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16.01.2018 - FORENSIK

Wer war Theo der Pfeifenraucher?

Gerichtsmedizin im Dienste der Archaeologie

von Josef Tutsch

 
 

"Ötzi": Rekonstruktion
Schnalser Talmuseum
Archäopark, Südtirol
Bild: Wolfgang Sauber/
Wikipedia

An der linken Schläfe war eine schwere Verletzung festzustellen. Das Ergebnis eines Hiebs, meinte der Anthropologe Wilhelm Gieseler, als er den Schädel 1974 untersuchte. Es könnte eine gewaltsame Auseinandersetzung gegeben haben, mit tödlichen Folgen für das Opfer. Die zweite Verletzung, hinten an der Schädelbasis, brachte Gieseler auf eine noch viel spektakulärere Hypothese: Nach der Trennung vom Rumpf sei der Schädel geöffnet worden, um ihm das Gehirn zwecks Verzehr zu entnehmen.

Diese Umstände veranlassten jedoch keinen Staatsanwalt, Anklage gegen Unbekannt zu erheben. Das Opfer hatte vor 250.000 oder 300.000 Jahren gelebt; nach seiner Entdeckung 1933 in einer Kiesgrube in Steinheim an der Murr wurde es als „Homo steinheimiensis“ bekannt. Doch bei der Untersuchung von historischen oder prähistorischen Toten geht es im Prinzip nicht viel anders zu als bei „frischen“ Leichen auch – nur dass der Zeitdruck fehlte: Kein Staatsanwalt drängt auf rasche Ergebnisse, weil er befürchten muss, der Täter könnte sich einem Strafverfahren entziehen.

Der Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, Wilfried Rosendahl, und der Bonner Rechtsmediziner Burkhard Madea haben in einem reich bebilderten Sammelband eine Reihe von Todesfällen aus mehr oder weniger ferner Vergangenheit zusammengestellt, bei denen die modernen Methoden der Gerichtsmedizin zur Aufklärung historischer Vorgänge genutzt wurden. So machten sich 1984 Forscher des Naturhistorischen Museums Basel daran, einen ehemaligen Armenfriedhof aus der Zeit um 1800 bei der Kirche St. Theodor in Kleinbasel zu untersuchen. Eines der Skelette erhielt den Notnamen „Theo der Pfeifenraucher“ – in seinem Gebiss gab es zwei runde Aussparungen, in denen sich wahrscheinlich das Mundstück einer Pfeife eingeschliffen hatte.

Die Forscher setzten sich das ehrgeizige Ziel, bei „Theo“ jene Frage zu beantworten, die auch in der „wirklichen“ Gerichtsmedizin als erste ansteht: Wer war der Tote? Gibt es Hinweise, die auf seinen Namen führen könnten? In einem umfangreichen Projekt wurden die naturwissenschaftlichen Erhebungen am Skelett mit den Urkunden aus jener Zeit, vor allem den Kirchenbüchern, verglichen. Theo muss 1814 bei der großen Typhusepidemie im Alter von etwa 30 Jahren gestorben sein muss. Aus dem Zustand der Knochen leiteten die Forscher ab, dass er „im Umfeld feinmotorischer Berufe“ tätig war, also vielleicht Büroangestellter oder Maler oder Bäcker.

Ursprünglich hatten die Forscher mehr als 4.300 „Verdächtige“ aufgelistet, inzwischen ließ sich der Kreis auf nur noch neun Kandidaten einengen. Es könnte sogar gelingen, lebende Verwandte des Pfeifenrauchers zu finden. Die vielleicht schwierigste Barriere liegt in der Art, wie in unserer Gesellschaft Familie gelebt wird oder jedenfalls früher gelebt wurde. „Illegitime“ Kinder sind in den Quellen sehr selten so benannt, ihr unbemerktes Vorkommen in einer Abstammungslinie macht es nahezu unmöglich, die Spuren zu verfolgen.

Giftmord? Francesco de' Medici
Bild: Wikipedia

 
„Theo“ starb eines natürlichen Todes, anders als eine unbekannte Frau aus dem Ägypten der Römerzeit, deren mumifizierter Kopf heute im Luxemburger Nationalmuseum für Geschichte und Kunst liegt. Ihr Tod war der Klassiker aller Kriminalfälle: „Gewalteinwirkung mit einem stumpfen Gegenstand gegen den Hinterkopf“. Nicht ganz so klar steht es im Fall von Francesco I. de‘ Medici, Großherzog der Toskana, der 1587 verstarb. An der Malaria, hieß es offiziell. Gerüchte, sein Bruder und Nachfolger Ferdinando habe ihn und seine zweite Ehefrau vergiften lassen, sind jedoch niemals verstummt.

Vor einigen Jahren wurden 28 Mitglieder der Medici-Familie aus der Grablege von San Lorenzo in Florenz exhumiert und forensisch untersucht; die Ergebnisse wurden in einer großen Ausstellung in Mannheim vorgestellt. Im Fall von Francesco: In den Eingeweiden wurde Arsen gefunden, „was den Verdacht der Vergiftung erhärtet“. Ein „gerichtsfester“ Beweis wäre das allerdings nicht. Francesco könnte sich das Arsen auch auf andere Weise zugezogen haben, nämlich durch seine alchemistischen Experimente. Doch die Mediziner unterstellen eher eine akute als eine chronische Vergiftung.

Ungeklärt bleibt vorläufig auch, woran die letzte Großherzogin aus dem Geschlecht der Medici, Anna Maria Luisa, 1743 starb. Sie selbst glaubte wohl, an den Spätfolgen der Syphilis zu leiden, mit der ihr Mann sie Jahrzehnte zuvor angesteckt hatte. Um das zu verschleiern, verfügte sie testamentarisch, ihr Leichnam dürfe auf keinen Fall obduziert werden. Vor einigen Jahren wurde in San Lorenzo ein Eingeweidekrug entdeckt, auf dem der Name Anna Maria Luisa steht. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen.
Einer der Gründe, warum die Forensik auch in ihrer archäologischen Variante fasziniert: Die Grenzen zwischen Historie und Klatsch sind fließend, wie in der Gegenwart ja auch. Woran verstarb eigentlich 1323 v. Chr. der Pharao Tutanchamun, nur etwa 28 Jahre alt? Es könnte eine Malariainfektion gewesen sein, vermutet der Bozener Mumienforscher Albert Zink. Oder ein Sturz. Tutanchamun litt an Gehbeschwerden aufgrund einer entzündlichen Knochenerkrankung im linken Fuß und einer Fraktur am linken Knie. Die verschiedenen Erkrankungen könnten seine Immunabwehr geschwächt haben.

Kein dringender Mordverdacht also, obwohl die Streitigkeiten im ägyptischen Herrscherhaus da reichlich Anlass für Spekulationen bieten. Eine der aufsehenerregendsten Untersuchungen der letzten Jahre fand auf dem Schlachtfeld von Lützen statt, dort, wo am 16. November 1632 König Gustav II. Adolf von Schweden sein Leben im Dreißigjährigen Krieg verlor. Forscher des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt hoben ein Massengrab mit 47 Männern im Alter zwischen 15 und 50 Jahren aus. Offenbar handelt es sich um schwedische Infanteristen, die beim Angriff von Wallensteins Kavallerie ums Leben kamen. Man wird sich den Vorgang so vorstellen dürfen, dass viele der Soldaten aus einer Entfernung von wenigen Metern durch Kopfschüsse getötet wurden. Die übrigen werden dann durch Hieb- oder Stichwaffen gestorben sein. Allerdings lassen sich die Verletzungen etwa am Bauch heute nicht mehr nachweisen.

Homo steinheimiensis, Urmensch-
Museum Steinheim
Bild: NobbiP/Wikipedia 


Der am gründlichsten untersuchte Tote der Geschichte ist aber wohl doch „Ötzi“, der Mann aus dem Südtiroler Eis, der vor etwa 5.300 Jahren verstarb. Ötzi kam durch einen Pfeilschuss ums Leben. Dass er nicht beraubt wurde, hat den Gedanken hervorgerufen, es könnte sich um ein freiwillig erbrachtes Menschenopfer handeln, etwa in einer Zeit schlechter Ernten. So etwas wie Tötung auf Verlangen also. Verlässlicher sind die Aussagen, die Zink zur Krankengeschichte treffen kann. Ötzi war mit seinen knapp 50 Jahren nach damaligen Begriffen zwar ein alter, aber doch sehr rüstiger Mann. Allerdings litt er an Magenbeschwerden. Es könnte sein, dass die vielen Tätowierungen auf seinem Körper Versuche der Ärzte waren, die Schmerzen zu lindern.

Die wahrscheinlich spektakulärste Methode der modernen Gerichtsmedizin wurde vor einigen Jahren an einem Schädel aus der Weimarer Fürstengruf erprobt, in diesem Fall leider mit negativem Fazit. 1826 sollte der Leichnam von Friedrich Schiller umgebettet werden. Der Tod des Dichters lag gerade einmal 21 Jahre zurück, doch seine Überreste waren bereits nicht mehr zweifelsfrei zu identifizieren. Liegt in der Fürstengruft, gleich neben Goethe, vielleicht ein falscher „Schiller“? Vor wenigen Jahren, schreibt die Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen von der Universität Freiburg, erbrachte eine Gesichtsrekonstruktion des mutmaßlichen Schädels mit zeitgenössischen Bildnissen und mit der Totenmaske des Dichters.

Nur – durch die molekulargenetische Analyse wurde dann ausgeschlossen, dass es sich tatsächlich um Schiller handeln könnte. Völlig überzeugt zeigt sich Wittwer-Backofen von diesem Ergebnis allerdings nicht. Zwar vermutet man heute, dass der Schädel irgendwann nach Schillers Tod von „Fans“ entwendet wurde; dergleichen kam Anfang des 19. Jahrhunderts öfter vor, es war die Zeit eines überschwänglichen Geniekults. Aber ebenso gut wäre möglich, dass Schillers DNA in seiner alten Begräbnisstätte, also vor der Umbettung, mit der anderer Toten vermischt wurde.

Und der „Mensch von Steinheim“? War sein Tod, nach heutigen Rechtsbegriffen, tatsächlich Mord oder Totschlag? Jörg Orscheidt vom Curt-Engelhorn-Centrum für Archäometrie in Mannheim widerspricht Gieselers Analyse: Die Verletzungen am Schädel wären auch durch natürliche Abläufe zu erklären, vor allem durch die Geröllmassen über der Fundstelle. Es könnte sogar sein, überlegt Orscheidt, dass die Wissenschaft die „gerichtsmedizinische“ Frage, die sie beantworten will, erst selbst produziert hat: Der Kopf könnte bei seiner Entdeckung und Freilegung 1933 beschädigt worden sein.


Neu auf dem Büchermarkt:

Tatorte der Vergangenheit. Archäologie und Forensik, herausgegeben von Wilfried Rosendahl und Burkhard Madea, Theiss Verlag, Darmstadt 2017, 144 S. mit 133 farb. u. 20 s/w. Abb., ISBN 978-3-8062-3645-3, 39,95 €



Mehr im Internet:

Tatorte der Vergangenheit. Archäologie und Forensik 
Forensik - Wikipedia 
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