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15.04.2018 - IDEENGESCHICHTE

Als Sachsen und Rheinlaender "Nationen" waren

Urspruenge und Entwicklungen der nationalen Idee

von Josef Tutsch

 
 

Abzeichen der "Natio Bavarica" an
der Universität Leipzig, 17. Jahr-
hundert - Bild: Wikipedia

Unter den Studenten der Prager Karls-Universität gab es zu Ende des Mittelalters eine böhmische, eine bayerische, eine sächsische und eine polnische Nation. In Wien unterschied man eine österreichische, eine ungarische, eine rheinische und eine sächsische Nation, in Paris eine gallische, eine pikardische, eine normannische und eine englische. In Leipzig wechselte das Rektorenamt noch im 18. Jahrhundert zwischen den „nationes“ der Sachsen, der Meißner, der Bayern und der Polen.

Die Studentenschaft war nach geographischen Kriterien eingeteilt, die oft, aber nicht immer auch sprachliche Gemeinsamkeiten bedingten. So gehörten zur „englischen Nation“ in Paris auch die Studenten aus Deutschland. „Weiter entfernt liegende Nationen wie Schweden, Schotten und Polen“, berichtet der Historiker Andreas Fahrmeir von der Universität Frankfurt am Main in seiner neu erschienenen Studie zur Ideengeschichte des Nationalismus, „wurden jeweils den ‚davor‘ gelegenen Einheiten zugeschlagen.“

Entziehen konnten sich die Studenten dieser Einteilung ebenso wenig, wie es später (und bis heute) die Angehörigen der deutschen oder der französischen Nation konnten – schließlich kommt das Wort „natio“ ja von dem lateinischen Verb „nasci“, geboren werden. Doch es war ein langer und verschlungener Weg von diesen „nationes“ des späten Mittelalters zum modernen Nationalismus, der die europäische Geschichte vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert beherrscht hat. Soweit es um Deutschland geht, liegt der Fokus beim Thema „Nationalismus“ in der Regel einerseits auf der antinapoleonischen und antifranzösischen Bewegung des frühen 19. Jahrhundert, die zum Entstehen der deutschen Nationalbewegung führte, andererseits auf der Biologisierung des Konzepts seit dem späten 19. Jahrhundert. Fahrmeir bezieht in seiner neu erschienen Studie zur „Geschichte einer Idee“ auch eine ganze Reihe anderer Aspekte ein – Seitenwege der Ideengeschichte, wenn man so will.

Dass der Gedanke einer „deutschen Nation“ gerade vom 15. und 16. Jahrhundert an von den Zeitgenossen zunehmend scharf konturiert wurde, lag nicht zuletzt an zwei Büchern. Erstens an der „Germania“ des römischen Geschichtsschreibers Tacitus, die in den 1420er Jahren wiederentdeckt wurde. Tacitus‘ Beschreibung der unkultivierten, aber sittenstrengen Germanen gab den Grundtenor für ganze Jahrhunderte vor. Fahrmeir: „Die künstlerischen und kulturellen Fähigkeiten der Deutschen blieben zwar hinter denen der romanischen Völker zurück, aber das schützte sie vor den Tendenzen der Verweichlichung, die man südlich der Alpen und westlich des Rheins ausmachte.“ Eine Abgrenzung, die bald ihre spiegelbildliche Entsprechung nach Osten fand: „Hier erschienen die Deutschen als kultivierter und politisch reifer.“

Und zweitens an Martin Luthers Bibelübersetzung – mit der Komplikation, dass dadurch zwar eine gemeinsame neuhochdeutsche Schriftsprache entstand, in religiöser Hinsicht aber nun eine katholische und eine protestantische Sphäre neben- und gegeneinander standen. Seit dem späten 18. Jahrhundert wurde gern argumentiert, das protestantische Preußen sei aufs engste mit der „deutschen Sache“ verbunden – im Gegensatz zum katholischen Österreich.

Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals
am Deutschen Eck in Koblenz
Bild: Stadtarchiv Koblenz/Wikipedia


Waren die „Befreiungskriege“ gegen Napoleon, fragt Fahrmeir, tatsächlich, wie es uns die Schulbücher gelehrt haben, wie es uns die Schulbücher gelehrt haben, ein derart breit angelegter Widerstand, ein Aufstand des ganzen Volkes, dem bloß einzelne Intellektuelle wie der alte Goethe fernbleiben konnten? Der Autor meldet leise Zweifel an: Die Aufstandsversuche, wie es sie zum Beispiel in Tirol tatsächlich gegeben hat, waren nicht die ganze politische Wirklichkeit damals in Deutschland. Bei den linksrheinischen Departements, die formell zu Frankreich gehörten, vermutet Fahrmeir sogar, dass sich die Bevölkerung „aus voller Überzeugung“ mit dem Empire identifizierte.

Und die deutsche Nationalbewegung, die sich nach ihrer kurzlebigen demokratischen Euphorie in der Revolution von 1848 dann vom Machtpolitiker Bismarck in Dienst nehmen ließ? Mehr als wir uns das heute gern bewusst machen, war sie wohl ein Elitenprojekt, meint Fahrmeir. Dafür spricht auch, dass die Paulskirchenversammlung sehr bald isoliert von jedem Rückhalt in der breiten Bevölkerung dastand. Die politische Loyalität vieler Untertanen gehörte doch eher den Einzelstaaten – und womöglich den angestammten Dynastien.

Das nationale Bewusstsein entstand als Erziehungsprojekt, und dazu konnte auch Repression gehören. Fahrmeir verweist darauf, dass das bereits in der Französischen Revolution nicht anders war: Wer in Frage stellte, dass die politischen Grundwerte der Nation, also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit „gegenüber kirchlichen oder ständischen, familiären oder lokalen Bindungen absolute Priorität beanspruchen“ durften, konnte aus der Nation ausgeschlossen werden, „was Haft, Hinrichtung oder Exil nach sich zog“.

Dass sich in der Folge der Französischen Revolution die Unterscheidung zwischen Bürgern und Ausländern gegenüber der alten von Untertanen dieser oder jener Obrigkeit verschärfte, lag in der Logik des Konzepts. Gerade in Deutschland wurde aber auch die Frage, ob wirklich alle Inländer im vollen Sinn des Wortes Bürger oder „Citoyens“ sein sollten, zum Problem. 1812, berichtet Fahrmeir, verkündete die preußische Monarchie die bürgerliche Gleichstellung der Juden, 1815 kehrte sie zum Ziel eines christlichen, nach Möglichkeit protestantischen Staates zurück. Mehr noch als bei den Regierungen machte sich diese Tendenz bei den Burschenschaften bemerkbar. Der jüdische Publizist Saul Ascher hielt es 1818 sogar für angebracht, gegen antisemitische Tendenzen in der deutsch-nationalen Bewegung die Organe des Deutschen Bundes zu Hilfe zu rufen, die als reaktionär verschrien waren.

Juden müssten „Deutsche werden“, propagierte ein halbes Jahrhundert später der Historiker Heinrich von Treitschke. 1882 forderte eine Petition an die deutsche Reichsregierung, die Zuwanderung von Juden aus dem Osten zu beschränken, zwecks „Emanzipation des deutschen Volkes von einer Art Fremdherrschaft“. Fahrmeir zieht eine Parallele zum „Ort des Islams in der deutschen Gesellschaft“ von heute. „Damals wie heute kreist die Debatte um das Problem der Balance zwischen religiöser Freiheit und entweder christlich oder areligiös begründeten Normen der Mehrheitsgesellschaft in einem sich als liberal verstehenden Staat.“

Thomas Mann und Ida Roland-
Coudenhove-Kalergi bei einer 
Paneuropa-Kundgebung, Berlin,
1930  - Bild: German Federal
Archives/Wikipedia


Ob diese Parallele so ganz treffend ist, darüber wäre zu streiten. Jedenfalls ist nicht bekannt, dass Juden im 19. Jahrhundert die „Normen der Mehrheitsgesellschaft“ bekämpft oder in Frage gestellt hätten. Fahrmeirs Aussage unterschlägt auch, dass eine der Grundfesten unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung, die Trennung zwischen Religion und Politik, damals noch in keiner Weise durchgesetzt war. Gerade dieser Punkt aber steht heute im Mittelpunkt der Diskussionen um den Islam.

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stellt Fahrmeier fest, dass beide deutsche Staaten sprachlich, ethnisch und kulturell so homogen geworden waren, wie es das in der deutschen Geschichte zuvor niemals gegeben hatte; auch die konfessionellen Milieus lösten sich deutlich auf. Nach der totalen Niederlage des Dritten Reiches gab es in der Bundesrepublik auch auf der politischen „Rechten“ eine große Bereitschaft, den Bezug auf die deutsche Nation eher hintanzustellen. „Als eine mögliche Alternative schälte sich ein ‚Verfassungspatriotismus‘ heraus, der das Bekenntnis zu Menschenrechten in den Mittelpunkt stellte.“ Die deutsche Europabewegung hoffte bereits in den 1950er Jahren, die historische Epoche, in der die Nation eine überragende politische Rolle spielte, werde sehr bald zu Ende gehen. Andererseits, vermerkt Fahrmeir, kam auch die Nachkriegszeit nicht umhin, einen positiven Blick auf die „eigene“ Geschichte „als wichtiges Element staatlicher Identitätskonstruktion“ zu versuchen. Dass etwa das Bismarckreich weniger als „geniale Staatsgründung“ denn als „schwer zu kontrollierende Fehlentwicklung“ gesehen wurde, war sicherlich eine Ausnahme.

„In der Gegenwart“, schreibt Fahrmeir, „mehren sich die Zweifel am Anbruch einer postnationalen Epoche.“ Die in Deutschland diskutierten Integrationskonzepte „formulierten die deutsche Sprache als Kern der deutschen Identität sowie die Erwartung einer Annäherung an die ‚deutsche‘ Kultur, die über den Verfassungspatriotismus hinausgehen sollte.“ Das politische „Establishment“, wie man das früher genannt hätte, steht der Renaissance des Nationalen im Gewand der „rechtspopulistischen“ Bewegungen offenkundig ratlos gegenüber.

Es scheint so, schließt der  Forscher, „als sei der (deutsche) Nationalismus lebendiger, als man lange Zeit geglaubt hat, und seine Geschichte noch keineswegs vorbei“. Dass die Studie mit dieser Vermutung abbricht, kann man bedauern; aber historische Wissenschaft hat es nun einmal mit der Vergangenheit zu tun und nicht mit der Zukunft. Für die Gegenwart jedenfalls ist der Eindruck schwer abzuweisen, dass breite Schichten der Bevölkerung – bei allem Schrecken, den der Nationalismus über die Völker Europas gebracht hat – in der Nation eher das zu finden meinen, was man ganz unpolitisch oder vorpolitisch „Heimat“ nennt, als in der Europäischen Union oder gar in der Globalisierung und in „Multi-Kulti“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Andreas Fahrmeir: Die Deutschen und ihre Nation. Geschichte einer Idee, Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2017, 214 S., ISBN 978-3-15-011136-9, 20,00 €



Mehr im Internet:
Nation - Wikipedia 
Andreas Fahrmeir: Die Deutschen und ihre Nation 
scienzz artikel Mechanismen der Politi

 

 

 

 

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