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kultur

26.01.2018 - DEUTSCHE LITERATUR

Ein Virtuose der Verinnerlichung

Vor 150 Jahren starb Adalbert Stifter

von Josef Tutsch

 
 

Adalbert Stifter - Bild: Wikipedia

„Drei starke Bände!“, stöhnte der Schriftstellerkollege Friedrich Hebbel, verfasst in einer „aufs Breite und Breiteste angelegten Beschreibungsnatur“. „Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, dass er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.“

Stein des Anstoßes war Adalbert Stifters Roman „Der Nachsommer“. Viele Leser werden Hebbel zustimmen: Stifter gilt als der langweiligste, der altväterlichste unter allen Klassikern der deutschen Literatur. Es gab auch andere Stimmen. Friedrich Nietzsche sah „eine verklärte reine Herbstlichkeit im Genießen und im Reifwerdenlassen“; der „Nachsommer“ sei „im Grunde das einzige deutsche Buch nach Goethe, das für mich Zauber hat“. Und Thomas Mann nannte Stifter „einen der merkwürdigsten, hintergründigsten, heimlich kühnsten Erzähler der Weltliteratur“. Hinter der „stillen, innigen Genauigkeit“ von Stifters Erzählkunst spürte er geradezu „eine Neigung zum Exzessiven, Elementar-Katastrophischen, Pathologischen“ wirksam.  

Aber ein Dichter der vordergründig lauten, der unmittelbar aufregenden Sensationen war Adalbert Stifter, der am 28. Januar 1868, vor 150 Jahren, in Linz verstarb, zweifellos nicht. „Leidenschaft ist verächtlich“, hat er seine Lebensmaxime einmal formuliert, und daraus seine Maxime für die Kunst gezogen: „darum die neue Literatur häufig verächtlich.“ Warum verächtlich? Intensiver als viele seiner Zeitgenossen spürte Stifter die Herausforderungen des gesellschaftlichen und weltanschaulichen Umbruchs. Sich Leidenschaften hinzugeben, barg in seinen Augen eine Schwäche, also die Gefahr, sich diesen Herausforderungen nicht gewachsen zu zeigen. Die Selbstbeschränkung auf das Kleine und Kleinste, die einem Hebbel als Ausdruck zwergenhaften Unvermögens erschien, war sein Weg, im Anbruch der Moderne als Künstler überhaupt tätig sein zu können.

Es war freilich nicht Stifters Weg, der die folgenden Jahrzehnte geprägt hat. Im selben Jahr 1857, in dem der „Nachsommer“ herauskam, erschienen in Frankreich sowohl Gustav Flauberts „Madame Bovary“ als auch Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“, zwei der Grundbücher für Roman und Lyrik der Moderne. Daneben wirkt ihr österreichisch-böhmischer Kollege wie ein Prototyp dessen, was man mit leicht verächtlichem Unterton „Biedermeier“ nennt.

Doch anders als es die restaurative Politik damals in Österreich wie in vielen anderen europäischen Staaten wohl erträumte, gibt es in Stifters Erzählwelt keine Garantie für Ruhe. In der Natur wie in der Geschichte sah er ein blindwütiges Schicksal wirksam. So kommt in der Erzählung „Abdias“ die Frau des jüdischen Händlers bei einem Überfall von Räubern ums Leben; seine blinde Tochter wird, als sie elf ist, durch einen Blitzschlag sehend, als sie sechzehn geworden ist, eben durch einen Blitzschlag getötet. „Heute kommt mit derselben Miene Segen und morgen geschieht das Entsetzliche“, heißt es an einer Stelle.

"Bunte Steine", 1853, mit
Illustration von Adrian Ludwig
Richter - Bild: Wikipedia


Oft wollte Stifter sich mit den Erzählungen, wie er sie einmal veröffentlicht hatte, nicht zufriedengeben, er versuchte sich an einer zweiten oder dritten Fassung. Ein Vergleich zeigt, wie wenig der Dichter bereit war, seinen spontanen Fatalismus als letzte Weisheit zu akzeptieren. Im Revolutionsgeschehen von 1848 gewannen viele Zeitgenossen von Stifter den Eindruck, er sei ein „Linker“. Doch im Ernst konnte er an den Sinn von Revolutionen nicht glauben. Während er sich im Beruf mit der Organisation des österreichischen Schulwesens und mit der Pflege von Baudenkmälern befasste, schrieb er Erzählungen, die mit den Jahren einen immer ruhigeren, immer gedämpfteren Ton annahmen.

Man kann darin eine Form von Eskapismus sehen. Arno Schmidt hielt dem „Nachsommer“ vor, darin werde „das Ausweichen vor der eigenen Zeit mit einer heillosen Virtuosität geübt“. Selbst die bunte Theaterwelt, in der das große Vorbild spielt, Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, war Stifter wohl noch zu lebendig. Sein „Held“ lebt und bildet sich vor allem in Sammlungen und Bibliotheken, in einer künstlich nachgebildeten Welt.

Aber anders als die historische Realität seiner Zeit ließ sich diese tote Welt – und das begründete für den Künstler Stifter ihren Reiz – mit Sinn erfüllen. Die Verinnerlichung seines Erzählens resultierte am Ende aus einer großen Verzweiflung; in der Kunst erhoffte er die Rettung in einer als sinnlos erscheinenden Welt. Er habe den Roman „mit Goethe‘scher Liebe zur Kunst geschrieben“, bekannte Stifter: „Ich bin zwar kein Goethe, aber einer aus seiner Verwandtschaft.“

Stifter musste diese „Verwandtschaft“ allerdings teuer bezahlen: Unter den Bedingungen der Moderne, in einer „realistischen“ Erzählhaltung war solche Klassizität und Idealität nur um den Preis der Erstarrung möglich. Was einen Hebbel am „Nachsommer“ so irritierte, wird vor allem die Bereitschaft seines Kollegen gewesen sein, diesen Effekt in Kauf zu nahmen. Heute ist da freilich auch eine ganz andere Perspektive möglich: Stifters so unmodern oder vormodern wirkenden Erzählungen erscheinen als radikale Gegenentwürfe gegen die rasante Beschleunigung, die das 21. Jahrhundert noch weit mehr beherrscht als das 19. 1853 brachte Stifter eine Erzählsammlung unter dem Titel „Bunte Steine“ heraus. Der Titel war eine Antwort auf Hebbels Spott, manche „Naturdichter“ könnten bloß deshalb so gut über Käfer und Butterblumen schreiben, weil ihnen der Sinn für den Menschen fehle.

Und für die Geschichte: Hebbel hing der Geschichtsphilosophie eines Georg Wilhelm Friedrich Hegel an. Stifter dagegen wusste nichts von einem Vernunftgesetz, das die Geschichte angeblich durchwaltete und ihr angeblich Sinn gab. Ein ethisches Vorbild für das Menschenleben fand er vielmehr in der Mineralogie, in der Beständigkeit der Steine. „Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen verbunden mit einem heiteren gelassenen Sterben halte ich für groß“, schrieb er in der Vorrede zum Band „Bunte Steine“.

Ruine Wittinghausen, 1835, Gemälde von
Adalbert Stifter - Bild: Wikipedia


Ein „sanftes Gesetz“, wie er es nannte, das Tragödien allerdings nicht ausschloss. In „Bergkristall“, seiner bis heute populärsten Erzählung, verirren sich zwei Kinder am Heiligen Abend im Schnee. Sie werden gerettet, es folgt sogar eine soziale Utopie: Die Kinder „wurden von nun an nicht mehr als Auswärtige, sondern als Eingeborene betrachtet, die man sie von dem Berge herabgeholt hatte“. Doch ganz vorsichtig deutet der Erzähler an, der Leser müsse diesen glücklichen Ausgang bis hin zur Weihnachtsbescherung vielleicht nicht realistisch nehmen, es könnte sich um eine Vision im Angesicht des Todes handeln. In kindlicher Naivität versichert die kleine Sanna ihrer Mutter, sie habe in der Nacht „den heiligen Christ“ gesehen.

Idyllen, wenn man Stifters Erzählungen denn so nennen will, die über Abgründe gespannt sind. Oder vielmehr: vom Erzähler mit großer Kunst über Abgründe gespannt werden. Der Kritiker Karl Kraus forderte einmal, die meisten Schriftsteller seiner Zeit sollten, „sofern sie noch ein Quäntchen Menschenwürde und Ehrgefühl“ besäßen, „vor das Grab Adalbert Stifters ziehen, das stumme Andenken dieses Heiligen für ihr lautes Dasein um Verzeihung bitten und hierauf einen solidarischen leiblichen Selbstmord auf dem angezündeten Stoß ihrer schmutzigen Papiere und Federstiele unternehmen“.


Mehr im Internet:

Adalbert Stifter - Wikipedia 
scienzz artikel Deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts 

 

 

 

 

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