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12.03.2018 - KULTURGESCHICHTE

Eine Wendung gegen die Anthropozentrik

Tiere in der Geschichte

von Josef Tutsch

 
 

Arthur Schopenhauer mit Pudel,
Zeichnung von Wilhelm Busch
Bild: Wikipedia

„Drei Taler erlegen für meinen Hund!“, dichtete Adalbert von Chamisso 1831. „So schlage das Wetter mich gleich in den Grund! Was denken die Herr‘n von der Polizei? Was soll nun wieder die Schinderei!“ Anlass für Chamissos Gedicht war ein Gesetz, mit dem König Friedrich Wilhelm III. von Preußen den Gemeinden erlaubt hatte, „auf das Halten von Hunden eine besondere Steuer“ zu erheben. Das war zunächst einmal eine Luxussteuer: Anders als auf dem Land hatten viele Hunde in der Stadt keine ökonomische Rechtfertigung.

Doch daneben sollte die Steuer auch die Zahl streunender Hunde begrenzen. Die Bettler allerdings, für die der Hund oft ihre Familie war, konnten die neue Steuer von vornherein nicht aufbringen. Der „Held“ in Chamissos Gedicht sieht nur zwei Möglichkeiten: entweder seinen Hund zu ersäufen oder sich selbst zu erhängen. Er wählt den Strick. „Wohl sprang der Hund zur Rettung hinzu, wohl heult‘ er die Schiffer aus ihrer Ruh, wohl zog er sie winselnd und zerrend her – wie sie ihn fanden, da war er nicht mehr.“

Dem lesenden Publikum, meint Wolfram Gogler von der Universität Konstanz, bot der Hund ein Identifikationspotential, das der Bettler für sich allein nicht gegeben hätte. Ein Beispiel für die Stellung, die Tiere in der Menschenwelt, in der Realität wie in den Künsten, einnehmen können. Geschichts- und Literaturwissenschaftler der Universität Konstanz haben jetzt ein halbes Hundert Quellen zum Thema „Tiere in der Geschichte“ zusammengetragen, kommentiert und interpretiert von Studenten der Hochschule.

Die Sammlung ergänzt den Theorieband zur „Animate History“, der vor zwei Jahren herauskam. „Deutlich zu machen, dass und wie Tiere Geschichte(n) (mit-)gestaltet haben“, formulieren Lena Kugler, Aline Steinbrecher und Clemens Wischermann das Ziel des Projekts. Hintergrund ist natürlich, dass die scheinbar so selbstverständliche Trennlinie zwischen Tieren und Menschen, „Instinkt“ und Vernunft“, in der Biologie heute mehr und mehr in Frage gestellt wird. Müssen die Kulturwissenschaften da nicht nachziehen, also von der „Anthropozentrik“ althergebrachten Blicks abgehen?

Der deutlichste Beleg, dass Tiere von den Schreibern der Texte selbst als Akteure „gewürdigt“ werden, findet sich jedoch ausgerechnet im „unmodernsten“ aller Beispiele, einem Zürcher Gerichtsgutachten aus dem Jahr 1682. Es ging um „Bestialität“, also um Sexualität mit Tieren. Das Gutachten forderte, „nicht allein der vernünftige Täter, sondern auch das unvernünftige Hausvieh [in diesem Fall ein Hund]“ müsse „zu gleicher Strafe gezogen werden“. Das Tier, resümiert Maria Tauber, „wurde zum Rechtssubjekt“, ihm wurde „eine Handlungsmacht zugeschrieben, die so bestimmend war, dass sie den Aufwand eine Strafverfolgung wert war“.

"Rhinocerus" von Albrecht Dürer, 1515
Bild: Wikipedia


Bei manchen historischen Quellen kann man bezweifeln, dass es um real vorhandene Tiere geht und nicht vielmehr um Symbole. Ein Kupferstich zeigt das „Nürnberger Friedensmahl“, bei dem sich 1649, also nach dem Frieden von Münster und Osnabrück, die Vertreter Schwedens und des Heiligen Römischen Reiches zusammensetzten. In der Mitte sitzt ein Hund. Hat man anzunehmen, fragt Victor Kappel, dass bei einem solchen Anlass tatsächlich Hunde zugegen waren? Oder war der Hund auf dem Bild als Zeichen der Vertragstreue gedacht?

Real anwesend waren Hunde in der frühen Neuzeit jedenfalls beim Kirchgang – ihre Omnipräsenz auf holländischen Kircheninterieurs des 17. Jahrhundert entsprang nicht der Phantasie der Künstler. An einer Verfügung aus dem Fürstentum Wied zeigt Josua Junk den Generationen währenden Kampf, den die Kirche gegen die Anwesenheit „nichtmenschlicher Wesen“ während des Gottesdienstes führte. Das Bürgertum fand einen geeigneten Ersatz: den gemeinsamen, den Haushalt in der Öffentlichkeit repräsentierenden Spaziergang. Allerdings war auch dieses „Akteursduo“ recht asymmetrisch, mit klar verteilten Rollen für den Herrn und den Hund.

Noch ein Beispiel für Tiere als Mitspieler: Bei Schiffsreisen wurden regelmäßig Katzen mitgeführt. Sie sollten die Ratten in Schach halten. Die waren eine solche Plage, dass keine Versicherung den Schaden übernehmen wollte. War keine Katze an Bord, musste der Kapitän haften. Ein weiterer Grund, meint Beate Rippel, dürfte gewesen sein, dass Schiffe, die von ihrer Mannschaft verlassen waren, als herrenloses Gut galten – jedoch erst dann, wenn auch sonst kein Lebewesen mehr zugegen war. Eine Schiffskatze konnte den Eigentümer sozusagen vertreten und dessen Rechte wahren.

Ob solche Fälle es rechtfertigen, Tiere als handelnde Subjekte der Geschichte aufzufassen, ist die Frage. Oder sind es vielmehr bloß Hilfsmittel, die der Mensch herangezogen hat, um seine begrenzte physische Ausstattung zu erweitern? Beinahe möchte man sagen: sich geschaffen hat, nicht viel anders als heutzutage „Alexa“, der digitale Sprachassistent von Amazon. Ein Unterschied ist natürlich, dass Tiere widerspenstig sein können, also einen eigenen, vom Menschen nicht völlig beherrschbaren Willen haben. Wenn Alexa zu irgendetwas „Nein“ sagt, dann nur deshalb, weil ihr Programmierer ihr genau das eingegeben hat.

Das Tier „teilt mit dem Menschen den Willen“, doch dieser Tierwille „ist nicht ein vernünftiger Wille“, formulierte 1891 der Jurist August Sturm die Abgrenzung zwischen Tier und Mensch. Andererseits wagte der Mediziner Eduard Wilhelm Posner 1851, eine Frage zu stellen, die von vielen seiner Leser wohl als ungeheuerlich empfunden wurde: „Wenn das Tier eine Seele besitzt, ist diese gleich der Menschenseele, wie Hoffnung und Offenbarung es ihr verkündigen, unsterblich?“

Nürnberger Friedensmahl 1649, nach 
Joachim Sandrart - Bild: Wikipedia


Wie unsere Gesellschaft mit der „Seele“ von Tieren umgeht, ist bekannt: Einerseits leben manche, insbesondere Hunde und Katzen, wie Familienmitglieder in unseren Haushalten. Die Globalisierung hat uns freilich gewusst gemacht, dass auch in dieser Hinsicht der Satz gilt „Andere Länder, andere Sitten“. Auch der Satz „Andere Zeiten, andere Sitten“. Was die breite Öffentlichkeit vermutlich gar nicht zur Kenntnis genommen hat: Bis 1985, vermerkt Armin Schönfeld, waren in Deutschland Hunde zur Schlachtung zugelassen. Für die Novellierung des Fleischbeschaugesetzes wurden gesundheitliche Gründe angeführt. Doch daneben spielte sicherlich der Abscheu eine Rolle, Tiere essen zu sollen, die sonst zu unserer Familie gehören. 

Auf der anderen Seite werden viele Millionen Tiere zu Fleisch und Textilien verarbeitet, jedes eigenen Willens beraubt. Zu schweigen von den Versuchstieren, die der Wissenschaft geopfert werden. Auf der symbolischen Ebene wurde die Großwildjagd in Afrika zum Symbol kolonialer Herrschaft. In den zoologischen Gärten wurde diese Herrschaft wenigstens ein Stück weit auch in den Großstädten Europas und Nordamerikas repräsentiert. Es ging nicht nur um die Unterwerfung der Tiere selbst, betont Maria Tauber in ihrem Beitrag über das Elefantengehege im New York der 1930er Jahre, die Tiere wurden gehalten „als Stellvertreter der Kultur, aus der sie stammten“.

Und mit diesem Gedanken stellt sich die Wendung gegen die Anthropozentrik, die in der Wissenschaft unserer Gegenwart zu beobachten ist, an die Seite anderer „Turns“. 1992 brachte der amerikanische Philologe Bernard Knox die provozierende Formel auf, im abendländischen Bildungskanon würden „the oldest dead white european males“ im Vordergrund stehen. Eine Kritik der „Eurozentrik“ und der „Androzentrik“ also, der neuestens eine Wendung gegen die „Anthropozentrik“ folgt. Es gilt, schreibt die Zürcher Historikerin Gesine Krüger, „eine Geschichtsschreibung zu kritisieren, die Indigene und Tiere nur als andere kennt, als Folie, vor der sich die (europäische oder europäisch-amerikanische) Souveränität über die Geschichte konstituiert.“

Mit dem Unterschied allerdings, dass die Abkehr von einem ausschließlich oder doch vorrangig europäischen und männlichen Blick auf die Welt zwar in der Realität schwierig sein mag, wenigstens logisch aber doch keine Probleme bereitet. Ist es andererseits nicht bloß eine mehr oder weniger gewagte Metapher, wenn wir von Tieren als handelnden Akteuren der Geschichte sprechen? Der Begriff des Handelns setzt eine Planung von Zweck und Mitteln voraus, ein Konzept für die Gestaltung der Zukunft.  Da können die Quellentexte nicht die Zweifel beim Leser ausräumen, inwieweit sich das von Tieren annehmen lässt.


Neu auf dem Büchermarkt:
Tiere und Geschichte. Band II: Literarische und historische Quellen einer „Animate History“, herausgegeben von Lena Kugler, Aline Steinbrecher und Clemens Wischermann, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2017, 316 S. mit 11 s/w Abb., 11 s/w Fotos, ISBN 978-3-515-11870-5, 48,00 €
Band I ist erschienen als: Tiere und Geschichte. Konturen einer Animate History, herausgegeben von Gesine Krüger, Aline Steinbrecher und Clemens Wischermann, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-515-10935-2, 49,- €


Mehr im Internet:
Tiere und Geschichte 
scienzz artikel Geschichtswissenschaft

 

 

 

 

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