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02.12.2017 - LITERATURGESCHICHTE

"Zugang zu Sachverhalten, die geistig Gesunden verschlossen sind"

Der Wahnsinn in Literatur und Kuensten

von Josef Tutsch

 
 

Francisco de Goya: Der
Schlaf der Vernunft ge-
biert Ungeheuer, 1799
Bild. Wikipedia

„Hörst du nicht das Wiehern der Rosse“, fragt Don Quijote seinen Knappen, „das Blasen der Trompeten, das Rollen der Trommeln?“ „Ich höre nichts anderes“, antwortet Sancho, „als vielfaches Blöken von Schafen und Hammeln.“ Doch Don Quijote lässt sich nicht beirren. Er gibt seinem Pferd die Sporen, stürmt mit eingelegtem Speer auf die Schafherde los und richtet ein Blutbad an.

Kein Zweifel, Don Quijote ist ein Narr, ein Verrückter, ein Wahnsinniger. Ist es ein Widerspruch, dass dieser Narr immer wieder auch Anzeichen einer höheren Vernunft erkennen lässt? Im Unterschied zu vielen anderen Dichtungen, stellt der Würzburger Romanist Gerhard Penzkofer fest, zielt Cervantes‘ Roman nicht darauf, dass der Leser über den Narren lachen soll. Es geht, meint Penzkofer, um eine generelle Verunsicherung unseres „Weltwissens“, die durch das Lachen zunächst überdeckt wird. Wenn wir eines von Don Quijotes Abenteuern gelesen haben und belustigt innehalten, bricht es wieder auf.

„WahnSinn“ haben Penzkofer und seine Mitherausgeberin Irmgard Scharold von der Universität Erlangen-Nürnberg ihren neu erschienen Sammelband über den Wahnsinn in Literatur und Künsten seit der Antike überschrieben, mit großen Anfangsbuchstaben für beide Wortbestandteile. Dass „Wahn“ und „Sinn“ oder Wahn und Vernunft nicht einfach nur Gegensätze sind, sondern irgendwie vielleicht zusammengehören, ist eine uralte Einsicht, die spätestens seit Platon die Ideengeschichte durchzieht.

In der griechischen Mythologie, schreibt der Würzburger Altphilologe Michael Erler in seinem Beitrag, waren die Verhältnisse noch eindeutig. Es waren die Götter, die dem Menschen manchmal den Wahnsinn schickten – entweder um sie für ihr Fehlverhalten zu bestrafen oder, völlig irrational, bloß um ihre Macht zu demonstrieren.  Die Aussage in Platons Dialog „Phaidros“, geschrieben etwa um 370 v. Chr., der Wahnsinn komme „als göttliche Gabe“, meint Erler, muss für die Zeitgenossen eine Provokation gewesen sein. Auch Platons Interpreten in den folgenden zweieinhalb Jahrtausenden hatten ihre Probleme, diese These mit ihrem Bild von einem „ganz dem Intellekt verpflichteten Philosophen“ zusammenzubringen. Fast ein halbes Jahrhundert vor dem „Phaidros“ hatte der Tragödiendichter Euripides in seinen „Bakchen“ den Einbruch irrationaler Wildheit in die Alltagsvernunft geschildert. Gleich bei seinem ersten Auftritt im Stück erklärt der Gott Dionysos, er habe die Frauen der Stadt Theben „als Bremse“ in Wahnsinn versetzt, weil sie in ihrer Vernünftigkeit ihn, den Repräsentanten des Irrationalen, nicht als Gott anerkennen wollten.

Platon übernahm die Metapher von der Bremse und übertrug sie auf seinen „Helden“ Sokrates. Er sei der Stadt von den Göttern als eine Art Bremse geschickt worden, ließ er Sokrates in seiner Verteidigungsrede vor dem athenischen Volksgericht sagen, „wie einem stattlichen und edlen Pferd, das jedoch ob seiner Größe zu träge ist und darauf angewiesen, aufgeweckt zu werden“. Erler: „Die ‚Bremse‘ Sokrates sorgt für Irritation, Emotion und Verrücktheit als Voraussetzung dafür, dass man mit Fragen oder Streben nach Wahrheit überhaupt erst beginnen kann.“ „Was alltäglichem Denken ‚verrückt‘ erscheint, ist Voraussetzung für wirkliche Erkenntnis.“

Dass diese hochreflektierte Theorie einer – wenigstens der Möglichkeit nach – zur Weisheit führenden Verrücktheit in der abendländischen Ideengeschichte nicht beherrschend war, sondern eher eine Unterströmung bildete, kann nicht weiter verwundern. Das Mittelalter, schreibt die Würzburger Germanistin Dorothea Klein, wurde von anderen Erklärungsmustern beherrscht, die merkwürdig unverbunden nebeneinanderstanden. In der Bibel war die Geschichte vom babylonischen König Nebukadnezar zu lesen, der von Gott zur Strafe für seine Überheblichkeit „aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen wird“, ihm fehlt das, „was den Menschen als Krone der Schöpfung auszeichnet, die Vernunft“.

J. I. I. G. Grandville: Don Quijotes Kampf
mit den Weinschläuchen, 1849
Bild: Wikipedia


Damit konkurrierte die „Viersäftelehre“, die im 2. Jahrhundert n. Chr. der griechische Arzt Galen aufgebracht hatte: Beim gesunden Menschen würden Blut, „Gelbe Galle“ (aus der Leber), „Schwarze Galle“ (aus der Milz) und Schleim (aus dem Gehirn) miteinander im Gleichgewicht stehen. Psychische Erkrankungen seien als Störungen dieses Gleichgewichts zu erklären. Und schließlich wurden als Ursache für den Wahnsinn auch Vergiftungen in Betracht gezogen – natürliche, aber auch dämonische, also durch Zauberei bewirkte.

Noch Cervantes legte in seinem Roman aus dem Jahr 1605 das Schema der „Vier Säfte“ zugrunde. Sein Don Quijote ist ein Choleriker, er wird von der „Gelben Galle“ beherrscht, doch er überlagert und potenziert diese Verrücktheit, analysiert Penzkofer, noch durch einen „Wahnsinn zweiten Grades“, indem er sich in die Imitation seiner Romanhelden hineinsteigert. Nicht zuletzt in die Imitation jener Vorbilder, die selbst schon verrückt sind. Don Quijote nimmt sich allen Ernstes vor, aus Liebesleid wahnsinnig zu werden, getreu seinen Vorbildern Amadís und Roldán. Penzkofer: „Bei der Nachahmung von Rittern ist es eben vernünftig, unvernünftig zu sein.“

Ein anderes Modell von Wahnsinn lieferte wenige Jahre vor dem „Don Quijote“ der „Hamlet“. Oder ist William Shakespeares Dänenprinz gar nicht wahnsinnig, sondern täuscht den Wahnsinn bloß vor? Die Frage hat dazu beigetragen, dass der „Hamlet“ die vielleicht meistinterpretierte Dichtung der gesamten Weltliteratur wurde. Hamlets Sätze, konstatiert die Bamberger Anglistin Beatrix Hesse, sind immer wieder mehrdeutig. Macht er sich über seine Gesprächspartner lustig oder ist er wirklich verrückt? Im zweiten Fall, so Hesse, würde das wohl bedeuten, „dass der Verrückte Zugang zu Sachverhalten haben mag, die geistig Gesunden verschlossen sind“.

Zwei Jahrhunderte nach Shakespeare, Francisco de Goyas „Capricho 43“. Ein junger Mann, vielleicht ein Literat, ist an seinem Schreibtisch eingeschlafen. Um ihn herum schwirren Fledermäuse und Eulen, eine reicht ihm eine Schreibfeder. Am Tisch ist die Aufschrift zu lesen „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Oder auch „Der Traum der Vernunft“, das spanische Wort „sueño“ kann das eine wie das andere bedeuten. Wollte Goya sagen, dass die Ungeheuer sich nur dann einfinden, fragt Penzkofer, wenn die Vernunft schläft und ihnen wider Willen Raum gibt? Oder ganz im Gegenteil, dass es eben die Vernunft ist, die aus sich heraus Ungeheuer hervorbringt, wenngleich im Traum?

Goyas Radierung entstand 1799; vielleicht war sich der Künstler selbst nicht sicher, von welcher Seite das schlimmere Unheil zu erwarten sein würde, von der Abwesenheit aufklärerischer Vernunft im Spanien unter der Bourbonenherrschaft oder von deren Übersteigerung im revolutionären Frankreich. Bei den Beispielen, die das Forscherteam aus der Literatur- und Kunstgeschichte seit der Antike herausgegriffen hat, handelt es sich durchweg um zwei- oder mehrdeutige Fälle von Wahnsinn, bei denen darüber zu streiten wäre, was daran „Wahn“ und was „Sinn“ ist.

Edwin Booth als Hamlet, 1870
Bild: Wikipedia


So etwa E. T. A. Hoffmanns Erzählung vom „Sandmann“, 1816. Der Würzburger Germanist Wolfgang Riedel zeigt, dass der Dichter sich an einem über zweihundert Jahre alten Text orientieren konnte, an dem Essay „Über die Kraft der Einbildung“ von Michel de Montaigne. Bereits die „Durchschnittspsyche“, hatte Montaigne festgestellt, „sitze immer wieder falschen Vorstellungen, besonders abergläubischen, auf“. Hoffmann entwickelte daraus seine Geschichte vom allmählichen Aufkommen des Wahnsinns im „normalen“ Menschen, die wiederum hundert Jahre später Sigmund Freud als Paradefall für seine „Psychologie des Unheimlichen“ diente.

Wie um alle Ängste vor dem „Fortschritt“ zu bestätigen, verfasste die englische Schriftstellerin Mary Shelley zwei Jahre nach dem „Sandmann“ ihren Roman von Frankenstein, dem genialen Wissenschaftler, der einen künstlichen Menschen erschafft. Frankenstein wurde zum Urvater einer langen Reihe von „mad scientists“. „Nobelpreis und Irrenhaus sind zwei extreme Möglichkeiten“, schreibt der Kölner Germanist Arno Meteling. Doch wie Cervantes‘ Held Don Quijote lässt sich auch dieser verrückte Wissenschaftler von einer komischen Seite her betrachten. In harmloser Variante kennen wir den Typus als Daniel Düsentrieb aus Walt Disneys Geschichten von der Familie Duck.


Neu auf dem Büchermarkt:

WahnSinn in Literatur und Künsten, herausgegeben von Gerhard Penzkofer und Irmgard Scharold, Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, 439 S., ISBN 978-3-8260-5381-8, 48,00 €



Mehr im Internet:

WahnSinn in Literatur und Künsten  
Wahnsinn - Wikipedia 
scienzz artikel Krankheit und Tod 

 

 

 

 

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