Berlin, den 21.06.2018 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

26.02.2018 - KULTURGESCHICHTE

Ein Prozess der Entsinnlichung

Vom Gold des Kroesus zum Digitalgeld von heute

von Josef Tutsch

 
 

Goldmünze mit Portrait von Ptolemaios III.
um 230 v. Chr. (British Museum, London)
Bild: Jastrow/Wikipedia

„Nur Bares ist Wahres“, sagt der Volksmund. In der Redensart spiegelt sich das Misstrauen wider, das bargeldlosen Zahlungen früher entgegengebracht wurde. Wahrscheinlich antworteten Gastwirte schon vor vielen Jahrhunderten so etwas, wenn ihre Gäste anschreiben lassen wollten. Oder Händler im Italien der Renaissance, wenn sie feststellen mussten, dass ihre Wechsel wider alle Versprechen doch nicht eingelöst wurden.

Welche kulturellen Umbrüche uns wohl bevorstehen, wenn das Bargeld demnächst völlig abgeschafft werden sollte? Manche erwarten davon entscheidende Fortschritte im Kampf gegen die Kriminalität und in den Möglichkeiten der Wirtschaftslenkung, andere befürchten eine Entmündigung des Bürgers zugunsten der Banken und des Staates. Die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt hat die Diskussion zum Anlass für eine Vortragsreihe genommen, deren Beiträge jetzt in dem Sammelband „Geld – Wert und Werte“ erschienen sind.

Als das Münzgeld, wie wir es heute kennen, irgendwann um 700 oder 600 v. Chr. in China und in Indien sowie im kleinasiatisch-ägäischen Raum aufkam, wird die Idee dahinter gewesen sein, dass der Benutzer mit dem Edelmetall tatsächlich den Wert in seiner Hand hatte, der aufgeprägt war: Münzgeld hatte einen realen „Sachwert“, eben den Silber- oder Goldwert. Es gelang jedoch niemals, die Relation zwischen diesem Sachwert und der aufgeprägten Zahl stabil zu halten. Der Bamberger Historiker Mark Häberlein verdeutlicht das an einem Vorgang in der Frühen Neuzeit. Um 1500 kam es in Europa zu einer Deflation, zu einem enormen Mangel vor allem an Kleinmünzen aus Silber und Kupfer. Das ist erstaunlich, weil es gerade im späten Mittelalter einen großen Aufschwung des Bergbaus gegeben hatte. Vor einigen Jahren, berichtet Häberlin, fand der Wirtschaftshistoriker Philipp R. Rössner des Rätsels Lösung: Die Entdeckung des Seewegs nach Indien hatte dazu geführt, dass in kurzer Zeit große Mengen von Silber und Kupfer abflossen, die gegen Luxusprodukte aus dem Fernen Osten, vor allem Gewürze, getauscht wurden. „Die Anfänge des portugiesischen Asienhandels wurden mit einer gravierenden Edelmetallknappheit erkauft.“

„Bares“ – das ist Geld, das man sehen und anfassen kann, auch wenn es in neuerer Zeit, in Form von Papiergeld, selbst oft keinen Materialwert mehr hat. 1720 endete das erste großangelegte Experiment mit Papiergeld in Europa in einem Debakel. Häberlein nennt eine ganze Reihe von Ursachen: die Zerrüttung der Staatsfinanzen unter König Ludwig XIV., das Misstrauen der herrschenden Schichten des französischen ancien régime gegen den Schotten John Law, der das Experiment organisierte, nicht zuletzt Planungsfehler, da das Projekt ja auf keinerlei historische Erfahrungen zurückgreifen konnte. Laws „Improvisationsmaßnahmen zur Stabilisierung der Papiergeldwährung“, schreibt Häberlein, wurden „als Ausdruck eines verantwortungslosen Despotismus betrachtet“

Die Beiträge im Sammelband, der von Annika Schlitte, Alexander Denzler und Franziska Huditz herausgegeben wurde, präsentieren eine Reihe von kultur- und sozialwissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Zugängen zum Thema „Geld“. Dass es in den letzten zweieinhalb Jahrtausenden einen Prozess der Ent-sinnlichung gegeben hat, angefangen beim Gold des Königs Krösus und nicht endend bei unseren modernen Zahlungsmöglichkeiten per Smartphone, scheint unübersehbar. Was ist es, das Münzen und Scheinen mit aufgeprägten Zahlen, ja sogar Zahlen, die bloß in Büchern oder digital vermerkt sind, Wert verleiht? Was ist das überhaupt, „Wert“? In Philosophie und Nationalökonomie, berichtet die Mainzer Philosophin Annika Schlitte, haben sich da seit dem späten 18. Jahrhundert zwei unterschiedliche Bewegungen vollzogen. 1785 wollte Immanuel Kant in seiner „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ den „inneren Wert“ des Menschen von einem „bloß relativen Wert“ der Sachen, also dem „Preis“, abgrenzen. Später griffen die „Neukantianer“ darauf zurück, um gegenüber dem Anspruch der Naturwissenschaften ein eigenes Reich der Kulturwissenschaften zu verteidigen.

Wertpapierbörse Frankfurt am Main
Bild: Desert Eagle/Wikipedia


Hierfür nahmen Kant und die Neukantianer jedoch ausgerechnet einen Begriff, der einen „Import aus dem Bereich der Ökonomie“ darstellte. Adam Smith definierte in seinem Buch vom „Wohlstand der Nationen“, 1776, den „wahren Wert“ von Gütern als die Arbeit, die zu deren Produktion erforderlich war. Hundert Jahre später wählte Karl Marx den Wertbegriff zum Ausgangspunkt seiner gesamten Theorie. Allerdings mühen sich die Wirtschaftswissenschaftler bis heute mit dem Problem ab, dass dieser „objektive“ Wert mit dem realen Preis, der auf dem Markt erzielt werden kann, nichts zu tun haben muss. In großen Teilen der ökonomischen Wissenschaft, vermerkt Schlitte, ist der Wertbegriff heute als quasi metaphysisch verrufen, als bloß moralische Größe, die sich im Geschäftsleben nicht durchsetzen kann. In „Vahlens großem Wirtschaftslexikon“, Ausgabe von 1993, findet sich unter „Wert“ nur noch ein Verweis auf das Stichwort „Nutzen“

Auch ein Prozess der „Ent-sinnlichung“, wenn man so will: Der Wirtschaftstheorie ist der „Sinn“ von Wirtschaft abhandengekommen, der Gesellschaftsethiker Friedhelm Hengsbach von der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen erinnert an den Satz von Papst Franziskus: „Diese Wirtschaft tötet!“ Der Lüneburger Kunsthistoriker Holger Kuhn hat eine Anzeige in der „Süddeutschen Zeitung“ von 2008 gefunden, mitten in der großen Krise auf den Finanzmärkten. Darin war das berühmte Bild mit einem Geldwechsler, das der Flame Quentin Massys 1514 malte, karikaturistisch verarbeitet: Das Portrait droht aus dem Rahmen zu rutschen, der Haufen Münzen fließt ins Leere. In Massys‘ Original vor einem halben Jahrtausend, interpretiert Kuhn, wurde das Geld als ein legitimes Medium aufgefasst, das die Erscheinung des Wertes in der Welt bewerkstelligen kann. In der modernen Anzeige dagegen – geschaltet übrigens von der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, die nicht gerade für ihre Wirtschaftsfeindlichkeit bekannt ist – wurde der Geldwechsler zum verantwortungslosen „Finanzakrobaten“. Der Staat, forderte die Überschrift, „muss den passenden Rahmen vorgeben“.

Die Finanzkrise, befürchtete die „Initiative“ (und wohl nicht ganz zu Unrecht), könnte das Vertrauen in das gesamte ökonomische und politische System erschüttern. Die Geltung des Geldes beruht auf Vertrauen. Die „heutige Standardtheorie“, stellt der Mannheimer Medienwissenschaftler Jochen Hörisch fest, „Geld sei durch das Bruttosozialprodukt eines Landes gedeckt, beruhigt die Gemüter“. Aber ob es sich empfiehlt, darüber allzu gründlich und abgründig nachzudenken … Wir landen in einem Zirkelschluss, resümiert Hörisch: Geld ist „durch den Glauben an Geld“ gedeckt.

Durch den „Glauben“? Ist „der real existierende Kapitalismus“ etwa eine Religion? Hengsbach widerspricht heftig: „Vielmehr ist er ein gesellschaftliches Machtverhältnis“, es sei eine „politisch zu bewältigende Aufgabe“, die „gemeinsam erwirtschaftete Wertschöpfung gerecht zu verteilen“. Die Frage, wie die Politik hierzu angestoßen werden könnte, also wie solche Wertorientierungen und Sollensimperative in Handeln umgesetzt werden könnten, lässt Hengsbach jedoch unbeantwortet. Da zeigte sich der römische Philosoph Seneca im 1. Jahrhundert n. Chr. sehr illusionslos: „Für Lohn sind wir pflichttreu, für Lohn pflichtvergessen, und an ethischen Erwägungen orientieren wir uns, solange sie zu Hoffnungen berechtigen, sofort bereit, zur Gegenseite überzulaufen, wenn Verbrechen mehr versprechen.“

Kreditkarten - Bild: Lotus Head/Wikipedia


1890 schrieb Émile Zola mit seinem Roman „Das Geld“ eine klassische Darstellung der Finanzwelt. Es entfaltet sich ein ebenso faszinierender wie monströser Bilderbogen, schreibt der Münchner Romanist Kurt Hahn: „In einer unbarmherzigen Schlacht werden tagtäglich Kurse in die Höhe getrieben und in den Keller geschickt, Sieger gekürt und Verlierer verstoßen, unerhörte Verschwendungen entfesselt und menschliche Vernichtungen legitimiert.“ Ein Jahrhundert nach Zola natürlich nicht mehr nur in der Bourse de Paris, sondern weltumspannend, in Sekundenschnelle rund um den Globus, gesteuert womöglich nicht einmal durch menschliche Entscheidungen, sondern durch Computer.

Daneben wirken unsere Alltagsgeschäfte, ob nun mit Münzen und Papiergeld oder bargeldlos, wie primitiver Tauschhandel. In Tom Wolfes Erfolgsroman „Fegefeuer der Eitelkeiten“, 1987, fragt ein sechsjähriges Mädchen seinen Vater, einen erfolgreichen Investmentbanker, was er beruflich eigentlich mache. Der versucht, es ihr kindgerecht zu erklären, natürlich in der Hoffnung, dass sie bewundernd zu ihm aufblicken wird. Im Verlauf seines Vortrags wird der Vater zunehmend ungeduldig, weil sein Töchterchen so gar nichts begreifen will. Am Ende bricht die Kleine in Tränen aus.


Neu auf dem Büchermarkt:

Geld – Wert und Werte. Interdisziplinäre Annäherungen an ein Kulturphänomen, herausgegeben von Annika Schlitte, Alexander Denzler und Franziska Huditz, Königshausen & Neumann, 213 S., Würzburg 2017, ISBN 978-3-8260-6084-7, 38,00 €


Mehr im Internet:

Geld - Wikipedia 
Geld – Wert und Werte. Interdisziplinäre Annäherungen an ein Kulturphänomen 
scienzz Artikel Arbeit, Handel, Geld 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet