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25.03.2018 - IDEENGESCHICHTE

Riesen - bedrohlich oder hilfsbereit, gutmuetig oder boesartig

Die Umdeutung "heidnischer" Glaubensvorstellungen

von Josef Tutsch

 
 

König Arthur begegnet einem Riesen,
aus dem "Roman de Brut", 14. Jh.
(British Library, London)
Bild: Wikipedia

Die britische Insel, erzählte im 12. Jahrhundert der englische Geschichtsschreiber Geoffrey of Monmouth, war bereits in grauer Vorzeit „überaus einladend wegen der schönen Lage ihrer verschiedenen Regionen, ihrer Wälder und der großen Anzahl von Flüssen, die von Fischen wimmelten“. Brutus, ein Abkömmling von Trojanern, die bei der Eroberung der Stadt durch die Griechen geflüchtet waren, und seine Gefährten wurden von dem heftigen Wunsch erfasst, dort zu leben. Die Insel war allerdings schon bevölkert, dort lebten heidnische Riesen, so stark, dass sie mit Leichtigkeit Bäume ausreißen konnten. Eines Tages, während sich die Neuankömmlinge im Gottesdienst befanden, griffen die Riesen sie an. Das gab die Rechtfertigung, diese Ureinwohner zu töten.

Für den mittelalterlichen Geschichtsschreiber, formuliert die Würzburger Ethnologin Susanne Dinkl, waren die Riesen „suspekte Erdrandbewohner“, sie markierten eine Grenze christlicher Mission und abendländischer Kultur, die in einem Prozess der Mission und Zivilisation immer weiter hinausgedrängt wurde. Dinkl hat untersucht, wie die gelehrten Erzähler des Mittelalters, die damals faktisch ein Monopol über die Kunst des Schreibens innehatten, mit solchen Geschöpfen umgingen, die ihnen aus der vorchristlichen, mündlichen Überlieferung vorgegeben waren.

Die Forscherin hat sich auf menschengestaltige Wesen beschränkt: Riesen, Zwerge, Elfen und Untote; Tiere wie etwa die im Mittelalter ja allgegenwärtigen Drachen sind ausgeklammert. Am schärfsten gerieten die Missionare mit den altüberlieferten Vorstellungen ihrer Schäflein bei den Wiedergängern in Konflikt: Dass die Verstorbenen in die Welt der Lebenden zurückkehren könnten, um sie zu drangsalieren, passte weder zum biblischen Glauben von der Auferstehung des Leibes am Ende aller Zeiten, noch zur platonischen Theorie von der Unsterblichkeit der Seele, die den Körper beim Tod als leblose Hülle zurückließ.

Im vorchristlichen Nordeuropa dagegen scheint der Glaube an Wiedergänger allgemein verbreitet gewesen zu sein. Dinkl zitiert aus einer isländischen Saga um 1200: Zwei junge Mädchen schleichen zu einer Leiche, „und die ältere drängt sich dicht heran. Da ist’s ihnen, als richte sich Styr auf und spreche eine Strophe. Da bekommt die ältere einen solchen Schreck, dass sie laut aufschreiend davonläuft. Sie tobt bis zum nächsten Morgen derart, dass kaum vier Mann sie halten können; dann stirbt sie.“

In dem Halbsatz „da ist’s ihnen“ kommt vermutlich zum Ausdruck, dass der christliche Erzähler sein Material mit etwas Skepsis betrachtete. Was wir lesen können, ist sozusagen „gefiltert“, erst im Verlauf der christlichen Mission wurde die mündliche Kultur in diesen Regionen verschriftlicht. Offenbar jedoch waren solche Vorstellungen im alten Nordeuropa derart hartnäckig, dass die Kirche sie schlechterdings nicht unterdrücken konnte. Vom 12. Jahrhundert an wurde die Lehre vom Fegefeuer entsprechend angepasst, berichtet Dinkl. In einem solchen Zwischenaufenthalt der Seelen konnten auch die Untoten ihren Platz finden. Um 1220 wusste der Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach in seinem Buch über „wunderbare Erscheinungen“ sogar von Fällen zu berichten, in denen diese Untoten dem Bild, das man sich sonst von den reuigen Seelen im Fegefeuer machte, überhaupt nicht entsprachen. Dinkl: „Weder durch Schwerthiebe noch durch andere Waffen waren die Wiedergänger in Caesarius‘ Exempeln zu vertreiben, nur mehr die heiligste Reliquie war noch imstande, den Untoten zu bändigen.“

Ramsundritzung, schwedische Felsritzung
mit mythischen Wesen, 11. Jahrhundert
Bild: Ann Sofi Cullhed/Wikipedia


Mit den anderen Geschöpfen der volkstümlichen Mythologie mussten sich die Theologen viel weniger Mühe geben. Zum Beispiel Riesen werden auch in der Bibel erwähnt. Es hatte sie also gegeben, nur dass man sich darüber streiten konnte, ob sie vielleicht schon durch die Sintflut ausgestorben waren. In der Edda aus dem 13. Jahrhundert erscheinen sie als ebenso bösartig wie gefährlich – es ist kaum möglich, das „echt“ Altnordische in diesen Erzählungen von den christlichen Einflüssen zu unterscheiden. Als Feinde der christlichen Welt konnten die Riesen problemlos in die theologisch zulässigen Vorstellungen von der Welt eingegliedert werden.  

Wieder anders bei den Zwergen und den Elfen. Als der Geschichtsschreiber Snorri Sturluson, schreibt Dinkl, im frühen 13. Jahrhundert sein Wissen über die altnordischen Überlieferungen kompilierte, war ihm bereits nicht mehr geläufig, dass vorchristliche Dichter da einen Unterschied gesehen hatten. Wenige Generationen nach der Missionierung waren sowohl Zwerge wie Elfen bereits weitgehend vergessen. Snorri ordnete beide Kategorien wie selbstverständlich in das Spannungsfeld zwischen Gut und Böse ein, das ihm aus der christlichen Theologie geläufig war. Als Richard Wagner sich mehr als sechs Jahrhunderte später in seinem „Ring des Nibelungen“ auf die Edda stützte, übersah er die eigentlichen Elfen völlig. Die bösartigen Zwerge bezeichnete er nach Snorris Vorbild als „Schwarzalben“, die Götter als „Lichtalben“.

Wie die Angleichung vorchristlicher Traditionen an die Vorstellungswelt der Berichterstatter im späteren Mittelalter und in der frühen Neuzeit weiterging, illustriert Dinkl am Beispiel des humanistischen Schriftsteller Johannes Aventinus, Anfang des 16. Jahrhunderts. Brauch und Glauben der alten Germanen wurden durchweg – und sicherlich ohne, dass Aventinus darin eine Verfälschung gesehen hätte – christianisiert. Daten, die sich dagegen sperrten, vor allem der berühmte Bericht des Tacitus über Menschenopfer bei den Germanen, wurden schlicht ignoriert.

Die christliche Glaubenslehre war jedoch nicht der einzige Rahmen, in den solche Nachrichten aus dem vorchristlichen Altertum eingepasst werden mussten. Nicht anders als wir heutzutage beriefen die mittelalterlichen Autoren sich auf Daten und Fakten aus ihrer Erfahrungswelt. So zum Beispiel der Geschichtsschreiber der Dänen, Saxo Grammaticus, im frühen 13. Jahrhundert: „Dass Dänemark einstmals von Riesen bewohnt und bebaut worden ist, bezeugen gewaltige Felsen, die sich an den Grabstätten und Höhlen der Vorfahren befinden.“ Saxo hielt es für undenkbar, dass die Bauten der Megalithkulturen durch Menschenkraft zustande gekommen sein könnten. Er suchte Erklärungen, die im Rahmen des damaligen Weltbildes als „natürlich“ gelten konnten. Noch der Universalgelehrte Athanasius Kircher ließ im 17. Jahrhundert in seinem Forschungsprogramm über Phänomene wie Erdbeben oder Vulkanismus auch Riesen und Dämonen auftreten.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts mehrten sich dann die skeptischen Stimmen. Riesen wie Zwerge wurden „aus der realen Welt verbannt“, zu bloßen Sagengestalten degradiert. Aber, Hand aufs Herz, was unterscheidet die Außerirdischen, die viele unserer Zeitgenossen für die „Kornkreise“ verantwortlich machen, von den Zwergen und Riesen damals? Eine verblüffende Beständigkeit mancher Vorstellungen über die Jahrhunderte hinweg fand der Ethnologe Ludvik Stomma bei einer Studie zum Volksglauben im heutigen Westpolen im 19. Jahrhundert. Als mögliche Wiedergänger verdächtigt wurden ganz ähnliche Personengruppen wie in den altisländischen Sagas auch: Personen, die in ihrer Biographie dem gängigen Muster irgendwie nicht gerecht wurden, von kriminellem Verhalten bis zu einem vorzeitigen Tod.

Fegefeuer, aus der Elsässischen Legenda
aurea, 1419 (Universitätsbibliothek Heidel-
berg) - Bild: Wikipedia


Aus solchen Beständigkeiten ist natürlich nicht etwa die Existenz einer überzeitlichen Volkskultur zu folgern. Genau diese Illusion geisterte aber durch die „Deutsche Volkskunde“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sie fand Eingang in die monumentale Enzyklopädie, die vor allem populärwissenschaftlich noch heute gern als Grundlagenwerk herangezogen wird, das „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“. Konzipiert waren die zehn dicken Bände, die zwischen 1927 und 1942 erschienen, als eine umfassende Phänomenologie des deutschen Volksglaubens – deutsch im Sinn einer gemutmaßten Identität mit den alten Germanen. Doch bereits der Ethnologe Christoph Daxelmüller stellte in seinem Vorwort zum Nachdruck 1987 eine mangelnde „Rücksicht auf historische und soziale Bedingungen und Verläufe“ fest.

Und das gilt, wie Dinkl feststellt, nicht zuletzt für die Analyse der ältesten Quellen – eben jener Berichte, in denen die christlich geprägten Autoren des frühen Mittelalters wiedergaben, was sie von den alten Glaubensvorstellungen in Nordeuropa zu wissen meinten: Mit großer Naivität wurden die Wesen und Geschöpfe des populären (Aber)Glaubens im „Handwörterbuch“ für „genuin germanisch erklärt“. Man braucht dieser Enzyklopädie, die von zwei Schweizer Volkskundlern herausgegeben wurde, nicht einmal eine Nähe zum Nationalsozialismus zu unterstellen. Doch das Ergebnis passte in die Zeit: die Illusion „einer scheinbar homogenen und urtümlichen Volkskultur des Bauernstandes“.

Dinkl führt es auf diese unhistorische Betrachtungsweise zurück, wenn es „Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens“ etwa heißt: „Mindestens ist der Riese sehr gutmütig, auch hilfsbereit. Die mittelalterlichen Dichtungen kennen Riesen als getreue Helfer menschlicher Helden und Könige.“ Eine verblüffende Aussage: Die Mehrzahl der Riesen in der mittelalterlichen Literatur, vom englischen „Beowulf“-Epos bis zum höfischen Roman eines Hartmann von Aue, ist eher bösartig oder jedenfalls bedrohlich gezeichnet.  Mit erstaunlicher Naivität leiteten die Autoren des „Handwörterbuchs“ aus jenen Quellen, die sie für „authentisch“ hielten, so etwas wie das „wahre Wesen“ der Riesen ab und verwarfen abweichende Darstellungen in anderen Quellen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Susanne Dinkl: Untote, Riesen, Zwerge und Elfen. Zur Konstruktion populären (Aber)Glaubens seit dem frühen Mittelalter, Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, 325 S., ISBN 978-3-8260-6075-5, 44.- €


Mehr im Internet:

Susanne Dinkl: Untote, Riesen, Zwerge und Elfen 
Aberglauben - Wikipedia 
scienzz artikel Irrationales 


 

 

 

 

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