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kultur

24.12.2017 - BRAUCHTUM

Kloepfelnaechte, Weihnachtsmaerkte und Perchtenlaeufe

Weihnachtsbraeuche abseits von Baum, Krippe und Nikolaus

von Josef Tutsch

 
 

Lichterschwemme in Fürsten-
feldbruck bei München
Bild: Richard Huber/Wikipedia

In manchen Gegenden Süddeutschlands und des Alpenraums, zum Beispiel im Berchtesgadener Land, ziehen die Kinder auch heute noch an den letzten drei Donnerstagen vor Weihnachten des Abends von Tür zu Tür und bitten um Leckerbissen. Ein „Heischebrauch“, wie die Ethnologen das nennen, man kennt dergleichen auch vom Dreikönigsfest oder neuerdings von „Halloween“. Ein wenig Umverteilung von materiellen Gütern, angeknüpft an Feste im Jahreskreislauf. Erste Belege für diese „Klöpfelnächte“ stammen aus dem 16. Jahrhundert. Im „Weltbuch“ des Sebastian Franck von 1534 heißt es: „Drei Donnerstage vor Weihnachten klopfen die Mädchen und Knaben an den Türen an, um die Geburt des Heilands zu verkünden.“ „Von den Bewohnern erhalten sie Äpfel, Birnen, Nüsse“. „Und auch Pfennige“, fügte Franck hinzu.

Nur ein Beispiel für jene alten Bräuche, die gegenüber Adventskranz und Weihnachtsbaum, Weihnachtskrippe und Weihnachtsmann in den Hintergrund getreten und heute beinahe ausgestorben sind. Im Burgenland ist es noch üblich, am Tag der hl. Lucia, dem 13. Dezember, Weizen- oder Gerstenkörner in einem Teller mit Wasser hinter den Ofen zu stellen. Mit etwas Glück sind sie zu Weihnachten dann aufgegangen. In anderen Gegenden werden am 4. Dezember, dem Fest der hl. Barbara, Zweige von Sträuchern an einen warmen Ort zu plaziert, damit an Weihnachten die Blüten hervorbrechen.

Ein Stück Sommer mitten im Winter, das ist uns ja auch beim Weihnachtsbaum geläufig: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter. Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, nein auch im Winter, wenn es schneit.“ Zur Erklärung kann man auf heidnische Fruchtbarkeitsbräuche verweisen. Das Symbol des Aufblühens ist jedoch ebenso im Christentum verbreitet. „Es ist ein Ros entsprungen“, heißt es im Kirchenlied.

Ein Bild für das Wunder aller Wunder, die Geburt des Gottessohnes aus einer Jungfrau. Die Apokryphen und Legenden zum Neuen Testament, die im Mittelalter so viel gelesen wurden, sind voll von den wunderbaren Ereignissen, die zur Heiligen Nacht eintraten, etwa dass die Weinstöcke zur Unzeit erblühten und dann auch gleich reife Trauben trugen. Auch der Volksbrauch erwartet in diesen Stunden das Außergewöhnliche. In Endingen am Kaiserstuhl war es üblich, dass die Gläubigen am Heiligen Abend kurz vor Mitternacht zum Stadtbrunnen gingen, um während der zwölf Glockenschläge heilkräftiges Wasser zu schöpfen.

Das augenfälligste Weihnachtssymbol ist zweifellos das Aufleuchten des Lichts in der winterlichen Finsternis. Auch dieses Motiv geht auf die Prophezeiungen im Alten Testament zurück, zum Beispiel bei Jesaja: „Das Volk, das da im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Land, scheint es hell.“ Mit den Kerzen auf Adventskranz und Weihnachtsbaum hat der Volksbrauch diesen Gedanken in Praxis übersetzt. Bereits im frühen 18. Jahrhundert ist in Fürstenfeldbruck bei München die „Lichterschwemme“ belegt: Zum Luciafest wurden Papierhäuschen mit einem Licht auf die Amper gesetzt und schwammen in einer Art Prozession den Fluss hinunter.

Hirtenkinder des Salzburger Adventsingens
im Großen Festspielhaus, 2012
Bild: Salzburger Adventsingen/Wikipedia


Freilich – der Mensch hat sich des Wunders, das ihn zu Weihnachten erwartet, würdig zu erweisen. Das ist der Grund dafür, dass dem Weihnachtsfest früher eine Fastenzeit vorgeschaltet war. Und ebenso wie der Fastenzeit im Frühjahr ging auch der im Winter eine letzte Gelegenheit zur Schlemmerei voran: der Martinstag, ein kleiner Karneval. Die Reformatoren haben das Fasten als freventlichen Versuch, die Erlösung aus eigener Kraft erringen zu wollen, gestrichen. Auch im Katholizismus ist diese Fastenzeit vor Weihnachten, anders als vor Ostern, inzwischen außer Gebrauch gekommen.

Nicht der einzige Fall, dass sich das Brauchtum in den letzten Jahrhunderten drastisch verändert hat. Im Mittelalter wurde kurz nach Weihnachten das „Eselsfest“ begangen, zur Erinnerung an das Grautier, das an der Krippe gestanden und die Heilige Familie bei ihrer Flucht nach Ägypten begleitet hatte. Beim Gottesdienst antwortete die Gemeinde dem Segen des Priesters mit einem fröhlichen „Ia!“ Doch bereits im 15. Jahrhundert versuchten manche Kirchenoberen, diesen Brauch als unanständig zu unterbinden.

Das bekannteste Beispiel für den Wandel der Weihnachtskultur: In der Reformation wurde der hl. Nikolaus als Gabenbringer vom „heiligen Christ“ abgelöste, in katholischen Gegenden später oft auch durch das „Christkind“. Soweit Nikolaus dennoch erhalten blieb, wurde er im Bewusstsein weiter Bevölkerungskreise seit dem frühen 19. Jahrhundert in den eher weltlichen „Weihnachtsmann“ transformiert. Inzwischen ist politisch korrekt eine „Weihnachtsfrau“ daneben getreten.

Kulturkritiker konstatieren da, mit den Worten des Münchner Brauchtumsforschers Dietz-Rüdiger Moser, einen „Sinnverlust christlicher Überlieferungen“. Aber das ist natürlich nur die eine Seite. Die Überlieferungen werden zugleich mit neuem Sinn gefüllt, auch wenn damit im Einzelfall vielleicht nicht jeder etwas anzufangen weiß. So wird das Bild unserer Innenstädte in der Vorweihnachtszeit heute durch die sogenannten „Weihnachtsmärkte“ geprägt – Verfremdung der weihnachtlichen Sehnsucht im Sinne des Konsums, sagen die Kritiker.

Doch was haben die Klöpfelnächte im Alpenraum eigentlich mit Advent und Weihnachten zu tun? Das wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die Besucher manchmal nicht an der Haustür beschenkt, sondern in die gute Stube eingeladen werden: Der Brauch verweist auf die Herbergssuche von Maria und Josef in Bethlehem. In der Gegenreformation wurde dieses Detail der biblischen Geschichte, das im Text der Evangelien nur mit einem Halbsatz angedeutet ist, zu einem Vorspiel der Passion ausgestaltet. In den Gebetbüchern gab es Kapitel, die etwa „Verehrung der mitleidswürdigen Abweisung von der Herberge, welche Maria und Josef zu Bethlehem widerfahren ist“ überschrieben waren.

Perchtenlauf in Goldegg, Pongau, 2014
Bild: Wald1siedel/Wikipedia


Rätselhaft scheint zunächst, dass sich die Klopfer im Alpenraum oft eine dämonisch anmutende Vermummung geben, die zu Weihnachten so wenig zu passen scheint. Aber es ist eben nicht jeder so würdig, eingelassen zu werden wie Maria und Josef, die Eltern des Jesuskindes. Gerade die großen Sünder haben es nötig, demütig „anzuklopfen“. Und der Erfolg bleibt ungewiss. Nicht allen, die anklopfen, werde aufgetan, heißt es im Lukasevangelium.

Wie an den Donnerstagabenden vor Weihnachten gehen auch in den zwölf Nächten zwischen dem Fest und dem Dreikönigstag am 6. Januar in vielen Alpenorten die „Perchten“ um, unheilige, oft mit Tierfell ausgestattete Figuren. Reste eines vorchristlichen Dämonenglaubens? Auch hier wird man eher Personifikationen der Verfallenheit des Menschen an das Böse vermuten dürfen. Vielleicht darf man ja auch, streng im Rahmen der Weihnachtsgeschichte, an die Häscher des Königs Herodes denken, die dem Jesuskind nach dem Leben trachten. Wie auch immer – die Mitspieler bei diesen, wenn man so will, karnevalistischen Weihnachtsbräuchen werden mit viel Spaß bei der Sache sein.


Auf dem Büchermarkt:

Dietz-Rüdiger Moser: Bräuche und Feste durch das ganze Jahr. Gepflogenheiten der Gegenwart in kulturgeschichtlichen Zusammenhängen, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, 224 S., durchgehend farbig bebildert, ISBN 3-451-27367-5


Mehr im Internet:

Weihnachten - Wikipedia 
scienzz artikel Rund um Weihnachten 

 

 

 

 

 

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