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kultur

04.02.2018 - KULTURGESCHICHTE

Als das Wissen zum Massenprodukt wurde

Vor 550 Jahren starb Johannes Gutenberg

von Josef Tutsch

 
 

Johannes Gutenberg (posthumes
Portrait) - Bild: Wikipedia

Als sich im späten 15. Jahrhundert die neu erfundene Druckkunst über Europa verbreitete, war es nicht zuletzt die Kirche, die gern die Möglichkeit nutzte, Bibeln und Mess- und Gebetbücher nun nicht mehr von Mönchen einzeln abschreiben zu lassen. In manchen Klöstern, erzählte man sich, soll es allerdings üblich gewesen sein, bei jedem gedruckten Exemplar einzeln Korrektur zu lesen: Dass alle Bücher einer Ausgabe Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe denselben Text boten, habe man sich einfach nicht vorstellen können.

Mag sein, dass Freunde des technischen Fortschritts mit dieser Anekdote die Zurückgebliebenheit des Klerus karikieren wollten. Zu kulturellem Hochmut besteht eigentlich kein Anlass: Die Entwicklung von Computer und Internet in den letzten Jahrzehnten hat uns hinreichend vor Augen geführt, wie leicht wir uns vor „Neuland“ geführt sehen – und wie schwer wir uns dann oft tun. Im Rückblick erscheint die Erfindung beweglicher Lettern durch Gutenberg als eine der großen Umwälzungen in der Geschichte der menschlichen Sprache, nach der Entstehung der Schrift und vor der Entwicklung des Computers und von Techniken der Telekommunikation. Mit gutem Grund kürte 1997 das Time-Life-Magazin den Buchdruck zur bedeutendsten Erfindung des Jahrtausends.

Dabei war Gutenberg keineswegs der erste, der den Druck mit „beweglichen Lettern“ erfand. Die chinesische Tradition nennt einen gewissen Bi Sheng im 11. Jahrhundert, der mit Druckstempeln aus gebranntem Ton experimentierte. Genutzt wurde Bi Shengs Erfindung allerdings niemals. Nicht nur, dass das chinesische Schriftsystem mit seinen Tausenden von Zeichen dem im Wege stand, vor allem bestand in der chinesischen Gesellschaft kein Bedarf nach einer Verbreitung von Büchern über eine dünne Gelehrtenschicht hinaus.

Das war bei dem Mainzer Patriziersohn Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, der am 3. Februar 1468, vor 550 Jahren, starb, ganz anders. Er traf auf ein aufblühendes Stadtbürgertum, das nach Kräften bemüht war, sich von Adel und Klerus zu emanzipieren. Seine Familie hatte Mainz in den Auseinandersetzungen um die politische Ordnung in der Stadt zeitweise verlassen müssen. In Straßburg engagierte sich Gutenberg in der Herstellung von „Wallfahrtsspiegeln“, Metallplättchen mit kleinen Spiegeln, die den Segen der Reliquien für Pilger festhalten sollten.

Irgendwann um 1440 muss Gutenberg auf die Idee gekommen sein, die Drucktechnik, die damals in Form von Holzschnitten bereits weit verbreitet war, nicht nur auf Bilder, sondern auch auf Schrift anzuwenden. Voraussetzung war, dass die Lettern in großer Serie vorhanden waren. Gutenberg entwickelte die Technik, aus hartem Metall Negativformen anzufertigen, die in Druckblöcken immer wieder neu zusammengesetzt werden konnten. Nach seiner Rückkehr nach Mainz wagte er sich 1452 an die sogenannte „Gutenberg“-Bibel, wegen ihrer 42 Zeilen auf jeder Seite kurz „B42“ genannt – das erste große Druckwerk der Geschichte war gleich auch eines der schönsten. 

Gutenbergs 42-zeilige Bibel (New York 
Public Library)
Bild: NYC Wanderer/Kevin Eng


Gutenberg selbst hätte dieses ehrgeizige Projekt beinahe allerdings den Ruin bereitet. 1455 kam es zum Rechtsstreit mit seinem Geldgeber Johannes Fust, der behauptete, sein Darlehen für den Druck der Bibel sei teilweise veruntreut worden. Gutenberg musste seine Werkstatt an Fust übergeben, er konnte sich retten, weil er neue Geschäftspartner fand. Mit ihnen produzierte er in den folgenden Jahren unter anderem Kalender sowie Ablassbriefe – jene Zettel mit Heilsversprechen für das Jenseits, die zwei Generationen später den Anlass für Luthers Thesenanschlag gaben. Auch eine zweite Bibelausgabe, die „36-zeilige“, wird Gutenberg zugeschrieben.

Ob Gutenberg, als er 1468 verstarb, eine Ahnung davon hatte, welche Bedeutung die Nachwelt ihm und seiner Erfindung zuschreiben würde? Sicher ist, dass die Mitwelt ihn als „ehrsamen Meister“ schätzte, wie es in einer Notiz nach seinem Tod heißt. 1465 hatte ihn Adolf II. von Nassau, Erzbischof von Mainz, zum „Hofedelmann“ ernannt. Dass die Drucktechnik zu welthistorischen Entwicklungen mit beitragen konnte, zeigte sich ein halbes Jahrhundert nach Gutenbergs Tod: Kaum hatte Martin Luther in Wittenberg seine Thesen gegen den Ablass veröffentlicht, verbreiteten sie sich in wenigen Monaten über halb Europa.

Durch den Buchdruck sei Sprache „von einem Mittel der Wahrnehmung zu einer tragbaren Ware“ verändert worden, schrieb der kanadische Philosoph Marshall McLuhan 1962 in seinem Buch „Die Gutenberg-Galaxis“. Im Prinzip hatte sich diese Veränderung schon mit der Erfindung der Schrift viereinhalb Jahrtausende zuvor vollzogen. Aber erst durch die Drucktechnik wurden Bücher zum Massenprodukt, erst dadurch wurden geschriebene Texte breiten Schichten der Bevölkerung zugänglich. Erst durch gedruckte Bücher wurde es möglich, dass Privatleute, jenseits der Institutionen von Kirche und Kloster, sich Bibliotheken zusammenstellten und Wissen anhäuften.

Dass diese breiten Schichten die Bücher auch lesen konnten, dazu bedurfte es freilich eines Prozesses der Alphabetisierung, der sich über Generationen hinzog. „Alphabetisierung“ bedeutete dabei nicht nur Herstellung von Lesefähigkeit, sondern auch die Weckung des Wunsches, wirklich zu lesen – ob nun die Heilige Schrift, die viele Laien zuvor nur durch das Wort der Priester kannten, oder einen Kalender, eine unterhaltsame Erzählung oder eine wissenschaftliche Abhandlung. Dass die Alphabetisierung langfristig Erfolg hatte und Gutenbergs Erfindung nicht ähnlich wirkungslos blieb wie jene des Bi Sheng in China drei Jahrhunderte zuvor, wäre nicht möglich gewesen ohne jenen Vorgang im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, den der Philosoph Hans Blumenberg als „Prozess der theoretischen Neugierde“ gekennzeichnet hat.

Der Kirchenvater Augustinus hatte die Neugierde noch als Laster gebrandmarkt, er sah in ihr eine Variante der Habsucht, die sich zwar auf immaterielle Güter richtete, aber eben doch auf die Scheingüter dieser Welt. Im 13. Jahrhundert versuchte Thomas von Aquin bereits, zwischen illegitimer Neugier und legitimem Wissensdrang zu unterscheiden. 1440, also etwa während Gutenberg seine ersten Experimente mit dem Druck von Texten machte, unternahm es Nikolaus von Cues in seinem Werk „Die belehrte Unwissenheit“, das Laster der Neugier zu rehabilitieren. In der Unersättlichkeit des menschlichen Forschungsdrangs, resümierte Blumenberg, sah Nikolaus nicht mehr ein frevlerisches Nicht-wahrhaben-Wollen der Grenzen unserer Natur, sondern das Vermögen unseres Geistes, seine eigene Unvollkommenheit zu transzendieren.

Gutenberg-Denkmal in Mainz
Bild: I. Staudacher/Wikipedia


In dieser Rehabilitierung der Neugier begründete sich, wie Blumenberg es ein wenig emphatisch formuliert hat, die „Legitimität der Neuzeit“. Luther wäre zweifellos sehr verwundert gewesen, hätte ihm jemand gesagt, dass seine Reformation etwas mit dem „Laster“ der Neugier zu tun haben könnte. Aber in der Tat vertraute er darauf, die Wahrheit – in seinem Fall: die Wahrheit des Glaubens – werde sich schon durchsetzen, wenn jedem der Zugang zur Heiligen Schrift eröffnet sei. Und dafür bot Gutenbergs Erfindung die technische Grundlage.

Ohne Gutenberg keine Reformation, zweieinhalb Jahrhunderte später keine Aufklärung, erst recht keine der folgenden Revolutionen. Nicht nur dass die Wissensspeicher quantitativ enorm vergrößert wurden, zugleich wurde die Bildung auch „pluralistisch“, die wachsende Konkurrenz stellte die Geltung jeder einzelnen Autorität in Frage. Heute fragen wir uns allerdings auch, ob unser Gehirn mit den Möglichkeiten, die durch die Wissensexplosion der Neuzeit eröffnet wurden, Schritt halten kann. An der Ausgabe der Enzyclopedia Britannica von 1974 hat der Kulturhistoriker Peter Burke illustriert, dass diese Explosion zugleich mit Vergessen und Verdrängen erkauft wird. Goethe, der in der Ausgabe von 1911 noch zwölf Spalten hatte, musste nun mit sechs auskommen, Luther wurde von vierzehn auf eine einzige reduziert, Platon von vierunddreißig auf weniger als eine. Der freiwerdende Raum wurde für Erkenntnisse etwa in Physik oder Biologie benötigt.

Probleme, die sich beim Computer von heute so nicht stellen, mit den „Clouds“ erst recht nicht. Man hat ausgerechnet, dass die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, wollte man sie ausdrucken, mehr als ein Ein-Familien-Haus füllen würde. Ist damit, nunmehr endgültig, das Ende des gedruckten Buches eingeläutet, wie McLuhan es bereits vor über einem halben Jahrhundert, nach dem Siegeszug des Fernsehens, voraussah? Soweit es nur darum geht, etwas nachzuschlagen, darf man das für wahrscheinlich halten; in puncto Aktualität ist Wikipedia jedem gedruckten Lexikon unendlich überlegen.

Heute sehen wir aber auch klarer als in der Anfangszeit der elektronischen Medien, dass der technische Fortschritt seine Risiken hat. McLuhan entwickelte vor einem halben Jahrhundert die Vision eines „globalen Dorfes“, einer weltumspannenden Gemeinschaft der Kommunikation. Ob ihm bewusst war, dass dieses „Dorf“ auch ein globaler Stammtisch sein würde, mit allem Unerfreulichen, was zu einem Stammtisch dazu gehören kann? Der erste Fall, dass Gutenbergs Drucktechnik ihre Massenwirksamkeit erprobte, war nicht etwa die Reformation. 1475 wurde in der Nacht zu Ostermontag vor dem Haus eines jüdischen Gerbers in Trient der zweijährige Simon tot aufgefunden. Flugs verbreitete sich das Gerücht, er sei einem Ritualmord zum Opfer gefallen. Bischof Johann Hinderbach war technisch auf der Höhe seiner Zeit. Er nutzte die Möglichkeiten, die der Buchdruck ihm bot, zu einer großangelegten Kampagne gegen die Juden. Simon von Trient stand bis 1965 im Heiligenkalender der katholischen Kirche.


Mehr im Internet:

Johannes Gutenberg - Wikipedia 
scienzz artikel Die Welt des Schreibens 

 

 

 

 

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