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03.03.2018 - KULTURWISSENSCHAFT

"Bruessel ist das neue Moskau"

Neue Nationalismen in Osteuropa

von Josef Tutsch

 
 

Dennkmal für Zar Samuil
(+ 1014) in Sofia, errichtet
2015 - Bild: Jingiby/Wikipedia

Selten wurde eine Vorhersage so rasch und so gründlich dementiert wie jene des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama, nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems sei „das Ende der Geschichte gekommen“. Bereits das Auseinanderfallen des Vielvölkerstaates Jugoslawien 1991 machte deutlich, dass mitten in Europa, wenige hundert Kilometer von Wien oder Venedig entfernt, Kriege wieder möglich sind. Auch die Erwartung, die Staaten zwischen Ostsee und Schwarzem Meer würden sich nun problemlos in den „Westen“ und in das vereinigte Europa eingliedern, hat sich nicht erfüllt. Vereinzelt wird die Europäische Union heute bereits mit der sowjetischen Vorherrschaft über Osteuropa assoziiert. Innenpolitisch werden in Polen wie in Ungarn Konzepte einer ganz anderen, anti-westlichen, „illiberalen Demokratie“ entwickelt.

Vor einem Jahr veranstalteten Kulturwissenschaftler und Historiker der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Tagung zu dieser „Wiederentdeckung des Nationalen“ – das Wort „national“ im Doppelsinn einer Abgrenzung nach außen und einer Uniformierung im Innern. Um ein bloß osteuropäisches Phänomen handelt es sich dabei nicht, betont die Ethnologin Irene Götz in der Einleitung zum Sammelband mit den Beiträgen, der jetzt erschienen ist. Auch im Westen bringe der reale, aber vielleicht mehr noch der „empfundene Mangel von sozialer Gerechtigkeit das Erstarken populistischer Kräfte und damit auch den Nationalismus mit hervor“

Den deutlichsten Unterschied gegenüber dem „alten“ Nationalismus, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu zwei Weltkriegen führte, formuliert der Münchner Ethnologe Klaus Roth. Richtete sich dieser alte Nationalismus gegen die „feindlichen“ Nachbarn, so wendet sich der „neue“ einerseits gegen die übernationalen Instanzen. Das war im Fall Osteuropa früher das sozialistische System, das die Sowjetunion ihren Nachbarn verordnete, heute sind es oft der „Westen“ und die Europäische Union. In Polen war bereits der Slogan zu hören, Brüssel sei „das neue Moskau“. Und andererseits gegen die ethnischen und religiösen Minderheiten im Land, insbesondere die Roma. Seit etwa zwei Jahren vor allem auch gegen die Flüchtlinge und Migranten aus Afrika oder dem Nahen Osten: Ihnen wird unterstellt, dass sie, einmal aufgenommen, ebenfalls einen Störfaktor in der Nation bilden würden.

Schwierigkeiten, die den Politikern in Berlin und Brüssel wohl nicht präsent waren, als sie versuchten, alle europäischen Staaten auf eine gemeinsame Politik in Sachen Migration zu verpflichten. Konstant geblieben ist zwischen „alt“ und „neu“, dass im Kern ein zum Mythos erhobenes Bild vom eigenen Volk steht. Die bulgarische Ethnologin Ana Luleva hat sich das Beispiel Bulgarien vorgenommen. 1981 feierte die Nation ihr 1.300-jähriges „Jubiläum“: 681 hatte der byzantinische Kaiser Konstantin IV. Pogonatos durch einen Friedensvertrag das „Erste Bulgarische Reich“ sozusagen diplomatisch anerkannt. Das kommunistische Regime nahm die Feierlichkeiten zum Anlass, die Nation zu „homogenisieren“. Insbesondere sollten die Namen der bulgarischen Türken „bulgarisiert“ werden. Nachdem die sozialistische Ideologie weggefallen war,  kam es erst recht zu einem Boom des „Bulgarischen“.

Geradezu kurios wirkt der Kult, der in Ungarn heute mit dem Sagenvogel Turul betrieben wird. Vor einigen Jahren weihte Ministerpräsident Orbán in der Stadt Ópusztaszer ein Turuldenkmal ein und schwang sich zu hymnischen Tönen auf, die beim deutschen Leser unangenehme Assoziationen wecken müssen: „Der Turul ist das Urbild der Ungarn. Wir werden in es hineingeboren, so wie wir in unsere Geschichte hineingeboren werden. Das Urbild gehört zum Blut und zum Heimatboden.“ Der Archäologe László Simon-Nanko spricht geradezu von einer „Alltags- und Ersatzreligion“. Sie ist sogar in der Wissenschaft präsent. Bei einer Ausstellung im Historischen Nationalmuseum in Budapest 2009 wurde auch die angebliche Verwandtschaft der Ungarn mit dem sagenumwobenen Volk der Skythen behandelt, das in vorchristlicher Zeit am Schwarzen Meer siedelte.

Nationalistische Demonstration in Posen,
2015 - Bild. rosiek.kub/Wikipedia

Die nationale Vergangenheit muss in glorreichem Licht erscheinen, darin unterscheidet sich der neue Nationalismus nicht vom alten. Luleva zitiert ein Papier der „Vereinigten Patrioten“, die zur Zeit im Parlament von Sofia die drittstärkste Fraktion bilden, zu den Lehrplänen der Schulen in Literatur und Geschichte: Die „heiligen Texte der nationalen Wiedergeburt“ müssten „vor den neoliberalen vaterlandslosen Gesellen“ geschützt werden. Ein Punkt, der neuestens in Polen aktuell geworden ist: Die polnische Nation soll vor Anwürfen, sie wäre am nationalsozialistischen Holocaust irgendwie mitschuldig gewesen, juristisch geschützt werden.

In Kroatien, schreibt die Wiener Zeithistorikerin Klaudija Sabo, hat der Unabhängigkeitskrieg dazu geführt, dass „Kriegshelden“ heute recht unbefangen als Repräsentanten der nationalen Identität gefeiert werden. So wurde der Prozess gegen einen kroatischen General 2001 vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag von der Öffentlichkeit als Prozess gegen die kroatische Nation empfunden, der Freispruch als eine Art Unschuldserklärung für das gesamte Volk. Und der Verdacht liegt nahe, dass in der Verherrlichung des sogenannten „Heimatkrieges“ von 1991 auch empfundene Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg mitschwingen, an die „Waffenbrüderschaft“ mit Nazi-Deutschland gegen Serbien.

À propos Serbien: Ausgerechnet über diese Nation, die nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems ihren „alten Nationalismus“ am ungehemmtesten auslebte, als kriegerische Aggressivität gegen ihre Nachbarn, fehlt ein Beitrag. Dass die „Formierung“ nationaler Identität sich auch (und womöglich sogar in der Hauptsache) im vorpolitischen Raum vollzieht, machen etwa die Beiträge der Klagenfurter Kulturwissenschaftlerin Alexandra Schwell zum Fußball und der Münchner Ethnologin Markete Spiritova zur Popmusik deutlich. So hatte der Rockmusiker Daniel Landa mit seinem Song „Du bist Tscheche! Tscheche! Tscheche!“ riesigen Erfolg, im Video wurde der Gesang von einem Meer aus Nationalfahnen begleitet. In früheren Jahren, berichtet Spiritova, machte Landa gelegentlich „rassistische“ Bemerkungen gegen die tschechischen Roma, heute distanziert er sich davon, „mal mehr, mal weniger“.

Unklarheiten, wie wir sie ja auch vom Rechtspopulismus in Deutschland kennen. In Osteuropa verlaufen die Konflikte in vielen Fällen jedoch weit offener, auch die Sprache ist ungehemmter. Die Münchner Ethnologin Noémi Sebök Polyfka zitiert aus dem Programm des slowakischen Politiker Marian Kotleba, der 2013 zum Regionalpräsidenten eines Bezirks an der ungarischen Grenze gewählt wurde: „Wir werden die Menschen vor dem wachsenden Zigeuner-Terror beschützen […] Anständige Menschen in der Slowakei werden tagtäglich beklaut, vergewaltigt und ermordet von Zigeuner-Extremisten.“

Die Migrationsbewegung im Sommer 2015 wurde als Dammbruch erlebt. Die Sozialwissenschaftlerin Margit Feischmidt von der Universität Pécs hat in einer Siedlung bei Szeged im südlichen Ungarn beobachtet, dass den relativ wenigen Flüchtlingen, die bis zum Frühjahr gekommen waren, zunächst Mitgefühl entgegengebracht wurde. „Als sie übermäßig zu kommen begannen“, sagte einer der Einheimischen, die in der Feldstudie befragt wurden, schlug die Stimmung um. „Übermäßig“ in Relation zu den etwa 4.000 Einwohnern in dem Dorf, da es sich „Hunderte“ handelte, „13 bis 14 Jahre alte Burschen in großen Gruppen. Wir spürten nur, dass es eine Flut war“.


Museum für den kroatischen
Unabhängigkeitskrieg, Karlovac
Bild: Dalibor Bosits/Wikipedia

Feischmidt spricht von „Rassismus“, differenziert aber auch gleich, dass es bei diesem neuen Rassismus nicht um biologische oder angeblich biologische, sondern um „moralische und kulturelle“ Gründe gehe. Ob es sinnvoll sein kann, hier einen Begriff anzuwenden, der in der deutschen Sprache nun einmal an Biologie denken lässt, sei dahingestellt. Wichtiger ist eine andere Frage. Offenbar sehen die Einheimischen durch ein „Übermaß“ an Zuwanderung ihre Lebenswelt bedroht, konservativ gesagt: ihre Heimat, über den materiellen Lebensstandard hinaus. Solche Befürchtungen kann man von außen als „rassistisch“ ansehen. Die Betroffenen werden dagegenhalten, es gehe um das Recht jeder politischen Gemeinschaft, über ihre Zukunft selbst zu entscheiden.

Ausgeblendet ist in dem Band eines der heikelsten Probleme des Nationalismus im Osteuropa der Gegenwart. In Bosnien-Herzegowina wie im Kosovo werden die verschiedenen Nationalismen seit Jahren nur mit Mühe von UNO, NATO und EU im Zaum gehalten. Dass es weder sinnvoll noch überhaupt möglich ist, diese Staaten auf Dauer unter Protektorat zu stellen, dürfte klar sein. Die Frage, wie Europa mit diesen Pulverfässern umgehen kann, ist durch die Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahre in den Hintergrund getreten.


Neu auf dem Büchermarkt:

Neuer Nationalismus im östlichen Europa. Kulturwissenschaftliche Perspektiven, herausgegeben von Irene Götz, Klaus Roth und Marketa Spiritova, transcript Verlag, Bielefeld 2017, 298 S. mit z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-8376-3962-9, 29,99 €


Mehr im Internet:
Nationalismus - Wikipedia
Neuer Nationalismus im östlichen Europa. Kulturwissenschaftliche Perspektiven 
scienzz artikel Mechanismen der Politik 


 

 

 

 

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