel Klassiker der modernen deutschen Literatur

 

 

 

 

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