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03.04.2018 - IDEENGESCHICHTE

"Neu-Kythera" oder der Traum vom Paradies

Vor 250 Jahren landete der franzoesische Seefahrer Bougainville auf Tahiti

von Josef Tutsch

 
 

Louis Antoine de Bougainville
Bild: Wikipedia

„Die Theologen und philosophischen Weisen“, schrieb Columbus Anfang 1493 auf der Rückreise aus der Karibik an die Katholischen Majestäten von Spanien, „haben mit ihrer Behauptung wohl Recht, dass das irdische Paradies im äußersten Osten liegt, da dieser ein überaus mildes Klima besitzt. Und jene Inseln, die ich jetzt entdeckt habe, sind das Ende des Ostens.“

Die Suche nach dem irdischen Paradies – das war neben der Gier nach Gold und nach Gewürzen und dem Wunsch, im Rücken des osmanischen Reiches einen Bündnispartner zu gewinnen, eines der Motive, die hinter Columbus‘ Expedition standen. Es gehörte zu den großen Enttäuschungen des Entdeckers, dass er dieses Paradies niemals finden konnte, obwohl er doch so sicher war, dass es ganz nah sein müsste. „Niemand kann dorthin gelangen, es sei denn durch Gottes Willen“, schrieb er 1498 in einer Mischung von Resignation und Hoffnung.

Fast drei Jahrhunderte nach der Entdeckung Amerikas schien das Wunder tatsächlich eingetreten zu sein. „Ich glaubte mich in den Garten Eden versetzt“, schrieb der französische Seefahrer Louis Antoine de Bougainville, nachdem er am 6. April 1768, vor 250 Jahren, auf Tahiti gelandet war, in seinem Reisebericht. „Wir durcheilten weitgestreckte Rasenflächen, die mit schönen Obstbäumen bestanden und von Bächlein durchflossen waren, welche eine köstliche Frische ausströmten, ohne dass sich ihre Feuchtigkeit nachteilig bemerkbar gemacht hätte. Wir fanden Gruppen von Männern und Frauen im Schatten der Baumgärten hingelagert, und alle grüßten uns freundlich.“

Bougainville war 1766 von der französischen Regierung unter König Ludwig XV. beauftragt worden, als erster Franzose die Welt zu umsegeln und dabei nach Möglichkeit den sagenhaften Südkontinent zu entdecken. Tahiti stand zunächst nicht auf der Reiseroute. Die Insel war erst im Juni 1767 von dem Engländer Samuel Wallis für Europa entdeckt und dann auch gleich zu Ehren des britischen Königs in „King George Island“ getauft worden. Als Bougainville im April 1768 dort landete, konnte er von den älteren „Rechten“ der Briten nichts wissen. In aller Selbstverständlichkeit nahm er die Insel für Frankreich in Besitz.

Und den Berichten zufolge, die er und sein Mitreisender Philibert de Commerson später in Europa veröffentlichten, glaubten sie wirklich, im Paradies zu sein. Oder im Goldenen Zeitalter, wie es die Schriftsteller der Antike beschrieben hatten. Biblische Assoziationen traten zurück, weil die Europäer auf Tahiti etwas erlebten, was mit den hergebrachten Grundsätzen christlicher Moral schwer vereinbar war: ein völlig ungewohntes Maß an sexueller Freizügigkeit. „Die Göttin der Liebe ist hier zugleich die Göttin der Gastfreundschaft“, schrieb Bougainville; der Geschlechtsverkehr werde sogar in aller Öffentlichkeit vollzogen.

Bougainville erreicht Tahiti, Darstellung
von 1846 - Bild: Wikipedia


Kurzum: Die europäischen Seeleute wähnten sich in einem großen Bordell, in dem „es“ nicht einmal etwas kostete. Im Nachhinein folgte auf die „Sünde“ auch keine „Reue“. Aufgrund glücklicher Umstände waren auf Tahiti keine Geschlechtskrankheiten verbreitet.

Bougainville gab dem vermeintlichen Paradies den Namen „Île de la Nouvelle Cythère“, „Neu-Kythera“. In der Antike hatte die kleine Insel Kythera vor der Südostspitze der Peloponnes als Geburtsort der Liebesgöttin Aphrodite oder Venus gegolten. Die Dichterin Florence Dancourt hatte den Namen im Jahr 1700 in einem Lustspiel bekannt gemacht: „Kommt zu der Insel Kythere […] Man macht dort die größte Affaire aus zärtlichstem Amusement.“ Zwischen 1710 und 1718 schuf der Maler Jean-Antoine Watteau eine Reihe von Fêtes-galantes-Bildern mit dem Titel „Einschiffung nach Kythera“.

In den folgenden Jahrzehnten träumte die europäische Gesellschaft einen Traum von einem unbeschwerten Leben im Goldenen Zeitalter. Die theoretische Fundierung lieferte 1755 Jean-Jacques Rousseau mit seiner „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“. Etwa bei den Ureinwohnern Südamerikas, meinte er, müsse die „eigentliche Jugend der Welt“ noch bewahrt sein, vor jenem Prozess der Degeneration, der Europa geprägt hatte.

Bougainville und die Gebildeten unter seinen Mitreisenden hatten Rousseau gelesen, von jener „Jugend“ hatten sie klare Vorstellungen, in denen die skeptischen Untertöne der Rousseauschen Geschichtsphilosophie ausgeblendet waren. Und auf Tahiti fanden sie eine Lebensweise vor, die diesem Ideal zu entsprechen schien. Die günstigen klimatischen Umstände ermöglichten eine, wenngleich bescheidene, Lebensweise ohne materielle Sorgen. Und die Sitten der Bewohner erweckten den Eindruck eines gesellschaftlichen Zustands, der von den Zwängen der Zivilisation und der Moral noch frei war – frei jedenfalls von jenen Zwängen, wie man sie von Europa her kannte.

Was auf Seiten der Tahitianer wirklich dahinterstand, ist heute schwer zu sagen – außer jenen Reiseberichten gibt es keine zeitgenössischen Quellen. 1773/74 versuchte sich der Schriftsteller Denis de Diderot in seinem „Nachtrag zu Bougainvilles Reise“ an einer Deutung. Er kam zu dem Schluss, diese dem Anschein nach „sonderbaren Bräuche und Sitten eines nicht-zivilisierten Volkes“ seien in Wahrheit Ausdruck einer „natürlichen Moral“. Bei den Tahitianern sei die Begegnung der Geschlechter so ungezwungen, weil auf diese Weise dem natürlichen Zweck der Sexualität – der Fortpflanzung – am besten gedient werde.

Auch eine ideologische Brille, wenn man so will. In diesem Sinn vermutete Diderot bei den Südseebewohnern eine Sitte allgemeiner Promiskuität. „Hier gehört alles allen“, ließ er einen greisen Insulaner zu Bougainville sagen. „Unsere Töchter und unsere Frauen gehören uns allen, du hast dieses Vorrecht mit uns geteilt.“ Die – fälschliche – Annahme, auf Tahiti gebe es weder Privateigentum noch die Institution der Ehe, hatte Diderot dem Reisebericht von Commerson entnommen. Commerson versuchte, damit jenes Phänomen zu erklären und zu entschuldigen, das die Europäer bei aller Faszination für die sonstigen Sitten in der Südsee so irritierte: dass die vermeintlich „edlen Wilden“ jederzeit bereit waren, sich am Eigentum der Ankömmlinge zu vergreifen.

Paul Gauguin: Frauen am Strand von Tahiti,
1891 (Musée d'Orsay Paris) - Bild: Wikipedia


Als 1773 der deutsche Naturforscher Georg Forster mit James Cooks zweiter Südseeexpedition nach Tahiti kam, griff er zu einer anderen Erklärung: Die Europäer seien selbst schuld, weil sie die Eingeborenen mit Dingen bekannt gemacht hätte, „deren verführerischem Reiz sie nicht widerstehen“ konnten. Nicht der einzige befremdliche Aspekt am „Paradies“ Tahiti. Von dem Tahitianer Aotourou, der ihn auf der Rückreise nach Frankreich begleitete, erfuhr Bougainville, was ihm in den neun Tagen seines Aufenthalts völlig entgangen war: Gegen die Bewohner der benachbarten Inseln wurde fast beständig Krieg geführt, und zwar auf höchst grausame Art. „Sie töten die Männer und Knaben, welche sie gefangennehmen, und ziehen ihnen die Haut vom Kinn nebst dem Bart ab, welche sie als Siegeszeichen tragen.“

Gegen das Tahiti-Fieber, das Bougainvilles Schilderungen von der Freizügigkeit der Tahitianerinnen auslösten, kam dergleichen jedoch nicht an. Sicherlich wurde dieser Mythos auch dadurch gefördert, dass die Polynesier, da relativ hellhäutig, dem europäischen Schönheitsideal eher entsprachen als andere außereuropäische Völker. Auch Forster schwärmte in seiner „Reise um die Welt“ 1777 vom Paradies Tahiti. „Eine glückliche Gleichförmigkeit prägt das ganze Leben der Tahitianer […] Derart zufrieden mit ihrer einfach Lebensweise und umgeben von einer herrlichen Landschaft leben sie frei von Sorgen und sind glücklich in ihrer Unwissenheit.“

Anders als seine Vorgänger Bougainville und Commerson beschrieb Forster die Freizügigkeit der Tahitianerinnen jedoch als eine Form von Prostitution. Dieser Unterschied könnte sich daraus erklären, dass die Begehrlichkeit nach geringen Gaben wie eisernen Nägeln oder ein bisschen Tuch in den wenigen Monaten des Kontakts mit europäischen Seeleuten die alte Sitte der Gastfreundschaft sehr rasch überlagert hatte.

Schon das Wort „Unwissenheit“ bei Forster macht deutlich: Die Denker der Aufklärung, die damals Tahiti besuchten oder die Reiseberichte der Besucher lasen, konnten den Prozess der Zivilisation, den Europa im Vergleich mit Tahiti durchgemacht zu haben schien, nicht nur gut „rousseauistisch“ als Degeneration auffassen, sondern ebensogut als Aufstieg, zumindest in technischer Hinsicht. Eine Ambivalenz, die sich bis auf den römischen Geschichtsschreiber Tacitus zurückführen lässt. Der hatte in seiner „Germania“ die Barbaren im nördlichen Europa als kulturell zurückgeblieben beschrieben – doch zugleich in ihren Sitten als irgendwie vorbildhaft.

Am Ende war die Vorbildhaftigkeit der technisch überlegenen europäischen Zivilisation stärker, das hatte bereits Daniel Defoe in seinem „Robinson Crusoe“ vorgegeben, 1719, lange vor der Entdeckung Tahitis: Auf seiner einsamen Insel beginnt Crusoe mit der Geschichte der Technik sozusagen ganz von vorn. Und Defoe lässt im Roman keinen Zweifel: Für Freitag muss dieser Weg beispielhaft werden.

Bemerkenswert, mit welchem Realismus damals in der Zeit der Aufklärung gesehen wurde, dass die Begegnung mit Europa der alten tahitianischen Kultur sehr bald den Untergang bereiten würde. „Es ist wirklich im Ernste zu wünschen“, schrieb Georg Forster, „dass der Umgang der Europäer mit den Einwohnern der Südseeinseln abgebrochen werden möge, ehe die verderbten Sitten der zivilisierten Völker diese unschuldigen Leute anstecken könne, die hier in ihrer Unwissenheit und Einfalt so glücklich leben.“ Erst recht erklärte Forster es für illusorisch, dass ein Europäer auf Dauer an diesem Glück teilhaben könnte.

Der Mythos Tahiti war denn auch der letzte Fall, dass eine Utopie in geographischen Fernen angesiedelt wurde. Spätere Utopien spielten in der Zukunft des Menschengeschlechts – oder in den Weiten des Weltalls. Aber der Traum von der Südsee blieb lebendig. „Die glücklichen Bewohner eines unbeachteten Paradieses in Ozeanien kennen vom Leben nichts anders als seine Süße“, schrieb Paul Gauguin einem Malerkollegen, bevor er sich 1891 nach Tahiti einschiffte. Es wurde eine große Enttäuschung. Statt „paradiesischer“ Nacktheit trugen die Frauen Rüschenkleider, in denen sie nicht einmal Handgelenke oder Fesseln zeigten, die Männer immerhin große Wickeltücher um die Hüften. Gauguin flüchtete sich ein weiteres Mal in eine Art von Eskapismus. In seinen Gemälden stellte er nicht das Tahiti seiner Gegenwart dar, sondern das seiner Träume.


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