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10.01.2018 - IDEENGESCHICHTE

Kaempfende Schreiber und schreibende Kaempfer

Die Marxisten der ersten Stunde - Geschichte einer Faszination

von Josef Tutsch

 
 

Rosa Luxemburg - Bild: Deut-
sches Bundesarchiv/Wikipedia

„Mich reut die Stunde, die nicht Harnisch trug! Mich reut der Tag, der keine Wunden schlug! Mich reut – ich streu‘ mir Asche auf das Haupt – dass ich nicht fester noch an Sieg geglaubt!“ Der Schweizer Dichter C. F. Meyers legte diese pathetischen Zeilen 1872 dem Humanisten Ulrich von Hutten in den Mund. Das Versepos „Huttens letzte Tage“ wurde eine der Lieblingslektüren von Rosa Luxemburg. In einem Brief an eine Freundin überlegte sie, ob es nicht sinnvoll sei, ein Zitat daraus auf ihren Grabstein setzen zu lassen.

Luxemburg, schreibt die Historikerin Christina Morina von der Universität Amsterdam in ihrer Studie über die „Erfindung des Marxismus“, identifizierte sich ein Leben lang mit Ulrich von Hutten. Natürlich nicht mit dem historischen Hutten, der mit seinem Versuch, im frühen 16. Jahrhundert als Ritter zu leben, wenig erfolgreich gewesen war, sondern mit dem Helden in Meyers Verserzählung, der mit seinem Ideal der Glaubensfreiheit als ein Sieger der Geschichte gefeiert wurde. Den Unterschied zu ihrem eigenen Ziel der Gesellschaftsveränderung konnte Luxemburg nicht übersehen. Dennoch – Hutten faszinierte, weil er, so Morina, „zugleich als kämpfender Schreiber und als schreibender Kämpfer daherkam“. 

Morina hat neun Männer und Frauen, die zwischen 1845 und 1870 in Deutschland, Österreich, Frankreich und Russland geboren wurden, in einem „Gruppenportrait“ dargestellt, von Karl Kautsky über Jean Jaurès und Rosa Luxemburg bis zu Wladimir I. Lenin. Über die Auswahl lässt sich streiten. Die Gemeinsamkeit dieser Protagonisten ist jedenfalls, dass „sie alle zur geistigen Gründergeneration des Marxismus gehörten“, sie „erfanden“, wenn man so will, auf der Grundlage der Schriften von Karl Marx das, was man heute „Marxismus“ nennt.

Der Ausdruck „Erfindung“ soll natürlich betonen, dass Marx einerseits, die Formung seiner Lehre zu einem „-ismus“ nicht dasselbe sind. Die Historikerin ist das Thema „individualbiographisch“ angegangen: „Auf welchen Sozialisationswegen vollzog sich die Hinwendung zu Marx bei seinen ersten, bald sehr einflussreichen ‚Epigonen‘?“ Welche Erfahrungen und Lektüren legten den Grund dafür, dass Luxemburg und Co. sich irgendwann als „Marxisten“ verstanden?

Ein sehr aufwendiges Projekt, bei dem sich die Frage, inwieweit die Autorin ihrem „Helden“ gerecht geworden ist, gleich neunmal stellt, und zur Gesamtheit dieser ersten Marxisten-Generation erst recht. Hinter dem Konzept eines Gruppenportraits steht die Hoffnung, über das bloß Individuelle hinaus etwas Gemeinsames, „Typisches“ fassen zu können. Und da ist der auffälligste Unterschied zu vielen ihrer Zeitgenossen, dass diese Intellektuellen, so Morina, den gesellschaftlichen Zuständen nicht distanziert gegenüberstanden, sondern engagiert. Zu ihrem Wissenschaftsbegriff gehörte das, was Marx 1845 in seiner 11. Feuerbach-These formuliert hatte: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“

Die Feuerbach-Thesen wurden erst 1888 durch eine Veröffentlichung von Friedrich Engels bekannt, aber es ist klar, dass Marx‘ Schriften bereits zuvor in diesem Sinn gelesen und verstanden wurden. Von einer Wissenschafts- und  Wahrheitstheorie außerhalb der Hegelschen und Marxschen Schule her würde man sagen, dass in dieser Formulierung eine unzulässige Vermengung von Tatsachenaussagen mit Werturteilen und Normen gefährlich nahe gelegt wurde. Morina befasst sich jedoch weniger mit den philosophischen Problemen, die hier lauern, sondern mit einem historischen Vorgang, der das 20. Jahrhundert nachhaltig geprägt hat: der Formierung eines neuen, eben „engagierten“ Intellektuellentypus in diesen Jahrzehnten vor 1900.

Wladimir Iljitsch Lenin - Bild:
Bundesarchiv/Wikipedia


Das sozialkritische Engagement dieser neun frühen Marxisten, betont Morina, rührte nicht unbedingt von eigener Betroffenheit her, jedenfalls dann nicht, wenn man an die finanzielle Lage des Elternhauses denkt. Von den neun ausgewählten Persönlichkeiten wuchsen nur zwei, Eduard Bernstein und Jules Guesdes, in ärmlichen Verhältnissen auf; die übrigen entstammten „eher gut situierten Familien“. Besitz- und Bildungsbürgertum, könnte man sagen. Bernsteins Elternhaus war das einzige, in dem es keinen „Bücherschrank voller Klassiker“ gab. Jeder von ihnen, schreibt Morina, beherrschte mindestens vier Sprachen. In der nachgelassenen Bibliothek des Russen Georgi W. Plechanow fanden sich Bücher in nicht weniger als 16 Sprachen.

Auch Bernstein kam über die Belletristik zum „Sozialismus“. In der Schule scheint ihn das Freiheitspathos eines Friedrich Schiller tief berührt zu haben. 1872 gründete er mit Freunden einen Kneipen-Gesprächsabend, der sich als „über allem Tagesstreit stehende idealistische Vereinigung“ verstand. Man schwärmte von Thomas Morus‘ Schrift „Utopia“, allerdings ohne, dass den meisten dieses Buch überhaupt bekannt gewesen wäre. Man hatte, wie sich Bernstein später erinnerte, sich nur vernommen, dass darin ein „paradiesisches Gemeinwesen“ geschildert wurde.

Bei dem Österreicher Victor Adler verlief die Entwicklung emotional vielleicht ganz ähnlich, wenngleich auf viel breiterer Basis als bei Bernstein. Adler las alles – von Platon über Shakespeare und Goethe bis zu Dostojewski und Nietzsche. Bei der Lektüre sei ihm manches Mal beinahe der Schädel geborsten, bekannte er in einem Brief. Vor allem bewegten ihn der „Wahnwitz“ und die „Siegesgewissheit“, mit der diese Männer ihr Ideen in Literatur oder Philosophie verpackt in die Welt gesetzt hatten.

Was aber fasziniert Morinas Protagonisten dann gerade an Karl Marx? Zunächst einmal dessen Einsicht in die gesellschaftliche Bedingtheit des Menschen, seiner Erkenntnisse und seines Handelns, also die Erklärung, warum die Welt nicht so ist, wie sie „idealistischen“ Konzepten zufolge sein sollte. Sigmund Freud hat später von drei großen „Kränkungen“ des menschlichen Bewusstseins durch den wissenschaftlichen Fortschritt gesprochen: Kopernikus hatte erkannt, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, Charles Darwin hatte entdeckt, dass der Mensch aus dem Tierreich hervorgegangen war, er selbst deckte die Herrschaft des Unbewussten im Seelenleben auf. Freud hätte auch Karl Marx‘ politische Ökonomie in dieser Reihe aufnehmen können. Dass er es nicht tat, wird mit seinen eigenen Bildungsvoraussetzungen zusammenhängen.

Aber Marx‘ Analyse menschlicher Bedingtheit begründete nur die eine Hälfte dieser Faszination, und wahrscheinlich die geringere. Diese neun Intellektuellen, schreibt Morina, gelangten aufgrund ihrer Marx-Lektüre zu dem Glauben, dass sie mit der „Methode zur Erkenntnis von Geschichte und Gesellschaft“ auch einen Weg „zur Überwindung der empörenden sozialen Zustände im Kapitalismus“ gewonnen hätten. „Dank der ‚dialektischen Methode‘ waren sie überzeugt, dass sich der irdische Mensch in einen diesseitigen Gott verwandeln werde“, also in ein Subjekt, das der Geschichte nicht unterworfen ist, sondern sie vielmehr beherrscht. Die theologische Metapher stammt nicht etwa von der Amsterdamer Historikerin, sie findet sich in Schriften von Plechanow wie von Guesdes.

Die Geschichte einer Faszination, wobei Morina die Frage nach einem sachlichen Recht von Marx‘ Kapitalismusanalyse weitgehend ausgeklammert hat. Im Zentrum der Rezeption bereits in der ersten Generation stand auch nicht unbedingt die Nationalökonomie, um die es dem späten Karl Marx eigentlich ging, sondern eher die Verbindung der Hegelschen Geschichtsphilosophie mit einem politisch-ethischen Imperativ. Charakteristisch scheint etwa eine Äußerung von Rosa Luxemburg: Marx‘ Werk sei nicht nur „eine wissenschaftliche Leistung ersten Ranges, sondern eine geschichtliche Tat“.

Natürlich ist es nicht zuletzt diese Verbindung von Theorie und Praxis, von Wissenschaft und Politik, die für Nicht-Marxisten am „Marxismus“ so problematisch erscheint. Mit Luxemburgs Wissenschaftsverständnis geht Morina hart ins Gericht: „Luxemburg hielt den ‚wissenschaftlichen Sozialismus‘ für eine ‚unerschütterliche‘ Wissenschaft und verkannte damit die auch damals schon gültige Einsicht, dass moderne Wissenschaft sich prinzipiell als ‚unterschütterlich‘ versteht.“ Wie es damit bei Marx selbst steht, muss hier offen bleiben. Victor Adler betonte, Marx‘ Erkenntnisse könnten keinen Rost ansetzen – aber gerade deshalb, weil sie keine „fertigen Maximen“ seien, sondern „Methoden des Erkennens geschichtlicher, wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge“.

Jean Jaurès, Fotografie von
Nadar - Bild: Wikipedia


Dass die praktischen Folgerungen, die aus der Marx’schen Lehre gezogen wurden, bereits in dieser ersten Generation sehr unterschiedlich und gegensätzlich waren, ist bekannt. Für Jean Jaurès war die „Achtung vor dem Leben“ der „eigentliche Lebenskern des Kommunismus“. In Marx‘ und Engels‘ „Manifest der Kommunistischen Partei“ sah er im Grunde eine Fortschreibung der „Erklärung der Menschenrechte“ von 1793 – eine Ansicht, von der Lenins Diktatur des Proletariats bekanntlich sehr weit entfernt war. 

In den 1890er Jahren kam es in der deutschen Sozialdemokratie zum sogenannten „Revisionismusstreit“: Bernstein, der zuvor, so Morina, „ein glühender Verfechter des Klassenkampfes“ gewesen war, kam zu dem Schluss, dieses politische Konzept sei überholt. Bei „orthodoxen“ Marxisten handelte er sich damit die Kritik ein, zum bürgerlichen Demokraten geworden zu sein. Ganz anders wiederum die Entwicklung bei dem deutsch-russischen Ökonomen Peter Struve, der sich zeitweise für einen Marxisten erklärte, im Grunde jedoch darauf aus war, Marx‘ Einsichten für Gesellschaftsreformen nutzbar zu machen, und schließlich offen konservative Positionen vertrat.

Das Gemeinsame in all diesen Richtungen drückte ein Festgesang aus, der 1873, der 1. Band von Karl Marx‘ „Kapital“ war erst wenige Jahre zuvor erschienen, vom „Wiener Arbeiterbildungsverein“ vorgetragen wurde: „O Wissensmacht, füll‘ unsern Band mit deiner ganzen Stärke und gib dich unbesiegbar kund in uns’rem großen Werke!“ In der Rezeption von Marx‘ Schriften, bilanziert Morina, entstand eine intellektuelle Elite, die dieses Gedankengut in ihren eigenen Schriften popularisierte.


Neu auf dem Büchermarkt:

Christina Morina: Die Erfindung des Marxismus. Wie eine Idee die Welt eroberte, 592 S. mit 17 s/w. Abb., ISBN 978-3-8275-0099-1, Siedler Verlag, München 2017, 25,00 € [D], 25,70 € [A], 33,90 CHF



Mehr im Internet:

Marxismus - Wikipedia 
Christina Morina: Die Erfindung des Marxismus 
scienzz artikel Politische Ideen 

 

 

 

 

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