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20.02.2018 - KULTURGESCHICHTE

Mein Leben gehoert mir, mein Tod gehoert mir

Die Umwertung des Suizids in der Moderne

von Josef Tutsch

 
 

Peter Paul Rubens: Der sterbende
Seneca, um 1627 (Alte Pinakothek,
München) - Bild: Wikipedia

Noch vor wenigen Jahrzehnten wäre es in der deutschen Sprache gar nicht so einfach gewesen, das Phänomen zu benennen, ohne im von vornherein eine Wertung mitzugeben. Im 17. Jahrhundert war in der Juristensprache als Wiedergabe des neulateinischen „suicidium“ das Wort „Selbstmord“ aufgekommen. Ähnlich hatte Martin Luther einmal von „sein selbs mörder“ gesprochen, vom „Mörder seiner selbst“.

Selbstmord wurde als Form des Mordes angesehen, unter theologischer und ethischer wie unter juristischer Perspektive. Als Alternative kam um 1900 das Wort „Freitod“ auf, nicht weniger wertend, doch in entgegengesetzter Richtung. Der Versuch, „suicidium“ wertneutral als „Selbsttötung“ zu übersetzen, konnte sich niemals recht durchsetzen, dieser Ausdruck klingt allzu künstlich. Inzwischen ist das Fremdwort „Suizid“ in die deutsche Umgangssprache eingegangen, es füllte sichtlich eine Lücke.

Eine Lücke, die in früheren Jahrhunderten jedoch offenbar gar nicht empfunden wurde. Der Wiener Kulturhistoriker Thomas Macho zitiert in seinem 2017 erschienen Buch „Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne“ einen Satz seines Kollegen Walter Benjamin aus den 1930er Jahren: Der Selbstmord erscheine „als die Quintessenz der Moderne“. Für diese These spricht in der Tat einiges: Ein Buchtitel wie „Mein Tod gehört mir“ (von der Philosophin und Journalistin Svenja Flaßpöhler, 2013) wäre hundert Jahre zuvor noch als skandalös empfunden worden. Der Trend reicht jedoch weit über individuelle Emanzipationsbestrebungen hinaus, betont Macho: „Heute denken wir nicht bloß gelegentlich daran, uns selbst das Leben zu nehmen, sondern sind fasziniert von der Vorstellung, die Menschengattung werde insgesamt aussterben und verschwinden.“ Und zwar nicht durch die unaufhaltsame Entwicklung des Sonnensystems, sondern durch ihr eigenes Tun.

Macho hat eine umfangreiche Kulturgeschichte des Suizids in der Moderne vorgelegt. Den traditionellen Standpunkt, dass Selbsttötung ein Verbrechen sei, gab 1797 Immanuel Kant in seiner „Metaphysik der Sitten“ wider: Der Mensch würde damit „den uns anvertrauten Posten in der Welt verlassen, ohne davon abgerufen zu sein“. Mit dieser Argumentation begründet bereits Sokrates in Platons Dialog „Phaidon“, warum man sich nicht selbst töten dürfe. Die Metapher vom „Posten“, erläutert Macho, erinnert an den militärischen Hintersinn des Suizidverbots: „Wer seinen ‚Posten‘ ohne Not und Befehl aufgibt, desertiert gleichsam vom Leben.“

Ganz befriedigend scheint Kant diesen Gedanken, der Suizid sei eine Übertretung der Pflichten gegen die Familie, gegen die Obrigkeit, gegen Gott, aber nicht gefunden zu haben. Wichtiger war für ihn das andere Argument: Im Suizid werde „eine Pflicht gegen sich selbst“ verletzt, als Vernichtung der eigenen moralischen Person. Und genau an dieser Stelle, an der Aufspaltung in ein „empirisches Ich“ einerseits, ein „transzendentales Selbst“ andererseits, das als Beobachter wie als Richter fungiert, haben die folgenden Generationen eine radikale Umwertung vorgenommen. Der Gegenpol zu Kant war mit Jean Améry erreicht, der 1976 in seinem Essay „Hand an sich legen“ ein Recht des Individuums propagierte, seinen eigenen Tod vollziehen zu dürfen: „Der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden muss wie von den Masern […] Der Freitod ist ein Privileg des Humanen.“ 

Gedenktafel für Jan Palach, 
+ 19. Januar 1969
Bild: Aldo Ardetti/Wikipedia


Ebenso Michel Foucault, der sein Spätwerk der Entwicklung von „Selbsttechniken“ seit der Antike widmete. In einem seiner letzten Interviews 1984 forderte Foucault, gerade im Sinne der Sorge um sich selbst, eine „Kultur des Selbstmords“. Eine Entwicklung, die ihre schockierende Seite hat, zweifellos. Man sollte jedoch nicht übersehen, dass die Lehre von der Unerlaubtheit der „Desertion“, die Platon in seinem „Phaidon“ aufbrachte, keineswegs selbstverständlich ist. Die Mehrzahl der Zeugnisse aus der griechisch-römischen Antike belegt, dass der Suizid damals nur Menschen verboten war, die nicht sich selbst „gehörten“, nämlich Sklaven und Soldaten. Sokrates weitete dieses Verbot auf alle Menschen aus, mit dem Gedanken, „dass die Götter unsere Hüter sind und wir Menschen eine von den Herden der Götter sind“.

Diese Haltung hat sich seit der späten Antike durch den christlichen Schöpferglauben zunächst allgemein durchgesetzt. Einen frühen Widerspruch dagegen hat Macho bei dem Essayisten Michel de Montaigne gefunden, im 16. Jahrhundert: „Die größte Sache der Welt ist, dass man sich selbst zu gehören weiß.“ Das Entsetzen über solche Aussagen ist noch drei Jahrhunderte später in Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ spürbar. Er wolle einem Gott, der unschuldiges Leiden zulässt, das „Eintrittsbillet“ für diese Welt zurückgeben, sagt Iwan zu Aljoscha. „Das ist Empörung“, antwortet der „leise und mit gesenktem Blick“.

Da war der junge Werther entschieden weniger ambitioniert, als sein Verfasser Goethe ihn 1774 zur Pistole greifen ließ, um den berühmtesten Selbstmord der Literaturgeschichte zu vollziehen. Ein Selbstmord nicht aus Weltanschauung, sondern aus unerfüllter und unerfüllbarer Liebe. Das Buch erregte Skandal. Wie drastisch sich die Einstellung seitdem geändert hat, zeigt eine Entscheidung des schweizerischen Bundesgerichts 2006: Der Suizid sei ein Menschenrecht im Sinne der Europäischen Menschenrechtskonvention.

Heute konzentriert sich die Diskussion auf die Frage, ob und inwieweit andere bei einem Suizid assistieren dürfen oder sollen. Was entspricht der Menschenwürde, wenn der Betroffene selbst sterben will, aber vielleicht nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen umzusetzen? Vorausgesetzt, dass man ihm unterstellt, überhaupt einen freien Willen bilden zu können. Immer wieder gehen Fälle durch die Presse, dass jemand, der sterben will, andere dazu nötigt, ihm zu „assistieren“, etwa indem er sich vor einen fahrenden Zug wirft. Noch um einiges weiter ging jener Pilot, der 2015 in den französischen Pyrenäen bei seinem Suizid 150 Insassen einer Verkehrsmaschine mit in den Tod riss.

In diesem Fall war der Suizid vor allem Mord, nicht anders als bei den sogenannten „Selbstmordattentaten“. Die Täter, darf man vermuten, gehen von einer ähnlichen Einstellung aus, wie Alexej Kirillow sie in Dostojewskis Roman „Die Dämonen“ formulierte: „Wer den Mut hat, sich zu töten, der ist Gott“ – und damit Herr über Leben und Tod auch der anderen. Dass ein Individuum seinen „Posten“ aus eigener Entscheidung verlassen könnte, fand auch Lenin verwerflich, der apodiktisch erklärte: „Ein Sozialist gehört nicht sich selbst, sondern der Partei.“ Dieses Urteil bezog sich auf Paul Lafargue, den Schwiegersohn von Karl Marx, der sich 1911 gemeinsam mit seiner Ehefrau Laura das Leben genommen hatte. Nur konsequent, dass Lafargues Buch „Das Recht auf Faulheit“ in der Sowjetunion lange verboten war: Faulheit und Suizid, vermerkt Macho, galten gleichermaßen als Formen einer egoistischen, anti-sozialen Desertion.

Eugène Delacroix: Tod des Sardanapal
1827 (Auschnitt), Louvre, Paris
Bild: Wikipedia


Da liegt natürlich die Frage nahe, wie es mit der Wertung des Suizids in Kulturen abseits der westlichen Entwicklungslinie hin zum Individualismus steht, hin zur partiellen Emanzipation von Pflichten gegenüber Gemeinschaft und Tradition. Sehen islamistische Attentäter sich ernsthaft in der Tradition islamischer Märtyrer? Macho verweist darauf, dass die heikle Abgrenzung zwischen Martyrium und Selbstmord bereits von den christlichen Kirchenvätern erörtert wurde. Augustinus argumentierte, vielleicht in Anspielung auf jene Stelle bei Platon, als Kriterium für das Martyrium tauge einzig der Befehl Gottes.

Seit die Atombombe in der Welt ist, hat sich über den Suizid des einzelnen hinaus die Möglichkeit eröffnet, dass die Menschheit insgesamt ihrem Dasein selbst ein Ende setzen könnte, vielleicht auch weniger schlagartig durch die Verschmutzung unserer Umwelt. Die australische Kulturwissenschaftlerin Claire Colebrook hat die vielen Versuche, die Sonderstellung des Menschen im Tierreich zu definieren, um eine Variante bereichert: Der Mensch sei das „suicidal animal“, das Tier, das sich selbst sein Leben nehmen kann. Mit der Möglichkeit des „Gattungssuizids“ wurde dieses „Privileg“ nochmals in eine neue Dimension gehoben, allerdings weitab von jenem „freien Tod“, den Friedrich Nietzsche 1883 in „Also sprach Zarathustra“ verkündete: „Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will“ – das Wort „ich“ kursiv gesetzt.

Dabei war sich Nietzsche sehr wohl bewusst, dass der Gedanke eines möglichen Auswegs aus allen Beschwerden des Lebens entlastend wirken und einem wirklichen Suizid, paradox genug, gerade entgegenwirken kann: „Der Gedanke an den Selbstmord ist ein starkes Trostmittel: Mit ihm kommt man gut über manch böse Nacht hinweg.“ Macho führt eine Stelle aus Walker Percys Roman „Der Kinogeher“, 1961, an. Die Heldin Kate hat Nietzsches Aphorismus ins Humoristische übersetzt: „Wenn alles andere schiefgeht, muss ich nur an Selbstmord denken, und in Null Komma nichts bin ich wieder gut drauf. Wenn ich mich nicht umbringen könnte – ja, das wäre ein Grund, es zu tun.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne, Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 532 S. mit 57 s/w. Abb., ISBN 978-3-518-42598-5, 28,00 € [D], 28,80 € [A], 38,50 CHF


Mehr im Internet:
Suizid - Wikipedia 
Thomas Macho: Das Leben nehmen. Suizid in der Moderne 
scienzz artikel Anthropologie 

 

 

 

 

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