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21.03.2018 - GESCHICHTE

Die Militanten waren in der Minderheit - und stellten doch immer wieder die Weichen

Peter H. Wilson ueber den Dreissigjaehrigen Krieg

von Josef Tutsch

 
 

Zeitgenössische Geschich-
te des Kriegs, von Eber-
hard Wassenberg, 1647
Bild: Wikipedia

2008, stellt der Kriegshistoriker Peter H. Wilson von der University of Oxford fest, hätte Mitteleuropa einen Rekord feiern können. Zuvor galt die Epoche zwischen dem Reichstag zu Augsburg 1555 und dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618 als die längste Friedensperiode in der deutschen Geschichte. Nun, 63 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, konnte diese Zeitspanne übertroffen werden.

Als am Morgen des 23. Mai 1618 Vertreter der böhmischen Stände drei Räte ihres Landesherrn, des habsburgischen Kaisers, aus einem Fenster der Prager Burg warfen, ahnte noch niemand, dass sich daraus ein großer europäischer Krieg entwickeln würde. In den frühen 1620er Jahren, berichtet Wilson, begannen einige Chronisten zu zählen, sie sprachen von einem „fünf“- oder „sechsjährigen Krieg“, bis es schließlich 30 Jahre wurden. Aber man darf sich nicht täuschen lassen, betont der Historiker: Zum europäischen Konflikt entwickelte sich der Krieg erst mit der Eskalation Anfang der 1630er Jahre, nachdem Schweden in die Auseinandersetzung zwischen den Reichsständen eingegriffen hatte.

Wilson hat eine mehr als eintausend Seiten starke Geschichte dieses Dreißigjährigen Krieges vorgelegt, jetzt ist die deutsche Übersetzung erschienen. Der Umfang erklärt sich auch daraus, dass der britische Forscher gegenüber den „großen“ Linien, die in der Geschichtsschreibung gern gezogen werden, misstrauisch ist: In ihnen werden die Fragen und Interessen der eigenen Gegenwart dem historischen Material übergestülpt. Gelegentlich hat der Leser von Wilsons Buch den Eindruck, da sollte der gleichzeitig erschienene Band seines Berliner Kollegen Herfried Münkler kritisiert werden. Aber Wilsons Darstellung liegt im englischen Original seit 2009 vor.

Tatsächlich ist die Konzeption beider Studien völlig unterschiedlich. Vereinfacht gesagt: Münkler sieht den Dreißigjährigen Krieg als Politikwissenschaftler, für ihn ist dieser Krieg ein „Fall“, der uns helfen kann, auch andere Kriege zu verstehen; der Geschichtswissenschaftler Wilson betont die Einzigartigkeit der historischen Abläufe. Aber natürlich gehört es zum Begriff der Geschichte, dass Menschen ihre Gegenwart auf dem Hintergrund der Vergangenheit sehen und dass sie aus der Geschichte zu lernen versuchen. Wilson zitiert einen Kollegen, der noch vor wenigen Jahren schrieb: „Niemals zuvor und auch niemals nachher, nicht einmal während der Bombennächte des Zweiten Weltkriegs, wurden das Land so verheert und die Menschen so gequält.“

Das historische Bewusstsein unserer Gegenwart sieht es wohl anders, als es in diesem Zitat zum Ausdruck kommt: Der Zweite Weltkrieg hat den Dreißigjährigen Kriegs als Höchstmaß der Schrecken abgelöst. Und während für die Geschichte des 17. Jahrhunderts Deutschland primär als Opfer begriffen werden konnte, ist eine solche Sichtweise für das 20. Jahrhundert schlechterdings unmöglich.

Prager Fenstersturz 1618, aus dem "Thea-
trum Europaeum", 1662 - Bild: Wikipedia


Zum Dreißigjährigen Krieg hat die Geschichtsschreibung zwei oder vielmehr drei sehr verschiedene Täter-Opfer-Narrative entwickelt. Als Täter wurden Soldaten aus aller Herren Länder angeprangert: Kroaten, Schweden, Schotten, Ungarn, Franzosen usw. usf. Aber auch die Katholiken – oder umgekehrt die Protestanten, je nachdem. Bereits die Zusammensetzung der kämpfenden Armeen, vermerkt Wilson, mache jedoch klar, dass dieser Krieg in erster Linie kein Glaubenskrieg war. Zwar drängten manche Fürsten darauf, ihre Soldaten sollten sich zur jeweils „wahren“ Konfession bekennen. Doch der Brauch, Gefangene in den eigenen Dienst zu pressen, sorgte dafür, dass alle Armeen konfessionell bunt gemischt waren. „Die meisten zeitgenössischen Beobachter sprachen von kaiserlichen oder schwedischen oder bayerischen Truppen, nicht von katholischen oder protestantischen.“ Davon zu schweigen, dass sich das katholische Frankeich an die Seite Schwedens und der protestantischen Reichsstände stellte, das protestantische Sachsen zeitweise an die Seite des katholischen Kaisers.

Aus der historischen Rückschau betrachteten allerdings bereits protestantische Chronisten im späten 17. Jahrhundert das Eingreifen Schwedens in den Krieg als Rettung ihrer Konfession aus höchster Not. Zum Religionskrieg vereindeutigten die Historiker den Dreißigjährigen Krieg jedoch erst im 19. Jahrhundert. Erstens wurde die Konkurrenz zwischen Österreich und Preußen um die Vorherrschaft in Mitteleuropa auf dem Hintergrund des konfessionellen Gegensatzes gesehen. Zweitens, vermerkt Wilson, harmonierte mit der religiösen Interpretation des Konflikts eine rein säkulare, die in Reformation und Glaubenskriegen Stationen eines Modernisierungsprozesses der europäischen Zivilisation sehen wollte, einer langwährenden „Befreiung“ vom Mittelalter. Ein Punkt, an dem die strenge Geschichtswissenschaft einerseits, die politische Selbstdeutung der Gegenwart andererseits bis heute aufs engste zusammenhängen. Dass es sinnlos ist, einander in Kämpfen um den rechten Glauben zu zerfleischen, gehört seit der Aufklärung zur politischen Kultur des Westens.

Leider musste Europa in der Folge feststellen, dass Nationen nicht friedlicher sind als Konfessionen. In der deutschen Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert, schreibt Wilson, war es weitgehend Konsens, dass der Dreißigjährige Krieg und der folgende Friede von Münster und Osnabrück den Anfang vom Ende des alten Deutschen Reiches gebracht hätte, der Krieg wurde als Vorspiel der napoleonischen Expansion über Europa angesehen. Als Beginn eines Verfallsprozesses also, vor dem sich der Aufstieg Preußens umso glorreicher abheben konnte. Wilson meldet Zweifel an der Realistik auch dieser Entwicklungslinie an. Zwar konnten die Kaiser in Wien niemals so absolutistisch regieren wie die französischen Könige, sie mussten das Einvernehmen mit den Fürsten suchen. Aber „die hauptsächliche Auswirkung des Dreißigjährigen Krieges bestand nicht darin, die Bindungen zwischen dem Reich und den Territorien zu lockern, sondern die Herrschaft der Territorien über ihre Untertanen zu stärken“. Vor 1618, berichtet Wilson, hatte manche Provinzstände eigene Milizen unterhalten und Gesandte an ausländische Mächte geschickt. Das galt unter der neuen Reichsverfassung nun als illegal.

Ein Kampf um die Reichsverfassung also – und in der Anfangsphase bloß um die Verfassung des Königreichs Böhmen. Die europäische Dimension, vor allem die Interessen Frankreichs, wird in Wilsons Darstellung demgegenüber in den Hintergrund gerückt. Immer wieder stellt der Autor die großen Linien, mit denen frühere Historikergenerationen diesen Krieg gedeutet haben, in Frage: Die Fülle des historischen Materials geht in diesen Linien nicht auf. Welche Umsicht bereits bei der Interpretation der Quellen angebracht ist, verdeutlicht Wilson an einem belletristischen Beispiel, dem Schelmenroman „Der abenteuerliche Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen. Die Schilderung der Schlacht von Wittstock, 1636, liest sich, als wäre der Romancier selbst dabei gewesen. Leider haben die Literaturhistoriker aufgedeckt, dass Grimmelshausen die Details weitgehend einem damals populären englischen Roman entnahm, „Arcadia“ von Sir Philip Sidney, erschienen 1590.

Bei den Greuelszenen im Roman, die unser heutiges Bild vom Dreißigjährigen Krieg ganz wesentlich prägen, wird man in der Tat Realismus unterstellen dürfen. Historisch belegt ist etwa das „Frankenburger Würfelspiel“, 1625: Achtundreißig Repräsentanten von Dörfern in Oberösterreich wurden gezwungen, paarweise um ihr Leben zu würfeln. Die Verlierer wurden gehenkt. Aber es ist schwer zu sagen, ob solche Greuel das Gesicht des Dreißigjährigen Krieges mehr prägten als das anderer Kriege. Was vielleicht noch verwirrender ist: Häufiger als solche Schreckensszenen sind im Roman Passagen, die das Soldatenleben durch und durch erfreulich erscheinen lassen. Oder wenigstens in humoristischem Licht. Der Folterszene ließ Grimmelshausen ein Lamento über die Schwierigkeiten der Beförderung im Militär folgen. Ein Aspekt, der in Darstellungen des Dreißigjährigen Krieg in der Regel übersehen wird: Wilson macht darauf aufmerksam, dass es auch in fernen Gegenden Opfer gab. Vor allem in Südamerika mussten Sklaven in Silberminen und auf Zuckerrohrplantagen das Kapital für die Kriegsführung beschaffen.

Jacques Callot: Der Galgenbaum, 1632
Bild: Wikipedia


Fragt man ganz unwissenschaftlich, was sich aus dem Dreißigjährigen Krieg vielleicht lernen lässt, fällt Wilsons Bemerkung ins Auge, dass es auf beiden Seiten „Moderate“ und „Militante“ gab. Dabei, betont der Autor, hätten die Moderaten nicht im modernen Sinne „säkular“ gedacht, sie waren ganz einfach „pragmatisch gesinnt“. Ohne das ersehnte Ziel einer Wiedervereinigung aller Christen in einer einzigen Kirche grundsätzlich aufzugeben, wollten sie den Heiligen Krieg eben nicht auf die Tagesordnung setzen.

Und an dieser Stelle lässt der Autor, bei aller wissenschaftlichen Zurückhaltung, auch Aktuelles einfließen. Die Militanten, die „Fundamentalisten“, wie man heute sagen würde, bildeten eine Minderheit, doch ihre Militanz – als das Gefühl, von Gott zum Heiligen Krieg auserwählt zu sein – stellte gelegentlich die Weichen.  So beim Ausbruch des Krieges, als fanatische Protestanten im Mai 1618 den Prager Fenstersturz herbeiführten und Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz ein Jahr später gegen alle Realpolitik beschloss, sich an die Spitze des böhmischen Aufstands zu stellen. Auch bei den Versuchen des kaiserlichen Hofs, nach den ersten militärischen Erfolgen die Säkularisation von Kirchengütern zurückzudrehen. Der Historiker ringt sich eine Mahnung ab: Die Stimmen der Zeitgenossen aus dem 17. Jahrhundert „warnen uns vor der Gefahr, jenen Macht zu verleihen, die sich durch Gott zum Krieg berufen fühlen oder glauben, dass ihre Vorstellungen von Recht und Ordnung die einzig gültigen sind“.


Neu auf dem Büchermarkt:
Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie, aus dem Englischen von Thomas Bertram, Tobias Gabel und Michael Haupt, Theiss Verlag, Darmstadt 2017, 1160 S. mit 40 farb. Abb., 27 Kart., 8 Tab., ISBN 978-3-8062-3628-6, 49,95 €


Mehr im Internet:

Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie 
Dreißigjähriger Krieg - Wikipedia
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