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07.03.2018 - DEUTSCHE LITERATUR

"Wir haetten ihn ja wahrscheinlich doch nicht promovieren koennen"

Vor 100 Jahren verstarb der Schriftsteller Frank Wedekind

von Josef Tutsch

 
 

Frank Wedekind
Bild: Wikipedia

So viel aktuelle Kontroverse widerfährt einer fast 130 Jahre alten Dichtung selten. 2009 musste der Zürcher Staatsanwalt ein Verfahren gegen einen Deutschlehrer an der Kantonsschule Rämibühl einleiten. Eine Mutter hatte ihn beschuldigt, den Schülern pornographisches Material vermittelt zu haben. Einer der anstößigen Texte: „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind.

Dem Dichter wäre dieses Szenario bekannt vorgekommen. Seine „Kindertragödie“ war nach der ersten Buchausgabe 1891 von der Zensur als „unerhörte Unflätigkeit“ indiziert worden; erst 1912 gab das Berliner Oberverwaltungsgericht die Uraufführung frei, in einer gemilderten Bühnenversion. Sexuelle Aufklärung, eine Gruppenmasturbation, homoerotische Wünsche, sogar Andeutungen von Sadomasochismus – das war für die Gesellschaft des wilhelminischen Kaiserreichs zu viel.

Es blieb nicht der einzige „skandalöse“ Text im Werk von Frank Wedekind, der am 9. März 1918, vor 100 Jahren, in München verstarb. 1902 trug er im Münchner Kabarett „Elf Scharfrichter“ sein Gedicht „Der Tantenmörder“ vor: „Ich hab‘ meine Tante geschlachtet, meine Tante war alt und schwach ...“ Das Gedicht provozierte durch die political incorrectness, die Tötung eines Menschen als „Schlachten“ zu bezeichnen. Und der Mörder, der in diesem Gedicht sein Verbrechen „gestand“, zeigte nicht einmal Reue, er kehrte die Perspektive um und wollte die Strafjustiz auf die Anklagebank setzen: „Ihr aber, o Richter, ihr trachtet meiner blühenden Jugend nach.“

1898 hatte Wedekind den deutschen Kaiser höchstpersönlich aufs Korn genommen. Wilhelm II. ging, halb politische Expedition, halb fromme Wallfahrt, auf Palästinareise. Während die übrige deutsche Presse pflichtgemäß ihre Huldigung zollte, mokierte sich der freche Verseschmied in der Zeitschrift „Simplicissimus“ über die ungelösten Probleme der deutschen Innenpolitik: „Nicht jeder Herrscher wagt sich auf die Reise ins alte Kanaan. Du aber fandst, du seist zu Hause momentan entbehrlich; der Augenblick ist völlig ungefährlich; und wer sein Land so klug wie du regiert, weiß immer schon im Voraus, was passiert.“

Als Wedekinds Gedicht erschien, konnten die Leser noch gar nicht sehen, wie treffend darin das pseudo-sakrale Kaisertum der Hohenzollern karikiert war. Beim Einzug Wilhelms in Jerusalem, der eine Woche darauf stattfand, hatte das Protokoll sich allen Ernstes vorgenommen, den Einzug Jesu nachzuahmen und zu überbieten. Während der Kaiser zu Pferde ritt, die Kaiserin im vierspännigen Galawagen fuhr, standen zu beiden Seiten bestellte Zuschauer Spalier, die mit Palmwedeln winkten. „Wie wird von nun an Golgatha sich brüsten“, hatte Wedekind gehöhnt, „das einst vernahm das letzte Wort vom Kreuz und heute nun das erste deinerseits.“

"Frühlings Erwachen" 1891
Bild: Wikipedia



Der Dichter musste diese Frechheit mit fünf Monaten Festungshaft büßen. Alles Aufregungen von gestern? Nun, übertragen in islamische Religions- und Kulturzusammenhänge würden solche Verse auch heute Skandal erregen. In der erzwungenen Muße wandte sich Wedekind dem Wirtschaftsleben zu und schrieb eine Schwindlerkomödie, den „Marquis von Keith“. Natürlich begnügte er sich nicht mit der banalen Erkenntnis, dass es in der Wirtschaft nicht gerecht zugeht und dass die Menschen sich nicht an die Normen halten, die sie selbst verkünden. Er brachte Friedrich Nietzsches Erkenntnis auf die Bühne, dass diese Normen, sobald man sie in die Realität hineinstellt, ihren doppelten und dreifachen Boden haben können. „Das glänzendste Geschäft in dieser Welt ist die Moral“, zieht die Hauptperson des Stücks die zynische Bilanz.

Wedekind hielt den „Marquis“ später für sein „künstlerisch reifstes und geistig gehaltvollstes Stück“. Am tiefsten jedoch beschäftigten ihn die Nöte des Geschlechts. Seit 1892 schrieb er an dem Doppelstück „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“, das bis heute als sein Hauptwerk gilt. Nach der Veröffentlichung 1903 kam es prompt wiederum zu einem Prozess wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften, der 1906 in der dritten Instanz jedoch ganz überraschend mit einem Freispruch für den Autor endete.

Allerdings gleichzeitig – eine wahrhaft salomonische Entscheidung des Gerichts – auch mit einem Verbot des Stücks. Wedekind reagierte, indem er der „gereinigten“ Fassung einen „Prolog in der Buchhandlung“ voransetzte. Auch das wird manchen konservativ gestimmten Bildungsbürger als Sakrileg vorgekommen sein: Dieser „Prolog“ parodierte unverhohlen Goethes „Vorspiel auf dem Theater“ zum „Faust“. Doch bereits im Titel hatte Wedekind dem Dichterfürsten Konkurrenz gemacht. Das Wort „Erdgeist“ stammt aus dem „Faust“, er ist dort der Inbegriff dessen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ und was Faust mit seiner Stubengelehrsamkeit nicht zu begreifen vermag.

Wedekind meinte einmal, statt „Erdgeist“ hätte er auch „Realpsychologie“ in den Titel setzen können. Die Parallele zu Sigmund Freuds „Traumdeutung“ ist offenkundig: Wedekind wollte das Menschliche, Allzumenschliche, oft Triebhaft-Sexuelle entlarven, das „wirklich“ hinter den hochgehaltenen Idealen und Werten steckt. „Das Fleisch hat seinen eigenen Geist“, sagte Wedekind. Er war freilich viel zu reflektiert, um in dieser Erkenntnis nur das emanzipatorische Potential zu sehen. 1905 brachte er „Hidalla“ auf die Bühne, ein Schauspiel um einen demagogisch begabten „Weltverbesserer“, der davon träumt, „Rassemenschen“ zu züchten.

Und auch die „Büchse der Pandora“ ist ganz und gar kein optimistisches Stück. Die Hauptfigur Lulu – sie ersetzt Goethes Gelehrten Faust – ist halb archaische Göttin der Sexualität, halb eine moderne Frau, die ihre „Natürlichkeit“ ausleben will. Sie endet als Straßenhure. Was viele Zeitgenossen damals vielleicht noch mehr irritierte als alles Sexuelle: Gegenüber Fragen nach dem Sinn des Lebens zeigt sich Lulu völlig desinteressiert, ihre Antwort ist nur ein lapidares „Ich weiß es nicht.“
Kabarett "Elf Scharfrichter", um 1900
Bild: Wikipedia



Eine anti-metaphysische Haltung, die unter den Intellektuellen der Epoche verbreitet war, Lulus – oder Wedekinds – Provokation bestand in der lebenspraktischen Folgerung . 1872 hatte der Naturforscher Emil du Bois-Reymond zu den großen Welträtseln frank und frei erklärt: „Wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen.“ „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein 1918, in Wedekinds Todesjahr, in seinem „Tractatus logico-philosophicus“.

Oder vielleicht auch Töne sprechen lassen – die Oper „Lulu“, die Alban Berg um 1930 zu Wedekinds Stück komponierte, wurde eines der ganz wenigen Erfolgsstücke der modernen Musik. Wie die Musik konnte in Wedekinds Sinn auch Gestik und Mimik, eben das Visuelle am Theaterspiel, bis hin zu Zirkusclownerien an die Stelle der Worte treten. Im Naturalismus, der Ende des 19. Jahrhunderts das deutsche Theater beherrschte, sah Wedekind eine bedauerliche Verarmung; „wie lange wird diese unfreundliche, düstere Muse uns noch beherrschen?“, seufzte er einmal über eine Aufführung von Gerhart Hauptmanns „Fuhrmann Henschel“.

Frank Wedekind – einer der „von der Literaturgeschichte glücklos gehaltenen Wildlinge“, schrieb 1924, sechs Jahre nach seinem Tod, der Kritiker Bernhard Diebold und stellte ihn in eine Reihe mit Büchner, Lenz, Bürger und Grabbe: „Jedes dieser 'Originalgenies' wurde von der jeweils herrschenden Richtung verkannt oder aus moralischer Empörung verdonnert – gewissermaßen als Ruhestörer der gerade am literarischen Steuer stehenden Stimmungsmacher, Klassizisten oder Naturalisten!“

Heute haben wir mit Wedekind andere Schwierigkeiten. Das Thema, an dem er sich mit Vorliebe abarbeitete, die Sexualität, scheint heutigen Sittenwächtern viel weniger bedrohlich als damals; der „wilde Sozialreformer“, wie Friedrich Dürrenmatt den Dichter 1952 nannte, ist nicht mehr ganz so aktuell. Geblieben ist der große Komödienschreiber. Ja, auch seine Dramen mit tragischem Ausgang sind, wenn man so will, Komödien. In der Unübersichtlichkeit unseres modernen Lebens, meinte Dürrenmatt, seien die traditionellen Begriffe von Schuld und Verantwortung und sittlicher Läuterung fragwürdig geworden, dieser Komplexität komme der Dichter nur mit der tragikomischen Groteske bei.

Eine Mischform, die traditionell im Schatten der „reinen“ Tragödie und der „reinen“ Komödie steht. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie ihren großen Aufschwung, mit Dürrenmatts „Physikern“ und „Besuch der alten Dame“ oder Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“, international mit dem „Absurden Theater“ eines Samuel Beckett und Eugène Ionesco. Einen „Klassiker“ der tragikomischen Gattung hatte Wedekind bereits im späten 19. Jahrhundert vorgelegt. „Frühlings Erwachen“ enthält eines der satirisch treffendsten Dialogstücke, die jemals einem deutschen Dichter eingefallen sind. Dem Leser oder Zuschauer bleibt das Lachen im Halse stecken. Am Grab des Schülers Moritz, der sich in seinen Nöten das Leben genommen hat, schüttelt Rektor Sonnenstich dem Vater tröstend die Hand: „Wir hätten ihn ja wahrscheinlich doch nicht promovieren können!“


Mehr im Internet:
Frank Wedekind - Wikipedia 
scienzz artikel Klassiker der modernen deutschen Literatur

 

 

 

 

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