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13.12.2017 - TOURISMUS

"In der Geschichte geht nichts verloren"

Deutschlandreisen - von Caesars Feldzug am Rhein bis zu "Germany in one week"

von Josef Tutsch

 
 

Rolandsbogen bei Remagen (Aus-
schnitt), von Andreas Achenbach,
1834 - Bild: Wikipedia

Die Deutschen seien „den Elefanten vergleichbar“, notierte der französische Philosoph Charles de Montesquieu in seinem Tagebuch, während er 1728/30 die Territorien des Heiligen Römischen Reiches bereiste. Warum den Elefanten? „Die Deutschen sind gute Leute […] Zunächst wirken sie schrecklich, doch sobald man sie gestreichelt hat und ihnen schmeichelt, werden sie sanftmütig.“

Montesquieu, der fast zwanzig Jahre später sein großes Werk über den „Geist der Gesetze“ veröffentlichte, interessierte sich für die politischen Strukturen, die er in den Ländern seiner Reise vorfand – aber eben auch für die Soziologie und Psychologie der Bevölkerung. Nicht immer fielen seine Beobachtungen – oder die Schlüsse, die er daraus zog – schmeichelhaft aus. Die Bayern fand er ein wenig „stupide“, von den Sachsen meinte er, sie hätten mehr Geist, seien aber „die schlechtesten Soldaten Deutschlands“.

Eine der 56 „Deutschlandreisen“ aus zwei Jahrtausenden, die der Berliner Publizist Rainer Wieland jetzt in einer reich bebilderten Anthologie zusammengestellt hat. „Von den alten Römern zu den Weltenbummlern unserer Zeit“, lautet der Untertitel. Einen Band mit Weltreisen, von karthagischen Entdecker Hanno bis zur Mondfahrt von Neil Armstrong und Co., hatte Wieland bereits vor zwei Jahren herausgebracht.

Der jüngste Text stammt von dem Sinologen Christoph Rehage, der 2015 eine chinesische Reisegruppe durch Europa begleitete, unter anderem nach Neuschwanstein, wie sich versteht. Und den Anfang macht natürlich Gaius Iulius Caesar, der zwischen 55 und 53 v. Chr. die Gebiete links des Rheins eroberte. Caesars Schilderung der schier endlosen Wälder in Germanien bestimmte das Bild Mitteleuropas über viele Jahrhunderte hinweg. Wieland hat sogar einen Autor aufgenommen, der vermutlich niemals selbst in Deutschland oder Germanien gewesen ist, sich also auf Gewährsleute verlassen musste: den römischen Geschichtsschreiber Tacitus. Dessen Abhandlung „Germania“ aus der Zeit um 98 n. Chr., die den Römern einen kritischen Spiegel vorhalten sollte, prägte für zwei Jahrtausende die Vorstellung von den wilden, aber sittsamen Germanen.

1457 griff der päpstliche Legat Enea Silvio Piccolomini diesen „Barbarentopos“ wieder auf: Deutschland biete nun „einen weit herrlicheren, schöneren Anblick als ehedem“, also zur Zeit des Caesar oder Tacitus. „In ganz Europa kann man nichts Großartigeres, nichts Herrlicheres finden“, schrieb Piccolomini über die Stadt Köln. Mit dieser Schmeichelei wollte Piccolomini auf die Beschwerden reagieren, die damals vom regierenden Adel wie vom wirtschaftlich aufstrebenden Stadtbürgertum vorgebracht wurden: Deutschland werde durch den Heiligen Stuhl ausgeplündert – ein Vorwurf, der zwei Generationen später mit dazu beitrug, dass Martin Luthers Predigt gegen den Ablass so schnell populär werden konnte.

Nürnberg, in der Schedelschen Weltchronik,
1493 - Bild: Wikipedia


Die große Zeit der Deutschlandreisen begann erst im 17. Jahrhundert. Es waren vor allem Engländer, die nach Italien reisten und auf der Hin- oder Rückfahrt oft am Rhein entlang zogen. Als „Klassiker“ dieser „Grand tour“ und sozusagen als Vater der Reiseliteratur gilt Thomas Coryate, der 1608 am Rhein war. „Es ist ein Jammer, dass er nicht vollendet wurde“, schrieb Coryate über den Kölner Dom. „Er würde zweifelsohne erhaben schön sein.“ Die Volksfrömmigkeit im katholischen Deutschland fand der Anglikaner dagegen nur ärgerlich: Die Kölner würden „elende Knochen und verweste Schädel“ verehren und „unverständige Gebete“ murmeln.

In anderer Hinsicht unzufrieden war ein anonymer Venezianer, der  1708 durch Süddeutschland reiste und sich über die Wirte, Kutscher und Kaufleute beklagte: „In Deutschland wird jeder, der als Fremder erkannt wird, wie ein Trottel behandelt […] Ich rate keinem, in diese Länder zu reisen, wenn er der Sprache nicht mächtig ist, außer er reist auf fremde Kosten.“ Und dann das Wetter … Die Straßen seien völlig zugeschneit, er selbst völlig steifgefroren, stöhnte der Venezianer.

Ein Kaleidoskop verschiedenster Eindrücke von Deutschland und natürlich auch der verschiedensten Interessen der Reisenden. Als Madame de Staël 1803/04 nach Deutschland kam, war sie eine Verbannte. Doch zugleich wurde sie durch das Weimar eines Goethe und Schiller und Wieland fasziniert. Als Sekretär der französischen Militärverwaltung war 1806 bis 1808 ein junger französischer Offizier in Braunschweig, der sich als Romanschriftsteller später „Stendhal“ nannte. Er fand das Wetter ungemütlich und das Leben in Deutschland steif. „Ich zweifle nicht, dass sich der moralische Charakter des Landes ändern würde, wenn jeder Mensch täglich eine Flasche Wein aus dem Languedoc tränke.“

Dagegen fühlte sich Hans Christian Andersen 1831 in Dresden „gleich wie zu Hause“ und war von der Sächsischen Schweiz bezaubert. Anna Grigorjewna Dostojeskaja, die Frau des russischen Schriftstellers, hatte 1867 in Baden-Baden sehr handfeste Sorgen: Ihr Mann verspielte gerade sein letztes Geld. 1867 und dann wieder 1878 kam Mark Twain, der manchmal sogar seine Spottlust vergaß: „Deutschland ist im Sommer der Gipfel der Schönheit.“ Ganz anders die englische Schriftstellerin Virginia Woolf, die 1909 Bayreuth besuchte, besten Willens, sich in den Wagner-Enthusiasmus der Zeit hineinzufühlen. Vergeblich: „Ich kann einfach nicht über den überladenen teutonischen Geist hinwegkommen, mit seiner derben Symbolik … Stell dir eine Heldin in einem Nachthemd vor, mit einem Zopf über jeder Schulter und wässrigen Augen, die gen Himmel verdreht sind.“

Natürlich darf in dem Sammelband auch ein Bericht vom Münchner Oktoberfest nicht fehlen. Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe fühlte sich dort 1927 sehr wohl: „Diese Leute lebten für nichts anderes als für Essen und Trinken – und recht hatten sie.“ „Glücklich einander zulächelnd fielen wir in das laute Gegröle der Menge ein.“ Etwas zwiespältig war es Christopher Isherwood dagegen 1932/33 im Berliner Nachtleben zumute, das er an sich doch in vollen Zügen genießen wollte. „Die Polizei interessiert sich in letzter Zeit lebhaft für diese Orte. Immer wieder gibt es Razzien, und die Namen der Gäste werden aufgeschrieben. Man spricht sogar von einer allgemeinen Säuberung Berlins.“

Café Kranzler in West-Berlin, Kurfürsten-
damm, 1955 - Bild: Presse- und Informa-
tionsamt der Bundesregierung/Wikipedia


Ob John F. Kennedy, als er 1960 zum Präsidenten der USA gewählt wurde, gegenwärtig war, was er 1937 in seinem Reisetagebuch notiert hatte? Faschismus sei „das Richtige für Deutschland und Italien“, ist dort zu lesen, „Kommunismus für Russland und Demokratie für Amerika und England“. Mitten drin im Zeitgeschehen befand sich der spätere Filmregisseur Ingmar Bergman, der 1934 als Austauschschüler einen Auftritt Hitlers in Weimar miterlebte. „Ich hatte reichlich Gelegenheit, den Arm zu heben und ‚Heil Hitler‘ zu sagen.“

Eine Generation später gewann der polnische Autor Witold Gombrowicz bei seinem Aufenthalt in West-Berlin 1963/64 den Eindruck, „als wüsche sich Berlin, wie Lady Macbeth, unermüdlich die Hände.“ „Hinter dem geschäftigen Treiben und der glitzernden Fassade spürte er die Lemuren der Vergangenheit“, resümiert Wieland Gombrowicz‘ Beobachtungen zur West-Berliner „Idylle“. Doch gleich daneben steht ein Auszug aus den Lebenserinnerungen von Frederick Forsyth. 1963 ging Forsyth als Korrespondent für die Nachrichtenagentur Reuters nach Ost-Berlin. „Die Hauptwanze in meinem Büro war schnell gefunden. Sie saß im Fernsehapparat […] Als ich sie herausnahm, stand innerhalb von einer Stunde ein Fernsehtechniker vor meiner Tür, um den Apparat zu reparieren.“

Ob der Bestseller-Autor nicht ein wenig geflunkert hat, als er sich in seiner Autobiographie eine Affaire mit der Geliebten des DDR-Verteidigungsministers, General Karl-Heinz Hoffmann, nachsagte? Vielleicht war „Sigrid“ ja auch auf den West-Korrespondenten angesetzt. Aber noch eine Reisenotiz aus den Monaten nach dem Fall der Mauer. 1990 fuhr der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom durch die ehemalige DDR. „Meine Freunde genießen ihre wiedergewonnene Welt, Berlin hat hundert neue Landschaften dazubekommen.“ Was die Vergangenheit natürlich nicht auslöscht. „Völker haben lange Erinnerungen“, schreibt Nooteboom, „nicht nur in der physikalischen Welt, auch in der Geschichte geht nichts verloren.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Rainer Wieland: Das Buch der Deutschlandreisen. Von den alten Römern zu den Weltenbummlern unserer Zeit, Propyläen Verlag, Berlin 2017, 512 S. mit zahlreichen Abb., ISBN 978-3549-07483-1, 48,00 €


Mehr im Internet:

Rainer Wieland: Das Buch der Deutschlandreisen 
Tourismus - Wikipedia 
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