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kultur

04.01.2018 - BRAUCHTUM

Sternsinger, Wallfahrer und Bohnenkoenige

Braeuche rund um das Dreikoenigsfest

von Josef Tutsch

 
 

Jacob Jordaens: Fest des Bohnen-
königs (Ausschnitt), um 1644
(Kunsthistorisches Museum Wien)
Bild: Wikipedia


Es war eines der beliebtesten Motive in der holländischen Genremalerei des 17. Jahrhunderts. Inmitten einer fröhlichen Tafelrunde sitzt ein würdiger Herr mit Krone auf dem Haupt, er hebt gerade sein Glas zum Mund, die Menschen um ihn herum lassen ihn hochleben. Offenbar nicht zum ersten Mal, zum Beispiel auf einem Gemälde von Jakob Jordaens, das um 1650 entstand, sieht man, wie unten links bereits jemand betrunken zu Boden gesunken ist. Rechts ist eine Frau damit beschäftigt, ihrem Kind den Hintern abzuwischen.

„Der König trinkt“: Früher wurde dieser Brauch in vielen Ländern Europas am Vorabend des Dreikönigsfestes geübt. In Frankreich besteht er noch heute. Entweder durch Wahl oder durch das Los bestimmt die Festgesellschaft einen „König“. Ein verbreitetes Losverfahren besteht darin, dass ein Kuchen verteilt wird, in den eine Bohne oder auch eine Mandel oder Weintraube eingebacken ist; wer das Stück mit der Bohne erhält, wird „Bohnenkönig“. Beim Zubeißen ist Vorsicht angeraten: Seit dem 19. Jahrhundert werden die Bohnen manchmal durch winzige Porzellanfigürchen ersetzt. Auf dem Antiquitätenmarkt stellen sie inzwischen ein eigenes Sammelgebiet dar.

Der Brauch ist seit dem 13. Jahrhundert belegt. Ein Zusammenhang mit den Saturnalien der alten Römer wurde immer wieder unterstellt, konnte jedoch niemals nachgewiesen werden. Man wird einen Zusammenhang mit dem Aufblühen einer städtischen Kultur im hohen Mittelalter unterstellen dürfen. Das setzte Reflexionen über legitime und illegitime Herrschaft in Gang. Wenigstens spielerisch durften die Bürger den Königen von Gottes Gnaden Konkurrenten aus dem Willen ihrer Festgemeinschaft heraus zur Seite stellen. Das Phänomen zeigte sich ebenso in der Kirche. Narrenpäpste, Narrenbischöfe und Narrenäbte wurden bestimmt, die für einige Stunden oder Tage ihres „Amtes“ walten durften, ebenfalls mit ausgiebigem Essen und Trinken.

„Abscheuliche Entweihungen“, entrüsteten sich bereits im 15. Jahrhundert manche Kleriker, im Zuge von Reformation und Gegenreformation wurden die Narrenbischöfe zurückgedrängt. Die unechten Festkönige dagegen konnten sich im Volksbrauch halten. Schwer zu sagen, was für die Zeitgenossen damals im Vordergrund stand, das Moment einer – wenngleich nur spielerischen – Aufmüpfigkeit oder der Abstand vom „echten“ Königtum, der die Bohnenkönige, ebenso spielerisch, zu Repräsentanten einer verkehrten Welt machte.

Es war naheliegend, diesen Brauch am Dreikönigsfest auszuüben. Seit die fromme Legende etwa im 6. Jahrhundert die Weisen aus dem Morgenland zu Königen umgedeutet hatte, galten sie als Vorbilder einer rechtschaffenen, im Einklang mit den christlichen Geboten ausgeübten Herrschaft. Jahrhunderte lang war die Pilgerreise zu den Reliquien der Könige in Köln am Rhein eine der populärsten Wallfahrten des Abendlandes.

Sternsinger-Gemälde am Gasthaus
zum Stadtwirt, Marienplatz in Leut-
kirch - Bild: Andreas Präfcke/Wikipedia


Das Vorbild der Könige leuchtete umso heller, weil sie ja im Kontrast zum tyrannischen Herodes standen, der dem Jesuskind nach dem Leben trachtete. Spiele um den Bethlehemitischen Kindermord bildete im Mittelalter eine der Keimzellen, aus denen sich das europäische Theater entwickelte. In die grausige Geschichte wurden gern auch allerhand komische Effekte eingebaut. In Heiligenzell im badischen Ortenaukreis wird heute noch Jahr für Jahr ein solches Dreikönigsspiel aufgeführt. Das „Kasperle“ im modernen Puppentheater leitet sich wahrscheinlich von „Caspar“ ab, einem der Drei Könige. Und natürlich wurde ihr Auftritt mit viel Gepränge inszeniert, wie man sich das sagenhafte „Morgenland“ eben vorstellte. Die Weihnachtskrippen aus Neapel oder aus Oberbayern und Tirol geben davon noch eine Vorstellung.

Unvermeidliches Requisit in diesen Spielen: der „Stern von Bethlehem“, der die Weisen oder Könige zur Krippe geführt haben soll. Seinen Ursprung hat er im Alten Testament, 4. Buch Mose, Kapitel 24, Vers 17-18: „Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel.“ Die Stelle wurde als Prophezeiung auf den kommenden Messias verstanden. Ein Sternsingerlied aus Kärnten erinnert daran: „Es hat der Prophet Salomon weisgesagt, ein Stern soll aufgehen aus Jakob klar, eine Rute wird entpringen aus Israel.“

Dass die Theologen mit der Vorstellung, Gott könnte die Geburt seines Sohnes durch ein Zeichen am Himmel angekündigt haben, ihre liebe Mühe hatten, wird die Volksfrömmigkeit kaum berührt haben. Die Jungen und Mädchen, die heutzutage Anfang Januar, als Könige aus dem Morgenland verkleidet, von Haus zu Haus gehen und um milde Gaben bitten, auch nicht. Einer hat sich regelmäßig als „Mohr“ zurechtgemacht, oft ein zweiter als Inder oder Chinese – spätestens seit dem 7. Jahrhundert wurden die Könige als Repräsentanten der drei Erdteile Europa, Asien und Afrika aufgefasst.

Doch es gibt auch Fälle, bei denen die Sternsinger gerade nicht im Königsgewand daherkommen, sondern in schlichten Loden, zum Beispiel die „Sternsingerrotten“ in Heiligenblut in Kärnten. Und in vielen Orten des Alpenraums ziehen statt der Könige die „Perchten“ umher, Gestalten, die eher an den Karneval erinnern als an die biblische Geschichte. Das Wort „Perchten“ stammt wahrscheinlich aus dem mittelhochdeutschen „bercht“, was „glänzend“ oder „leuchtend“ bedeutete. Eine Lehnübersetzung des Festnamens „Ephiphanias“ oder „Herrn“, wie der Dreikönigstag auch bezeichnet wird. Die unheiligen Brauchtumsfiguren sollten auf die sündige Welt verweisen, die in der Menschwerdung des Gottessohnes ihre Erlösung fand.

Dieselbe Etymologie steht hinter dem Namen der italienischen Hexe „Befana“. Der Legende nach hatte sie von der Geburt des Jesuskindes gehört. Doch sie verpasste den Stern und kam deshalb zu spät in Bethlehem an. Heute bringt sie den italienischen Kindern am 6. Januar die Geschenke, ähnlich dem mitteleuropäischen Nikolaus einen Monat zuvor oder dem Weihnachtsmann.

Cabalgata de Reyes Magos, Cádiz, 2006
Bild: Emilio J. Rodriguez Posada/Wikipedia

 

Auch in Spanien gibt es die Geschenke erst am 6. Januar. Am Vortag zieht in vielen Städten eine „Cabalgata de Reyes Magos“ durch die Straßen, mit Pferden und prächtigen Wagen, vergleichbar den Karnevalszügen in Mitteleuropa. Und ebenso wie die Karnevalsprinzen ein paar Wochen später, ziehen auch die „Könige“ in die deutschen Amtsstuben ein, bei den Oberbürgermeistern wie bei den Regierungschefs des Bundes und der Länder. Mit der traditionellen Dreizahl nimmt man es heute nicht mehr so genau, statt der Könige dürfen es auch Königinnen sein. Dass dabei um Gaben gebeten wird, hat sich erhalten, heute allerdings nicht unbedingt für den eigenen Konsum, sondern für Entwicklungshilfeprojekte in aller Welt.

Entstanden ist dieser Brauch des Sternsingens nicht etwa im Mittelalter, sondern im 16. Jahrhundert, und zwar als Antwort auf die Kritik der Reformatoren an den Praktiken katholischer Frömmigkeit wie zum Beispiel den Dreikönigsspielen. Martin Luther gab nichts auf die Könige, von denen im Neuen Testament ja auch nicht die Rede ist; ihre Legende erklärte er für eine böswillige Erfindung des römischen Klerus. Tatsächlich wurden die Dreikönigsspiele seit dem 16. Jahrhundert selten. Das „Sternsingen“ dagegen wurde, ähnlich wie die Fronleichnamsprozession, zu einem prägenden Kennzeichen katholischer Regionen.

Und bis in die Gegenwart hinein genügte in der Zeit nach dem 6. Januar oft ein Blick auf die Haustür, um festzustellen, ob die Bewohner Katholiken waren. Die Sternsinger malten dort die Buchstaben „C + M + B“ auf, das lässt sich wahlweise deuten als „Caspar, Melchior und Balthasar“, die Namen der Könige, oder als „Christus Mansionem Benedicat“, „Christus segne dieses Haus“.

Oft war ein Stern hinzugesetzt. Zettel mit diesem Aufdruck wurden als Amulette oder Talismane genutzt, vor allem gegen Epilepsie. „Caspar trägt Myrrhe, Melchior Weihrauch, Balthasar Gold. Wer diese drei Königsnamen mit sich trägt, wird aus Frömmigkeit zu Christus von der fallenden Krankheit geheilt“, heißt es in einem alten „Dreikönigsheilsegen“. Darin wird der Grund liegen, dass Apotheken oft den Namen „Zum Mohren“ tragen, da ja einer der Könige aus Afrika gekommen sein soll.

Ähnlich wird im Allgäu in den Kirchen das „Dreikönigswasser“ geweiht. In diesem Brauch verbindet sich die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland mit der Taufe Jesu im Jordan. In den orthodoxen Kirchen steht bis heute statt der Anbetung des Jesuskindes durch die Könige diese Taufe mit der Offenbarung Jesu als Gottessohn im Mittelpunkt des Festes am 6. Januar. Amulette oder Zettel mit dem Dreikönigssegen wurden gern auch auf Reisen mitgeführt. Mit ihrer Reise nach Bethlehem wurden die Könige zu Schutzpatronen nicht nur der Wallfahrer, sondern auch der modernen Touristen. Bis heute heißen Hotels oft „Drei Könige“.


Mehr im Internet:
Dreikönigsfest - Wikipedia 
scienzz artikel Rund um Weihnachten

 

 

 

 

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