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30.03.2018 - RELIGIONSGESCHICHTE

Betrug, Halluzination, Scheintod - oder eine uebernatuerliche Realitaet?

Streit um die Auferstehung Christi

von Josef Tutsch

 
 

Matthias Grünewald: Auf-
erstehung Christi, vom
Isenheimer Altar um 1515
(Museum Unterlinden,
Colmar) - Bild: Wikipedia

Die historische und philologische Forschungsarbeit am Neuen Testament begann mit einem Skandal. Zwischen 1774 und 1778 brachte Gotthold Ephraim Lessing sieben Textfragmente eines ungenannten Verfassers heraus. Fragment Nr. 6, das 1777 herauskam, behauptete nicht mehr und nicht weniger, als dass die Beweise aus der Bibel für die Auferstehung Jesu „vor dem Richterstuhl der Vernunft in Ewigkeit nicht bestehen“ könnten.

Dass die Philosophen Einwände gegen die kirchliche Dogmatik vorbrachten, waren die Zeitgenossen bereits gewöhnt. Aber der Verfasser argumentierte in diesem Text gerade nicht philosophisch. Er behauptete vielmehr, Widersprüche in der Heiligen Schrift gefunden zu haben, auf die sich die Kirchenlehre stützte und die dem breiten Publikum viel mehr bedeutete als jede Philosophie. Der damals unbekannte Verfasser war der 1768 verstorbene Hamburger Gymnasialprofessor für orientalische Sprachen, Hermann Samuel Reimarus, der in der Öffentlichkeit durch mehrere Abhandlungen über die „natürliche Religion“ hervorgetreten war. Darin hatte er nach dem Vorbild englischer und französischer Philosophen den sogenannten „Deismus“ vertreten, den Versuch eines Gottesglaubens, der von den Offenbarungen der Bibel absehen wollte.

Lessing hatte die Texte von Reimarus‘ Kindern erhalten, mit denen er befreundet war. Das erste Fragment forderte, von der Philosophie des Verfassers her konsequent, die „Duldung der Deisten“. Fragment Nr. 3 enthielt, bereits um einiges kühner, einen Angriff auf den universalen Anspruch des Christentums, „Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf eine gegründete Art glauben können“ lautete der Titel. Und in Nr. 6 brachte Lessings „Ungenannter“ zehn „Widersprüche“ aufs Tapet, die in seinen Augen die Auferstehungsgeschichte unglaubwürdig machten.

Zum Beispiel die Wächter, die Pilatus dem Matthäusevangelium zufolge vor dem Grab aufstellen ließ, ein Umstand, der in Jesu Umkreis bekannt gewesen sein müsste. Reimarus fiel jedoch auf, dass die Frauen, die sich am Morgen des dritten Tags nach der Kreuzigung aufmachen, um den Leichnam zu salben, keine Besorgnis äußern, sie könnten vor dem Grab einer Wache begegnen und womöglich gar nicht hineingelassen werden. Seine Folgerung: Aller Wahrscheinlichkeit nach hat es diese Wächter nicht gegeben. Solche Gedanken waren damals neu. Reimarus vermutete quasi kriminalistisch, „statt einer wirklichen Auferstehung“ hätte es „eine nächtliche Entwendung“ gegeben, nämlich durch die Jünger. Im Sinne eines „Cui bono“ lag dieser Gedanke ja auch nahe: Auf diese Weise standen die Jünger nach Jesu Tod nicht als die großen Verlierer da.

Ein Betrug. Soweit wollte der Herausgeber Lessing zwar nicht gehen. Aber er hielt Reimarus‘ Gedanken für wichtig genug, um sie der Öffentlichkeit mitzuteilen. Es wird die aufgeregten Reaktionen damals nicht gerade beruhigt haben, dass der Gedanke an Betrug bereits in den Evangelien selbst vorkommt. Im Matthäusevangelium sagen die Hohenpriester und Pharisäer zu Pilatus: „Herr, es fiel uns ein, dass dieser Betrüger, als er noch lebte, behauptet hat: Ich werde nach drei Tagen auferstehen. Gib also den Befehl, dass das Grab bis zum dritten Tag sicher bewacht wird. Sonst könnten seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferstanden.“

Pietro Perugino: Auferstehung
Christi, 1499 (Pinacoteca Vati-
cana) - Bild: Wikipedia


In der historischen Analyse der Texte des Neuen Testaments hat sich inzwischen gezeigt, dass die früheste Erzählung von einem leeren Grab erst um 80 n. Chr. belegt ist, eben im Matthäusevangelium. Mindestens 35 Jahre älter sind Berichte von den Erscheinungen des auferstandenen Christus; der 1. Korintherbrief des Paulus wird auf Mitte der 50er Jahre datiert. „Christus ist am dritten Tag auferweckt worden gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf“ – Paulus erklärt, er habe dieses Glaubensbekenntnis „empfangen“; man darf also unterstellen, dass es bereits kurz nach Jesu Tod, irgendwann Anfang oder Mitte der 30er Jahre, aufkam. Ob die Vorstellung von einem leeren Grab bereits in diesen Erscheinungsberichten, sozusagen als logische Voraussetzung, enthalten war oder erst viel später aufkam, ist unter den Exegeten umstritten. Vielleicht war die Frage nach den näheren Umständen für die Jünger ja gar nicht so wichtig, wie wir das heute gern für selbstverständlich annehmen.

Sicher ist: Dieses frühe Glaubensbekenntnis beteuert die Identität des Auferweckten mit dem Christus, der „für unsere Sünden gestorben ist, gemäß der Schrift, und ist begraben worden“. Immerhin darf man annehmen, dass die Erzählung von den Wächtern am Grab erst als Versuch entstand, auf Betrugsvorwürfe zu antworten, die es damals schon gegeben haben muss. Goethe hat die Betrugshypothese in seinen „Venetianischen Epigrammen“ wiederaufgegriffen: „Offen steht das Grab! Welch herrlich Wunder! Der Herr ist auferstanden! – Wer’s glaubt! Schelmen, ihr trugt ihn ja weg.“

Alternativ zum Betrugsvorwurf wird spätestens seit der Aufklärung auch ein Scheintod erwogen: Jesus wäre in der Kühle des Grabs wieder zu sich gekommen und hätte das Grab selbständig verlassen können- eine Hypothese, der im frühen 19. Jahrhundert  zum Beispiel der große Theologe Friedrich Schleiermacher etwas abgewinnen konnte. Die Befürworter beriefen sich auf eine Bibelstelle: Pilatus wundert sich, dass Jesus bereits nach wenigen Stunden am Kreuz gestorben war, sonst konnte eine solche Hinrichtung ganze Tage dauern. War es im Fall Jesus vielmehr eine Ohnmacht?

Diese Vermutung geistert bis heute durch die „Enthüllungsliteratur“, vor allem unter dem Titel „Jesus in Indien“. Eine dritte Variante wählte der Theologe David Friedrich Strauss in seinem „Leben Jesu“, 1835. Die Jünger, meinte Strauss, seien einer Selbsttäuschung aufgesessen, durch ihre Einbildungskraft und ihr „aufgeregtes Nervenleben“. Das Buch löste ebenso Skandal aus wie sechs Jahrzehnte zuvor die Fragmente des Reimarus. Seine vorgesehene Stelle als Professor für Dogmatik und Kirchengeschichte an der Universität Zürich konnte Strauss gar nicht erst antreten. Infolge dieses „Straussenhandels“ wurde 1839 die liberale Regierung des Kantons Zürich unter der Parole „Vorwärts, wer ein guter Christ ist!“ gestürzt.

Wenigstens Kirchen- und Universitätspolitik lässt sich mit dem Thema „Auferstehung" auch heute noch machen. 1999 musste der evangelische Theologe Gerd Lüdemann aus der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen ausscheiden, weil er den Auferstehungsglauben psychologisch zu erklären versuchte, Lüdemann sprach sogar von einer „Halluzination“. „Jesus wurde gar nicht von den Toten auferweckt, obwohl Christen es bekennen und die Kirche darauf gebaut ist.“

Die allermeisten Exegeten sind heute sehr viel bescheidener. Kaum jemand behauptet zu wissen, was wirklich hinter der Predigt der Jünger vom auferweckten oder auferstandenen Jesus gestanden hat. Eine Erscheinung oder Vision oder ein religiöses „Erlebnis“, wie man gern sagt, doch was heißt das eigentlich? Gibt es eine Möglichkeit, zwischen „subjektiven“ und „objektiven“ Visionen zu unterscheiden? Reimarus‘ Betrugshypothese wird selbst von Lüdemann für unwahrscheinlich erklärt. Sein Argument: Die Jünger wären durch das Trauma der Kreuzigung viel zu sehr verstört gewesen, um einen solchen Betrug zu planen.

Hans Thoma: Aufer-
stehung, 1908
Bild: Wikipedia


Die Auferstehung – eine Vorstellung, in der sich die uralte menschliche Sehnsucht nach Überwindung des Todes ausdrückt. Wenn Christus leibhaftig auferstanden war, dann durften seine Gläubigen daraus die Hoffnung ableiten, auch selbst dereinst aufzuerstehen. Ob die Jünger Jesu sich kurz nach dessen Tod, wie man beim Blick auf die religiöse Umwelt des frühen Christentums annehmen möchte, an Göttern wie zum Beispiel Osiris orientierten, der ebenfalls gestorben und auferstanden war, muss offenbleiben. Das würde jedenfalls einen hellenistischen Einfluss bereits in diesen allerersten Jahren voraussetzen. Näher liegt es, an einige Stellen im Alten Testament zu denken. „Deine Toten werden leben, die Leichname stehen wieder auf“, heißt es im Buch Jesaja und bei Hesekiel: „So spricht Gott der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf.“

Im 2. Makkabäerbuch sagt einer der Märtyrer, die der syrische König Antiochus foltern lässt, weil sie kein Schweinefleisch essen wollen, vor seinem Tod: „Du Unmensch! Du nimmst uns dieses Leben; aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind.“ Die Berliner Theologin Christine Jacobi verweist auch auf das sogenannte „Testament Hiobs“, dessen Datierung allerdings umstritten ist, zwischen dem 1. Jahrhundert v. und dem 2. Jahrhundert n. Chr. Darin findet sich sogar eine Parallele zum leeren Grab: Die Kinder Hiobs, die von einem einstürzenden Haus erschlagen wurden, sind nicht unter den Trümmern aufzufinden. Sie wurden zu Gott in den Himmel entrückt, wie eine Vision dann ausdrücklich bestätigt. Anliegen der Erzählung, schreibt Jacobi, war es, „die gängige Deutung vom gewaltsamen Tod als Strafe Gottes umzuinterpretieren“.

Vor einem ähnlichen Problem standen ja auch die Jünger Jesu. Ihr Meister war als Verbrecher hingerichtet worden, gegen den römischen Staat und – je nachdem, wie man die Beteiligung jüdischer Behörden am Prozess Jesu einschätzt – auch gegen die Religion des Judentums. Durch den Auferstehungsglauben wurde der Tod, wie Paulus es im 1. Korintherbrief ausdrückte, „vom Sieg verschlungen“. „Ist Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“, schrieb Paulus.

Aber Theologie ist das eine, Historie und Archäologie können etwas anderes sein – und die mehr oder weniger phantasievolle Ausdeutung der historischen oder archäologischen Befunde noch etwas ganz anderes. 2007 ging wieder einmal die Meldung durch die Weltpresse, das Grab Jesu sei gefunden worden. Sogar „Jesus, Sohn des Josef“ war auf einem der Sarkophage zu lesen – fehlte eigentlich nur der Zusatz „von Nazareth“. Und in diesem Sarg lagen sogar Gebeine. Der naheliegende Einwand, dass ein solches Familiengrab, sollte es das wirklich gegeben haben, doch eher in Galiläa zu vermuten wäre, wo die Familie zu Hause war, kam gegen den Anschein der Sensation schwer an.

Wenn man ernst nimmt, dass Jesus unter der römischen Besatzung als Verbrecher starb, wird der Gedanke an eine eigene Begräbnisstätte ohnehin zweifelhaft. Vielleicht verscharrten ihn die Soldaten ganz einfach in einem Massengrab. Damit würde sich auch die beliebte Spekulation erübrigen, ob die Jünger nicht ein leeres Grab vorweisen mussten, wenn sie von Jesu Auferstehung predigten.


Mehr im Internet:
Auferstehung - Wikipedia 
scienzz artikel Leben und Legende des Jesus von Nazareth 
scienzz artikel Rund um das Osterfest

 

 

 

 

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