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22.11.2017 - FILM

Sehnsucht nach einem heilen Familienleben - und nach einer "landesmuetterlichen" Politik

Ein Jahrhundert Filmkunst rund um Kaiserin Sissi

von Josef Tutsch

 
 

Romy Schneider als Kaiserin
Elisabeth 1955 - Bild Wikipedia

Was macht ein „typisch“ deutsches Weihnachtsfest aus, nicht in der angeblich „guten alten Zeit", sondern heutzutage? In vielen Familien behauptet natürlich weiterhin der geschmückte Weihnachts-baum sein Recht, mit der Krippe darunter, mit dem Absingen von Weihnachtsliedern und dem Verzehren des passenden Gebäcks. Aber in unserer von Massen-medien geprägten Welt oft wohl auch das Anschauen von TV-Programmen, die zu Weihnachten seit Jahrzehnten irgendwie dazugehören. Da kommt am Heiligen Abend, wie es sich versteht, Loriots „Familie Hoppenstedt“. Und an den folgenden Feiertagen, alle Jahre wieder, Romy Schneider als "Sissi", 312 Minuten lang.

Doch was hat Elisabeth, Kaiserin von Österreich, Apostolische Königin von Ungarn, Königin von Jerusalem etc. etc. mit Weihnachten zu tun? Eigentlich gar nichts – außer dass sie eine geeignete Projektionsfläche für unsere Ideale von Mütterlichkeit und Familie bietet. Diese Projektion kam nicht erst in den 1950er Jahren mit Romy Schneider auf. Die Luxemburger Germanistin Nicole Karczmarzyk führt in ihrer Studie über „Sissi in Film, Operette und Presse“ einen Dialog aus dem Film „Elisabeth von Österreich“, 1931, an. Kurz nach der Geburt des Thronfolgers wird der Mutter, damals verkörpert von Lil Dagover, das Kind durch die Schwiegermutter weggenommen. „Mein Kind lasse ich mir nicht nehmen“, sagt Elisabeth zu Kaiser Franz Joseph. „Mein Kind gehört zu mir.“ Darauf der Kaiser: „Das Zeremoniell befiehlt es.“ Elisabeth: „Das Zeremoniell? Hier geht es um das Recht der Mutter!“ Franz Joseph: „Du bist nicht irgendeine Mutter, du bist die Kaiserin.“ Elisabeth: „Und die Kaiserin, die soll nicht dasselbe Recht haben wie die allerärmste Frau aus dem Volk?“ Franz Joseph: „Nein.“

Die böse Schwiegermutter als Vertreterin eines kalten Machtkalküls, die junge Mutter in der Opferrolle, der Ehemann dazwischen, der eigentlich kein Herz aus Stein hat, sich aber doch vor allem der Staatsraison verpflichtet fühlt – eine Konstellation wie im Märchen. Wie das Familienleben am Wiener Hof in den ersten Jahren nach der Heirat von Kaiser Franz Joseph mit der Prinzessin aus einer politisch unbedeutenden Nebenlinie der Wittelsbacher-Dynastie 1854 wirklich abgelaufen ist, war für die etwa dreißig „Sissi“-Filme, die seit dem Ersten Weltkrieg entstanden, gar nicht so wichtig. Immer und immer wieder, stellt Schmidt fest, wurde das Mädchen aus der oberbayerischen Provinz als Gegenfigur zur herzlosen Atmosphäre des Wiener Hofs inszeniert.

Den Ansatz lieferte der Umstand, dass sich Elisabeth spätestens von 1860 an ihren Repräsentationspflichten tatsächlich mehr und mehr entzog. Das bot eine Leerstelle, die von der Phantasie gefüllt werden konnte. Wahlweise wurde Elisabeth als Verkörperung des nostalgisch betrachteten Vielvölkerstaates angesehen werden – oder, wie zum Beispiel im Film „Das Schicksal derer von Habsburg“, 1928, als Gegenbild zu einem zerfallenden politischen System, das es wegen seines Mangels an Menschlichkeit auch nicht besser verdient hatte. Die sozialdemokratisch orientierte Wiener „Arbeiterinnen-Zeitung“ wagte 1898, unmittelbar nachdem Elisabeth von einem italienischen Anarchisten ermordet worden war, eine positive Wertung der Monarchin, die zu Lebzeiten wegen ihrer Zurückhaltung gegenüber dem „Volk“ gar nicht so beliebt gewesen war: „Sie lebte wie eine einfache Privatperson und empfand es als Belästigung, wenn man nur die Kaiserin in ihr sah.“

Ähnlich äußerte sich die liberale Münchner „Allgemeine Zeitung“: „Kaiserin Elisabeth hegte eine geradezu mimosenhafte Abneigung gegen äußere Pracht und selbst gegen warme Huldigungen ihres Volkes […] und diese gewiss nicht deshalb, weil sie sich nicht von ihren Völkern geliebt glaubte, sondern bloß, weil ihr Innenleben sich gedrückt fühlte, wenn sie mehr sein sollte, als die treue Gattin, als die liebende Mutter, als die wohltatenspendende Frau.“

Kaiserin-Elisabeth-Museum in Possenhofen
Bild: Arnaud 25/Wikipedia


In diesen Nachrufen, konstatiert Karczmarzyk, wurde das Habsburgerreich als Familie vorgestellt und die Kaiserin als warmherzige Landesmutter mit allen Tugenden der Innerlichkeit. Manche Zeitungen gingen noch einen Schritt weiter und deuteten Elisabeths Distanz zum Hof als Ausdruck einer republikanischen Haltung. Ihre Vorliebe für die Dichtungen Heinrich Heines wurde zum politischen Bekenntnis stilisiert. Der Spott, mit dem die „Berliner Illustrierte Zeitung“ die tote Kaiserin übergoss, blieb eine Ausnahme: In ihrer Villa auf Korfu habe Elisabeth sich in ihrer Antikenbegeisterung ein „Marmorbett“ anlegen lassen, jedoch – „der verwöhnte Körper hielt die Härte des Lagers nicht aus, und die eine schlaflose Nacht regte die Kaiserin angeblich so auf, dass sie das Bett mit einem Hammer zerschlug.“

In den Filmen um die junge Prinzessin, die dann zur Kaiserin aufstieg, ist von solcher überkultivierten Verwöhntheit nichts spüren. Die Linie gab 1910 die vielgelesene Elisabeth-Biographie von Clara Tschudi vor. Tschudi – es war eine Zeit der Begeisterung für ein naturnahes Leben - sprach von einem „Freiluftkind, das sich körperlich auf die herrlichste Weise entwickelte, und in dessen empfängliche Seele Gottes mächtige Natur die erste tiefen Eindrücke gab“. In „Kaiserin Elisabeth von Österreich“, 1921, war ein unbeschwertes junges Mädchen zu sehen, das mit einem Blumenkorb über eine Wiese lief, umgeben von spielenden Kindern.

Diese Naturnähe der Kaiserin wurde gern auch als Volksnähe ausgedeutet. 1952, während Österreich noch unter der Besatzung der vier Siegermächte stand, gab die österreichische Bundesregierung einen Elisabeth-Film in Auftrag, der die Kaiserin als Repräsentantin des für die Zukunft erhofften, friedfertigen österreichischen Staates präsentierte. „Ich möcht‘ nach Haus, das Nachtmahl machen“, sagt Elisabeth in einem Dialog mit dem Ministerpräsidenten, sie trägt ein weißes Ballkleid und Diamantensterne im Haar. Und auf die Frage „Was gibt’s denn?“: „Spargel mit Butter und Brösel.“ In „Prinzessin Sissy“, 1939, wurde die kleine Elisabeth zur „Heldin“ eines bayerischen Heimatfilms. Sie erhält ein wertvolles Schmuckstück zum Geschenk – und erwidert, dass ihr eine Lederhose lieber gewesen wäre. 

In den Romanen und Filmen um den Selbstmord von Elisabeths Sohn Rudolf 1889 in Mayerling wurde der Konflikt „Gefühl gegen Zeremoniell“ auf die nächste Generation übertragen. Nun ist es die Kaiserin, die gegenüber ihrem Sohn die „Pflicht“ predigt: „Ich hab‘ das alles durchgemacht“, sagt sie im Film „Elisabeth von Österreich“, 1931, „schau, ich hab‘ gewusst, was ich dir und deinem Vater schuldig bin.“ Die Trilogie mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm wählte aber doch lieber die Jahre der Prinzessin und jungen Kaiserin, deren Schicksal, bei allen Konflikten mit der angeblich bösen Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie, vom Tod verschont blieb.

Der österreichische Film hatte in Deutschland ebenso viel Erfolg wie in Österreich selbst – vielleicht, darf man vermuten, weil die früher so selbstverständliche Anknüpfung an Preußen durch das Dritte Reich fürs erste diskreditiert war. Für Österreich brachten die Filme aber wohl auch ein Stück Befreiung vom früher alles beherrschenden Habsburger-Mythos: Es war eine gegenüber der habsburgischen Tradition halb und halb widerspenstige Figur, die nun als Repräsentantin der „guten, alten Zeit“ in den Mittelpunkt trat.

Sissi im Panoptikum Hamburg, von Saskia
Ruth - Bild Daniela Ziebell/Wikipedia


Und als Repräsentantin einer anderen Form von Politik, wie sie sich das Publikum der 1950er Jahre nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs wünschte. „Ich möchte mit ihnen nicht über Politik sprechen“, sagt Elisabeth im dritten Teil der Trilogie, „Schicksalsjahre einer Kaiserin“, „denn davon verstehe ich nichts. Ich möchte nur versuchen, Gegensätze zu überbrücken […] Meiner Ansicht nach gibt es keine unüberbrückbaren Gegensätze.“

Die Schlussszene auf dem Markusplatz in Venedig fasste diese Intentionen in einer unpolitisch-sentimentalen Utopie zusammen: Sissi wird selbst von den aufrührerischen Italienern aufgrund ihrer Mutterrolle akzeptiert. Die heile Familie an der Spitze des Staates – heil auch, weil Sissi als treue Ehefrau die stürmischen Avancen ihres Verehrers, des ungarischen Grafen Andrássy, abgewiesen hat - vermittelt den Untertanen den Anschein von Heimat und Geborgenheit. Eine Sehnsucht, wie sie sich ein Jahrhundert nach Elisabeth auch im öffentlichen Bild von Diana, Princess of Wales, verwirklichte – wiederum ein junges Mädchen im Konflikt mit den als herzlos erscheinenden Funktionsmechanismen eines großen Hofes.


Neu auf dem Büchermark:

Nicole Karczmarzyk: Mediale Repräsentationen der Kaiserin Elisabeth von Österreich. Sissi in Film, Operette und Presse des 20. Jahrhunderts, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2017, 227 S. mit 14 s/w. Abb., ISBN 978-3-7705-6214-5, 49,90 €, 60,90 CHF



Mehr im Internet:

Nicole Karczmarzyk: Mediale Repräsentationen der Kaiserin Elisabeth von Österreich 
Elisabeth von Österreich-Ungarn - Wikipedia 
scienzz artikel Film  


 

 

 

 

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