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12.02.2018 - KULTURGESCHICHTE

Weise Narren und rechte Toren

Von Aesop bis zu Duerrenmatts "Physikern"

von Josef Tutsch

 
 

Narr, vom Meister des Augs-
burger Ecce Homo, um 1520,
Nationalmuseum, Stockholm
Bild: Wikipedia

Es war im November 1315. Herzog Leopold von Österreich rückte mit seinem Ritterheer zu einer Expedition gegen die Bauern von Schwyz aus. Mit ernsthaftem Widerstand rechnete Leopold nicht. Nur sein Hofnarr Hans Kuony von Stocken warnte: „Ihr wisst, wie Ihr nach Schwyz reinkommt, aber nicht, wie wieder raus.“

Der Narr behielt Recht: Die kampferprobten Schweizer Bauern brachten den stolzen Rittern eine empfindliche Niederlage bei. Die Confoederatio Helvetica heute sieht in der Schlacht von Morgarten eines ihrer Gründungsdaten. Doch auch eine der wichtigsten Institutionen der Schwäbisch-Alemannischen Fasnacht, das „Hohe Grobgünstige Narrengericht“ zu Stockach, leitet sich davon ab. Es soll in Erinnerung an diesen weisen Narren gewesen sein, dass Leopolds Nachfolger Albrecht 1351 den Bewohnern von Kunoys Heimatstadt Stockach das Recht verlieh, in den Wochen um Aschermittwoch die „Niedere Gerichtsbarkeit“ in eigener Verantwortung ausüben zu dürfen.

Manchmal ist es klüger, sich nach der Weisheit der Narren zu richten als nach der Torheit der „Weisen“, sagt die Anekdote. Jahrtausende lang, von den ägyptischen Pharaonen bis in die Barockzeit, war es üblich, dass die Mächtigen dieser Welt sich Hofnarren hielten. Das Volk, das seine Gründe hatte, an der Weisheit der Regierenden zu zweifeln, kam zu dem Schluss, gerade sie seien oft die einzig Wissenden und Weisen dort „oben“.

Verlassen kann man sich darauf freilich nicht, dass alles, was aus Narrenmund kommt, weise ist. „Es spricht der Narr in seinem Herzen: Es ist kein Gott!“, heißt es in der Bibel. Der Psalmvers gab eine Rechtfertigung, unter der Narrenmaske – in den Anführungszeichen der Narretei, wenn man so will – Dinge zu sagen, die sonst gotteslästerlich gewesen wären. Oder jedenfalls höchst subversiv. In seinem Roman „Nachtwachen“ ließ Ernst August Friedrich Klingemann 1804 seinen Nachtwächter zum vorangegangenen Jahrhundertwechsel „statt der Zeit die Ewigkeit ausrufen, worüber viele geistliche und weltliche Herren erschrocken aus ihren Federn fuhren und ganz in Verlegenheit kamen, weil sie so unerwartet nicht darauf vorbereitet waren“.

Hofnarr Sebastián de Morra von
Diego Velázquez, um 1645
(Prado, Madrid)
Bild: Wikipedia


1882 stellte Friedrich Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ diese Szenerie nach: Auf dem Markt stimmt ein „toller Mensch“ zum Gelächter der Umstehenden ein „Requiem aeternam deo“ an. Nur ein Narr kann es wagen, die ideenhistorische Entwicklung, die man gängig als „Säkularisierung“ bezeichnet, derart provokant auf den Punkt zu bringen. Wenige Jahre zuvor hatte Gottfried Keller in einer Narrenfigur die Problematik einer Dichterexistenz zwei Generationen nach dem großen Klassiker Goethe reflektiert: Ein Ritterabkömmling irgendwann im späten Mittelalter, verordnet sich selbst, „ein alter Minnesänger zu sein“.

Dieser „Narr auf Manegg“ ist wirklich ein Narr, seine Krankheit besteht darin, etwas sein zu wollen, was er nicht sein kann. Narren: Das sind Weise, die sich eine Tarnkappe übergezogen haben, und wirklich Ver-rückte, professionelle Clowns und „absonderliche Heilige“. Das Urbild im Abendland gab Äsop, der dichtende Sklave, der im 6. Jahrhundert v. Chr. gelebt haben soll und in der Maske der Narretei allerlei Lebensweisheiten verkündete. In der Spätantike erzählte man sich von seinem traurigen Ende: Die Priester von Delphi wollten sich für seine Streiche rächen und verleumdeten ihn, er habe den Tempel bestohlen. Zur Strafe wurde er von einem Felsen gestoßen.

Dahinter mag die Erinnerung an den Tod des Sokrates stehen, dessen Weisheit seine Mitbürger nicht zu ertragen vermochten. Ja, auch Sokrates, dieses Urbild philosophischer Existenz, war in den Augen seiner Umwelt ein Narr. „Wenn einer des Sokrates Reden hören will“, schrieb Platon im Dialog „Das Gastmahl“, „so werden sie ihm anfangs ganz lächerlich vorkommen.“ Dann jedoch werde er finden, „dass diese Reden inwendig Vernunft haben, dass sie ganz göttlich sind und die schönsten Götterbilder von Tugend in sich enthalten“.

Der scheinbare Narr als Sprachrohr der Götter … Platon übertrug auf seinen Lehrer Sokrates die Lehre von der göttlichen Inspiration des Dichters, die bereits in der „Ilias“ und der „Odyssee“ zum Ausdruck kommt: Es ist die Muse, die Homer darum bittet, seine Gedichte zu singen. Allerdings – was Homers Muse sang, war aus Platons Sicht die Unwahrheit. Seit zweieinhalb Jahrtausenden stehen die Dichter unter dem Verdacht, dass ihre Werke bloß ein lügnerisches Spiel sind. „Der Wahrheit Freier? Du?“, höhnt in einem Gedicht Friedrich Nietzsches ein „alter Zauberer“, „Nein! Nur ein Dichter! … Nur Narr! Nur Dichter!“

Nur Narr? Daneben und dagegen steht eben die andere Tradition, dass sich gerade im Narrenmund Wahrheit und Weisheit kundtun. 1511 schrieb Erasmus von Rotterdam sein „Lob der Torheit“, ein Vexierspiel, in dem die Torheit sich als wahre Weisheit offenbart und die eingebildete Weisheit als das entlarvt wird, was sie in Wahrheit ist, eben Torheit. Allerdings – es ist die Torheit, die da spricht. Ob ihre Worte weise sind? Erasmus konnte sich nicht nur auf Sokrates und Platon berufen, sondern auch auf das Neue Testament. Im 1. Korintherbrief machte sich der Apostel Paulus das Konzept einer göttlich inspirierten Narrheit zunutze: „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott“ – und umgekehrt: „Wir sind Narren um Christi willen.“

Hieronymus Bosch: Das
Narrenschiff, um 1505/10
(Louvre, Paris)
Bild: Wikipedia 


Die Narrheit als das große Fragezeichen zur gewohnten, scheinbar so selbstverständlichen Ordnung unserer Welt, die vielleicht aber doch eine Unordnung ist. 1961 brachte Friedrich Dürrenmatt unsere Gegenwart im Bild einer psychiatrischen Klinik auf die Bühne. Drei geniale Physiker haben sich die Narrenkappe übergezogen, um zu verhindern, dass ihre Erfindungen militärisch genutzt werden und den Weltuntergang herbeiführen. Vergeblich: Eine Irrenärztin, sie ist wirklich verrückt, hat sich die Forschungsergebnisse längst angeeignet.

In diesem Fall ist die scheinbare Narretei mit besserer Einsicht assoziiert. Aber eindeutig ist hier gar nichts. Früher, erzählt der Freiburger Volkskundler Werner Mezger in seinem Buch über die Schwäbisch-Alemannische Fasnacht, wurde in Wolfach im Schwarzwald zum Fasnachtsmontag gesungen: „Im Namen des Herrn Entechrist der Narrotag erschienen ist“. Der Entechrist – das ist der Antichrist, der Satan. Der zunächst etwas rätselhafte Vers verweist auf den Zusammenhang, aus dem heraus Fasnacht und Karneval im Mittelalter entstanden: Die Narretei war als Inbegriff einer sündigen Welt gedacht, bei der über die tollen Tage so etwas wie eine Stippvisite gemacht werden durfte, bevor die Fastenzeit begann, als Vorbereitung auf Ostern als das Fest der Erlösung.


An der Maison des Têtes in Colmar ist dieser Gedanke verbildlicht: Eine Figur, halb Mensch, halb Ziegenbock, mit einer schellenbehangenen Eselsohrenkappe, trägt Zwangsjacke und Fußfesseln. Die Gesellschaft pflegt der Narrheit ihre Fesseln anzulegen, das war im 17. Jahrhundert, als das Haus entstand, nicht anders als heute. Die Frage allerdings, ob es sich wirklich um Narrheit handelt und nicht doch um verborgene Weisheit, wird gern verdrängt. Bei der Fasnacht besteht die „Fessel“ in der zeitlichen Beschränkung: Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Unwiderruflich – bis zur Fasnacht im nächsten Jahr.




Mehr im Internet:
Narr - Wikipedia
scienzz artikel Rund um den Karneval

 

 

 

 

 

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