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19.12.2017 - THEATER

"Kinder, heute abend wollen wir vergnuegt sein"

Das weihnachtliche Theater seit dem 18. Jahrhundert

von Josef Tutsch

 
 

Weihnachts-TV-Programm
allgegenwärtig: "Christmas
Carol" von Charles Dickens
Illustration von John Leech,
1843 - Bild: Wikipedia


Schreckliche Dinge wusste 1784 die „Berlinische Monatsschrift“ aus dem Ort Zellerfelde, heute Clausthal-Zellerfeld, zu berichten. Bei der Weihnachtsmesse dort sei es üblich, die Sänger „als Engel angekleidet“ auftreten zu lassen, „in weißen Hemden mit grünem Bande.“ Der Zellerfelder Korrespondent behauptete sogar allen Ernstes, die Darbietungen dort würden „den Pöbel aus den benachbarten Bergstädten hinzulocken, der, um sich gegen die Kälte zu schützen, sich reichlich vorher mit Branntwein versieht“.

Der gelehrte Redakteur in Berlin fühlte sich bei dieser Kostümierung an vorchristliche Bräuche in der Antike erinnert fühlte, er überschrieb seinen Text „Christliche Bacchanalien in der Christnacht“. Der Beitrag, berichtet die Münchner Theaterwissenschaftlerin Laura Schmidt von der Ludwig-Maximilians-Universität München in ihrer Studie zum „Weihnachtlichen Theater“, rief eine lebhafte Debatte über das Fortleben „heidnischer Greuel“ im Christentum hervor. Die Mehrzahl der Kommentatoren sprach sich im Geiste der Aufklärung, so Schmidt, „für eine gemäßigte, geordnete Feierpraxis“ aus und verurteilte „volkskulturelle Weihnachtsbräuche“.

Vor allem in protestantischen, aber auch in katholischen Territorien war die Obrigkeit das ganze 18. Jahrhundert hindurch nach Kräften bemüht, gegen die hergebrachten „weihnachtlichen Spieltraditionen“ vorzugehen. Doch pLaura Schmidt hat untersucht, wie sich parallel zu diesen obrigkeitlichen Restriktionen gegen das Volkstheater bildete sich, wie Laura Schmidt in ihrer Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität untersucht hat, jene weihnachtliche „Fest- und Theaterkultur“ ausbildete, die uns heute selbstverständlich geworden ist.

Eine Kultur, die – und das unterscheidet sie radikal von den Weihnachtsbräuchen des Mittelalters – bis heute vor allem für Kinder bestimmt war und bis heute bestimmt ist. Ein frühes Beispiel bilden zwei kleine Weihnachtsspiele des Leipziger Dichters Christian Felix Weiße aus den 1770er Jahren. Thema waren die Geschenke zu Weihnachten, und Weißes Intention, schreibt Schmidt, war sehr schlicht: Die Kinder wurdensollten in die Pflicht genommen werden, sich tugendhaft zu verhalten.

Die Stücke sollten von Kindern gespielt werden, mit den Erwachsenen als Publikum. Dennoch, betont Schmidt, orientierte sich die Dramaturgie nicht an den volkstümlichen Spieltraditionen, sondern am professionellen Theater: Es gab eine klare Trennung zwischen den Akteuren und den Zuschauern, die nur durch ihren Beifall in das Bühnengeschehen eingreifen durften.

Krippenspiel in Sanok, Polen, 2014
Bild: Silar/Wikipedia


Gerade im späten 18. Jahrhundert erlebte das Weihnachtsfest eine radikale Von einer Umgestaltung blieb das Weihnachtsfest in dieser Zeit um 1800 dennoch nicht verschont. Schmidt spricht von einer „Verbürgerlichung“: Die Festbräuche wechselten ihren Ort, sie zogen aus der Kirche und von der Straße in den Familienkreis. Das Wohnzimmer wurde zur Bühne – für die Weihnachtszeremonie selbst, oft mit Auftritt halbtheatralischer Figuren wie Weihnachtsmann und Knecht Ruprecht, und manchmal eben auch für kleine Theaterspiele. 1832 führte der junge Albert Lortzing gemeinsam mit seinen Kindern ein Singspiel „Der Weihnachtsabend“ auf, überschrieben „Launige Szenen aus dem Familienleben“. „Kinder, heute Aabend wollen wir recht vergnügt sein“, sagt der Familienvater.

Blickt man auf die TheatersSpielpläne der öffentlichen Theater heute, muss es überraschen, dass von eigentlichen Weihnachtsprogrammen in den öffentlichen Theatern nicht vor der Mitte des 19. Jahrhunderts die Rede sein kann. 1848 wurde in Hamburg das Stück „Weihnachten“ von August Wilhelm Hesse uraufgeführt. Die Handlung war dem Roman „A Christmas Carol“ von Charles Dickens entnommen, das im Fernsehen zur Weihnachtszeit ja bis heute allgegenwärtig ist: das Thema der Erlösung in bloß moralischer Form, des religiösen Rahmens entkleidet. Von 1869 an wurden dann die „Weihnachtsmärchen“ populär, die mit Weihnachten vom Stoff her gar nichts zu tun hatten, aber sich eben an Kinder richteten und sie in eine „weihnachtliche“ Stimmung versetzen sollten. Eines dieser Stücke ging ins Opernrepertoire ein: Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“, 1893.

Dass die Literaturhistoriker seit den 1850er Jahren die mittelalterlichen Weihnachtsspiele wiederentdeckten, führte gelegentlich zu deren Wiederbelebung (wo, auf der Bühne? Wiederentdecken und Wiederbeleben, schau Dir den Satz nochmals an). Und manchmal versuchten sich die Schriftsteller auch in Nachdichtungen. 1915 brachte Max Reinhardt das „Deutsche Weihnachtsspiel“ von Otto Falckenberg auf die Bühne des Deutschen Theaters in Berlin, so „sinnenfreudig“ wie „üppig ausgestattet“, schreibt Schmidt.

Größere Bedeutung als für das professionelle Theater hatten solche „neomittelalterlichen Neudichtungen“ rund um die Krippe und den Stall von Bethlehem in der Laienspielbewegung, auch im Umkreis von Rudolf Steiners Anthroposophie. Steiner strebte „eine Gegenbewegung zur modernen Entmythologisierung der Welt an“, so Schmidt, „möchte aus alter künstlerischer Praxis Kraft für den modernen Menschen schöpfen“. Auch die Arbeiterbewegung nahm die weihnachtliche Theaterkultur auf. 1894 brachte der Gewerkschaftler Richard Lipinski das „soziale Drama“ „Friede auf Erden“ heraus. „Ich tat, was jener Nazarener lehrte“, sagt die Hauptfigur. „Seine Lehre ganz befolgend, trat ich für die Enterbten ein, ihnen galt meine Arbeit, mein Ringen.“

Aber die Weihnachtsstimmung wurde auch für ganz andere Zwecke genutzt. „Weihnachten, Weihnachten, es wird mir ganz weich zumute!“, heißt es im Stück „Weihnachten im Felde“ von dem zitiert Schmidt bereits im Motto ihres Buches den Komödiendichter Roderich Benedix, 1871. Klingt ganz banal, doch dDer Fortgang lässt dem heutigen Leser den Atem stocken: „Wenn ich jetzt einen Franzosen unter den Händen hätte, ich glaube, ich schlüge ganz sanft zu!“ Das Zitat stammt aus dem Stück „Weihnachten im Felde“, 1871. Im Ersten Weltkrieg häuften sich solche martialischen Weihnachtsstücke, oft mit Gesang und Tanz, . nWie sich versteht, wollten auch die Nationalsozialisten das Weihnachtstheater für ihre Zwecke nutzen. 1935 führte Eberhard Wolfgang Möller ein Krippenspiel auf, in dem neben den Figuren der biblischen Geschichte zwei Mitglieder der SA im Mittelpunkt stehen.

Engelbert Humperdincks "Hänsel und
Gretel", Staatsoper Wien, 2015
Bild: Christian Michelides/Wikipedia


Schmidt hat darauf verzichtet, ihre Geschichte des Weihnachtstheaters in der Neuzeit bis in die Gegenwart fortzuführen. Im Spielplan der großen Theater hat sich die Gewohnheit durchgesetzt, immer wieder Humperdincks „Hänsel und Gretel“ und Tschaikowskys „Nussknacker“-Ballett aufzuführen. „Der Nussknacker“ spielt ja auch bei der Bescherung der Kinder am Heiligen Abend. IUnd in den christlichen Gemeinden halten sich, mehr oder weniger eng am Bibeltext orientiert, die Krippenspiele mit den Hirten und den Königen. Daneben, merkt die Forscherin im Schlusskapitel an, ist die Tradition der Weihnachtsmärchen lebendig geblieben. Inhaltlich, meint Schmidt, hat sich da seit dem 19. Jahrhundert offenbar nicht viel geändert: Weihnachten ist im allgemeinen Bewusstsein auch heute noch das große Fest der Familienharmonie.

Freilich: Die Harmonie, wenngleich bloß als Ferien vom strapaziösen Alltag, muss wohl verdient sein. Lortzing brachte es in einer Szene seines Singspiels zum Ausdruck. „Die Kinder: Kriegen wir denn was Schönes? – Mutter: Wenn ihr hübsch artig seid, ja, sonst nichts. – Die Kinder: Ja, wir wollen artig sein.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Laura Schmidt: Weihnachtliches Theater. Zur Entstehung und Geschichte einer bürgerlichen Fest- und Theaterkultur, transcript Verlag, Bielefeld 2017, 398 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-8376-3871-4, 39,99 €


Mehr im Internet:

Laura Schmidt: Weihnachtliches Theater 
Weihnachten - Wikipedia 
scienzz artikel Religion und Literatur 

 

 

 

 

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