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kultur

08.02.2018 - KARNEVAL

"Die Kirche erlaubt eine ehrliche Wolllustbarkeit"

Der Karneval im Streit der Weltanschauungen

von Josef Tutsch

 
 

Rosenmontag in Köln 2006
Bild: Rolf Hahn/Wikipedia

Anfang 1983, erzählt der Münchner Brauchtumshistoriker Dietz-Rüdiger Moser in seinem Buch „Bräuche und Feste durch das ganze Jahr“, fanden die Einwohner von Freiburg im Breisgau in ihren Briefkästen einen Handzettel der „Evangelischen Volks- und Schriftenmission“ Lemgo vor, überschrieben „Karneval – nein danke!“ Manchem Empfänger werden die Autoren damit aus dem Herzen gesprochen haben. Der Karneval bringt jedes Mal eine Spaltung der Gesellschaft mit sich: Kaum hat das neue Jahr begonnen, schunkelt sich die eine Hälfte in den Ausnahmezustand, während die andere Hälfte fassungslos zusieht oder auch lieber wegschauen möchte.

Aber natürlich wollten die Autoren nicht nur ihren Widerwillen gegen die kollektiv verordnete Fröhlichkeit ausdrücken, sie machten zugleich einem jahrhundertealten theologischen Unbehagen an den Karnevalsbräuchen Luft. Wahrscheinlich ist dieses Unbehagen kaum jünger als die Bräuche selbst. Bereits im späten 15. Jahrhundert musste sich der Franziskanermönch Geiler von Kaysersberg, ein Freund des Karnevals, gegen Kritiker zur Wehr setzen. „Die Kirche“, verteidigte er die volkstümlichen Belustigungen, „erlaubt eine ehrliche Wolllustbarkeit, damit ihre geistlichen Kinder desto williger seien, das heilige Fasten zu halten.“

„Erlaubt“: Die Volksfrömmigkeit des späten Mittelalters hatte das „Ventil“, dass die Gläubigen vor der Fastenzeit, man kann es gar nicht anders ausdrücken, noch einmal kräftig die Sau rauslassen durften. Am Aschermittwoch freilich musste mit der Narretei Schluss sein, jedenfalls bis zum nächsten Jahr. „Christen, denkt an euer Gewissen während dieses Karnevals, denkt daran, dass jeder Buße tue“, predigte 1673 ein Domherr in Südfrankreich, „verlasst die Schenke und den Ball, der Tod steht schon bereit für eine ganz andere Maskerade!“

Moser hat darauf aufmerksam gemacht, dass früher am Karnevalssonntag im Gottesdienst die Leidensankündigung Jesu aus dem Lukasevangelium gelesen wurde: „Wir gehen jetzt nach Jerusalem hinauf.“ In seinem Werk vom „Gottesstaat“ stellte der Kirchenvater Augustinus „Jerusalem“ in Gegensatz zu „Babylon“ als dem Inbegriff der sündigen Welt. Karneval und Fastenzeit, zeigt Moser, waren ursprünglich nichts anderes als die Umsetzung dieses Gegeneinander in ein Nacheinander des Volksbrauchs: Erst die gemeinschaftliche Hingebung an die Lüste dieser Welt, dann, von Aschermittwoch an volle sieben Wochen lang, die gemeinschaftliche Askese zur Vorbereitung auf Ostern als dem Fest der Erlösung.

Eine Lizenz zur Narrheit und zur Ausschweifung, wenngleich nur auf Zeit und natürlich nicht im Übermaß. Die Argumentation eines Geiler von Kaysersberg belegt, dass es bei strenger denkenden Geistlichen damals schon Bedenken gab, und zwar lange vor der Reformation. Konnte man der Sünde und dem Teufel die Hand reichen, ohne Gefahr zu laufen, dass sie den ganzen Menschen und seine Seele nahmen? Im Rahmen des karnevalistischen Spiels durften sogar Dinge gesagt werden, die in anderem Rahmen blasphemisch gewesen wären. Als Rechtfertigung konnte ein Psalmvers dienen: „Es spricht der Narr in seinem Herzen: Es ist kein Gott.“ Wenn die Kirche die Kraft ihrer Heilsversprechen in Frage gestellt sah, wurde aber doch eingeschritten. 1503 erdreisteten sich junge Leute in Augsburg, im Karneval an einer Ziege das Sakrament der Taufe zu „vollziehen“. Der Stadtrat verhängte Strafen.

"Saturnalia", Skulpturengruppe von Ernesto
Biondi im Botanischen Garten, Buenos Aires,
1909 - Bild: JanManu/Wikipedia


Einer der heftigsten Polemiker gegen die Karnevalsbräuche wurde Martin Luther. Seine Argumentation richtete sich zunächst allerdings weniger gegen den Karneval selbst als gegen das Fasten, das ihm als freventlicher Versuch des Menschen erschien, sich selbst zu heiligen. Wenn die Fastenzeit keinen Sinn hatte, das war Luthers Gedanke, dann umso weniger die Ausschweifung zuvor. An die Stelle eines zeremoniellen Weges von „Babylon“ nach „Jerusalem“ sollte in seiner Vorstellung die dauernde Bußbereitschaft stehen.

Zum offenen Konflikt zwischen diesen unterschiedlichen Konzeptionen von Frömmigkeit kam es 1535 in Nürnberg. Dort hatte der Stadtrat unter dem Eindruck von Luthers Argumenten versucht, den traditionellen und beim Volk hochbeliebten „Schembartlauf“ verbieten. Bei diesem Spektakel zogen die jungen Leute maskiert durch die Stadt. Von einem Wagen herab, der „Hölle“ genannt wurde, ließen sie allerlei Zoten und Spitzen gegen die politische wie die kirchliche Obrigkeit los. Als die Schembartläufer 1535 den protestantischen Pfarrer Andreas Osiander zur Zielscheibe ihres Spotts machten, verkündete Luther aus dem fernen Wittenberg seinen Bann gegen diese Bräuche, die „aus Hass gegen die Prediger“ genährt seien und „nur zur Verachtung des Evangeliums“ führen würden.

Der Streit der Konfessionen wirkt bis heute nach: Mit Ausnahme von Basel und einigen anderen Städten im schwäbisch-alemannischen Raum starb die Fastnacht in protestantischen Gegenden nach der Reformation weitgehend aus. Protestantischen Eiferern gab der Karnevalsbrauch eine willkommene Gelegenheit, ihre katholischen Gegner als „Heiden“ zu brandmarken. 1675 legt der englische Theologe Joshua Stepford sein gelehrtes Werk „Pagano-Papismus“ vor, übersetzt etwa: „Die Päpste als Heiden“. Eine Generation später fragte der Rechtswissenschaftler Christian Wildvogel in Jena polemisch, welcher Papst es denn eigentlich gewesen sei, der den Karneval eingeführt habe. Er vermutete, es könnte Telesphorus gewesen sein, im frühen 2. Jahrhundert, auf den katholische Kirchenhistoriker damals auch die Fastenzeit zurückführten. Es stehe außer Zweifel, vermerkte eine Enzyklopädie aus dem Jahr 1784, „dass die tollen Fastnachtslustbarkeiten ihren Ursprung von den Heiden haben, welche dem Bacchus zu Ehren gewisse Tage dem Fressen, Saufen, Unzüchten und allerlei Ausschweifungen gewidmet haben“.

Eine bruchlose Tradition seit den alten Römern? Der Verdacht, dass es so gewesen sein könnte, geht bis auf den Humanismus des 15. Jahrhunderts zurück. 1444 beschloss die Pariser Universität, das Narrenfest sei „ein heidnischer Überrest, Zeichen einer verdammungswürdigen und schädlichen Verderbnis“. 1509 kam der Philosoph Erasmus von Rotterdam zu dem Schluss, im Karneval seien „Spuren alten Heidentums“ erhalten. Er dachte vor allem an Passagen bei dem griechischen Schriftsteller Lukian, aus dessen Werk er einige Jahre zuvor eine Auswahl herausgebracht hatte. Lukian schrieb über das römische Fest der Saturnalien: „Trinken, lärmen, scherzen und Würfel spielen, Festkönige wählen, die Sklaven bewirten, nackt singen und mit Ruß bestrichen in einen kalten Brunnen getaucht werden.“

Die unübersehbaren Ähnlichkeiten bereiteten auch den Oberen der katholischen Kirche einiges Kopfzerbrechen. In der Gegenreformation setzte sich etwa Carlo Borromeo, Erzbischof von Mailand, zu Ziel, den Karneval zwar beizubehalten, ihn aber doch von „Auswüchsen“ zu reinigen. 1748 wurde an Papst Benedikt XIV. das Anliegen herangetragen, die Fastnacht zu verbieten. Benedikt lehnte ab. Er gestand zu, vieles an diesen Bräuchen widerstreite in der Tat den guten Sitten, doch gebe es Gründe, sie zu dulden. 1701 hatte sein Vorgänger Clemens XI. sogar etwas gestattet, was vielen Zeitgenossen als skandalös erschien: Auch Frauen dürften maskiert am Fastnachtstreiben teilnehmen.

"Federehannes" aus Rottweil,
Graphik von Peter Steiner
Bild: Dt. Bundespost/Wikpedia


Die päpstlichen Stellungnahmen zeigen jedoch, dass auch der Katholizismus in der frühen Neuzeit von jener ideen- und sozialgeschichtlichen Bewegung erfasst war, die der Kulturhistoriker Peter Burke als Trend zu mehr „Wohlanständigkeit, Fleiß, Ernsthaftigkeit, Bescheidenheit, Ordnung, Klugheit, Vernunft, Selbstkontrolle, Nüchternheit und Sparsamkeit“ umschrieben hat. Als die Romantiker um 1800 den Reiz der alten Volksbräuche wiederentdeckten, hatten sie beinahe schon vor dem Aussterben gestanden. Mühsam und oft etwas künstlich wurde manches davon wiederbelebt. Was wir heute als „Karneval“ erleben, geht oft weniger auf das Mittelalter als auf das 19. Jahrhundert zurück.

Dass der mittelalterliche Karneval aus dem kirchlichen Fastengebot entstanden war, wurde in der Begeisterung für die alte Folklore weitgehend vergessen. 1890 gab der schottische Ethnologe James George Frazer der Theorie vom heidnischen Ursprung die wissenschaftliche Weihe: Alle Frühlingsbräuche hätten ursprünglich einen magischen Sinn gehabt, nämlich den Winter auszutreiben und dem Frühling den Weg zu ebnen. Feierliche Kulthandlungen also, "von deren pünktlicher Abwicklung das Wohl und selbst das Leben der Allgemeinheit abhing“. Später, mit dem Abstreifen magischer Vorstellungen, seien sie "zu einfachen Aufzügen, Maskeraden und Kurzweil herabgesunken“, endlich "der müßige Zeitvertreib von Kindern geworden“.

Nun ja, dass auch vorchristliche Kulturen ihre Frühlingsbräuche hatten, darf man unterstellen. Eine Kontinuität über die Jahrhunderte hinweg zum Karneval konnte allerdings niemals nachgewiesen werden. Doch die Illusion, sich mit dem närrischen Treiben bruchlos in der Tradition der alten Germanen oder Kelten oder Römer zu bewegen, ist lebendig geblieben, das zeigt der Blick ins Internet zu Stichworten wie „Karneval“ oder „Fastnacht“. Im Dritten Reich wurde der Karneval sogar politisch vereinnahmt: Die Ideologen des Nationalsozialismus beanspruchten ihn für ein erhofftes Neuheidentum. Den Münchner Kardinal Michael Faulhaber brachte das derart in Rage, dass er, bei aller sonstigen Vorsicht gegenüber dem Regime, harsche Worte riskierte: Jene, die „die fleischlosen Fasttage der Kirche nicht mitmachen“ wollten, hätten kein „inneres Recht“, den Karneval mitzufeiern.


Auf dem Büchermarkt:

Dietz-Rüdiger Moser: Bräuche und Feste durch das ganze Jahr. Gepflogenheiten der Gegenwart in kulturgeschichtlichen Zusammenhängen, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2012, 224 S., durchgehend farbig bebildert, ISBN 3-451-27367-5


Mehr im Internet:

Karneval, Fastnacht, Fasching  - Wikipedia 
scienzz artikel Rund um den Karneval

 

 

 

 

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