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17.03.2018 - ENGLISCHE LITERATUR

"Ein sorglos gemachtes, artiges, unsinnvolles, gutgelauntes Buch"

Vor 250 Jahren verstarb Laurence Sterne

von Josef Tutsch

 
 

Laurence Sterne, von Joshua Rey-
nolds, 1760 (National Portrait Gal-
lery, London) - Bild: Wikipedia

Ohne den englischen Schriftsteller Laurence Sterne wäre die deutsche Sprache ärmer. Als sich nach dem Erscheinen seiner „Sentimental Journey Through France und Italy“ 1768 der Übersetzer Johann Joachim Christoph Bode daranmachte, den Roman ins Deutsche zu übertragen, wusste er nicht so recht, wie er „sentimental“ wiedergeben sollte. Er zog seinen Freund Gotthold Ephraim Lessing zu Rate. Der schlug eine ganz neue Wortprägung vor: „empfindsam“. Der Neologismus machte Karriere. Heute wird die Epoche der Aufklärung auch als „Zeitalter der Empfindsamkeit“ bezeichnet.

Und mit diesem Buch gewann auch der Schriftsteller selbst, der am 18. März 1768, vor 250 Jahren, in London an der Tuberkulose verstarb, auch auf dem Kontinent seinen Ruhm. Dass Sterne bald als Herold der empfindsamen Bewegung verehrt wurde, beruht halb und halb allerdings auf einem Missverständnis. Tatsächlich stellt Reverend Yorick, die Erzählerfigur in Sternes Roman, seine Gefühle recht freimütig zur Schau. Aber immer wieder ließ der Romancier in der durchaus echten und ehrlichen Rührung seines „Helden“ auch ein Element von Ironie und Komik durchscheinen – weitab von jener selbstquälerischen Attitüde, mit der Jean-Jacques Rousseau etwa gleichzeitig mit diesem Roman seine „Bekenntnisse“ verfasste.

Sterne war ein Meister dessen, was Friedrich Nietzsche später als „doppelte Optik“ bezeichnete. In der „Empfindsamen Reise“ wirkt dieses Nebeneinander von Pathos und Parodie so gedämpft, dass manche Leser es gar nicht bemerkt haben werden. Wahrscheinlich wollte der Autor damit auf die Kritik eingehen, die es an seinem früheren Roman gegeben hatte, dessen erste Bände 1759 erschienen waren, den „Leben und Meinungen des Tristram Shandy. Teile des Publikums hatten sich vor allem an den leicht dahin geworfenen Obszönitäten gestoßen. Sterne selbst gab sich unschuldig: „Gleichwie ein Mensch, der weiß, wie er sich in guter Gesellschaft zu benehmen hat, niemals wagen würde, alles zu sagen, so wird auch der Autor, der die Grenzen des Anstands und der guten Lebensart kennt, nicht alles denken.“

Das nennt man wohl „cant“, weniger vornehm könnte man sagen: Scheinheiligkeit. Sterne war, um einen Ausdruck von Max Weber zu nehmen, „religiös völlig unmusikalisch“. Dennoch hatte er, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, die theologische Laufbahn eingeschlagen, als Dorfpfarrer. Er flüchtete sich in die Ironie, seine Predigten wurden als höchst unterhaltsam gerühmt. Erst nach zwei Jahrzehnten wagte er es, mit seinem „Tristram Shandy“ vor das lesende Publikum in London zu treten.

Es wurde eines der amüsantesten Bücher der Weltliteratur. Dabei passiert eigentlich gar nichts. Es handelt sich um eine einzige Folge von Konversationen, die vom Hundertsten aufs Tausendste springen, scheinbar ohne jede Regel. Vor allem ohne chronologische Ordnung. Statt eines linearen Erzählduktus herrscht eine freischweifende Assoziation. Zwar beginnt es tatsächlich mit dem Anfang, sogar ein Stück zuvor: „Ich wollte, mein Vater oder auch meine Mutter oder eigentlich beide – denn es wäre wirklich beider Pflicht und Schuldigkeit gewesen – hätten sich ordentlich zu Gemüte geführt, was sie tun wollten, als sie mich zeugten.“ Doch dann geht es in bunter Abfolge mal vor und mal zurück. Als Sterne 1767 den neunten Band herausbrachte, den letzten, den er schreiben konnte, mussten die Leser feststellen, dass er zeitlich sogar vor dem ersten spielt, lange vor der Geburt des Erzählers.

Illustration von Henry William Bunbury zu
"Tristram Shandy", 1773 - Bild: Wikipedia


So gut wie nichts in diesem Buch ist wirklich ernsthaft. Bereits der Titel ist eine Parodie. „Leben und Meinungen“ – nicht „Leben und Abenteuer“, wie damals zahllose englische Romane betitelt waren, bis heute bekannt: der „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe. Vom „Leben“ des Tristram Shandy ist auf den hunderten Seiten, die dann folgen, jedoch kaum die Rede, auch nicht von dessen „Meinungen“. Vielleicht wollte Sterne darüber in den Bänden 10 ff. einiges erzählen. Doch in dem, was wir lesen könnten, gelten weite Passagen den Steckenpferden von Vater und Onkel. So interessiert sich Onkel Toby für gar nichts in der Welt – außer für die Kunst des Festungsbaus. Leider ist er selbst durch eine Kriegsverletzung außer Gefecht gesetzt.

Dass diese Verletzung ausgerechnet die Leiste betraf, gab dem Autor Anlass zu manch ungehörigem Scherz. Ungehörig vor allem für einen geistlichen Herrn, meinten manche Kritiker. Doch wie Sterne eben sagte: Ein Autor, der die Grenzen des Anstands und der guten Lebensart kennt, wird nicht alles denken. Schließlich hat es sich der Leser ja auch selbst zuzuschreiben, wenn er bei den ausgedehnten Spekulationen von Tristrams Vater Walter über einen Zusammenhang zwischen der Nasenlänge eines Menschen und seinen sonstigen Fähigkeiten auf die Idee verfällt, es könnte noch etwas anderes als der Gesichtserker gemeint sein.

Nicht nur Sternes Vorliebe für die sexuellen Nebenbedeutungen der Worte erinnert an seinen zwei Jahrhunderte jüngeren Kollegen Arno Schmidt. Auch in der Typographie nahm der englische Schriftsteller des 18. Jahrhunderts spätere Entwicklungen vorweg. Ganze Zeilen bestehen aus Sternchen oder Gedankenstrichen. An einer Stelle findet sich statt lesbarem Text ein Rechteck. Darin soll sich der Leser dann ein Bild vorstellen. Gleich zu Beginn verstieß der Autor mit einem griechisch geschriebenen Motto gegen das Gebot, einen verständlichen – für das gewünschte Publikum verständlichen – Text zu liefern. Sterne setzte wohl darauf, ein wenig Rätselraten in der Londoner Gesellschaft würde seinem Buch viel schneller zu Bekanntheit verhelfen.

Dabei war dieses Motto durchaus ernsthaft gemeint, beinahe die einzige ernsthafte Passage im ganzen Buch. „Nicht die Dinge beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen über die Dinge“, hatte Sterne dem Büchlein des antiken Philosophen Epiktet über die Moral entnommen. In der Maske des Epiktet – und mit der skeptischen Erkenntnistheorie eines John Locke im Rücken – wagte Sterne einen Angriff auf die metaphysische Philosophie seiner Zeit. In der assoziativen Schreibtechnik, in der Durchbrechung der Chronologie, in der Abfolge von Zufällen, die sich den grotesken Anschein von Schicksal geben, spiegelte Sterne diese Skepsis.

Doch es blieb ein Angriff in Scherzen und in der Kunst des Romans. Zu kämpfen – auch mit Argumenten zu kämpfen – war Sternes Sache nicht. „Ich schreibe ein sorglos gemachtes, artiges, unsinnvolles, gutgelauntes Buch, das Ihrem Herzen guttun wird“, ließ er seinen Tristram sagen. „Und auch Ihrem Kopf – vorausgesetzt, Sie verstehen es.“ „Es“ – nämlich, dass der Autor dieses scheinbare Durcheinander souverän zu planen und weite Bögen zu spannen wusste. Im 1. Band erläutert Tristrams Vater des Langen und des Breiten seine Theorie, dass der Vorname eines Kindes dessen Lebenslauf entscheiden beeinflusst. Er möchte seinen Sohn „Trismegistus“ nennen, griechisch für „der dreimal Größte“. Leider weiß der Pfarrer, der das Kind im 4. Band tauft, damit nichts anzufangen. „Es gibt keinen christlichen Vornamen, der mit ‚Tris‘ anfängt als Tristram.“ „So wurde ich Tristram getauft und werde so heißen bis an mein seliges Ende.“

Und so nimmt Tristrams Unglück seinen Lauf. Dabei bleiben die großen Konflikte freilich aus. Im 5. Buch wird die berühmt gewordene Episode von der ungewollten „Beschneidung“ des kleinen Tristram erzählt, auf welche des Vaters Betrachtungen über lange „Nasen“ nach der Intention des Autors von Anfang an hinzielen. Da gerade kein Topf zur Hand ist, hält das Zimmermädchen den Fünfjährigen zum Pinkeln aus dem Fenster. „Wie ein Blitz fuhr das Fallfenster auf uns herab.“ „Es war gar nichts, ich verlor dabei nicht zwei Tropfen Blut.“

Shandy Hall, Sternes Haus in Coxwold,
North Yorkshire 
Bild: Gordon Hatton/Wikipedia


Tristram – ein trauriger Narr. Seine Weisheit besteht darin, die Beschränktheit seiner Natur zu akzeptieren. Miguel de Cervantes hatte seinem Narren Don Quijote so manche große tragische Szene gegönnt. Ganz anders Sternes Roman, der sich eng in den Grenzen des Humors hielt. Eines recht leisen Humors sogar, wenn man die komischen Einfälle etwa mit Jean Rabelais, dem Verfasser der Romane um Gargantua und Pantagruel, vergleicht. Der ließ immer wieder ganze Kaskaden sexueller Unflätigkeiten los. Auch gegenüber der Komik seines älteren Kollegen Jonathan Swift wirkt Sternes Humor sehr zurückhaltend. Er testete eben bloß in aller Vorsicht, wie weit sich in der guten Gesellschaft mit Scherzen gehen ließ. Und er hütete sich, diese Grenzen allzu weit zu überschreiten.

Der Erfolg des „Tristram Shandy“ bot Sterne die Möglichkeit, durch Frankreich und Italien zu reisen. Nach seiner Rückkehr gestaltete er daraus die „Sentimental Journey“ – einen Reisebericht, der ohne alle Sehenswürdigkeiten auskommt. Die äußere Wirklichkeit dient bloß dazu, bei den Figuren wie bei den Lesern Empfindungen auszulösen. Klassiker der modernen englischen Literatur wie James Joyce und Virginia Woolf konnten darin ihre eigene Technik des „Bewusstseinsstroms“ wiedererkennen.

Manchem Kritiker in viktorianischer Zeit wie etwa William Makepeace Thackeray waren Sternes Scherze schon zu laut, zu aufdringlich. Umgekehrt wird der eine oder andere Leser heute seinen Humor vielleicht allzu leise finden. Dem Publikum des späten 18. Jahrhunderts kam er entgegen. „Sein Humor ist unnachahmlich“, rühmte ihn Goethe, der sich gleich nach dem Erscheinen von Bodes Übersetzung der „Reise“ als Subskribent für die deutsche Ausgabe des „Tristram Shandy“ eingetragen hatte. „Wo ist der Mann von Verstand und Geschmack“, begeisterte sich Christoph Martin Wieland, „der nicht lieber alle seine übrigen Bücher, und seinen Mantel und Kragen im Notfall dazu, verkaufen wollte, um dieses in seiner Art einzige, dieses […] unschätzbare Buch anzuschaffen?

Unschätzbar gerade wegen seiner nicht vorhandenen kämpferischen Haltung gegen irgendetwas oder irgendjemanden. „Der Leser ist verloren“, schrieb Friedrich Nietzsche, „der jederzeit genau wissen will, was Sterne eigentlich über eine Sache denkt, ob er bei ihr ein ernsthaftes oder ein lächelndes Gesicht macht.“ Sterne fehlt alles Bekenntnishafte, das bei Jean-Jacques Rosseau so beherrschend hervortritt, sein Humor hat auch nichts von Zorn oder Wut wie später jener von Heinrich Heine. Wie Sterne im Ernst dachte, darüber gibt vielleicht eine Dialogstelle aus dem „Tristram Shandy“ am besten Auskunft. „Ich muss sagen, bemerkte mein Onkel Toby, mein Herz würde mir nicht gestatten, den Teufel selbst so arg zu verfluchen. – Er ist der Vater aller Flüche, erwiderte Dr. Slop. – Aber ich nicht, entgegnete mein Onkel Toby. – Er ist übrigens schon in alle Ewigkeit verflucht und verdammt, versetzte Dr. Slop. – Das tut mir leid, meinte mein Onkel Toby.“


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