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11.04.2018 - DEUTSCHE LITERATUR

Politische Dichtung - aus eigenem Antrieb oder auf Bestellung

Der Dreissigjaehrige Krieg im Spiegel der Barockliteratur

von Josef Tutsch

 
 

Frontispiz zu Grimmelshausens
"Simplicius Simplicissimus",
1669 - Bild: Wikipedia

„Ein garstig‘ Lied! Pfui! Ein politisch‘ Lied, ein leidig‘ Lied“, beschwert sich in Auerbachs Keller in Goethes „Faust“ einer der Studenten, als sein Kommilitone einen Spottgesang auf das drohende Auseinanderbrechen des Heiligen Römischen Reiches anstimmen will. Der Vers wurde zum Inbegriff für eine „unpolitische“ oder „antipolitische“ Untertanenmentalität, wie man sie gern den Deutschen vorhält.

Die Dichter des 17. Jahrhunderts kann das nicht treffen, konstatiert der Germanist Volker Meid, der mit Studien zu Roman und Lyrik des Barocks hervorgetreten ist, in seinem neuen Buch „Der Dreißigjährige Krieg in der deutschen Barockliteratur“. „Für sie war die Beschäftigung mit politischen Themen in der Dichtung, ob Vers oder Prosa, selbstverständlich. Sie reflektierten die Krisenerscheinungen der Zeit, kommentierten einzelne Ereignisse, nahmen Partei, polemisierten und mahnten zum Frieden.“

Mit der littérature engagée unserer Zeit darf man die politisch inspirierte Dichtung der Barockzeit aber wohl nicht verwechseln. Heute sind die meisten Autoren als freie Schriftsteller tätig und müssen darauf vertrauen, dass ihre Aussage beim Publikum Beifall findet. Damals verdingten sich viele im Dienste von Gönnern, auf deren religiöse oder politische Haltung Rücksicht zu nehmen war. Meid lässt seiner Aussage denn auch gleich den Nachsatz „… aus eigenem Antrieb oder auch auf Bestellung“ folgen. Ein Großteil der Literatur damals bestand ohnehin aus Gattungen wie Herrscherlob oder höfisches Festspiel; der Inhalt lag nicht im Belieben der Dichter.

Wie schwer Texte und Bilder der Zeit von damals oft zu deuten sind, zeigt ein Kupferstich aus dem großangelegten Chronikwerk „Theatrum Europaeum“, das der Verleger Matthäus Merian von 1635 an herausbrachte. Im ersten Band ist im Rückblick auf das Jahr 1618 der Komet abgebildet, der damals Europa in Schrecken versetzte. Im Text heißt es, Gott habe den Kometen wie eine „schreckliche Fackel“ „an die hohe Kanzel des Himmels gestellt, damit die Menschen sehen möchten, wie er sie wegen der Sünde zu strafen und seine Zornruten über sie ergehen zu lassen beschlossen“. Unter dem Kometen ist Heidelberg zu sehen, die Residenz des pfälzischen Kurfürsten Friedrich, der sich von den böhmischen Ständen in ihrem Widerstand gegen das Haus Habsburg zum neuen König hatte wählen lassen.

Bedeutet die Wahl gerade dieser Stadtsilhouette einen politischen Kommentar? Johann Philipp Abele, der die Texte für das „Theatrum Europaeum“ verfasste, hat sich dazu nicht geäußert. Der Verleger, der ja für einen allgemeinen Markt arbeitete, stellte den Krieg bloß in einen moralischen oder moraltheologischen Rahmen hinein, auf den sich alle Konfessionen verständigen konnten. Man darf auch nicht übersehen, schreibt Meid, in welchem Ausmaß Publikationen damals der Zensur unterworfen waren. So wurde das Herzogtum Bayern rigoros gegen alles „Nichtkatholische“ abgeschottet – wobei „nichtkatholisch“ auch das sein konnte, was gegen die Bestrebungen des Herrscherhauses verstieß. In der lutherischen Reichsstadt Nürnberg war der Spielraum größer, sogar eine Druckerei, die vorwiegend katholische Schriften produzierte, wurde geduldet. Doch als der protestantische Patrizier Georg Philipp Harsdörffer einen Lobgesang auf einen schwedischen General herausbringen wollte, schritt der Stadtrat ein. Das Gedicht schien die Neutralitätspolitik der Stadt zu gefährden

Der geharnischte Reiter, Radierung von
Hans Ulrich Franck, 1643 - Bild: Wikipedia


Meid bietet einen Fall, dass ein und derselbe kriegerische Vorgang sowohl von der einen wie von der anderen Seite propagandistisch „instrumentalisiert“ werden konnte: die Einnahme Magdeburgs durch Truppen der katholischen Liga 1631 mit dem darauf folgenden Massaker. In katholischer Sicht wurde die Jungfrau, die das Magdeburger Stadtwappen zeigt, vom Eroberer, dem kaiserlichen Feldherrn Tilly, „geheiratet“, in protestantischer Sicht vergewaltigt. Natürlich ließ sich die Jungfrau auch als Symbol des Glaubens deuten, den der Sieger brutal unterdrückte – oder umgekehrt in seiner Reinheit wiederherstellte, je nachdem.

Die Schriftsteller konnten sich dem „unbedingten Wahrheitsanspruch“ ihrer Konfession eben nicht entziehen. In der Regel werden sie das auch gar nicht gewollt haben, die Glaubensspaltung bedeutete einen Schritt hin zur schriftstellerischen Authentizität, zum Drang, die eigene Meinung schreiben zu wollen und nichts anderes. Aber daneben gab es ja auch materielle Zwänge. 1621 verfasste der Calvinist Martin Opitz seine „Trostgedichte in Widerwärtigkeit des Krieges“, eine Anleitung zur Standhaftigkeit angesichts der gewaltsam vorandrängenden Gegenreformation. Doch Opitz stand in Diensten des katholischen Grafen Karl Hannibal von Dohna, der die habsburgischen Interessen in Schlesien vertrat. Für ihn schrieb Opitz 1628 ein „Lob des Kriegesgottes Mars“. Heutige Leser haben keinen Zweifel, dass es sich um bittere Satire handelt. Schwer zu sagen, wie Dohna das Poem aufgenommen hat. Womöglich ließ er seinem geschätzten Hofdichter die „Ketzerei“ als Marotte durchgehen.

Als den „politischen Dichter par excellence auf protestantischer Seite“ benennt Meid den Württemberger Georg Rodolf Weckherlin. Hier handelt es sich tatsächlich um einen frühen Fall von littérature engagée, wenn man so will: Weckherlin beklagte nicht die Kriegsgreuel, sondern forderte – aus eigenem Antrieb, nicht auf Bestellung – dazu auf, das „schwere Joch“ der Tyrannei kämpferisch zu zerbrechen. Aus geographischer Distanz zum Geschehen (1620 war er seiner Heirat wegen nach England gezogen) dichtete er Hymnen auf die protestantischen Heerführer, zum Beispiel auf König Gustav Adolf von Schweden und seinen Tod in der Schlacht von Lützen 1632: „Damals hat unser Held, indem es Feuer regnet‘, mit seinem teuren Blut siegreich die Welt gesegnet.“

Eine Anspielung auf den Kreuzestod Christi: Die Formel vom „teuren Blut“ ist uns sonst aus den Kirchenliedern zum Karfreitag geläufig. Ein gottgesandter Retter der deutschen Freiheit und des wahren Glaubens, ein schwedischer Herkules, ein christusähnlicher Heilsbringer – Gustav Adolf eignete sich für die protestantische Seite hervorragend als Heldenfigur. In Straßburg kam eine silberne Gedenkmedaille heraus, auf der zu sehen war, wie Gustav Adolfs Triumphwagen das siebenköpfige Ungeheuer der Apokalypse – die katholische Kirche – zermalmte. Meid hat ein kleines Heldenepos gefunden, in dem ein unbekannter Verfasser Anfang 1632 den Feldzug des Königs nach dem Vorbild von Homers „Ilias“ beschrieb.

Wie auch von katholischer Seite der Trojanische Krieg gern als Folie für den Dreißigjährigen genommen wurde. Der Jesuit Jacob Balde beschrieb in einem neulateinischen Gedicht den Schwedenkönig als „Trojanisches Pferd“, das sich die törichten Deutschen ins Land geholt hätten.

Gustav Adolfs Widerpart Wallenstein war weniger eine strahlende Heldenfigur denn ein Gegenstand widerstreitender Bewertungen. Dem lutherischen Geistlichen Johannes Rist dienten sein Fall und sein Tod als warnendes Exempel für die Wandelbarkeit der irdischen Verhältnisse: „Was ist dies Leben doch? Ein Trauerspiel ist’s zu nennen […] O selig ist der Mann, der sich der Eitelkeit des Glücks entschlagen kann.“ Von katholischen „Gebrauchslyrikern“ wurde Wallensteins Ermordung 1634 als Buße für seinen Abfall von der kaiserlichen Sache gewertet, von ihren protestantischen Kollegen als Beleg für die trügerische Politik des Hauses Österreich – eine Kontroverse, die durch Friedrich Schillers „Wallenstein“ in die Weltliteratur einging.

Der Überblick in Meids Buch von der politisch inspirierten Dichtung jener Zeit legt den Eindruck nahe, dass die Dichter mehr noch, als es von den Realitäten her vielleicht gerechtfertigt waren, den Krieg aus religiöser Perspektive betrachteten. Doch daneben findet sich auch jene Sichtweise, die man später als „national“ bezeichnet hätte. In seinem Gedicht „Tränen des Vaterlandes“ klagte Andreas Gryphius 1636 über „der frechen Völker Schar“, die Deutschland „ganz, ja mehr denn ganz verheeret“. Die Uneinigkeit der Deutschen, berichtet Meid, war bereits seit dem späten 15. Jahrhundert ein Grundmotiv der politischen Publizistik. Durch den Krieg wurde es neu bestärkt, zum Beispiel 1652 in einem Epigramm von Wencel Scherffer von Scherffenstein: „So hast du [Deutschland] durch dich dich selber auch bekriegt.“

Der Galgenbaum, Radierung von Jacques
Callot, 1632 - Bild: Wikipedia


Dem historischen Gedächtnis unserer Gegenwart ist der Dreißigjährige Krieg jedoch vor allem durch einige Szenen im „Simplicissimus“-Roman des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen gegenwärtig. Im Mittelpunkt stehen weder die religiösen Kontroversen noch die politischen Querelen, sondern Plünderung, Zerstörung, Folter, Vergewaltigung und Mord. Dass die Greuel aus der Sicht eines unwissenden Jungen dargestellt sind, verstärkt die Empathie des Lesers. Meid scheut sich nicht, von einem „Antikriegsbuch“ zu sprechen. Zwangsläufig scheint dieser Schluss auf eine Intention des Verfassers jedoch keineswegs. Weite Passagen gelten auch den heiteren, humoristischen Seiten des Soldatenlebens. Grimmelshausen schrieb aus eigener Erfahrung: Er brachte es in seiner militärischen Laufbahn immerhin zum Regimentssekretär.

Meid weist darauf hin, dass in einigen Szenen „utopische Gegenbilder“ entworfen sind, „Bilder eines Lebens in Harmonie und Frieden“. Grimmelshausens „Antikriegsbuch“, wenn man es denn so nennen will, bleibt jedoch auch hier vieldeutig. In einer allegorischen Szene, die nach dem Friedensschluss von Münster und Osnabrück spielt, wird die Frage aufgeworfen, ob der Frieden nicht womöglich schlimmer würde, als es der Krieg war – neben der mörderischen Gewalt ist auch die Herrschaft des Geldes ein zentrales Thema des Romans.

In der „verkehrten Welt“, die uns von den Dichtern der Barockzeit vor Augen geführt wird, war der Krieg wohl nur ein Aspekt dieser Verkehrtheit, wenn auch sicherlich der brutalste. Meid stellt ein Paradox fest: Diese schreckliche Zeit war „zugleich eine Zeit der kulturellen und literarischen Aufbruchstimmung, als wolle man die reale politische Ohnmacht durch ein patriotisches Kulturprogramm kompensieren“. Etwa die „Sprachgesellschaften“, die damals gegründet wurden, oder Martin Opitz‘ Abhandlung „von der deutschen Poeterei“ zeigen, wie intensiv damals die Bemühungen betrieben wurden, „die deutsche Dichtung auf eine neue Grundlage zu stellen und den Anschluss an das internationale Niveau zu finden“.

Günter Grass war das gegenwärtig, als er in seiner Erzählung von einem fiktiven Dichtertreffen 1647 in Telgte den Satz unterbrachte „Wo alles wüst lag, glänzten einzig die Wörter.“ Meid unterschlägt nicht, dass in diesem „Glanz“ für moderne Leser etwas Makabres, zumindest etwas Oberflächliches liegen kann. Für unser Empfinden verträgt sich das „virtuose Spiel mit den formalen und klanglichen Möglichkeiten der Sprache“ schlecht mit der Wirklichkeit des Krieges. Aber man sollte nicht übersehen, vermerkt Meid, dass sich die experimentelle Literatur des 20. Jahrhunderts ganz ähnlich parallel zu den Weltkriegen entwickelt hat.


Neu auf dem Büchermarkt:
Volker Meid: Der Dreißigjährige Krieg in der deutschen Barockliteratur, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2017, 261 S. mit 32 Abb., ISBN 978-3-15-011145-1, 24,00 €


Mehr im Internet:
Barockliteratur - Wikipedia 
scienzz artikel Deutsche Literatur des Barocks 

 

 

 

 

 

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