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10.12.2017 - RELIGIONSGESCHICHTE

Auf der Suche nach dem Zusammenhang zwischen Historie und Glauben

Ein Jesus-Handbuch bilanziert den Stand der Forschung

von Josef Tutsch

 
 

Christus aus dem Apsismosaik
der Kirche S. Pudenziana, Rom,
Anf. 5. Jhdt.
Bild: Welleschik/Wikipedia

Jesus und die Politik, Jesus im Lichte der Qumran-Texte, Jesus aus der Sicht der modernen Archäologie, die apokryphen Evangelien über Jesus, Jesus und die Frauen … Auf dem Büchermarkt und in den Fernsehmagazinen ist die Gestalt des Jesus von Nazareth allgegenwärtig. Inwieweit das, was dort unter dem Stichwort „Jesus“ angeboten wird, mit historischer Erkenntnis zu tun hat oder mehr mit den aktuellen Moden unserer Gegenwartskultur, ist eine andere Frage.

Die beiden Theologen Jens Schröter und Christine Jacobi von der Berliner Humboldt-Universität haben jetzt ein umfangreiches Handbuch herausgebracht, das den aktuellen Stand der Forschung zum „historischen Jesus“ zusammenfasst. Fast fünfzig Autoren haben die verschiedensten Aspekte dieses Komplexes bearbeitet. Zweifellos lässt sich über die Umwelt dieses Jesus von Nazareth heute in der Tat unendlich viel mehr sagen, als das vor hundert oder zweihundert Jahren möglich war. Was Jesus selbst betrifft, fällt das Fazit allerdings eher ernüchternd aus: Es gibt nicht allzu viel an Erkenntnissen, was unumstritten wäre.

„Die spezifische Herausforderung der Jesusforschung“, schreiben Schröter und Jacobi in der Einleitung, „besteht darin, den Zusammenhang zwischen dem ‚historischen Jesus‘ und dem Bekenntnis zu Jesus Christus, dem Sohn Gottes und erhöhten Herrn, plausibel und nachvollziehbar zu machen.“ Mit der Schwierigkeit, dass es sich da nicht um zwei Größen handelt, die unabhängig voneinander zu betrachten und dann in ein Verhältnis zu setzen wären. Von einigen kargen Notizen bei „heidnischen“ Geschichtsschreibern abgesehen, ist uns der historische Jesus nur aus Quellen zugänglich, die dieses Bekenntnis verkündigten. Auf der Basis des Osterglaubens wollten die Evangelien „die bleibende Bedeutung des erhöhten, lebendigen Christus präsentieren, indem sie den Weg des irdischen Jesus nacherzählten“.

Ist es überhaupt möglich, aus diesen Quellen etwas historisch Verlässliches zu Leben und Lehre Jesu zu rekonstruieren? Also Aussagen, die sowohl Gläubigen wie auch Anders- oder Ungläubigen als „wahr“ erscheinen können? Dass Jesus das Nahen des Gottesreiches verkündete und die Menschen zur Buße aufforderte, darf man immerhin als sicher annehmen, auch dass er Krankenheilungen vornahm, die den Zeitgenossen als „Wunder“ erschienen. Sobald es in die Details geht, die zu Leben und Lehre Jesu überliefert sind, tritt aber immer wieder die Frage auf, was daran „authentisch“ ist und was erst im Nachhinein aus dem nachösterlichen Glauben der Jünger hineingetragen wurde.

Zum Beispiel gab es im frühen Christentum eine intensive Diskussion über die jüdischen Reinheitsvorschriften – eine Frage, die dann ganz wesentlich zur Trennung der beiden Religionen beitrug. Man wüsste gern, inwieweit diese Diskussion auf den historischen Jesus zurückgeht. Schröters Antwort fällt so vage wie nur möglich aus: Es sei im Urchristentum eine „zentrale Überzeugung“ gewesen, „dass das Auftreten Jesu den jüdischen Diskurs über rein und unrein maßgeblich beeinflusst hat“. Mit „Einerseits-Andererseits“ argumentiert der Bonner Theologe Michael Wolter: Keinesfalls habe Jesus „seine eigene Autorität gegen die Autorität der Thora gestellt“, jedoch habe er die jüdische Tradition „im Horizont der heilvollen Gegenwart der Gottesherrschaft neu interpretiert“.

Sonnengott Helios oder Christus?
aus dem Julier-Mausoleum, Rom,
um 300 - Bild: Wikipedia


Es handelt sich keineswegs um eine rein akademische Frage. Jahrhunderte lang wurde im Christentum vor allem den Gegensatz zum Judentum betont. Seinen Ansatz fand das in den Antithesen der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist“ –  „Ich aber sage euch“. In der heutigen Forschung geht die Tendenz dahin, Jesu feste Verwurzelung im Judentum seiner Zeit hervorzuheben. Das Handbuch hat darauf verzichtet, den Prozess der Abgrenzung des entstehenden Christentums gegenüber der „Mutterreligion“ näher zu behandeln. Gerade dieser Aspekt wäre jedoch, wenn es um den „Zusammenhang zwischen dem ‚historischen Jesus‘ und dem Bekenntnis zu Jesus Christus“ geht, zentral gewesen.

Im Vergleich mit vielen anderen Jesus-Büchern nimmt in dem Band der Prozess Jesu einen überraschend geringen Platz ein. Bei so gut wie jedem Detail aus den Passionsberichten ist umstritten, inwieweit darin der faktische Prozessverlauf wiedergegeben wird. Sven-Olaf Back von der Universität Turku unterstellt, dass das Todesurteil zwangsläufig war, nachdem Jesus sich den Ruf eingehandelt hatte, ein „König der Juden“ zu sein: Pontius Pilatus habe es aus Furcht vor Kaiser Tiberius nicht wagen können, „einen selbsternannten jüdischen König laufen zu lassen“, „insbesondere dann nicht, wenn er von den führenden Männern in Jerusalem angeklagt war“.

Die größte Unbekannte in all diesen Rekonstruktionsversuchen stellt die Frage nach Jesu Selbstverständnis dar. „Mit Sicherheit lässt sich sagen“, schreibt James G. Crossley von der St. Mary’s University Twickenham, „dass Jesus als neuer ‚politischer Anführer‘ wahrgenommen wurde“, zumindest von den Besatzern. Das „zumindest“ setzt, was die Jünger Jesu‘ angeht, ein Fragezeichen, und was Jesus selbst betrifft, erst recht. „Das von Jesus angekündigte Gottesreich“, meint Markus Tiwald von der Universität Düsseldorf, „würde alle irdischen Unrechtssysteme hinwegfegen und umkrempeln, doch wird dieser Anspruch nicht von Menschen mit Waffengewalt durchgesetzt, sondern von Gott selbst.“

Für eine „politische Theologie“ bieten diese Erkenntnisse zum historischen Jesus wohl keine gute Grundlage. Aber auch Leser, die von Leben-Jesu-Forschung Anhaltspunkte für die traditionelle kirchliche Lehre suchen, werden immer wieder enttäuscht sein. Es muss ungewiss bleiben, inwieweit zum Beispiel der Titel „Gottessohn“ vielleicht erst von der nachösterlichen Gemeinde auf den Menschen Jesus angewandt wurde. Aber Jesus deutete, so Michael Wolter, sein Wirken als Erfüllung der Verheißungen des Alten Testaments, er erhob „keinen geringeren Anspruch, als dass er selbst an Gottes Stelle handelte“.

Das legt natürlich die Frage nahe, ob Jesus auch seinen eigenen Tod als bedeutsam im Heilsgeschehen ansah. Sicherlich sei Jesus seiner Verhaftung nicht „ganz ahnungslos“ entgegengegangen, meint Hermut Löhr von der Universität Bonn. Eine vorsichtige, fast übervorsichtige Formulierung, wie sie auf den fast 600 Seiten dieses Handbuches oft vorkommt. Noch ein Beispiel, wieder zur Stellung Jesu im Judentum seiner Zeit: „Umstritten ist, ob man trotz Kontinuität mit der jüdischen Gottesrede die Eigenheiten Jesu als Innovationen kennzeichnet oder als Profilierung der Gottesrede innerhalb der vielstimmigen jüdischen Theologie“ - so die Hamburger Theologin Christine Gerber über Jesu Gottesbild.

"Alexamenos-Graffito", Spottdarstellung
auf die Kreuzigung, um 200
Bild: Wikipedia


Selbst das, was zumindest in der deutschsprachigen Forschung des 20. Jahrhunderts weitgehend Konsens war, also die „eschatologische“ Interpretation Jesu, seine Deutung als „Endzeitprophet“, wird inzwischen wieder in Frage gestellt, konstatiert Schröter. Vor allem in den USA gibt es heute Ansätze, Jesus eher als „Weisheitslehrer“ aufzufassen, womöglich mit sozialkritischer und sozialreformerischer Tendenz. Wenn man so will, schließt sich damit der Kreis zurück zum 19. Jahrhundert. Damals, also bevor die eschatologische und apokalyptische Literatur der Zeit Jesu wiederentdeckt wurde, galt Jesus als Heros des sogenannten „Kulturprotestantismus“, neben Sokrates einer der großen Begründer unseres modernen Humanitätsglaubens.

Die Entdeckung nicht-kanonischer Evangelientexte in der ägyptischen Wüste 1945, Stichwort „Nag-Hammadi-Codices“, hat den wissenschaftlichen wie halbwissenschaftlichen Spekulationen enormen Auftrieb verpasst. Leider ohne Grund in der Sache, müssen Schröter und Jacobi feststellen: Diese Texte spiegeln eine deutlich spätere Entwicklung des christlichen Glaubens wider, als sie in den „kanonischen“ Evangelien zum Ausdruck kommt. Und die Beliebtheit etwa des „Thomas“- oder des „Judasevangeliums“ heute besagt wohl mehr über unsere Gegenwart als über den historischen Jesus. Tobias Nicklas von der Universität Regensburg macht das an einem Passus aus dem „Evangelium der Maria“, das im späten 2. Jahrhundert n. Chr. entstand. Im Mittelpunkt steht eine Frau, Maria genannt, vielleicht mit Maria Magdalena identisch, „die der Erlöser mehr liebte als alle Frauen“. Über den historischen Jesus geht aus diesem Satz gar nichts hervor, aber für die romanhafte Phantasie bietet sich viel Raum.


Neu auf dem Büchermarkt:

Jesus Handbuch, herausgegeben von Jens Schröter und Christine Jacobi, unter Mitarbeit von Lena Nogossek, Mohr Siebeck, Tübingen 2017, XIII, 685 S. mit 13 Abb., ISBN 978-2-16-153853-7, 49,00 €


Mehr im Internet:

Jesus Handbuch, herausgegeben von Jens Schröter und Christine Jacobi 
Jesus von Nazareth - Wikipedia 
scienzz artikel Jesus von Nazareth 

 

 

 

 

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